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Magazin: story

TRaum-Beruf Spieleentwicklung?
TRaum-Beruf Spieleentwicklung?

Job-Hopping in der Spielebranche

Ein Job in der Spieleentwicklung? Klingt nach Traumberuf. Ist es auch. Doch schlechte Nachrichten, vor allem in Free-to-Play-Bereich, lassen den Traum offenbar platzen: Travian Games und Bigpoint bauten zuletzt Stellen ab, EA schließt gerade sein Studio EA Phenomic. Doch überraschenderweise sind die Job-Aussichten in Deutschland günstig wie nie.
Es sind Nachrichten, die man als Mitglied der Spiele-Industrie hasst: Insolvenzen, Studioschließungen, Stellenabbau, letzteres meistens als „Umstrukturierung“ beschönigt – was sich trotzdem nach „Frontbegradigung“ anhört. Gerade die bisher als Heilsbringer gehandelten Free-to-Play-Entwickler scheint es derzeit zu beuteln, und schon verkünden die Unkenrufer, dass die „Blase geplatzt ist.“ Sicher, es gibt viel F2P-Schrott da draußen, der Markt wird überschwemmt und immer undurchschaubarer. Gleiches gilt für Mobile-Games, bei tausenden Spielen in den Smartphone-Shops schaffen es nur die wenigsten, allein durch Qualität Aufmerksamkeit zu erzielen. Trotzdem gibt es deutsche Unternehmen, die händeringend zu dutzenden, ja hunderten Mitarbeiter suchen.

Die jüngste und prominenteste Negativmeldung aus Deutschland: Mitte Juli schließt Electronic Arts das 2006 gekaufte Studio EA Phenomic in Ingelheim bei Mainz. Rund 60 Mitarbeiter sind betroffen. Dabei hat das Studio einen sehr guten Ruf: 1997 von Volker Wertich gegründet, dem Erfinder des Wusel-Epos „Die Siedler“, machte sich Phenomic schnell einen Namen im Strategiespielbereich. Als klassische Vollpreisspiele bringt es 2003 „Spellforce“ und 2006 „Spellforce 2“ heraus, die die beiden Genres Rollenspiel und Echtzeitstrategie nahezu perfekt verweben.
Unter EAs Fittichen steigen die Ingelheimer in den Free-2-Play-Bereich ein – erneut mit sehr guten Titeln: Das aufwändig animierte „Battleforge“, zunächst als Vollpreis-Titel gestartet und später zum F2P-Spiel umkonzeptioniert, lässt das klassische Trading-Card-Genre richtig lebendig werden. Und „Lord of Ultima“ ist ein extrem motivierendes Strategiespiel, in dem man auch mal über hundert Städte ausbaut – gleichzeitig. Zuletzt hat das Studio „Command&Conquer: Tiberium Alliances“ entwickelt und seit dem Launch begleitet. Alle Titel basieren auf einem fairen Bezahlmodell: Man kann sie komplett spielen, ohne einen Cent auszugeben, braucht dann aber zum Beispiel wesentlich länger.

Xing statt Arbeitsamt
Stehen „abgebaute“ Mitarbeiter, egal aus welchem Studio, dann frustriert Schlange bei der Arbeitsagentur? Überlegen sie sich, endlich einen „seriösen“ Job anzunehmen, schließlich suchen auch Versicherungsunternehmen Programmierer? Ist es aussichtslos, im sehr speziellen Bereich der Spieleentwicklung überhaupt einen neuen Arbeitsplatz in Deutschland zu finden? Von wegen: Wer sein Xing- oder LinkedIn-Profil auf dem neuesten Stand hat, muss eigentlich nur abwarten – innerhalb weniger Stunden melden sich Interessenten mit konkreten Jobangeboten. Das liegt vor allem an der übersichtlichen Spielebranche, man kennt sich untereinander über Jahre. Und wenn man sich nicht persönlich kennt, dann eben über die genannten Netzwerke „Xing“ (eher für deutsche Geschäftskontaktpflege geeignet) und „LinkedIn“ (international ausgerichtet). Hier lässt sich schnell rausfinden, welche Stationen Programmierer X oder Grafiker Y schon durchlaufen haben.

Aber bestimmt werden doch nur die Mitarbeiter mit jahrelanger Erfahrung in Führungspositionen  angesprochen, könnte man vermuten. Auch das stimmt nicht, denn die Stellenangebote ziehen sich durch fast alle Ebenen und Arbeitsbereiche eines Entwicklungsstudios. Schwieriger ist es allerdings für Mitarbeiter, die noch nicht viel Erfahrung gesammelt haben, also vor allem diejenigen auf der „Junior“-Ebene. Wobei: Als „erfahren“ gilt man in der Spielebranche wesentlich früher als in anderen Berufen, schon mit einem Jahr Berufserfahrung werden Mitarbeiter für suchende Unternehmen interessant. Und suchen, das tun derzeit viele: Die Hamburger Goodgame Studios zum Beispiel, Travian Games in München stellt wieder ein, und in Berlin geht’s richtig rund – hier werden erfahrenere Bewerber mit Kusshand genommen.

Das verflixte erste Jahr
Wie wichtig eine zumindest einjährige Expertise ist, bestätigt uns Heiko Klinge, Chefredakteur des Branchenmagazins „Making Games“ auf Nachfrage: „Der Bedarf an erfahrenen Fachkräften ist in Deutschland nach wie vor hoch. Wer zum Beispiel bei Phenomic war, hat entsprechend gute Chancen, schnell bei einem anderen Team wieder eine mindestens gleichwertige Stelle zu bekommen.“ Vielleicht ist es aber auch gar nicht nötig, die Stelle zu wechseln – denn erfahrene, erfolgreiche Teams können durchaus komplett übernommen werden. Dann ist allerdings Eile geboten, denn die Mitarbeiter werden nach Ablauf der Kündigungsfrist ja nicht mehr bezahlt und zerstreuen sich in alle Winde.
Die Wertschätzung für die Mitarbeiter schlägt sich auch darin nieder, wie fair bei einer Kündigung mit ihnen umgegangen wird. Wen wir auch gefragt haben, immer wieder fiel das Wort „respektvoll“. Das ist beileibe nicht selbstverständlich, es gibt genug Fälle angloamerikanischer Entwicklerstudios, deren komplette Belegschaft morgens plötzlich vor verschlossenen Türen stand und nur unter Aufsicht ihre persönlichen Gegenstände herausholen durfte. Und bei einer CDV-Entlassungswelle 2003 legte man betroffenen Mitarbeiter das Kündigungsschreiben auch mal auf den Schreibtisch, während sie draußen eine Zigarette rauchten. Oder schickte ihnen die Kündigungsschreiben nach Hause, während sie gerade auf der Leipziger Games Convention die Firmenprodukte präsentierten – obwohl genug Zeit gewesen wäre, ihnen nach ihrer Rückkehr im persönlichen Gespräch zu kündigen.

Heute Moin Moin, morgen Grüß Gott
Aber warum werden Fachkräfte gesucht, obwohl gleichzeitig immer wieder Stellen abgebaut werden? Dazu muss man den Gesamtmarkt betrachten: Ein Job als erfahrener Programmierer ist zwar sicher, aber nicht der individuelle Arbeitsplatz. Wer also heute in Hamburg gekündigt wird, findet vielleicht nicht sofort eine neue Stelle in der Hansestadt, sondern eine bei Crytek in Frankfurt oder bei FDG Entertainment in München. Das ist allerdings keine junge Entwicklung, sondern seit Jahrzehnten so. Vor zehn Jahren wäre die Jobsuche viel schwieriger gewesen, denn damals gab es gerade mal ein paar Mayor Players wie Ubisoft oder Jowood, aber nicht so viele kleinere Teams wie heute, die auch mit einem überschaubaren Budget gut arbeiten können.
Und trotz der Unkenrufe über den Free-2-Play-Markt: Ein Publisher muss heute nur ein einziges einkommensstarkes Spiel laufen haben, um über Jahre an einer gut kalkulierbaren Einnahmequelle zu sitzen. Diese Umsätze verkraften auch mal mehrere floppende Spiele, ohne dass die ganze Firma abstürzt – die Mitarbeiter hinter den Flops allerdings stehen schnell auf der Straße. 
In der Branche ist dementsprechend Flexibilität gefragt. Gar nicht so leicht, wenn man kein 20- Jähriger mit Einzimmerappartement mehr ist, sondern Familienvater. Wer sesshaft werden und ein Häuschen bauen will, für den ist die Branche schwieriger, das sollte man sich schon beim Einstieg gut überlegen. Noch flexibler muss sein, wer über die Landesgrenzen hinausschaut. Denn zu den Stellenangeboten aus Deutschland kommen zahlreiche aus dem Ausland hinzu. Interessante Firmen in den USA oder Europa, etwa Rovio („Angry Birds“) in Finnland, suchen ebenfalls erfahrenes Personal. Ohne Familienanhang eine spannende Alternative. Für eine Familie mit Kindern hingegen ist Deutschland trotz des Dauergenörgels in den Auswanderer-Dokus kein schlechtes Land, wenn man sich Ehegattensplitting und Kinderbetreuung anschaut.

Jobwunder NextGen?
Zumal sich in den nächsten Monaten neue Arbeitsplätze jenseits des Browser- und Mobile-Marktes ergeben könnten. Wenn Playstation 4 und Xbox One erscheinen, sind Entwickler gefragt – zwar kaum für millionenschwere Triple-A-Titel, deren Entwicklung abgesehen vielleicht von Crytek komplett an Deutschland vorbeigeht. Aber für Spiele mit kleineren Budgets, die via Marketplace beziehungsweise Playstation Network an den Käufer gebracht werden, zum Teil aber auch klassisch über den stationären Handel. Wichtig ist, nicht auf die vor allem im Mobile-Markt bisher gern gefahrene Try-and-Error-Taktik zu setzen, also mit wenig Aufwand ein Spiel zu machen und auf einen Glückstreffer zu hoffen. Kurz gesagt: Macht Spiele, keine Spielchen!
Und wie ist das mit dem Wechsel in eine seriösere Industrie? Auch wenn sich das Klischee von den blassen Gesellen hinter Pizzakartons penetrant hält – die Spielebranche ist professioneller als viele andere. Hier kommen zum Beispiel sehr gute Projektmanagementsysteme wie „Scrum“ zum Einsatz, während andere Software-Entwickler noch stur starre Pflichtenhefte abarbeiten, die zwei Jahre zuvor angelegt wurden. „Scrum“ geht von einem ganz anderen Ansatz aus – nämlich davon, dass komplexe Projekte sich gar nicht komplett durchplanen lassen. Stattdessen setzt es auf tägliche Transparenz, indem alle Mitarbeiter ihren Fortschritt und ihre Probleme kurz zusammenfassen. In regelmäßigen Abständen werden festgelegte Funktionen des Spiels fertiggestellt, beurteilt und gegebenenfalls angepasst. Das klingt eigentlich gut, dennoch halten viele Branchen an veralteten Systemen fest, weil die Mitarbeiter sich gegen tägliche „Lageberichte“ sträuben – und nicht mal einen einzigen Satz dazu schreiben wollen.
Überhaupt sind Spieleentwickler offener, was die Zusammenarbeit im Team angeht. Es gibt nicht diese arroganten Kollegen, die schon länger dabei sind und sich deshalb Privilegien herausnehmen. Die Zusammenarbeit ist viel enger, einzelne Teams helfen sich aus. Auch die Nähe zum Kunden ist enger: Übers Forum bekommt man sofort Feedback, wie ein Spiel, eine Neuerung oder Änderung ankommt. Bei Online-Titeln kann man sich auch mal inkognito im Spielechat bewegen und gleich die Stimmung erleben – die hoffentlich gut ist. Zumal sich ein Spieleentwickler ohnehin prima mit seinen Spielern identifizieren kann, schließlich haben beide das gleiche Hobby. Welches Versicherungsunternehmen hat schon Kunden, die nur aus Spaß Versicherungen abschließen? (mde)