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Magazin: story

Copyright Basis-Bild: Lasse Kristensen/stock.adobe.com
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House of Cards

Game Cards gibt es im deutschen Spielehandel schon seit einer gefühlten Ewigkeit. Was allerdings deutlich zugenommen hat, ist ihre Auswahl: Mit neuen Formaten und Beträgen reagieren die Anbieter immer flexibler auf die Wünsche der Kunden. Doch sind die Prepaid-Karten auch ein Segen für die Retailer? Oder führt das Karten-Sammelsurium weg vom eigentlichen Kerngeschäft? IGM hat mit Anbietern und Händlern gesprochen.
Sie sind kaum zu übersehen. Spätestens beim Anstehen an der Supermarktkasse fallen die vielen bunten Kärtchen auf, die – ordentlich an Haken hängend – für diverse Guthaben werben: Die Palette reicht von Amazon, Google Play und o2 über iTunes und Spotify bis hin zu FlixBus und Ikea. Prepaid-Karten sind im deutschen Einzelhandel mittlerweile flächendecken vertreten – und tragen den zunehmend digitalen Kaufgewohnheiten der Kunden Rechnung.

Spielefans gehörten bei Prepaid-Karten sozusagen zu den Early Adoptern, denn Game Cards für PSN, Xbox Live und den Nintendo eShop gibt es schon lange. Allerdings haben die First Parties ihr Kartenangebot in den letzten Jahren teils erheblich erweitert: Die Zeit, als man zwischen maximal zwei Guthaben wählen konnte, ist passé. Doch ist diese Entwicklung aus Händlersicht wirklich uneingeschränkt zu begrüßen? Immerhin muss das Ganze ja auch gegenüber den Kunden kommuniziert werden. Ein undurchsichtiger „Kartendschungel“ könnte sogar mehr schaden als nützen – die Paradox-of-Choice-Theorie besagt bekanntlich, dass eine größere Auswahl die Kundenzufriedenheit sogar schmälern kann. Für Händler ergeben sich aber auch noch andere Fragen: Wie halte ich‘s mit der Verfügbarkeit? Wie präsentiere ich die Karten? Und werden die Kunden durch die Karten nicht letztendlich zu Digital-Shoppern „verzogen“?

Guter Weg
Für die Publisher jedenfalls ist die Sache klar. „Der Bereich Digital at Retail entwickelt sich überproportional gut und wir erhalten auch vom Handel regelmäßig das Feedback, dass die Zuwachsraten positiv bewertet werden“, sagt Fabian Koba, Business Development Director GSA bei Sony Interactive Entertainment Deutschland. „Ich bin davon überzeugt, dass sich der Umsatz mit digitalen Gütern im stationären und im Online-Handel auch zukünftig positiv weiterentwickeln wird.“ Sony hat derzeit drei Kartentypen im Spiel: Live Cards, POSA Cards und ESD Cards. Während die altbekannten Live Cards einen bereits scharf geschalteten Code enthalten, steht POSA für „Point of Sale Activated“: Der Code wird erst beim Bezahlen gültig. Der Vorteil für Händler liegt bei POSA auf der Hand: Das Risiko von Inventurschwund und Warendiebstahl fällt weg. ESD Cards – die Abkürzung steht für „Electronic Sales Distribution“ – sind Sonys jüngster Kartentyp und seit 2013 in Umlauf. „Das Portfolio bei ESD Cards ist wesentlich breiter und umfasst neben Guthaben und Abonnements auch Season Passes, Digital Full Games, Ingame Currency sowie einzelne DLCs“, erläutert Koba. Unter „Digital Full Games“ fallen z.B. Tumble VR oder Assassin’s Creed Chronicles China – sie erscheinen nicht auf Disc, sondern ausschließlich als Download. Sony hält für den Handel verschiedene Display-Module bereit: Die Kartentypen sind farblich markiert und lassen sich zum Beispiel gut mit einer Top-10-Chart kombinieren.

Für Koba ist der Kartenhandel eine Win-Win-Situation. Der Handel habe „die Möglichkeit, am überproportional wachsenden Geschäft mit digitalen Gütern für PlayStation zu partizipieren und das klassische Geschäft mit physischen Produkten sinnvoll zu ergänzen“. Das erweiterte Sortiment eröffne zudem interessante Upsell-, Bundling- und Promotion-Möglichkeiten – etwa, wenn der Kunde zum Spiel auch gleich etwas DLC-Guthaben hinzukauft. „Aus Sicht des Endverbrauchers behält der stationäre und der Online-Handel durch das vollständige Sortiment seine Relevanz“, sagt Koba. Anders formuliert: Wer Karten anbietet, bleibt Anlaufstelle für die Kunden. Michel Wedler, Bereichsleiter Einkauf Entertainment bei Saturn, weiß die Prepaid-Vielfalt jedenfalls zu schätzen: „Karten decken ein immer breiter werdendes Spektrum an Möglichkeiten ab.“ Ob Map-Kauf in CoD oder Haustier-Kauf bei den Sims: Für Wedler ergänzen die Karten „optimal das klassische Games-Geschäft“. Die Nachfrage nehme ständig zu, bestätigt auch Daniel Mützel, Bereichsleiter Einkauf Entertainment bei Media Markt: „Wir erwarten auch für 2017 einen wachsenden Markt.“

Sortiment erweitert
Sony-Konkurrent Microsoft hat sein Kartensortiment ebenfalls erweitert. Außer den gängigen Guthabenkarten und Gold-Mitgliedschaften gibt es inzwischen auch sogenannte „Code 2 Content“-Karten. Letztere umfassen sowohl Zusatzinhalte (Season-Pässe, virtuelle Währungen) als auch Vollpreis-Titel, entsprechen also in etwa den ESD Cards von Sony. Die Karten bieten dem Handel erhebliche Vorteile, sagt Florian Liewer, Category Management Lead Xbox bei Microsoft. Man habe „die Möglichkeit, die Produktauswahl für den Kunden zu erhöhen, ohne ein Inventarrisiko einzugehen“. Auch würden Indie-Games im Handel präsenter, so Liewer. „Darüber hinaus können stationäre Händler unkompliziert am Preorder-Geschäft partizipieren. Viele Endkunden schätzen eben digitale Formate, da sie dank Pre-Download direkt Punkt Mitternacht zum Release loslegen können.“ Besonderen Wert legt Liewer auf die Feststellung, dass viele Vollpreisspiele im Kartenformat das Feature „Xbox Play Anywhere“ bieten. Beim Kauf von Halo Wars 2 erhalten Kunden beispielsweise sowohl die Xbox- als auch die Windows-10-Version.

Glaubt man den Publishern, dann ist das Kartengeschäft ein echter Renner. Doch wie sehen das eigentlich die Fachhändler? Sind die Kärtchen wirklich eine solch famose Ergänzung für das physische Sortiment, wie Sony und Microsoft behaupten? Für Stefan Kimmlingen von SK GameNatiX in Trier jedenfalls sind sie ein ernstzunehmender Faktor: „Wir haben Karten von den großen Drei, also von PlayStation, Xbox und Nintendo. Natürlich aber auch von Steam, League of Legends und so weiter.“ Kimmlingen bestätigt, dass der Umsatz mit Prepaid-Karten steigt, allerdings sei das vor allem bei PSN Cards der Fall. 20- und 50-Euro-Karten seien bei PSN nach wie vor die Top-Seller, „weil die Leute diese Beträge schon lange kennen – früher gab es ja nur die“. Beim Nachschub fährt SK GameNatiX zweigleisig: Einen Teil der Karten bezieht Kimmlingen über Großhändler, den anderen Teil über ein elektronisches System, bei dem die Karten direkt ausgedruckt werden können. „Wir drucken die Karten bei Bedarf, müssen uns also nicht für 5000 Euro Ware ins Regal stellen“, so Kimmlingen. Deshalb lasse sich auch verschmerzen, dass die Karten weniger Marge brächten als neue Spiele. Bei Guthaben-Karten müssen die Kunden nur ihren Wunschbetrag nennen – also 10, 15, 20, 35, 50 oder 75 Euro – und der Händler druckt dann die entsprechende Karte für sie aus. Das elektronische System ermöglicht den Zugriff auf ganz unterschiedliche Kartentypen. „Man kann bei uns ein Battlefront auch digital kaufen“, sagt Kimmlingen. „Season-Pässe, Fifa Points, Shark Cash Cards von GTA – das haben wir alles.“

Auch Christian Corre von NipponDreams setzt auf ausdruckbare Karten. Seit etwa einem Jahr bezieht der Münchner Fachhändler den Dienst Epay; die Kooperation kam über einen Großhändler zustande. Für Corre haben die Instant-Karten klare Vorteile: „Bei einer 20-Euro-Karte hat man als Händler eine Marge von 50 Cent. Das bedeutet, man bindet 19,50 Euro im Regal. Da habe ich lieber die Karten zum Ausdrucken. Eine davon haben wir im Regal stehen – mit dem Hinweis: ‚Bitte am Tresen fragen.‘“ Besonders beliebt seien bei NipponDreams-Kunden die PSN Cards für 20 Euro, sagt Corre. „Und auch die Abo-Karten für drei bzw. zwölf Monate PS Plus.“ Er schätzt, dass die meisten Kunden ihre Guthaben für Indie-Games oder DLC ausgeben: „Wenn Fifa rauskommt, kaufen sich viele noch zusätzliches Guthaben für ihre Ultimate Teams.“

Starkes Wachstum
Die Firma GameStop führt hierzulande ein breites Sortiment: Es umfasst nicht nur PSN- und Xbox-Live-Cards, sondern zum Beispiel auch Karten für iTunes, Facebook, Google Play und Netflix. „Wir konnten im vergangenen Geschäftsjahr ein mittleres zweistelliges Wachstum erzielen, womit wir sehr zufrieden sind“, sagt Harald Grünbaum, Senior Director Sales, Merchandising & Marketing D-A-CH. Neben den hauseigenen Geschenkkarten führt GameStop auch zwei Guthabenkarten: POSA Cards sowie Karten, die über ein Code-on-Receipt-System freigeschaltet werden. Guthabenkarten sind laut Grünbaum auch deswegen ein wichtiger Teil des Geschäfts, weil sie bei der Neukunden-Akquise helfen – etwa mit Netflix oder League of Legends. Die Karten sind in den GameStop-Filialen strategisch so platziert, dass Kunden mehrfach mit ihnen in Berührung kommen, um sowohl Impuls- als auch zielgerichtete Käufer anzusprechen: „Guthabenkarten werden deshalb zum einen innerhalb der jeweiligen Plattform-Sektion und zum anderen im Kassenbereich unserer Filialen präsentiert. Seit kurzem werden unsere Geschenkkarten auch in Tankstellen und Supermärkten angeboten“, sagt Grünbaum. Wo sie dann wieder in bester Gesellschaft von PSN- und Xbox-Karten sind.

Bleibt die Frage, wie sich das Kartenangebot noch verbessern ließe. Christian Corre ist mit der Flexibilität des Angebots ganz zufrieden, fände es aber schön, „wenn es die drei und zwölf Monate von Xbox Live Gold auch bei Epay gäbe“. Stefan Kimmlingen wünscht sich Guthaben, die komplett frei wählbar sind: „Das müsste eigentlich machbar sein heutzutage.“ Gut wäre das vor allem, weil man dann direkt einen Spielepreis als Gutschein-Betrag wählen könnte, so Kimmlingen. „Manche Kunden wollen auch Karten für 55 oder 65 Euro. PSN ist da schon recht flexibel, aber bei Microsoft gibt es digital nur die Beträge 25 und 50 Euro.“

So vorteilhaft das Kartenspiel zwischen Publishern und Händlern auch sein mag: Es gibt immer noch etwas zu verbessern. (feh)