Anzeige

Anzeige

Magazin: story

Copyright Basis-Foto: godruma/Fotolia
Copyright Basis-Foto: godruma/Fotolia

Klempner auf Abwegen?

Die Fans von Nintendo-Helden sind Legion. Sie wollen „Mario“, wollen „Zelda“, wollen „Metroid“ und all die anderen traditionsreichen Vorzeigemarken des Herstellers. Das Problem dabei: Nicht alle möchten sie auch für Nintendo-Hardware. Viele wünschen sich Ableger ihrer Lieblingsserien stattdessen für Smartphones und Tablets. Doch geht das überhaupt? IGM über ein viel diskutiertes, jedoch wenig sinnvolles Szenario.

Was bin ich?
Kleiner Held mit großem Schwert und großem Schild wetzt durch eine kunterbunte Fantasy-Welt. Kommt Ihnen das bekannt vor? Noch nicht? Ok, dann noch ein paar Hinweise: Er rätselt und metzelt sich durch Dungeons, sackt dabei eifrig klingende Münze ein, stürzt mit großen Appetit Heiltränke herunter, und seine Fertigkeiten sind fast vollständig an Ausrüstungs-Gegenstände wie Schuhe, Bomben oder Bumerang gekoppelt.

Wie jetzt? Sie glauben, wir reden von einem „Zelda“? Womöglich von „Wind Waker HD“ für WiiU oder „A Link between Worlds“ auf 3DS? Falsch!! Gemeint ist das iOS- und Android-Abenteuer „Oceanhorn“ vom finnischen Kleinst-Entwickler „Cornfox & Brothers“. Das imitiert Nintendos berühmte Serie so genau, dass es allein im Auge des Betrachters liegt, ob es sich hierbei um eine Hommage oder einfach einen dreisten Klon handelt. Auf alle Fälle hat diese „Klommage“ eine Menge Fans: Laut Metacritic.com ist das zumindest technisch eindrucksvolle „Möchtegern-Zelda“ 17 Kritikern durchschnittlich 84 Prozent wert. Damit erntet es zwar nicht so viel Lob wie das wenige Monate später veröffentlichte ECHTE „Zelda“ („A Link between worlds“ für 3DS bekommt von 80 Testern im Schnitt 91 Prozent), aber für das Mobile-Projekt eines finnischen Miniatur-Studios ist der Erfolg beachtlich.

Her mit dem iPhone-Zelda!
Trotz vieler überdeutlicher Design- und Kontroll-Defizite des „nordischen iOS-Links“ wird der Titel gerade von Nintendo-Fans mit iPad bzw. iPhone innig geliebt. Der Grund: Viele wollen die Nintendo-Marken, mit denen sie aufgewachsen sind, ohne sich dafür eine spezielle Hardware kaufen zu müssen. So geht es z.B. auch PR-Söldner und SEGA-PR-Frontmann Fabian Döhla: „Klar, Oceanhorn bedient sich recht frech bei Zelda. Und PONG bedient sich bei Tennis. Und Road Rash bei Hang On. Wenn‘s aber handwerklich gut gemacht ist – warum auch nicht? Letztlich huldigt das Spiel damit doch dem alles überragenden Original, welches auf absehbare Zeit wohl nicht für iOS erscheinen wird.“
Hauke Schweer schließt sich an: Der ehemalige Indigo-Pearl- und Daedalic-PR-Mann gehört zu denjenigen „Zelda“-Fans, die „Oceanhorn“ förmlich verschlungen haben. „Ich habe Zelda: Phantom Hourglass auf dem DS geliebt und war daher schon sehr auf den finnischen Titel gespannt. Auf dem DS hat Nintendo Großes geleistet, und mit dem angekündigten Wechsel der Konzernstrategie hege ich die Hoffnung, das Original mit all seinen tollen und kreativen Ideen irgendwann auf dem Tablet erleben zu dürfen, das ich aufgrund seiner Vielseitigkeit fast immer dabei habe.“

Mario bleibt sich treu
Moment mal… „angekündigter Wechsel der Konzernstrategie“? Tatsächlich machten Nachrichten über einen möglichen Smartphone-Gang der Japaner in den letzten Wochen vermehrt die Runde: So berichtet golem.de am 20.01. „Nintendo-Chef denkt über Smartphone-Markt nach“ und beruft sich dabei auf Gespräche zwischen Bloomberg und Firmenchef Satoru Iwata. Der hat sich erst kürzlich wegen der schwachen WiiU-Verkäufe das eigene Gehalt zusammengestrichen und zieht den ursprünglich tabuisierten Gang in den Handy- bzw. Tablet-Markt ernsthaft in Betracht. „Angesichts des Wachstums von Smart-Geräten untersuchen wir natürlich, wie diese Geräte verwendet werden können, um das Geschäft mit Spielern zu vergrößern“, so der Nintendo-Boss. Kurz darauf explodiert die Euphorie der iPad- und iPhone-Wütigen im Netz: „Ich hab‘s doch gewusst!“, „Endlich werden sie vernünftig!“, „Yeah, Mario für mein iPhone“ und ähnlich hämische bis ehrlich begeisterte Beiträge machen in sozialen Netzwerken die Runde.

Eine knappe Woche später dann die Ernüchterung: Nintendo definiert seine Pläne weiter aus und redet nicht mehr von vollwertigen, eigenständigen Spielen. Stattdessen beschreibt man jetzt die Vision einer Vermarktungs-App. Die könnte z.B. Ankündigungen für kommende 3DS- bzw. WiiU-Highlights enthalten und gleichzeitig kleine Demo-Versionen oder Produkt-bezogene Mini-games bieten. Außerdem gehe es dem Konzern nicht etwa um eine Verlagerung auf den Smartphone- und Tablet-Markt, sondern vielmehr um eine Annäherung an dessen Publishing- und Entwicklungs-Konzepte. „Konsolen für zuhause und Handhelds werden nicht mehr völlig verschieden, sondern vielmehr wie Brüder einer Systemfamilie sein“, erklärt Iwata. Oder genauer: Weil Nintendo für Handhelds bzw. stationäre Geräte bisher in zwei verschiedenen Entwicklungs-“Pipelines“ produziert hat, ließen sich Spiele nicht ohne weiteres von einem Gerät auf das andere portieren. Darum will man künftig nach dem Vorbild vieler Mobile- und Indie-Entwickler mit einem einzigen Produktstrom gleich mehrere Systeme auf einmal bedienen. Gerade WiiU-Fans  würden dieser Vorgehensweise danken: Auf der jüngsten „Nintendo Direct“ waren für das System nur wenig Neuheiten zu sehen, der 3DS dominierte ganz klar das Spiele-Programm.

Was wäre wenn… ?
Doch wäre der Export bekannter Nintendo-Marken auf iPhone & Co. deshalb völlig abwegig? Branchen-Urgestein und Freelance-Schreiber Michael Schnelle z.B. hält das zumindest technisch für machbar: „Warum sollte das technisch auch nicht möglich sein? Die Steuerung müsste angepasst werden – aber was kann ein 3DS, das ein Tablet nicht kann? Zudem böte sich hier die Möglichkeit, den gesamten Back-Katalog der letzten Jahrzehnte über den Nintendo-Store anzubieten. Falls die das wirklich täten, würden sich für das Sammeln erster Erfahrungswerte vor allem die alten Retrospiele anbieten“, erklärt der ehemalige Gamestar-Redakteur. Die Wahrscheinlichkeit für ein solches Szenario stuft er dagegen gering ein: „Stellt sich die Frage, ob damit nicht gerade der Verkauf von 3DS & Co. behindert würde. Zudem müssten die aktuellen Spiele deutlich günstiger angeboten werden, was wohl kaum in Nintendos Interesse liegt.“

Auch US-Korrespondent und Ex-“PC Player“ Roland Austinat (heute in San Francisco) hält den von vielen herbeigesehnten Tablet-Gang von Nintendo für unwahrscheinlich: „Marios präzise Sprünge auf Smartphones und Tablets? Ohne Joypad? Weder möglich noch notwendig. Nintendo hat das einfach nicht nötig. Letzten März hatte man noch rund elf Milliarden Dollar Gesamtkapital und keine Schulden. Mit solchen Reserven im Rücken lächelt die Firma, die dieses Jahr 125 Jahre alt wird, auch einen derzeit scheinbaren Misserfolg wie WiiU locker weg.“

Der TV-Journalist Andreas Garbe sieht das ähnlich und führt dabei u.a. wirtschaftliche Gründe ins Feld: „Die werden Mario, Zelda & Co. nie auf Fremdplattformen anbieten! Genauso wenig würde Apple das Kombi-Angebot aus Hardware und Software jemals signifikant auflösen. Es macht immer noch Sinn, beides aus einer Hand anzubieten, weil Hardware nun mal Software verkauft und umgekehrt. Andererseits hat es auch einfach mit der Qualität der Spielerlebnisse zu tun. Selbst der iOS-Markt ist bereits ziemlich fragmentiert, von Android ganz zu schweigen. Es wäre nicht zu garantieren, dass alle Spiele auch auf allen Endgeräten weitgehend absturzsicher und ruckelfrei laufen. Im Gegenteil: Nintendos große Stärke – nämlich Qualität und Stabilität  – wäre für immer dahin.“

Und wie sieht das ein Kunde? Die 26-jährige Projekt-Managerin und Linguistik-Studentin Julia Katharina Lenz z.B. nutzt zwar auch „echte“ Konsolen wie PS3 und Xbox 360, doch eine WiiU gehört noch nicht zu ihrem Konsolen-Fuhrpark. Trotzdem ist sie durch ihre Jugend Nintendo-geprägt, und hupft ebenso gerne mit Klempner Mario über grüne Röhren wie sie mit Link das Meister-Schwert zückt oder als Samus Aran „Metroids“ jagt. Gerade deshalb wünscht sie sich diese Marken für ihr Tablet und würde dafür sogar richtig tief in die Brieftasche greifen: „Tatsächlich würde ich mich sehr über Nintendo-Vollpreistitel auf Smartphones und Tablets freuen. Spiele wie Oceanhorn beweisen für mich, dass Zelda als Paradebeispiel für einen Nintendo-Titel sehr wohl auf einem solchen Gerät funktioniert. Aber eben nur, wenn man die Spiele Genre- und Titel-gerecht portiert oder neue, speziell auf diese Plattformen zugeschnittene Produkte erfindet. Spiele, die z.B. intensiv auf die Doppel-Screen-Eigenheiten der Original-Plattformen oder das Stereoskopie-Feature des 3DS setzen, könnten natürlich ein Problem darstellen.“

Vollpreis oder Free2Play?
Julia wäre also bereit, für ein Original-iPad-“Pikmin“ ein paar Dutzend Euro auszugeben. Doch so bereitwillig zückt nicht jeder Mobile-Nutzer seinen Geldbeutel: Viele potentielle Kunden sind jung und an Free2Play-Produkte oder an Titel unterhalb der Drei-Euro-Grenze gewöhnt. Stellt sich also die Frage: Sollte jemals ein „großes“ Mario-Abenteuer für diese Geräte erscheinen – wie vertreibt man es dann? Als Premium-Titel für ganz kleines Geld? Oder per Freemium-Modell mit Bezahl-Inhalten? Dürften wir dann jedes Mal ein paar Cent „einwerfen“, um den kleinen Mario wieder wachsen zu lassen? Oder im jederzeit erreichbaren Ingame-Store Kostüme kaufen? Nachwuchs-Hopsern könnte das gefallen, doch alteingesessene Nintendo-Kunden würden darauf ähnlich sauer reagieren wie „Dungeon Keeper“ auf die jüngst veröffentlichte Free2Play-(Per)Version des Bullfrog/EA-Klassikers.

Glaubt auch Michael „Mick“ Schnelle: „Free2Play halte ich für den falschen und mittlerweile auch arg negativ belasteten Weg. Vollpreis würde aber auch nicht funktionieren. Schon allein deshalb dürften aktuelle Spiele auf Handy und Tablet illusorisch bleiben.“

Roland Austinat hält einen Free2Play-Mobile-Gang des Herstellers zwar auch für wenig wahrscheinlich, philosophiert aber gerne darüber, welche Bezahl-Inhalte funktionieren könnten: „Das kommt auf das Produkt an. Aber es wird sich dabei kaum um etwas handeln, das die Spielbalance beeinflusst. Vielleicht werden wir aber eines Tages wie bei Microsoft unsere Miis gegen eine Gebühr neu anziehen? Andererseits: Wie erfolgreich ist so was wirklich? Verdient Microsoft mit Klamotten und Accessoires für Avatare Geld?“

Andreas Garbe wiederum vermutet, dass Ingame-Purchases sogar auf 3DS und WiiU funktionieren dürften: „Nintendo hat mit der WiiU ja schon gezeigt, dass man auch Trends wie Social Gaming bereitwillig aufgreift, sie dann aber lieber im Rahmen einer individuellen Lösung umsetzt. So könnte Nintendo auch versucht sein, Mechanismen und Modelle, die auf Smartphones und Tablets mutmaßlich funktionieren, in abgewandelter Form auf den eigenen Plattformen anzubieten. Das geht natürlich nur bis zu einem gewissen Grad. Komplexe Spiele wie wir sie von einem 3DS gewöhnt sind, können wirtschaftlich nicht nach dem Free2Play-Modell angeboten werden. Jedenfalls nicht, wenn sie auf proprietären Plattformen laufen sollen. Andere Strategien erscheinen mir da schon wahrscheinlicher: Evtl. könnte man Abomodelle einführen, die Zugang zu allen Spielen oder Spiele-Paketen erlauben. Ganz abschotten wird sich Nintendo gegenüber Drittplattformen jedenfalls nicht. Miiverse hat ja bereits eine Schnittstelle zu anderen Plattformen bekommen. Module, über die z.B. In-App-Käufe per Smartphone gesteuert werden könnten, sind also durchaus denkbar.“

Der SEGA-Weg
Bisher haben wir uns nur Gedanken über iPhone, iPad & Co. als zusätzlichen Vertriebskanal gemacht. Doch was, wenn sich der Hersteller dazu entschließt, den SEGA-Weg einzuschlagen? Vom Hardware- und Spiele-Hersteller hin zum reinen Software-Lieferanten? Könnten „Mario“, „Donkey Kong“ & Co. ohne eigene Systeme überleben? „Nintendo ist nicht SEGA“, mein Roland Austinat. „SEGA hatte nach der Dreamcast-Schlappe keine Kohle mehr und nur noch zwei Optionen: Raus aus der Hardware-Produktion oder untergehen. Nintendo wiederum ist seit dem Einstand in die Games-Branche Hardware-Hersteller und hat damit prächtig verdient. Ich glaube nicht, dass die in Panik verfallen müssen.“

Andreas Garbe wiederum denkt, dass SEGA kein Paradebeispiel für die Effektivität dieser Taktik ist: „Die sind doch das beste Beispiel dafür, dass ehemals bedeutende Marken wie Sonic oder ambitionierte Projekte à la Shen Mue auf Drittplattformen nicht zu gewohnter Hochform auflaufen. Mario, Link & Co. wird es unabhängig von der Hardware zwar immer geben. Doch bevor die auf Drittplattformen weiter existieren, müsste Nintendo erst komplett pleite gehen und sie an andere Firmen veräußern.“ Sogar Julia Lenz kann sich nur schwer vorstellen, wie Mario über eine Fremd-Konsole springt – und das, obwohl sie sich zuvor deutlich für Tablet-Titel des Herstellers ausgesprochen hat: „Ich verbinde jeden Nintendo-Titel klar mit der Erinnerung an die jeweilige Konsole. Ich kann es mir deshalb rein subjektiv nur schwer vorstellen, z.B. ein Pokémon auf einer PS Vita zu spielen.“

Überflüssige Diskussion?
Ist die ganze Debatte also am Ende müßig? „Absolut“, vermutet Garbe. „Nintendos aktueller Misserfolg ist sicher gravierend. Aber das Ende der Firma oder ihres aktuellen Geschäftsmodells herbeizureden, das ist völlig übertrieben. Nintendo ist immer noch Marktführer bei den Next-Gen-Konsolen, hat die letzte Generation überdeutlich gewonnen und hat mehr als genug Kapital auf der hohen Kante. Das könnte sogar reichen, um einen Publisher wie Capcom zu kaufen. Und genau so was hat man ja auch angekündigt: Neue Firmen für neue IPs und neue Technologien kaufen.“ Roland Austinat schließt sich an: „Wenn ich lese, wie Pachter und Konsorten Nintendo abwechselnd in den Himmel loben und dann wieder den Kopf von Satoru Iwata fordern, dann kann ich nur meinen eigenen schütteln. Nintendo ist eine japanische Firma. Wer als Westler zu wissen behauptet, wie die funktioniert, der hat so gut wie nichts verstanden – da schließe ich mich selbst nicht aus. Aber die ganze „Nintendo muss auf firmenfremde Mobilplattformen“-Hetzjagd regt mich inzwischen nur noch auf. Ich habe mir quasi aus Protest letzten Monat die Zelda-Special-Editions für WiiU und 3DS gekauft.“

Schlagende Argumente von den Fachleuten. Doch mindestens genauso eingeschlagen hat bei uns die schlichte Erkenntnis, dass ein mittelprächtiger „Zelda“-Klon bei vielen Spielern den besseren Ruf hat als die jüngsten Vertreter der Original-Reihe. Hat die „Generation Smartphone“ die Wahrnehmung für hochwertige Spiele schon so sehr verwässert? Kann ein heranwachsender Spiele-Fan ein „Oceanhorn“ und ein „Wind Waker“ nicht mehr auseinanderhalten? Wenn Nintendo etwas zur Gefahr werden kann, dann also die Prominenz der eigenen Marken, deren Kopien durch Ramschkanäle wie den App- und PlayStore mehr Verbreitung finden als ihre Vorbilder.

Ein „Zelda“ gehört also vielleicht nicht auf das Smartphone – wohl aber eine App, die heranwachsenden Spielern zeigt, wie ein ECHTES „Zelda“ auszusehen hat. Damit sie es danach auf einer ECHTEN Konsole kaufen. (rb)