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Magazin: story

Copyright Basis-Bild: annaav/stock.adobe.com
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Junior. Macht. Karriere.

„Bei unserer schmalen Personaldecke gibt's das leider nicht.“ So oder ähnlich lauteten die Reaktionen auf die IGM-Anfrage, ob denn das jeweilige Unternehmen einen Junior Product Manager beschäftigten würde. Wir haben trotzdem einige gefunden: Junge Menschen, die als Nachwuchskräfte in der Games-Branche arbeiten.
Mehr als 30 namhafte Unternehmen der deutschen Games-Branche haben wir für diesen Beitrag angefragt: Niederlassungen internationaler Konzerne, mittelständische Publisher, Entwickler-Studios mit 20, 50, 100 oder noch mehr Mitarbeitern. Die IGM-Recherchen zeigen, dass es gar nicht so einfach ist, eine Karriere in der vergleichsweise kleinen, deutschen Videospiele-Industrie zu starten, wenn man nicht gerade gelernter Programmierer ist. Diese Spezies wird heftig umworben, quer durch alle Wirtschaftszweige. Ausschreibungen im Product Management, Brand Management, im Marketing oder auch in der PR sind jedoch extrem dünn gesät. Wer die Personallisten führender Publisher durchgeht, stellt fest, dass die wenigen Jobs in diesem Segment von teils langjährigen Senior-Managern bekleidet werden.

Einarbeitung? Learning by doing!
Dennoch haben wir eine Reihe junger Menschen ausfindig gemacht, die auf ihren Visitenkarte als "Junior" ausgewiesen werden. Der Weg in die Branche war selten vorgezeichnet, sondern fast immer vom Zufall geprägt –  und wie das Beispiel Tim Freund zeigt, führt der Weg nicht zwangsläufig von der Uni in den Betrieb. Der Junior Product Manager bei Kalypso Media (Tropico 6, Dungeons 3) wollte nach mehreren Jahren als Support & Community Manager neue Aufgaben übernehmen. "Mir gefiel die Idee, näher am eigentlichen Produkt mitzuarbeiten und nach ein paar Gesprächen mit meinem Vorgesetzten Timo Thomas – dem Head of Product Management – wurde dies ermöglicht." Die Einarbeitung erfolgte via "Learning by doing", natürlich unter Anleitung der erfahrenen Produktmanager. Kein Arbeitstag sei wie der andere: "Vor der Veröffentlichung eines Spiels ist man damit beschäftigt, einzelne Partner mit Materialien zu versorgen, Altersfreigaben verschiedenster Länder einzuholen, Produkttexte zu verfassen oder Sprecher für Sprachaufnahmen auszuwählen und diese zu beaufsichtigen. Dann steht natürlich auch die Erstellung verschiedenster Shop-Seiten wie etwa für Steam, den Playstation- und den Microsoft Store an. Nach Release ist vor dem Release – denn auch dann ist noch gut zu tun. Produktseiten mit Screenshots aktuell halten, Kundenreviews lesen und evaluieren, Vorbereitungen für zukünftige Patches und Updates treffen und vieles mehr."

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Richtiger Zeit, richtiger Ort
Im selben Unternehmen ist Tobias Hanika beschäftigt. Bevor er seinen Arbeitsvertrag als Junior PR-Manager unterschrieb, hatte er keinerlei Kontakte in die Branche. Ursprünglich kommt er aus der Filmbranche und hat sich nach seinem Studium für die ausgeschriebene Stelle als "Junior PR-Video-Journalist" beworben. In dieser Funktion ist er für Trailer, Featurettes, Entwicklertagebücher und alle anderen Video-Formate zuständig. "Das Einarbeiten bestand zum großen Teil daraus, alles mehrfach auszuprobieren, um die Aufgaben zu finden, für die man seine Talente am besten nutzen kann", sagt Hanika. "Jede meiner Aufgaben, egal ob in Text- oder Bewegtbild, erfordert Kreativität; überrascht hat mich daher, dass es mir möglich war, kreative ‚Visionen' bereits sehr früh selbstständig umsetzen zu können – das erfordert viel Vertrauen von den Vorgesetzten."
Richtiger Zeit, richtiger Ort – das war auch der Schlüssel zum Job von Annika Bartels, die als Junior Communications Executive bei Bandai Namco in Frankfurt arbeitet. Auf der Suche nach einem interessanten Praktikantenplatz zwischen Bachelor und Master wurde sie auf eine Stelle beim japanischen Videospiele-Riesen aufmerksam. "Aus der Firma kannte ich niemanden, jedoch war ich vorher als Werkstudentin bei 20th Century Fox Home Entertainment und irgendwie kennt in der Frankfurter Entertainment-Branche gefühlt jeder jeden. Zwei Monate nach Ende meines Praktikums habe ich mitten in einem Uni-Seminar einen Anruf von meinem ehemaligen Chef Marco Süß mit einem Jobangebot bekommen." Bei der Überlegung, wo sie ihr Praktikum absolvieren möchte, war ihr neben dem Lizenz-Portfolio auch die Präsenz in Frankfurt am Main wichtig.

Volle Verantwortung direkt nach dem Start
Schon seit Februar 2017 im Unternehmen, aber erst seit wenigen Monaten frischgebackener Nachwuchs-Product Manager ist Julian Erhardt. Für sein Pflichtpraktikum als Unity-Entwickler beim Appstore-Überflieger Fluffy Fairy Games hat sich Erhardt "gezielt einen Spiele-Entwickler ausgesucht, der als Firma noch im Wachstum ist." Zu Beginn der Einarbeitung wurde ihm direkt die Verantwortung für den Release-Prozess übergeben. "Klingt krass, aber ich wurde dabei solange unterstützt, bis ich alle Aufgaben eigenständig übernehmen konnte. Danach kamen weitere Aufgaben nach und nach hinzu, etwa die wöchentliche Sprintplanung und die Verwaltung der Roadmap. Mit jedem Schritt Richtung Product Management habe ich mich mehr aus dem Entwicklungsprozess zurückgezogen."

Überrascht hat ihn, wie viel Zeit des Alltags aus Kommunikation besteht "ob in Meetings, informellen Gesprächen oder Chats", so Erhardt. "Ich fokussiere mich schon sehr stark auf effektive Zeitplanung und konsequente Priorisierung meiner Aufgaben, um alle Bälle in der Luft zu halten." Die größte Herausforderung besteht aus seiner Sicht in dem hohen Entwicklungstempo, das die Berliner durch die wöchentlichen Updates des Mobilegames-Hits Idle Miner Tycoon vorlegen. "Es ist nie Zeit, sich mal auf kleinen und großen Erfolgen auszuruhen; es geht immer direkt weiter. Jeden Tag sind Entscheidungen zu treffen und Dinge auf den Weg zu bringen, damit die Maschine nicht ins Stocken gerät. Das kann anstrengend sein, aber natürlich auch sehr lehrreich." Sein Beruf sei daher sehr anspruchsvoll: "Ich bin schon jetzt quasi Produkt-CEO mit voller Verantwortung auch über den finanziellen Erfolg von Idle Miner Tycoon – das ist natürlich ein Weg, den ich weiter gehen möchte."

Ein Traum geht in Erfüllung
Bei Viktoria Oppel führte der Weg zum Arbeitsvertrag bei Nintendo of Europe in Frankfurt über ein sechsmonatiges Praktikum im Bereich der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Der Einblick in die Arbeit habe ihr "unglaublich viel Spaß" gemacht, sagt Oppel. Während eines Volontariats bei einer PR-Agentur wurde sie auf die ausgeschriebene Stelle aufmerksam gemacht und durchlief den Bewerbungsprozess. "Bis heute reizt mich an Nintendo das vielseitige Spieleportfolio – egal ob Mario, Pokémon, Zelda oder Kirby, die meisten Spiele begleiten mich seit meiner Kindheit." Die Einführung erfolgt nach einem konkreten Plan, inklusive einstündigen Einführungs-Gesprächen mit allen Abteilungen. "Im PR-Team selber habe ich nach einer Einführung direkt eigene Aufgaben übernommen und bei bestimmten Projekten, wie zum Beispiel Pokémon Ultrasonne und Pokémon Ultramond, zugearbeitet, so dass ich hier ebenfalls sehr schnell eigenständig agieren konnte."

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Nie Zeit,
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Einem ähnlichen Beruf geht Sabrina Auer als Public Affairs Associate bei Ubisoft Blue Byte in Düsseldorf nach: In den internen Fortbildungsgesprächen hatte die Game-Testerin den Wunsch geäußert, in den Kommunikations-Bereich zu wollen, sofern sich der Bedarf ergibt. "Gereizt hat mich Ubisoft Blue Byte während meiner früheren Bewerbungs-Zeit, weil sie als eines der bekanntesten Studios in der Games-Branche gelten und ich zudem großer Fan von Ubisofts Assassin's Creed-Reihe bin. Es ist immer mein Traum gewesen, einmal in einer Videospielfirma zu arbeiten", sagt Auer. Im Gegensatz zur Produktkommunikation geht es in ihrem Feld vor allem darum, Ubisoft Blue Byte als Unternehmen und Arbeitgeber zu positionieren – gegenüber der Politik, den Hochschulen und gegenüber Bewerbern. "Es gibt Tage, an denen ich kaum an den Computer komme, weil ich im Rahmen unseres Hochschulprogramms ‚Ubisoft Blue Byte Campus' Studioführungen gebe oder in-house Events mit Studenten veranstalte. Ab und an bin ich auch im Sinne der Public Affairs in anderen Städten oder Ländern unterwegs, um Konferenzen, Events oder Studios zu besuchen."

Einfach mal beworben
Ebenfalls über ein Praktikum während ihres Studiums – in diesem Fall das der Psychologie – gelangte Janine Gels an ihren Job als Junior-Analytikerin bei Deutschlands größtem Spiele-Entwickler InnoGames in Hamburg. "Da ich schon immer eine große Affinität für Zahlen und Analysen hatte, fand ich die Stellenanzeige sehr ansprechend und habe mich einfach mal beworben. In dem viermonatigen Praktikum im Market Research Team im Department Analytics konnte ich mein Faible für Mathe, Statistik und Forschungsmethoden mal ganz praxisnah ausleben. Das fand ich total spannend." Nach ihrem Bachelor-Abschluss wurde sie von InnoGames übernommen. Zu ihren Aufgaben gehören unter anderem interne und externe User-Tests und Marktanalysen, um auf aktuelle Trends und Neuheiten am Markt rechtzeitig reagieren zu können. "Ein großes Plus für mich ist die Tatsache, dass ich neben den Game-Teams mit vielen unterschiedlichen Departments und Kollegen zu tun habe. Das bietet einfach viel Abwechslung. Auch dass ich meine theoretisch erworbenen Kenntnisse praktisch anwenden kann, finde ich toll."

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Im Moment genieße ich hier und da noch Welpenschutz
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Einstieg geschafft – und dann?
Wir lernen: Schon in einer frühen Phase ihres Berufslebens erhalten die juniorigen Fachkräfte viele Freiheiten und Freiräume. Die Teams sind meist von überschaubarer Größe, die Hierarchien flach, die Wege kurz. Oder wie es Sabrina Auer von Blue Byte beschreibt: "Ganz am Anfang meiner Laufbahn hätte ich mir nie gedacht, dass man hier genauso arbeiten kann, wie es einem am besten passt und dass die Arbeitsatmosphäre daher so entspannt und gut ist. Ich hatte mit strikten Vorgaben und dergleichen gerechnet, aber zum Glück habe ich keine Liste mit starren Regelungen vorliegen, nach der ich mich im Alltag richten muss." Auch Bandai-Namco-Juniorin Annika Bartels war positiv überrascht von der lockeren Atmosphäre im Büro. "Zuvor musste ich mich mit teilweise sehr strengen Styleguides und den unweigerlich notwendigen Reports anfreunden. Eine große Herausforderung ist es auch, im Frankfurter Gewerbegebiet etwas außer Fast Food zum Mittagessen zu finden. Die größten Herausforderungen stehen bei mir wohl noch an, ich glaube im Moment genieße ich hier und da noch Welpenschutz."

Und wie sieht es mit den weiteren Karriereplänen aus? "Da ich noch recht neu bei Nintendo bin, habe ich bisher noch keinen konkreten 10-Jahresplan ausgearbeitet", lacht Nintendo-Einsteigerin Oppel. "Die Arbeit und die zu betreuenden Spiele machen mir unglaublich viel Spaß, deshalb möchte ich mich gerne hier im Unternehmen weiterentwickeln."

Ähnlich begeistert ist Janine Geld von InnoGames: "Ich möchte diese Ausrichtung auch auf jeden Fall beibehalten und weiterentwickeln. Ich möchte den Game Teams weiterhin mit unabhängigen Analysen zur Seite stehen und ihnen dabei helfen, faktenbasierte Entscheidungen für die Weiterentwicklung unserer Spiele zu treffen." Und auch Tobias Hanika ist nach dem ersten Jahr weiterhin "sehr glücklich" mit dem Status Quo: "Ich bin extrem gespannt darauf, wie sich Kalypso Media in Zukunft mit den anstehenden Releases von Top-Titeln wie Tropico 6 entwickelt. Das ist eine spannende Zeit, in der wir als junge Arbeitnehmer die Möglichkeit haben, gemeinsam mit dem Unternehmen zu wachsen."

Weil die meisten unserer Gesprächspartner erst seit kurzem ihren Job bekleiden, wird es zunächst darum gehen, sich im Unternehmen zu etablieren. Wenn alles klappt, verschwindet das "Junior" nach ein bis zwei Jahren von der Visitenkarte. (pf)