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Magazin: story

Inmitten der Gesellschaft

Der Elfenbeinturm hat Betriebsausflug: Sind Computerspiele tatsächlich in der bundesdeutschen Provinz angekommen? IGM hat eine garantiert unrepräsentative Umfrage durchgeführt.
Wenn Politiker der Games-Branche schmeicheln wollen, betonen sie gerne, dass Computerspiele in der "Mitte der Gesellschaft" angekommen seien. Übersetzt bedeutet das nichts anderes als: Videospiele gehören zum Alltag – niemand muss die Spielkonsole im Schnapsschrank verstecken, wenn sich Besuch ankündigt. Doch wie sehr sind Videospiele tatsächlich in der Gesellschaft verankert?
IGM hat einen Feldversuch gestartet – und zwar aus (zumindest geographisch) naheliegenden Gründen in Zirndorf. Dass das Städtchen über die Landkreisgrenzen hinaus bekannt ist, liegt in erster Linie an Playmobil: Der Spielwarenkonzern hat hier seinen Hauptsitz, kam im vergangenen Jahr auf über 670 Millionen Euro Umsatz und ist mit über 2.500 Mitarbeitern einer der größten Arbeitgeber der Region.
Die selbsternannte "Spielzeugstadt" Zirndorf gehört zum Speckgürtel des Großraums Nürnberg-Fürth-Erlangen – eine typische Kommune mit knapp 25.000 Einwohnern.

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Mehr Provinz
geht nicht
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Jenseits der Millionen-Metropolen und Großstädte gibt es Tausende vergleichbarer Gemeinden in Deutschland. Sie heißen Düren, Eschborn, Lüneburg, Burgwedel, Kitzingen, Rüsselsheim, Stralsund, Günzburg oder Luckenwalde – mehr Provinz geht nicht. Die meisten dieser Städte verfügen serienmäßig über einen gepflasterten Marktplatz samt Kirche, mehrere Schützen-, Gesangs- und Fußballvereine, prosperierende Neubau- und Gewerbegebiete, eine Freiwillige Feuerwehr, eine chronisch defizitäre Stadthalle oder ein sanierungsbedürftiges Hallenbad, mehrere Eisdielen (meist eine richtig gute und einige halbtolle) und eine Fußgängerzone mit zweifelhaften Handy-Buden sowie mindestens einer Deichmann-Filiale.

Wer oder was ist ein Gronkh?
Im öffentlichen Leben von Zirndorf ist das Thema "Games" so gut wie unsichtbar, sieht man von vereinzelten Pokémon-Go-Spielern ab. Wer zum Beispiel ein Konsolenspiel erwerben möchte, muss dazu ins Auto steigen und einige Kilometer fahren – zum Media Markt oder zum Real im Gewerbegebiet im Nürnberger Westen oder in die Fürther Innenstadt, wo je ein Saturn und Gamestop zu finden sind. Wir haben Zirndorfs Bevölkerung gefragt: Was sie spielen. Wie oft sie spielen. Ob sie schon einmal etwas von "Oculus Rift" gehört haben. Oder wissen, wer oder was ein "Gronkh" ist. Welche Spielkonsolen sie besitzen. Was sie mit "eSport" oder "Gamification" verbinden. Und was sie davon halten, dass die Entwicklung von Computerspielen gefördert werden soll, so wie es die hiesigen Branchenverbände fordern.

Die Ergebnisse haben uns streckenweise verblüfft: Wer als Entwickler, Händler, Publisher oder Medienschaffender tagtäglich ganz selbstverständlich mit Begriffen wie "Free2play", "PlayStation Plus" oder "USK" hantiert, blickt oft in leere Augen, wenn man Menschen abseits der Branche darauf anspricht. Nichtsdestoweniger haben wir natürlich auch viele Zirndorfer getroffen, die mit profundem Wissen glänzen und teils seit Jahrzehnten spielen.

Zehn wesentliche Erkenntnisse
Und dies sind die zehn wichtigsten Resultate unserer Umfrage, die wir im Juli 2017 im persönlichen Gespräch, telefonisch sowie online durchgeführt haben:

Erstens: Es gibt ein klares Altersgefälle. Je jünger, desto Games-affiner. Das ist zugegebenermaßen kein sonderlich überraschender Befund, wenn man zum Beispiel weiß, dass jeder zweite Gamescom-Besucher noch keine 20 Jahre alt ist.
Zweitens: Unter unendlich vielen PlayStation-3- und -4-Eigentümern fanden sich nur zwei Xbox-One-Spieler – einer entpuppte sich allerdings als echter Fan, der gefühlt alle Neuerscheinungen der letzten fünf Jahre sein Eigen nannte. Im anderen Fall diente die Xbox One als Familienkonsole.

Zum Dritten: Es ist frappierend, wie viele "alte" Spielkonsolen es noch im Land gibt. PlayStation 2 und 3, viele Wii´s, Nintendo DS, Gameboy Advance. Hier lockt also erhebliches Geschäft in Form von Ersatzanschaffungen.

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USK? Sagt mir nix
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Vierte Erkenntnis: Der gute alte Spiele-PC ist so beliebt wie lange nicht mehr. Spiele wie League of Legends, Counter-Strike und Minecraft wurden mehrfach genannt, gerade auch von jüngeren Semestern.

Erkenntnis 5: Wann immer sich Frauen und Mädchen als Videospielerin geoutet haben, dann war das Smartphone das Spielgerät der Wahl. Pokémon Go ist weiterhin erstaunlich weit verbreitet, hinzu kommen Aufbauspiele und Puzzle-Spiele.

Sechstens: Spiele made in Germany und hiesige Studios sind faktisch unbekannt. "Ich bin immer davon ausgegangen, dass alle Spiele in USA entwickelt werden", sagt zum Beispiel die Zirndorferin Tanja Friedrich. Und der passionierte PlayStation-4-Spieler Sascha Dietz vermutet, "dass sehr viele typische Simulator-Spiele in Deutschland produziert worden sind." Und schiebt hinterher: "Sicher bin ich mir allerdings nicht." Ein weiterer Befragter tippte auf den "Landwirtschafts-Simulator", was zumindest halbrichtig ist (das Spiel wird in der Schweiz entwickelt, aber von astragon vertrieben). Einzig Karl-Heinz Hauck-Diethorn konnte spontan ein Spiel benennen: "Sacred. Ist aber auch schon ein paar Tage alt." Stimmt.

Erkenntnis 7: Die beruflich bedingte Euphorie von Konferenz-Rednern und Hardware-Herstellern mit Blick auf Virtual Reality ist in der Bevölkerung noch nicht vollumfänglich angekommen. Interesse ist vereinzelt vorhanden, allerdings sind die weiterhin hohen Preise ein echtes Hindernis. Stellvertretend für viele andere gibt der Zirndorfer Christian Fuchs zu Protokoll, er würde sich eine VR-Brille zulegen – wenn sie nicht so teuer wäre.

Erkenntnis 8: "Gamer kaufen häufiger Zusatzinhalte für Free2play" – überschrieb der BIU jüngst eine Pressemitteilung. Das Ergebnis wird durch unsere Umfrage gedeckt. "Leider ja", antwortet zum Beispiel Sascha Dietz auf die Frage. Dreistellig seien die Beträge in bestimmten Spielen. Gerade bei jugendlichen Intensivspielern ist die Bereitschaft zur Investition kleiner und großer Beträge enorm.

Neuntens: Dass so etwas wie ein "Deutscher Computerspielpreis" überhaupt existiert, war durchgängig unbekannt – nur in einem Fall konnte sich ein Befragter erinnern, bei T-Online über einen "Skandal" gelesen zu haben. Worum es genau gegangen sein könnte, konnte auf Nachfrage aber nicht rekonstruiert werden. Einen Preisträger konnte dementsprechend kein einziger Umfrage-Teilnehmer benennen. Hier ist in Sachen Kommunikation noch viel Luft nach oben – der DCP ist offenbar weiterhin ein Preis von der Branche für die Branche.

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Was macht Shigeru Miyamoto eigentlich beruflich?
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Und schließlich Erkenntnis Nummer 10: Beim Wahlkampfschlager Games-Förderung ergibt sich ein zweigeteiltes Bild. Die eine Hälfte lehnt Subventionen gleichweder Art kategorisch ab – die andere Hälfte hält eine Unterstützung prinzipiell für eine gute Idee, insbesondere als Anschub für junge Unternehmen und als Anreiz, Arbeitsplätze zu sichern und zu schaffen.
Zirndorf spielt – zumindest teilweise
Das Fazit unserer Untersuchung: Mit Videospielen verhält es sich wie mit Fußball. Hier wie da finden sich regelrechte Experten – die einen können jeden jemals getretenen Freistoß von Stefan Effenberg präzise dem Spieltag, dem Gegner und der Spielminute zuordnen, die anderen kennen die Familienhistorie von Final-Fantasy-Nebenfiguren bis zur letzten Verästelung. Wer auf Anhieb sagen kann, was Shigeru Miyamoto beruflich macht und weiß, dass "E3" auch jenseits von Schiffeversenken existiert, der gehört ebenfalls zum harten Kern. Dann gibt es da noch die Gruppe der interessierten Laien, die allenfalls bei Weltmeisterschaften vor dem Fernseher sitzt – das Pendant sind Pokémon-Go- oder Tablet-Spieler, die Computerspiele ebensowenig wie Fernsehen oder Grillen als regelrechtes Hobby bezeichnen würden. Und dann haben wir da noch eine vergleichsweise große Gruppe, die mit dem Thema überhaupt nichts anfangen kann und dies auch nicht vor hat. Eines haben wir bei unserer Umfrage in jedem Fall gelernt: Es lohnt sich, regelmäßig mal über den Tellerrand hinauszublicken und gefühlte Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen. (pf)