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Magazin: story

Gute Figur

Wie können stationäre Händler gegenüber dem Online-Handel punkten? Mit dieser Frage beschäftigen sich Geschäftsstrategen seit geraumer Zeit. MediaMarktSaturn etwa wertet seinen PoS durch eine Partnerschaft mit der Firma 3D Generation auf. Wir haben uns deren Angebot genauer angeschaut.
Der stationäre Handel muss "ein Ort der Inspiration, des Entertainment und des Erlebnisses" sein. Zu diesem Schluss kam bereits 2015 die Unternehmensberatung PwC in ihrer Studie "Store 4.0". Denn wer nicht nicht im Internet einkaufe, sondern tatsächlich in den Laden gehe, der wolle Produkte anfassen, ausprobieren und erleben, so die Studie. "Wird der stationäre Handel künftig also zur attraktionsgetriebenen Zirkusarena?", fragte daraufhin Martin Wild in einer Pressemitteilung von MediaMarktSaturn Deutschland (21.11.2015). Wild war von 2014 Chief Digital Officer des Unternehmens, inzwischen ist er zum Chief Innovation Officer aufgestiegen. Die rhetorische Frage beantwortete sich Wild in besagter Pressemitteilung selbst: "Nicht ganz. Aber sehr wohl zu einem ‚Showroom', der den Kunden neben persönlicher Beratung auch zunehmend neuartige Erlebniswelten bietet. Und hierbei werden innovative Technologien am Point of Sale (PoS) wichtiger denn je – als Service für den Kunden und als direkte Verbindung zwischen E-Commerce und stationärem Handel." MediaMarktSaturn arbeite gleich an mehreren digitalen Konzepten, um den realen Verkaufsraum um zusätzliche Dimensionen zu erweitern – zum Beispiel an Robotik, Virtual Reality, Smart Shelf und Instore-Navigation.

Drei Jahre sind im Handel eine gewaltig lange Zeitspanne. Und so muss sich MediaMarktSaturn heute an den Aussagen von 2015 messen lassen. Dass der Konzern auf einem guten Weg ist, den PoS attraktiver zu gestalten, konstatierte IGM in Ausgabe 11/2018: Bei unserem Besuch im neuen Flagship-Store Saturn Köln City entdeckten wir unter anderem originelle Anspielstationen und VR-Produktinseln mit Testgeräten. Bei einem Besuch kurz zuvor im Saturn Hamburg Altstadt (IGM 10/2018) fiel uns aber besonders ein futuristisches Gebilde am Eingang auf. Wir waren neugierig und erfuhren: Der Markt in der Mönckebergstraße ist einer von derzeit sieben Standorten der Firma 3D Generation. Das Start-up aus Dortmund kooperiert seit Ende 2014 mit MediaMarktSaturn. Doch wie trägt es zur Belebung des Point of Sale bei?

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Innovative Technologien am Point of Sale werden wichtiger denn je
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Selfie auf Steroiden
3D Generation bietet so etwas wie ein Selfie auf Steroiden: Die Kunden lassen sich einscannen, die Firma macht daraus 3D-Avatare und druckt 3D-Figuren, die man sich zuhause ins Regal oder auf den Schreibtisch stellen kann. Die Figuren – es gibt sie in Größen zwischen 15 und 50 Zentimetern – sind auch ein beliebtes Geschenk, sei es zur Erinnerung an Hochzeit, Einschulung, Sportabzeichen oder was auch immer. Die Technik erlaubt das Einscannen ganzer Familien inklusive Haustier. Oder auch von Bands, die sich selbst ein Denkmal setzen wollen. Wie auch immer der geneigte Leser zu dieser Art der Selfisierung steht: Eine clevere Geschäftsidee mit Wachstumspotenzial ist sie allemal.

Gegründet wurde 3D Generation Ende 2013 von Pavlo Mykhaylov und zwei Geschäftspartnern. In der Folge übernahm Mykhaylov deren Anteile, heute hat die Firma sieben Gesellschafter. Mykhaylov hat Mathematik und BWL studiert, sein Studium jedoch für 3D Generation aufgegeben. "Ich bin in erster Linie Unternehmer", sagt der 32-Jährige. Der erste Laden öffnete Anfang 2014 als Flagship-Store in Dortmund. Im selben Jahr gewann 3D Generation dann eine Ausschreibung von MediaMarktSaturn. "Wir haben ursprünglich für unseren größten Markt in der Hamburger Mönckebergstraße einen Dienstleister gesucht, der 3D-Scans auf dem neuesten technischen Stand und direkt bei uns im Markt anfertigen kann", berichtet Remko Rijnders, COO von MediaMarktSaturn Deutschland. "3D Generation hatte das überzeugendste Konzept dafür. Inzwischen haben wir das Angebot auf weitere große Saturn-Märkte ausgeweitet, und unsere Kunden nehmen es sehr gut an." Nach dem Gewinn der Ausschreibung richtete 3D Generation seine Full-Body-Scanner in Saturn-Märkten in Berlin, Bremen, Hamburg, Köln und Stuttgart ein. Weitere Scanning-Filialen entstanden in Frankfurt und Eindhoven. "Wir bieten nicht nur unseren Kunden Vorteile – sondern auch einen Mehrwert mit Event-Charakter für den PoS", sagt Mykhaylov. Die Firma plane weitere Standorte in München, Nürnberg, Hannover, Leipzig und Dresden. "Ein Standort in Essen kommt wahrscheinlich erst nächstes Jahr hinzu."

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Der Preis
ist nicht der entscheidende Faktor
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3D Generation ist natürlich nicht der einzige Anbieter druckbarer 3D-Scans. Schon eine kurze Google-Suche fördert etliche Angebote zutage, sie heißen Twinkind (Hamburg), figurenWERK (Berlin) oder auch RW3D (Bielefeld). Der größte und bekannteste Anbieter hierzulande ist allerdings 3D Generation. Beim 5. Deutschen Mittelstands-Summit im Juni 2018 wurde die Firma unter die "Top 100 Innovationsführer Deutschlands" gewählt. Inklusive ihrer Tochtergesellschaft hat 3D Generation derzeit 48 Mitarbeiter: 13 in Deutschland und 45 in der Ukraine, wo die Scans am Computer weiterbearbeitet werden. "Den 3D-Full-Body-Scanner haben wir komplett selbst entwickelt", erzählt Mykhaylov. Kürzlich hat seine Firma die dritte Generation ihres Scanners auf den Markt gebracht, den "3D Generator 3.0". Ein Vorteil ist, dass er deutlich weniger Platz braucht als die Vorgängermodelle: Version 1.0 benötigte 50 Quadratmeter, Version 2.0 noch 18 Quadratmeter, Version 3.0 kommt nun mit gerade mal 8 Quadratmetern Fläche aus. Statt ursprünglich 70 Spiegelreflexkameras kommen nun 132 IP-Kameras zum Einsatz, die Personen in Sekundenbruchteilen von allen Seiten fotografieren.

Das System basiert auf Photogrammetrie: Punkte werden in einem dreidimensionalen Vektorraum verortet, aus der Punktewolke entsteht ein 3D-Modell. Die Rohdaten werden anschließend in die Ukraine geschickt und dort weiterbearbeitet. Die Figuren werden mit einem Hochleistungsverbundwerkstoff gedruckt, die Farben sind bereits im Druckvorgang enthalten. Die Druckzeit hängt von der Auslastung ab, in der Regel beträgt sie zwischen zwei und sechs Wochen. Den beim Scan erzeugten 3D-Avatar erhält man schneller: Unbearbeitet binnen weniger Stunden, nachbearbeitet binnen einer Woche. Das aufwendige Bearbeitungs- und Druckverfahren hat seinen Preis: Einzelne 15-cm-Figuren kosten 99 Euro, die 50-cm-Figuren hingegen 1000 Euro. Am häufigsten werden Mykhaylov zufolge die Figuren zwischen 25 und 30 Zentimeter Größe bestellt. "Der Preis ist nicht der entscheidende Faktor, sondern die Qualität", sagt er.

Beratungsintensives Produkt
Für die gesamte Scan-Session sollten Kunden eine halbe Stunde Zeit mitbringen, sagt Mykhaylov: "Es handelt sich um ein neues, beratungsintensives Produkt. Deshalb werden derzeit alle Stationen mit Personal ausgestattet. Ich halte es für sehr wichtig, dass die Technik gut erklärt wird." 3D Generation liegt also ganz auf einer Linie mit MediaMarktSaturn, das Technik "zum Anfassen" bieten will. Die Firma diene als "Multiplikator für Aufmerksamkeit und Kundenbindung", sagt ihr Gründer. "Als Attraktion im Markt bieten wir Erlebnisse, Dienstleistungen und Produkte, die der Kunde im Online-Shopping nicht bekommen kann."

3D Generation ist aber nicht nur als "PoS-Beleber" für den stationären Handel interessant. Es gibt aber noch mehr Berührungspunkte mit der Games-Branche.  "Wir haben 3D Generation explizit für die Herstellung von 3D-Figuren gegründet, aber dann einen enormen Mehrwert im digitalen Bereich gesehen", so Mykhaylov. Sprich: 3D-Avatare sind ein eigenes, lohnendes Geschäftsfeld. "Ich war selbst Gamer und fand die Zielgruppe immer schon besonders wichtig", sagt Mykhaylov und zitiert aus einer internen Marktstudie: Danach wünschen sich 77 Prozent aller Befragten einen 3D-Avatar; 62 Prozent würden ihren 3D-Avatar auch im Computerspiel nutzen. Zu den Titeln, die derzeit einen Avatar-Import erlauben, zählen Spiele wie GTA V, Counter-Strike: Global Offensive, Fifa 18 und Fallout, aber auch Online-Dienste wie 3DChat.com und VRChat. Natürlich möchte längst nicht jeder Kunde in Alltagskluft in die digitalen Welten eintauchen, deshalb entwickelt 3D Generation gerade Software, mit der sich der 3D-Avatar nachträglich verändern lässt: Blaue Haare statt Stino-Frisur – und ein Magierumhang statt Jeans und Pulli.

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Multiplikator
für Aufmerk- samkeit und Kundenbindung
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Freemium-Modell
Momentan fährt die Firma noch ein Freemium-Modell: Scan-Kunden erhalten den Avatar kostenlos im RAW-Format – und können sich dann für eine bestimmte 3D-Figur oder einen High-End-3D-Avatar in maximaler Auflösung entscheiden. Die noch in Planung befindlichen Zusatz-Features sollen erschwinglich bleiben: Ein Geburtstagsgruß mit eigenem Avatar soll 50 Cent kosten, eine Körpervermessung 10 bis 20 Euro, der Konfigurator 5 bis 20 Euro. "Wenn man High-End-Daten mit unterschiedlicher Texturierung, Shadern etc. haben will, zahlt man normalerweise um die 200 Euro", sagt Mykhaylov. In vielen Spielen sind solche High-End-Avatare aber optional, keine Pflicht. Darüber hinaus entwickelt 3D Generation gerade eine Smartphone-App mit Face-Scan-Funktion, die voraussichtlich in Q1 2019 auf den Markt kommt. "Unser großer Vorteil ist der Zugang zu Kunden-Scans", sagt Mykhaylov. "Wir können die von uns entwickelte KI mit diesen Daten füttern, um Machine Learning zu ermöglichen." Damit werden dann die Scans nach und nach optimiert.

Gegenüber der Games-Industrie hat der Dortmunder Gründer keinerlei Berührungsängste: "Genau in diesem Bereich wollen wir wachsen. Mit unseren Know-How bieten wir alles aus einer Hand." Für einen Spiele-Anbieter hat 3D Generation auch schon Modelle ausgedruckt, der Weg ins Merchandise-Geschäft steht also offen. Selbst die Entwicklung eigener Spiele will Mykhaylov "auf jeden Fall nicht ausschließen". Sein Start-up bringt nicht nur frischen Wind an den PoS – sondern liefert der Branche auch neue Produkte. (feh)