Anzeige

Anzeige

Magazin: story

Klotz statt Kleckern

Neue Konsole, neues Spiel: Mit der Xbox Series X will Microsoft verlorenen Boden gut machen. Auf dem Papier hat Microsoft keine Chance gegen Sonys PlayStation – will sie aber dringend nutzen.
Wie um Himmelswillen soll das Ding unter dem Fernseher Platz finden? Diese Sorge trieb überraschend viele Menschen um, als Microsoft kurz vor Weihnachten öffentlich machte, wie der Xbox-One-Nachfolger aussehen soll. Denn mindestens bei den Proportionen weicht die neue Xbox von den üblichen Gepflogenheiten ab: Die Xbox Series X (so der offizielle Name der Baureihe) ist nicht flach und breit, wie man es von den meisten Home-Entertainment-Geräten gewohnt ist – sondern quaderförmig und hochkant. Das Gerät lässt sich allerdings auch horizontal aufstellen. Form und Design der edlen, mattschwarzen Konsole erinnern am ehesten an einen Mini-Desktop-PC – wozu auch das riesige Lüftergitter beiträgt, das von den Fans liebevoll "Käsereibe" oder "Hamsterkäfig" getauft wurde. Schon in den ersten Stunden nach Bekanntgabe der ersten Produktfotos fluteten bereits die ersten Fotomontagen durch das Netz: die Xbox als Aschenbecher, die Xbox als Wolkenkratzer, die Xbox als Kühlschrank.

Zwar wird es noch einige Zeit dauern, bis das Gerät ausgeliefert wird. Doch schon jetzt lässt Microsoft keine Zweifel daran aufkommen, wo man sich selbst ab Herbst 2020 in der Next-Generation-Hackordnung sieht: "Die Schnellste. Die Leistungstärkste." – so steht es geschrieben auf der Website. Damit ist der Anspruch formuliert. Nicht weniger als "Die Power für deine Träume" soll die neue Xbox werden – aber kann das überhaupt gelingen? Wo doch Sony mit haushohem Vorsprung bei den Nutzerzahlen in die nächste Saison geht?

"
Damit ist
der Anspruch formuliert
"

Ein Tower mit Power
Um die technische Potenz der neuen Xbox muss man sich jedenfalls nicht sorgen: Die Microsoft-Ingenieure haben spätestens mit der Xbox One X bewiesen, dass sie High-Fidelity ‚können' – 4K, HDR, Raumklang. Die Xbox One ist ein rundum rundes Paket. Doch wenn die Erfahrung eines lehrt, dann das, dass schiere Rechen-Power noch nie ausschlaggebend war für Wohl oder Wehe einer Spielkonsole. Dass Sony mit 106 Millionen Stück weltweit mehr als doppelt so viele PlayStation-4-Geräte verkaufen konnte als die US-Konkurrenz, hat allerdings auch damit zu tun, dass Microsoft die Markteinführung im Herbst 2013 gründlich verhühnerte. Gebrauchtspiel-Sperre, Online-Zwang, die kommunizierte Multimedia-Wundertüte, die obligatorische Kinect-Steuerung und ein überzogener Verkaufspreis von 499 Euro sorgten vom Start weg für eine riesige Hypothek an PR-Großbaustellen.

Sieben Jahre später ist die Lage allerdings eine andere: Über die Online-Anbindung von Games redet heute niemand mehr. Auch das Thema Gebrauchtspiele hat sich weitgehend erledigt, zumal die neue Xbox ohnehin rückwärtskompatibel ist – vorhandene Spiele, Gamepads und anderweitiges Zubehör können weiterhin genutzt werden. Auch Games auf Datenträgern gehören noch nicht zum alten Eisen, denn die künftige Xbox ist mit einem Laufwerk ausgestattet. Was nach einer Selbstverständlichkeit klingt, ist keine: Denn mit der Xbox One All Digital Edition hat Microsoft längst eine disc-lose Download- und Streaming-Konsole im Sortiment, die mittlerweile für unter 150 Euro zu haben ist.

Punkt für Punkt abgearbeitet
Man kann Microsoft viel vorwerfen, nur eines nicht: dass die Hausaufgaben nicht erkannt worden seien. Beispiel Exklusiv-Titel: Lange Zeit gab es abseits von Halo, Gears of War und der Rennspiel-Serie Forza wenige Gründe, überhaupt eine Xbox One zu erwerben. Mittlerweile hat Microsoft ein ganzes Rudel an Studios übernommen und neue gegründet. Allein 2018 wurden mit Obsidian Entertainment, Double Fine Productions und inXile Entertainment gleich mehrere Entwickler mit bestem Leumund erworben. Seit 2014 gehört Minecraft-Entwickler Mojang zum Unternehmen, ein geradezu spektakulärer 2,5-Milliarden-Dollar-Zukauf. Was weiterhin fehlt, ist ein Blockbuster-Produzent der Kampfklasse Naughty Dog (The Last of Us 2, Uncharted) oder Guerilla Games (Killzone, Horizon: Zero Dawn), die exklusiv für Sony produzieren. Microsoft überlässt diese Aufgabe bewährten Partnern wie Ubisoft, Activision, EA, Square Enix oder 2K, die ihre Neuheiten ohnehin sowohl für PlayStation 5 als auch die neue Xbox entwickeln. Von den 15 Microsoft-Teams selbst kommen hingegen nischig anmutende Titel wie der Flight Simulator, die nochmal ein ganz anderes Publikum in den Blick nehmen.

Virtuelle Realitäten
Vergleichsweise wenige Revolutionen sind für das bewährte Gamepad zu erwarten, das etwas kompakter ausfällt. Neu ist ein Share-Button, mit dem sich Screenshots und Spielszenen in sozialen Medien teilen lassen – ein Feature, das in Sonys DualShock-Controller bereits seit Längerem verbaut ist. Und was ist mit Virtual Reality? Das Thema Bewegungssteuerung ist seit dem Kinect-Debakel aus dem Fokus verschwunden. Im Herbst 2013 wurde Microsoft noch vorgeworfen, die Sprach- und Gesten-Steuerung zur Nutzer-Überwachung zu missbrauchen. Das geschah allerdings vor Erfindung von Siri und Alexa: Mittlerweile sind Millionen deutscher Haushalte "verwanzt" – die Geräte arbeiten im ständigen Standby-Modus und harren darauf, Kaffeekapseln auf die Einkaufsliste zu setzen oder das Wetter anzusagen. Zwar wird auch Sony zum PlayStation-5-Start noch nicht die nächste Generation der VR-Brillen präsentieren können, doch die Ambitionen auf diesem Feld sind bei den Japanern deutlich konkreter als im Falle der Xbox. Gleichwohl experimentiert Microsoft mit Augmented-Reality-Technologien: Die Smartphone-App Minecraft Earth befindet sich seit Herbst 2019 in der Testphase.

Geheimwaffe Xbox Game Pass
Ein ganz wesentlicher Baustein für der nächsten Xbox-Generation ist der Xbox Game Pass: Die Flatrate für 9,99 Euro ermöglicht den Zugriff auf über 100 Games – sämtliche Microsoft-Neuheiten sind in diesem Preis bereits inklusive. Das Preis-Leistungsverhältnis ist also alles andere als übel, weil eben nicht nur alter Stoff gebündelt wird, sondern eben auch brandneue Spiele. Auch externe Publisher liefern Material: Von CD Projekt Red kommt The Witcher 3, Konami steuert PES 2020 bei und Zenimax stellt Dishonored 2 zur Verfügung. Für Aufsehen sorgte Anfang des Jahres die Meldung, dass sogar der Rockstar-Dauerbrenner Grand Theft Auto 5 im Preis enthalten ist – ein Spiel, das bei regulärem Kauf nicht unter 25 Euro zu haben ist.

Xbox Game Pass hat zweifellos das Zeug zum Gamechanger: Will Microsoft schnell Marktanteile generieren, könnten drei, sechs, zwölf Gratis-Monate Xbox Game Pass zur Serienausstattung jeder Xbox werden – ein geldwerter Vorteil für jeden wankelmütigen Käufer. Besonders im Fokus steht das Premium-Paket Xbox Game Pass Ulimate, das den Game Pass mit dem Online-Multiplayer-Dienst Xbox Live Gold kombiniert. Schon jetzt wirbt Microsoft aggressiv um neue Kunden: Die ersten drei Ultimate-Monate sind zum symbolischen Tarif von 1 Euro zu haben. Denkt man sich an dieser Stelle noch eine Streaming-Komponente via Project xCloud hinzu, hätte vor allem Google mit Stadia ein ernsthaftes "Und was jetzt?"-Problem. Denkbar wäre auch ein umgekehrtes Modell, bei dem ein Zwei-Jahres-Modell des Xbox Game Pass verkauft wird – das Gerät gibt es dann kostenlos oder aber mit großzügigem Rabatt, analog zu subventionierten Mobilfunk- oder Pay-TV-Verträgen.

"
Haar­sträu­bendste Fehler korrigiert
"

Schwarze Zahlen mit schwarzen Boxen
Sah es zwischenzeitlich so aus, als würde Microsoft ein bisschen die Lust auf das Games-Geschäft verlieren, so befindet sich das Unternehmen spätestens mit dem Amtsantritt von Phil Spencer im Angriffsmodus. Der Xbox-Boss korrigierte schon in den ersten Monaten die haarsträubendsten Fehler. Dazu gehörte auch eine Reduzierung des viel zu ambitionierten Preises. Damals ging die Xbox One mit einer um 100 Euro höheren unverbindlichen Preisempfehlung ins Rennen – 499 Euro für die Xbox One, 399 Euro für die PlayStation 4. Im Grunde war die Schlacht schon zu diesem Zeitpunkt vorentschieden. Dieses Malheur soll kein zweites Mal passieren. Denn allen technischen Kennzahlen und Launch-Line-Ups zum Trotz: Der Preis wird auch beim Aufeinandertreffen der beiden Konsolen-Generationen eine wesentliche Rolle spielen. Zu möglichen Konditionen macht Microsoft – natürlich – bislang keine Angaben. Die Baureihen-Bezeichnung "Xbox Series X" lässt allerdings darauf schließen, dass mit mehreren Modellen zu rechnen ist – denkbar ist beispielsweise eine günstige, laufwerk-lose Download-Konsole zum 299-Euro-Kampfpreis und ein Top-Modell, das dann womöglich auch die sensible 399-Euro-Marke überspringen könnte.

Wie sich Microsoft letztlich entschieden hat, ist frühestens im Juni zur E3 2020 zu erfahren – zur Kölner gamescom im August 2020 wird sich dann auch konkretisieren, welche Titel jenseits von Halo Infinite zum Start zur Verfügung stehen. Die Messe wird ein Gradmesser dafür werden, wie die Chancen der neuen Xbox einzustufen sind. Ab diesem Zeitpunkt bleibt potenziellen Käufern nur noch wenige Wochen, um sich Gedanken zu machen, ob und wo genau der "Tower mit Power" unter dem Fernseher Platz finden soll. (pf)