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Magazin: story

Copyright Basis-Bild: KoelnMesse
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Im Rückspiegel

Eine Minecraft- und Landwirtschafts-Simulator-spielende Bundeskanzlerin – nur einer von vielen Momenten, die von der Saison 2017 in Erinnerung bleiben. IGM lässt das Branchenjahr Revue passieren.
Eine der zentralen Personalien der Branche wird gleich zu Beginn des Jahres 2017 abgeräumt: Felix Falk wechselt als Nachfolger von Maximilian Schenk von der USK zum Berliner Interessensverband BIU. Bereits im September 2016 hatte Schenk seinen Rückzug angekündigt – Anfang des Jahres trat er dann seinen neuen Job beim Traditionsverlag Beck in München an.

Als neuer BIU-Geschäftsführer hat Falk von Anfang an wenig Zweifel daran gelassen, wo er die Prioritäten im Superwahljahr 2017 zu setzen gedenkt – nämlich im politischen Bereich. Kern eines Zehn-Punkte-Programms war, ist und bleibt die Einführung einer Games-Förderung auf Bundesebene, nach Vorbild von Ländern wie Großbritannien. 50 Millionen Euro soll das den Steuerzahler kosten, pro Jahr. Das Investment werde sich aber schnell rechnen, verspricht der BIU – durch Unternehmens-Ansiedlungen, neue Jobs, Sozialabgaben und Steuereinnahmen. Grundsätzliche Unterstützung für diese Idee gibt es quer durch die Parteien – entscheidend ist aber, dass das Konzept im Koalitionsvertrag verankert wird. Immerhin: Kanzlerin Merkel hat im Rahmen ihrer Gamescom-Eröffnungsrede anklingen lassen, dass man sich nach der Wahl mit der Branche zusammensetze – natürlich nur, sofern sie von Wählern und dem Bundestag das Okay erhalte, das Büro im Kanzleramt weitere vier Jahre nutzen zu dürfen. Allerdings: Der tatsächliche Wert dieser Zusage ist nach dem Scheitern der Sondierungsverhandlungen unklarer denn je.

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Förderung:
BIU rechnet mit
50 Millionen Euro Finanzbedarf
pro Jahr
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Der DCP-Eklat und die Folgen
Ein Puzzle-Stück der Games-Förderung ist seit Jahren der Deutsche Computerspielpreis. Ohne Googeln: Wüssten Sie aus dem Stegreif, welches Spiel eigentlich zum "Besten deutschen Spiel" bei der Gala im April 2017 gekürt wurde? Nein? Dann geht es Ihnen vermutlich wie vielen anderen (die richtige Antwort lautet übrigens: "Portal Knights" von Keen Games und 505 Games). Denn medial überlagert wurde der Sieger der Königsdisziplin durch jenen Moment, in dem der ausgezeichnete Spieledesigner ans Mikrofon trat – und die Entgegennahme von Preis und Preisgeld ablehnte. Für Sekundenbruchteile verschlug es selbst der wortgewaltigen Moderatorin Barbara Schöneberger die Sprache. Seit diesem Abend ist das kleine Münchener Studio Mimimi Productions auch jenen ein Begriff, die das international erfolgreiche PC-Spiel Shadow Tactics bis zu diesem Zeitpunkt nicht kannten. Im Nachgang zur Gala sollte sich herausstellen, dass die Ablehnung auf kolportierten Unstimmigkeiten bei der Jury-Abstimmung beruhte – stattdessen wurde das komplette Siegprämie von 40.000 Euro nachträglich dem zuständigen Shadow-Tactics-Publisher Daedalic Entertainment zugesprochen. Infolge des Eklats haben sich die Ausrichter des Computerspielpreises – BIU, GAME Bundesverband und Verkehrsministerium – auf ein überarbeitetes Regelwerk verständigt. Gleichzeitig soll das Preisgeld bei der nächsten Verleihung im April 2018 erneut auf über eine halbe Million Euro steigen.

Games made in Germany
Für die deutschen Games-Entwickler, die sich um Trophäen wie den Computerspielpreis bewerben, gestaltete sich das Jahr 2017 ähnlich turbulent wie in den Vorjahren, wenngleich die positiven Meldungen unterm Strich überwogen. So wird Ubisoft in wenigen Wochen ein drittes Studio eröffnen und 50 zusätzliche Jobs in Berlin schaffen. Überm Berg ist offenkundig auch das Sorgenkind Goodgame Studios: Mitte 2016 beschäftigten die Hamburger noch über 1.200 Mitarbeiter – Anfang 2017 lag der Pegelstand bei unter 400 Mitarbeitern. In den vergangenen Monaten hat das Unternehmen mehrfach Struktur, Strategie und Management umgebaut: Der erfolgreiche Start des Smartphone-Aufbauspiels "Big Farm: Mobile Harvest" ist ein zartes Anzeichen eines Turnarounds.

Der größte Zahltag der Saison fand im Mai statt: Ziemlich genau zehn Jahre nach Gewerbeanmeldung haben sich die drei Gründer von InnoGames entschieden, die Mehrheit an Deutschlands größtem Entwicklerstudio an einen schwedischen Medienkonzern abzugeben. Mehr als eine Viertelmilliarde Euro – genauer: 260 Millionen Euro – ist InnoGames zu diesem Zeitpunkt wert.

Als alarmierend muss weiterhin gelten, dass die deutsche Entwickler-Zunft im weltweiten Wettbewerb eine immer geringere Rolle spielt: So sank der Inlands-Marktanteil im Jahr 2016 auf nur noch 6,4 Prozent – die Branchenverbände diagnostizieren erneut "internationale Bedeutungslosigkeit". Erfolgreiche Neuheiten wie ELEX von Piranha Bytes/THQ Nordic stimmen für das Gesamtjahr 2017 leicht optimistisch.

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Inlands-Markt-anteil deutscher Studios sinkt auf
6,4 Prozent
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Spitzenpolitik zu Gast auf der Gamescom 2017
Unbestrittener Branchen-Höhepunkt des Jahres war auch in diesem Jahr die Gamescom in Köln. Mit 355.000 Besuchern ist das Event mittlerweile die drittgrößte, jährlich veranstaltete Messe in Deutschland, hinter der Internationalen Grünen Woche (Berlin) und der Essen Motor Show. Auch andere Kennzahlen sind mal wieder gewachsen, etwa die Zahl der Aussteller und der beteiligten Länder. Die Ausstellungsfläche hat die Marke von 200.000 Quadratmetern überschritten, weil der Business-Bereich von Electronic Arts mittlerweile die komplette Halle 1 belegt.

Abseits der gewohnt mehrstündigen Warteschlange vor den Anspielstationen dominierte ein Ereignis das Gamescom-Begleitprogramm: die vier Wochen später abgehaltene Bundestagswahl. In der Wahlkampf-Arena und bei den Messerundgängen waren just die Politiker zu besichtigen, die auch bei den Jamaika-Sondierungen eine tragende Rolle spielten – darunter die Generalsekretäre und Sprecher von CDU (Tauber), FDP (Beer) und den Grünen (Kellner), dazu NRW-Ministerpräsident Laschet und Partei-Chefs wie Cem Özdemir und Angela Merkel.

Neue Konsolen, neue Zielgruppen
Bei der Gamescom durften erstmals auch Endverbraucher zum Gamepad der Xbox One X greifen, die Microsoft bereits über ein Jahr vorher unter dem Arbeitstitel "Project Scorpio" angekündigt hatte. Frische Impulse kann das Hardware-Segment gut gebrauchen: Denn dass der deutsche Spiele-Gesamtmarkt in 2016 bei knapp 3 Milliarden Euro stagnierte, lag vor allem am deutlich rückläufigen Umsatz mit Spielekonsolen und Zubehör. Der BIU begründete das Phänomen mit den gesunkenen Konsolen-Durchschnittspreisen, trotz hochpreisiger Neuheiten wie PlayStation 4 Pro und PlayStation VR.

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Sony punktet mit First-Party-Titeln
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Für 2017 sind in diesem Teilsegment Zuwächse zu erwarten: Einerseits durch die 500-Euro-Konsole Xbox One X, andererseits aber in noch viel stärkerem Maße durch Nintendo Switch. Das Gerät ist so begehrt, dass Handelspartner und Filialen regelmäßig Ausverkäufe vermelden. Auch im diesjährigen Weihnachtsgeschäft dürfte die Konsole zu den Rennern zählen und unter vielen Tannenbäumen landen. Auch wenn Nintendo keine konkreten Zahlen für Deutschland nennt: Die Marke von 200.000 Stück hat die Switch inzwischen sehr deutlich übersprungen.

Die Spiele des Jahres
Für den erfolgreichen Durchverkauf einer Konsole braucht es bekanntlich ein überzeugendes Konzept, ein attraktives Preisleistungsverhältnis und erstklassige Software. Mit Eigenproduktionen wie The Legend of Zelda: Breath of the Wild, Mario Kart 8 Deluxe und Super Mario Odyssey hat Nintendo nicht nur Kritiker und Publikum begeistert, sondern auch neue firmeninterne Verkaufsrekorde gebrochen. Überhaupt bleiben First-Party-Exklusivtitel stark gefragt, siehe Horizon: Zero Dawn, Gran Turismo Sport und Uncharted: The Lost Legacy von Sony Interactive. In dieser Disziplin deutlich schwächer auf der Brust ist Microsoft: Abseits des Rennspiels Forza Motorsport 7 verlässt sich der Konzern ganz auf die Beiträge von Dritt-Publishern.

Noch ist das Jahr nicht vorbei, doch die meistverkauften Spiele des Jahres 2017 dürften wie schon 2016 von Electronic Arts kommen. Allein von FIFA 18 hat EA binnen zweier Werktage über eine Million Stück abgesetzt, mindestens die Hälfte davon auf PlayStation 4. Daneben werden die Charts von den großen Marken der Publisher dominiert, etwa Activision Blizzard (Call of Duty WWII, Destiny 2), Bethesda (Wolfenstein 2, The Evil Within 2) und Ubisoft (Assassin's Creed Origins, For Honor, Ghost Recon Wildlands). Das wohl meisterwartete Spiel des Jahres – Red Dead Redemption 2 von Rockstar Games – wurde wenig überraschend auf das Frühjahr 2018 verschoben.

Influencer gewinnen an Einfluss
Von anhaltend großer Bedeutung bei der Vermarktung der genannten Blockbuster bleiben die sogenannten Influencer, die auf Youtube, Twitter, Facebook und Twitch für Konsolen und Spiele trommeln – auf der Gamescom und bei Launch-Veranstaltungen sind PietSmiet, LeFloid, Gronkh, Dner & Co. omnipräsent. Sony hat mit dem PlayStation Influencer Network gar eine eigene Plattform zur Betreuung der Internet-Stars geschaffen. Weil deren Reichweiten steigen und zunehmend mehr Geld in das System fließt, ziehen parallel die Aufsichtsbehörden die Zügel an: So verhängten die Medienanstalten mehrfach Bußgelder wegen unzureichend gekennzeichneter Werbung. Für erhebliche Unruhe im Influencer-Segment sorgte insbesondere der Vorstoß der Anstalten, die Betreiber der Livestreaming-Kanäle mögen bitte eine kostspielige Rundfunklizenz beantragen, wie sie sonst nur für kommerzielle TV- und Radio-Sender erforderlich ist. Seit Monaten tobt eine hitzig geführte Debatte zwischen Anstalten und Influencern: Die öffentlichkeitswirksame Auseinandersetzung hat es bis in Koalitionsverträge und in die Berliner Parteizentralen geschafft. Für dieses Thema ebenso wie für die Games-Förderung gilt vor allem eines: Fortsetzung folgt – in 2018. (pf)