Anzeige

Anzeige

Magazin: story

Copyright Basis-Bild: USM Photography/ stock.adobe.com
Copyright Basis-Bild: USM Photography/ stock.adobe.com

Kraftvoll

Die Ukraine steht gerade wieder im Mittelpunkt des medialen Interesses. Diesmal ist es das eindringlich inszenierte, aber auch umstrittene HBO-Dokudrama "Chernobyl", das für jede Menge Aufmerksamkeit sorgt. Der Super-GAU des Atomkraftwerks im Jahre 1986 war nicht der einzige schwere Schlag, den die Ukraine in ihrer wechselvollen Geschichte hinnehmen musste: Die Krim-Annexion durch Russland 2014 und der nachfolgende Krieg im Osten der Ukraine waren die vorerst letzten Ereignisse, die das Land auch wirtschaftlich stark beutelten. Um so bemerkenswerter ist, dass die ukrainische Games-Industrie zu den stärksten in Europa zählt: Viele große Titel wurden und werden hier entwickelt. IGM hat sich die ukrainische Entwicklerszene näher angeschaut und mit drei maßgeblichen Akteuren gesprochen.
Das Heulen der Wölfe ist weit durch die Wälder zu hören. Die radioaktive Strahlung hat sie zu Monstern gemacht, und nun machen sie Jagd auf Menschen. Fear the Wolves ist ein grimmiger Shooter, der in der Todeszone rund um das havarierte Atomkraftwerk Tschernobyl spielt. Wölfe sind hier längst nicht die einzige Gefahr: Mutanten, Strahlung, Anomalien und vor allem andere Spieler machen uns das Leben äußerst schwer: Anders als der Klassiker S.T.A.L.K.E.R. ist Fear The Wolves ein Multiplayer-Game mit Battle Royale.

Eines steht fest: Der Super-GAU und seine Folgen sind für ukrainische Games-Firmen immer wieder Quell der Inspiration. Das erste S.T.A.L.K.E.R.-Game veröffentlichte GSC Game World aus Kiew bereits im Jahr 2007. Seitdem erschienen zwei Fortsetzungen, und derzeit arbeitet das Studio hinter verschlossenen Türen an S.T.A.L.K.E.R. 2, das aber erst 2021 erscheinen soll. Vostok Games, die Macher von Fear the Wolves, wurden von ehemaligen GSC-Game-­World-Mitarbeitern gegründet. "Wir haben Vostok Games im März 2012 mit einem Team von 24 Mitarbeitern gestartet", erzählt PR & Marketing Director Oleg Yavorsky. "Inzwischen haben wir fast 70 Entwickler, die parallel an zwei Projekten arbeiten." Der F2P-Titel Survarium, ein postapokalyptischer Online-Shooter, ist bereits seit einigen Jahren im Early Access. "Wir haben gerade mit der Arbeit an einem noch unangekündigten Projekt begonnen", sagt Yavorsky. Und auch wenn er noch nicht darüber sprechen darf: Man darf fast vermuten, dass es sich wieder um ein postapokalyptisches Setting handeln wird.

Viele Neugründungen
Der Schatten von Tschernobyl, er ist lang – auch für die ukrainische Games-Branche. Allerdings ist die Spieleindustrie des früheren Sowjetstaates (42 Mio. Einwohner) deutlich vielfältiger, als das auf den ersten Blick scheint – was auch an den vielen Neugründungen liegt. "In den letzten Jahren sind mehr als 30 neue Entwicklerfirmen hinzugekommen", heißt es in einer Studie ("Game Development in Ukraine: Industry Guide") von 2018. Basis der Publikation von Achievers Hub und Unit.City Innovation Park sind Newzoo-Daten und eine Umfrage unter mehr als 70 ukrainischen Entwicklerfirmen. Rund 40 Prozent dieser Firmen haben ihren Sitz in der Hauptstadt Kiew  (2,9 Mio. Einwohner), 16 Prozent sitzen in Odessa, 12 Prozent in Dnipro, 11 Prozent in Charkiw, 6 Prozent in Lwiw und der Rest in einigen kleineren Städten. Der Studie zufolge sind die größten Games-Arbeitgeber der Ukraine drei Firmen aus dem Ausland: Gameloft, Plarium und Playtika beschäftigen hier jeweils mehr als 500 Menschen. Belegschaften zwischen 100 und 500 Mitarbeitern haben die Firmen Wargaming.net, Inovecs Gaming, Room 8 Studio, Eforb und Ubisoft. Der französische Publisher/Entwickler ist bereits seit 2008 in der Hauptstadt vertreten, Ubisoft Kiew war an Assassin's Creed Origins und Odyssey, an Ghost Recon Wildlands, Watch Dogs 2 und auch Trials Rising beteiligt. 2018 gab Ubisoft die Gründung einer weiteren Dependance in der Hafenstadt Odessa bekannt: Hier sollen rund 60 Mitarbeiter an diversen Franchises werkeln.

"
In den letzten Jahren sind mehr als 30 neue Entwicklerfirmen hinzugekommen
"

Zu den Leuchttürmen der einheimischen Spieleindustrie zählen die bereits erwähnten GSC Game World und Vostok Games. Aber auch Red Beat, Fishing Planet, BlackWood, Frag Labs und iLogos spielen vorne mit. Zu den bekanntesten ukrainischen Studios zählt zweifellos die Firma Frogwares aus Kiew: Sie hat nicht nur die Sherlock-Holmes-Reihe großgemacht, sondern entwickelt auch das Lovecraft-Game The Sinking City, das am 27. Juni erscheint – Publisher ist hier Bigben Interactive. Das Spiel hat in diversen Previews schon ordentlich Vorschusslorbeeren erhalten: Unsere Vorschau aus IGM 07/2019 kommt zu folgendem Fazit: "Die rätselfreudigen Spieler erwartet mit The Sinking City ein abwechslungsreiches Adventure-Highlight in einem stimmungsvollen Ambiente." Die Chancen stehen gut, dass der Frogwares-Titel auch bei den Spielern hervorragend ankommt.

Erfolg mit Metro
Zu den angesehensten Spieleproduzenten des Landes zählt die Firma 4A Games. Auch sie wurde – bereits 2006 – von ehemaligen GSC-Game-World-Mitarbeitern gegründet; bekannt geworden ist sie als Entwickler der Metro-Reihe. Metro Exodus, der mittlerweile dritte Serienteil, erschien am 15. Februar dieses Jahres bei Deep Silver. Das Spiel erzielte einen Metacritic-Wert von 82 (PC-Version) und verkaufte sich nochmals besser als der Vorgänger Metro: Last Light. Im Jahr 2014 verlegte 4A Games sein Headquarter übrigens ins maltesische Sliema, das Studio in Kiew ist weiter für den osteuropäischen Markt zuständig.

Eine weitere traditionsreiche Spielefirma aus Kiew ist Beatshapers: Sie wurde bereits 2006 gegründet. "Beatshapers ist ziemlich einzigartig", sagt CEO Alexey Menshikov stolz. "Leute in Schlüsselpositionen unseres Unternehmens haben vorher an IL-2 Sturmovik Birds of Prey für die PSP gearbeitet." In den ersten Jahren lag der Schwerpunkt auf Self-Publishing auf der PSP und anderen Konsolen, die Firma portierte PC- und iOS-Games. "So konnten wir Erfahrungen sammeln, was Publishing und Plattformen anbetrifft – und unser Studio wuchs", erzählt Menshikov. "Wir produzierten Hardware-­Launch-Titel – das bedeutet häufig eine Zero-Install-Base – für PSP Minis, PS Move, PS Vita, PS4, PSVR, das Razer Phone, Apple ARKit, die chinesische Fuze-Konsole und Oculus Go/Mi." Auch 2019 arbeitet Beatshapers an einer Reihe von Launches. "Unsere Schlüsselkompetenzen sind Multiplattform-Titel sowie High-Tech Research & Development mit Game-Bezug", erläutert der CEO. "Unsere R&D-Gigs wurden bei der Oculus Connect 5 gezeigt. Für Google haben wir eine AR-Demo produziert, die bei der GDC 2019 großen Anklang fand." Frühere R&D-Projekte waren eine Twitch-Play-Demo für Amazon Lumberyard und eine Stingray-Engine-Demo für Autodesk. "Mit #Killallzombies haben wir vor vier Jahren bei Twitch Plays Pionierarbeit geleistet", so Menshikov. Wird das Spiel auf Twitch gestreamt, dann können Zuschauer das Gameplay über Chat-Befehle verändern. Letztes Jahr arbeitete Beatshapers an einem eigenen, lizenzierten Walking-Dead-Prototyp, "der aber leider eingestellt wurde". Neben der Entwicklung diverser Promo-Gigs half Beatshapers auch dem US-Sender HBO bei einer VR-Experience für Game of Thrones. "Viele weitere Dinge laufen derzeit noch unter dem Radar", sagt Menshikov. "Ich kann jetzt noch nicht über unser neues Game sprechen, aber es ist ein Vorzeigetitel für einen der Plattform-Betreiber."

"
Die ukrainische Spieleindustrie
war schon immer international
"

Viel Nachwuchs
Die ukrainische Games-Branche lebt nicht ausschließlich von großen Arbeitgebern – sondern auch von vielen kleinen Firmen, die derzeit wie Pilze aus dem Boden sprießen. "Zur Games Gathering 2018 kamen Besucher aus mehr als 500 ukrainischen Entwicklerstudios – vom kleinen Indie-Studio bis zur riesigen Firma", erzählt Alexander Khrutsky. Dem CEO und Mitgründer zufolge ist Games Gathering die derzeit größte B2B-Konferenz für Spieleentwickler in Osteuropa. "Games Gathering begann 2015 als lokales Gamedev-Event in Kiew – mit rund 700 Teilnehmern. Für GG Kiev 2019 planen wir mit mehr als 3000 Besuchern aus 35 Ländern", so Khrutsky. Die Konferenz findet am 7./8. Dezember im International Exhibition Centre in Kiew statt, der größten ukrainischen Event-Plattform. Neben Games Gathering gibt es in der Ukraine noch eine Reihe kleinerer Konferenzen mit Technik- und Games-Bezug, die aber nicht alle regelmäßig hier stattfinden. Dazu zählen unter anderem iForum, 4C, Casual Connect Kyiv, Devgamm und CryptoGames. Für den stationären Games-Handel ist die Ukraine übrigens kein sonderlich gutes Pflaster. "Der physische Retail-Handel ist in der Ukraine nicht sehr beliebt, weil das Internet in unserem Land sehr günstig und schnell ist", sagt Khrutsky. "Wir haben hier überhaupt keine lokalen Retailer. Folglich kaufen ukrainische Spieler ihre Games über die bekanntesten, weltweiten Plattformen."

Uns interessiert, welchen Einfluss die Krim-Krise und der Krieg im Ostteil des Landes auf die Spieleentwicklung hatten – und vielleicht auch noch haben. Die Antworten unserer Interview-Partner fallen dabei recht unterschiedlich aus. "Die ukrainische Spieleindustrie war nie auf den lokalen Markt konzentriert, sondern immer schon international", sagt Oleg Yavorsky von Vostok Games. "Das macht sie unabhängig von der Politik und von den Krisen, die wir hier hatten. Als Bürgern brechen uns die Geschehnisse das Herz, aber auf unsere Geschäfte und unsere Arbeit hatten sie – ehrlich gesagt – so gut wie keinen Einfluss." Yavorsky hörte allerdings, dass manche Studios von der Krim und aus dem umkämpften Donezbecken in die Zentralukraine umziehen mussten. "Das waren womöglich die einzigen Auswirkungen." Alexey Menshikov erzählt, der Krieg habe sein Studio in Kiew erheblich tangiert: "Er wurde zu einem großen Risiko für Investoren und Publisher. Durch die instabile Lage haben wir einige Deals verloren. Aufgrund der Situation fürchten sich Speaker, in die Ukraine zu reisen, aber wir arbeiten hart daran, das zu verändern und Aufklärung zu betreiben." Menshikov selbst überlegte zwischenzeitlich, das Beatshapers-Headquarter ins litauische Vilnius zu verlegen. "Aber als die Situation sich dann beruhigte, sind wir geblieben."

Gute Bedingungen
Als Konferenz-Organisator hat auch Alexander Khrutsky das Ganze aus der Nähe miterlebt. "2014-15 war eine harte Zeit", sagt er. "Einige Spieleentwickler auf der Krim, in Donezk und Luhansk waren geschlossen, manche zogen in andere Städte. Einige ukrainische Firmen haben Offices in anderen Ländern eröffnet. Man konnte damals auch kaum ausländische Spezialisten in die Ukraine einladen, weil im Ostteil des Landes Krieg herrschte." Inzwischen sei die Lage aber stabil, die Games-Industrie wachse wieder schnell. "Die Bedingungen für Entwicklerfirmen sind in der Ukraine wirklich gut", lobt Khrutsky. "Die Steuern sind niedrig und wir haben hier eine Menge Top-Arbeitskräfte mit viel Erfahrung. Die Burn Rate ist in unseren Firmen vier- bis fünfmal niedriger als in Firmen aus den USA oder Europa." Für potenzielle Partner sei das ausgesprochen attraktiv. Aus Sicht von Oleg Yavorsky ist die Ukraine – und speziell Kiew – in den letzten Jahren zu einem wichtigen Entwickler-Hub geworden. "Laut aktuellen Studien sind hier bis zu 160.000 Menschen in der IT-Industrie tätig", berichtet er. "Das umfasst Engineering, Games und Software unterschiedlichen Kalibers – bis hin zu Unternehmen mit 5000 Angestellten." Niedrige Lohnkosten und eine günstige Besteuerung hätten dazu beitragen, Investitionen und Kunden aus aller Welt anzuziehen. "Viele junge Leute wollen Programmierer, Artists oder Game-Designer werden, dazu kommt die traditionelle Stärke der Mathematik-Schulen", sagt Yavorsky. "Das trägt zu einem guten Nachschub an Nachwuchskräften bei."

"
Die Steuern
sind niedrig und wir haben hier
eine Menge Top-Arbeitskräfte
"

Doch wie geht es nun mit der ukrainischen Games-Industrie weiter? Ist wirklich alles so toll und dynamisch, oder gibt es – neben der labilen Sicherheitslage – noch andere Bremsklötze für die Branche? "Leider verlieren wir hochtalentierte Leute, die in andere Länder abwandern", räumt Alexey Menshikov ein. "Andererseits kommt eine neue Generation nach, die zur Antriebskraft für die Industrie werden wird." Vergleichsweise neue Technologien wie VR, AR und Cloud Streaming verstärke die Dynamik, so Menshikov: "Der Trend geht hin zu Produktfirmen und weg von Outsource-Firmen für westliche Projekte." Alexander Khrutsky ist fest davon überzeugt, dass es weiter aufwärts geht: "Die Games-Industrie wächst jetzt richtig schnell. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es solche Wachstumsraten in den letzten Jahren gab – und ich arbeite seit 2002 in der Games-Branche." Khrutsky zufolge arbeiten In der Ukraine derzeit rund 30.000 Menschen in der Spieleentwicklung. "Und es sieht so aus, als könnten es in zwei Jahren 50.000 oder mehr sein."

Oleg Yavorsky ist die Freude über das Wachstum der Branche deutlich anzumerken: "Wenn sie sich so weiterentwickelt wie jetzt, werden wir der zentrale Hub", sagt er. "Wenn nicht weltweit, dann zumindest für Europa. Wünsch uns Glück." Das tun wir gerne!