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Magazin: story

Copyright Basis-Bild: emperorcosar/ stock.adobe.com
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Großmacht im Südosten

Let's go East! IGM hat in den letzten Jahren eine ganze Reihe osteuropäischer Spieleindustrien vorgestellt, darunter die der Ukraine (IGM 09/2019), Kroatiens (02/2019), Georgiens (10/2018), Polens (15/2017) und des Baltikums (06 und 07/2017). An dieser Stelle porträtieren wir die rumänische Spielebranche, die bereits jetzt zu den wichtigsten in ganz Europa gehört. Ein Überblick der größten Player, Netzwerke, Fördermaßnahmen und Titel.
Kennen Sie Baba Yaga? Die fliegende Hexe mag in Westeuropa nicht sonderlich bekannt sein, gehört jedoch zum festen Inventar der slawischen Mythologie. Und sie wird bald in einem Computerspiel auftreten: In dem Action-RPG Yaga, das vom rumänischen Indie-Studio Breadcrumbs Interactive entwickelt wird. Das achtköpfige Team sitzt in Cluj-Napoca, der inoffiziellen Hauptstadt der Region Transsilvanien im Nordwesten Rumäniens. Ihr Spiel hat es aber mittlerweile zu europaweiter Bekanntheit gebracht – unter anderem gewann Yaga den Hauptpreis im Nordic Discovery Contest 2018. Das Spiel soll den Entwicklern zufolge eine packende Geschichte, entscheidungsabhängige Dialoge und jede Menge weiterer Sagenfiguren bieten. "Wir arbeiten jetzt schon lange an Yaga", sagt Catalin Zima-Zegreanu, CEO von Breadcrumbs Interactive. "Und wir hoffen, dass es den Charme der slawischen Volkssagen und die Schönheit der osteuropäischen Ästhetik gut zur Geltung bringen wird." Yaga spielt in einem slawischen Dorf des 14. Jahrhunderts; als Spieler steuern wir den einhändigen Hufschmied Ivan, der unglaubliches Pech hat und von einem Abenteuer ins nächste strauchelt. "Der Großteil der Geschichte, der Geschöpfe und Gegenstände im Spiel ist stark von den Geschichten und Bräuchen der Region inspiriert", sagt Zima-Zegreanu stolz. Erscheinen soll Yaga noch im Herbst 2019, im Post-Launch will das Studio die Spieler mit zusätzlichen Inhalten versorgen. "In Zukunft werden die größten Herausforderungen sein, unser Team zwischen dem Support von Yaga und der Arbeit an neuen Games und Ideen aufzuteilen – und mit der wachsenden Schwierigkeit klarzukommen, in einem übervollen Markt aus der Masse herauszustechen", so Zima-Zegreanu. "In Bezug auf Punkt 2 sind wir froh, dass wir mit unserem Publisher Versus Evil einen tollen Partner gefunden haben."

Bedeutender Hub
Nicht jedem rumänischen Studio gelingt es, sich ähnlich schnell in den Vordergrund zu spielen wie Breadcrumbs Interactive. Gleichwohl zählt Rumänien zu den bedeutendsten Hubs für Game Development in ganz Europa. "Hier arbeiten mehr als 6000 Menschen in der Spieleentwicklung", berichtet Catalin Butnariu, der gleichzeitig Vorsitzender der Romanian Game Developers Association (RGDA) und Head of Corporate Development beim Spielestudio Amber ist. "Die hiesige Games-Industrie startete bereits in den 1990ern, als mehrere multinationale Firmen Studios in Bukarest eröffneten: Zuerst Ubisoft, dann Gameloft und später auch Electronic Arts", erzählt Butnariu. "Mit der Zeit ist in diesem Umfeld ein Pool aus sehr fähigen Arbeitskräften entstanden. In letzter Zeit gab es auch einen deutlichen Anstieg im Independent-Bereich. Nach 2010 wurden viele neue Firmen gegründet." So auch Amber, das mittlerweile zu den größten Studios des Landes zählt: Es hat mehr als 300 Angestellte an drei verschiedenen Standorten (Bukarest, San Francisco, Los Angeles) und wächst in hohem Tempo weiter.

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Hier arbeiten
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6000 Menschen
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Wie einige andere rumänische Studios begann Amber als Outsourcing-Partner für westliche Spielefirmen. Die anfängliche Spezialisierung lag auf Game Engineering, dann kamen Disziplinen wie Creative und QA hinzu. Gegründet wurde Amber 2013 von Dragos Hancu, der zuvor Senior Executive bei EA Romania gewesen war. Als die Firma weiter wuchs, stieß Mihai Pohontu als CEO hinzu – er war vorher Vizepräsident bei Firmen wie EA, Disney Interactive und Samsung. Pohontu leitete einen Richtungswechsel hin zum Product Development ein und positionierte die Firma als Premium-Agentur für Spieleentwicklung. "Die meisten Amber-Partner sitzen in den USA, darunter mehrere hoch angesehene Firmen", so Butnariu. "Die Firma ist ein Netzwerk aus hundertprozentigen Tochterstudios, von denen sich jedes auf einen Bereich spezialisiert hat: ‚Lorraine' arbeitet an Midcore-Games, ‚Avalon' an Casual- und Match-3-Titeln und so weiter." Amber bietet komplette Dienstleistungen für die Produktionsentwicklung, vom frühen Konzept über Live Operations bis hin zu besagtem QA und zu Custom Development. Künftig wolle man aber auch mehr eigene IPs entwickeln, so Butnariu: "Mehrere solcher Projekte haben wir bereits veröffentlicht – und sie haben eine entscheidene Rolle beim Aufbau von Fachwissen und eigenen Technologien gespielt." Derzeit arbeitet Amber an einem noch unangekündigten AAA-Mobile-Projekt, der Softlaunch ist für das Frühjahr 2020 geplant. "Es ist unser bislang ehrgeizigstes Projekt", betont Butnariu. Vom Erfolg des Mobile-Titels dürfte abhängen, ob sich Amber künftig noch stärker als eigenständiges Studio positionieren kann.

Blockbuster-Studio
Neben Amber ist Ubisoft eines der wichtigsten Standbeine der rumänischen Games-Industrie. Der französische Publisher/Entwickler beschäftigt in Rumänien sage und schreibe 1800 Mitarbeiter, verteilt auf die Standorte Bukarest und Craiova. Seit seiner Gründung im Jahr 1992 hat Ubisoft Bukarest an Titeln wie Silent Hunter, Blazing Angels und Tom Clancy's H.A.W.X mitgewirkt. Inzwischen arbeitet es an einigen der erfolgreichsten Ubisoft-Franchises mit, darunter Assassin's Creed, Tom Clancy's Ghost Recon und Watch Dogs. "Unser Team in Bukarest ist auf Produktion, QC, IT und Support spezialisiert", erzählt Sebastien Delen, Managing Director von Ubisoft Romania. "Ubisoft Bukarest verfügt über das größte QC-Team des gesamten Ubisoft-Studionetzwerks." Doch woher nimmt die Firma eigentlich die vielen Arbeitskräfte? Lässt sich der Bedarf mit rumänischen Fachkräften decken? "Derzeit haben wir bei Ubisoft Bukarest ein gemischtes und diverses Team", so Delen. "Die meisten Mitarbeiter sind aus Rumänien, wir haben allerdings auch ausländische Arbeitskräfte in verschiedenen Abteilungen." Ubisoft Romania unterhält Relocation- und Onboarding-Programme, die speziell ausländischen Mitarbeitern die schnelle Anpassung an die Firma ermöglichen sollen. "Die Flexibilität und Offenheit der Teams wirkt anziehend", sagt Delen. "Und auch die Tatsache, dass wir – Ubisoft -, Diversität akzeptieren, integrieren und als Bereicherung der Industrie betrachten." Grundsätzlich sei Rumänien durchaus für seine IT-Kompetenz bekannt. "Was Programmierung anbetrifft, gibt es hier großartige Universitäten." Allerdings gebe es an rumänischen Hochschulen keine speziellen Kurse für Videospiel-Entwicklung, sagt Delen. "Deshalb hat Ubisoft mehrere Bildungsprogramme ins Leben gerufen, zum Beispiel Ubisoft Coding Campus, Gamecelerator und Boot Camp. Ziel ist, Nachwuchskräfte und die lokale Industrie zu fördern."

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Die Entwicklungs­kosten sind
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Die fehlende Hochschulausbildung in Sachen Game Design ist nicht der einzige Standortnachteil. "Die Entwicklungskosten sind nicht mehr wirklich niedrig", räumt Catalin Butnariu ein. "Natürlich ist Rumänien als Entwicklerstandort immer noch günstiger als die USA und Westeuropa, aber es kann bei den Kosten beispielsweise nicht mehr mit einigen asiatischen Ländern mithalten." Butnariu hält das aber sogar für eine grundsätzliche gute Sache: "Es zeigt, dass die Qualität der hiesigen Arbeit deutlich zugenommen hat – und es zwingt neue Studios, sich auf Kreativität und neue Produkte zu konzentrieren." Sein Branchenkollege Catalin Zima-Zegreanu nennt als Hauptnachteile die unzuverlässige Infrastruktur und die Unberechenbarkeit der Gesetzgebung. "Wir würden uns auch mehr Unterstützung der Behörden für unsere Branche wünschen, so wie man das aus den Nachbarländern kennt." Insgesamt jedoch überwiegen die Standortvorteile deutlich. Zima-Zegreanu betont, dass sich dank zahlreicher Software-Firmen vergleichsweise leicht Fachkräfte mit umfangreichen Technikkenntnissen finden lassen. "Ein klares Plus ist auch, dass wir leichten Zugang zu europäischen Events und EU-Programmen haben."

Retailer-Expansion
Ein kurzer Blick auf den rumänischen Retail-Markt zeigt: Dort sind ähnliche Tendenzen sichtbar wie im Westen. "Bei digitalen Spielen sind wir Teil des globalen Marktes", konstatiert Zima-Zegreanu. "Die meisten Spiele werden also auf Steam, im Epic Store und auf den Marktplätzen der verschiedenen Plattformen – Xbox, PlayStation, Nintendo, etc. – verkauft." Wer physische Exemplare bevorzugt, erhält sie über eMag, Altex oder auch Media Galaxy. EMag ist der größte Online-Retailer Rumäniens und handelt inzwischen auch in Ungarn, Bulgarien und Polen. Die beiden anderen Firmen betreiben nach wie vor Filialen: Bei Altex sind es 14, bei Media Galaxy sechs.

Auch auf der diesjährigen gamescom wird Rumänien stark vertreten sein. "Wir kommen mit zehn Firmen und haben dieses Jahr auch einen größeren Landespavillion", berichtet Andreea Medvedovici Per, Executive Director der Romanian Game Developers Association. "Wir sind aber auch in der Entertainment Area vertreten, um sicherzustellen, dass das deutsche und europäische Publikum unsere neuesten Games ausprobieren kann." Dazu zählen in diesem Jahr unter anderem die spannenden Titel Interrogation (Critique Gaming), Bossgard (Sand Sailor Studios), Second Hand: Frankie's Revenge (Rikodu) und Raiders of the Lost Island ( Last Tales). Es lohnt sich also, an Stand F010 in Halle 3.2. vorbeizuschauen! (Achim Fehrenbach)