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Magazin: story

Kreative Keimzelle

Bessere Bedingungen für deutsche Indies: Immer mehr Initiativen verfolgen dieses Ziel. Ein bislang einzigartiges Projekt ist das Cologne Game Haus in Deutz, das während der gamescom zunehmend in den Vordergrund rückt. Wir haben das CGH im Vorfeld der Messe besucht – und mit den Organisatoren und Entwicklern gesprochen.
Der Blick schweift über den Horizont. Vorne erstreckt sich das Kölner Messegelände, weiter hinten ragt der Dom auf. Das Büro in der siebten Etage des Cologne Game Haus bietet ein famoses Panorama der Großstadt am Rhein. CGH-Mitgründer Johannes Brauckmann ist sichtlich zufrieden: "Die Koelnmesse ist uns bei den Mietkonditionen sehr stark entgegengekommen. Die Laufzeiten sind flexibel, man kann den Vertrag innerhalb von drei Monaten kündigen und auch innerhalb des Hauses schnell Büroräume dazunehmen." Offiziell eingeweiht wurde das Cologne Game Haus am 29. Juni, doch schon im Frühjahr zogen die ersten Spielefirmen ins Hochhaus neben dem Messegelände. Inzwischen ist die Zahl der Mieter noch einmal deutlich gestiegen. "Dass 18 Firmen innerhalb von drei Monaten kommen, hätten wir nicht gedacht", sagt Brauckmann. "Wir versuchen, Räume in weiteren Etagen zu bekommen."

Derzeit sitzen die CGH-Mieter in der vierten und siebten Etage des achtstöckigen Bürogebäudes. Im achten Stock befindet sich der Inkubator incubate8, der von der Koelnmesse betrieben wird. Das Cologne Game Haus ist in Umfang und Struktur ein bislang einzigartiges Projekt in Deutschland. Die Idee für das CGH kam den Organisatoren vor knapp drei Jahren. Johannes Brauckmann arbeitete damals noch Vollzeit bei Wikia am Kölner Friesenplatz. "Johannes saß genau wie wir im Clusterhaus", erzählt CGH-Mitgründer Thomas Rössig, der das Kölner Studio Flying Sheep Games leitet. "Das war damals der zweitgrößte Co-Working-Standort in Deutschland." Im Clusterhaus saßen 80 Firmen auf acht Etagen, darunter waren aber nur vier Games-Firmen. "Wir haben damals gemerkt, dass wir uns mit Spielefirmen am besten austauschen konnten", sagt Rössig. "Zum Beispiel bei Themen wie Investoren-Akquise, Scaling und Exit." Schon damals hatten Brauckmann und Rössig die Idee, einen Co-Working-Space aufzubauen – das scheiterte aber zunächst am hohen Aufwand.

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Es gab ein
paar haarscharfe Momente
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Mieter gesucht
Die Idee nahm jedoch Form an, als Brauckmann und Rössig Kontakt mit der Koelnmesse aufnahmen. Die Gesellschaft suchte neue Mieter für ihr Messehochhaus 2 an der Deutz-Mülheimer Straße 30. Früher war dort die Hauptgeschäftsführungsebene der Koelnmesse untergebracht, inzwischen residierten dort aber vor allem Dienstleister, zum Beispiel Netcologne und diverse Installationsfirmen. "Das Gebäude war nicht komplett vermietet", erzählt Johannes Brauckmann. "Wir haben da ganz gut reingepasst." Der Hintergrund: Die Koelnmesse ist längst nicht mehr nur eine Gesellschaft, die Messehallen vermietet – sie ist ein internationaler Veranstalter mit verschiedenen Themenschwerpunkten. Aktuell sind das "Food" (Anuga), "Interior Design" (Möbelmesse) und "Digital" (gamescom, Photokina, Digility, dmexco). Mit einem Projekt wie dem CGH kann die Koelnmesse ihr Portfolio also sinnvoll erweitern. "Der Zeitpunkt war ideal. Der Koelnmesse war es wichtig, so schnell wie möglich loslegen zu können", erinnert sich Rössig. "Ein Jahr später hätten sie vielleicht nicht mehr diese Kapazitäten gehabt. Dann verliert ein solches Projekt an Dampf – und Firmen springen ab." Der Antrag des CGH musste allerdings noch durch den Wirtschaftsausschuss der Stadt Köln. "Das war ein Dringlichkeitsantrag", sagt Rössig. "Wir mussten nachweisen, dass es wichtig war, dass es schon dieses Jahr stattfindet. Unter anderem deshalb, weil wir sieben Firmen hatten, die zu diesem Zeitpunkt schon Büroräume suchten." Laut Brauckmann gab es "ein paar haarscharfe Momente, wo wir befürchteten, dass es nicht klappen würde."

Doch glücklicherweise ging letztlich alles gut, das CGH erhielt von der Stadt eine Anschubfinanzierung von 200.000 Euro. CGH-Koordinator Brauckmann konnte zudem wichtige Projektpartner gewinnen: Die Telekom sponsert die Internet-Anbindung der Studios (3 x 1 Gbit/s), die Firma Netgear sponsert Router und Access Points, die IHK vermittelt wertvolle Kontakte. Brauckmann lobt auch die Flexibilität des Vermieters: "Die Koelnmesse kann hier sehr schnell Dinge umsetzen, weil sie die ganzen Gewerke und Handwerker schon hat." Wenn etwa ein Umbau benötigt wird, weil sich der Raumbedarf ändert, dann ist das sehr rasch umgesetzt. "Wir zahlen Miete an die Koelnmesse. Das Cologne Game Haus vermittelt die Firmen. Und es ist auch Teil des Vertrags, dass es Spielefirmen sein sollen, dass der Cluster-Charakter erhalten bleibt", sagt Brauckmann. Alle Mieter zahlen Mehrwertsteuer, die Untermietverträge haben die gleichen Konditionen wie der Hauptmietvertrag. "Bei der Suche nach einem Vermieter war uns sehr wichtig, dass wir jemanden finden, der auf die Bedürfnisse junger Firmen eingeht", betont Thomas Rössig. "Wenn eine junge Firma pleite geht, aber noch fünf Jahre lang an einen Mietvertrag gebunden ist, kann das große Auswirkungen haben." Die nur dreimonatigen Kündigungsfristen und die Skalierbarkeit der Büroräume sind zwei klare Vorteile.

Zwei Vollzeitstellen
Aktuell besteht das CGH-Organisationsteam aus fünf Personen: Johannes Brauckmann, Thomas Rössig, Margret von Medem sowie zwei Werkstudenten. Insgesamt werden für das Projekt zwei Vollzeitstellen finanziert. "Wir müssten eigentlich noch mehr Leute einstellen", sagt Johannes Brauckmann. Dafür müssten wir aber mehr Geld verdienen." In Deutschland gibt es durchaus noch andere Initiativen mit ähnlicher Zielsetzung. Zum Beispiel den Saftladen in Berlin-Kreuzberg, eine rein private Initiative von Studios wie Maschinen-Mensch, Paintbucket Games und Studio Fizbin. Oder auch das Hamburger Indie Haus, das von Threaks-Geschäftsführer Wolf Lang organisiert wird. Das Werk1 in München wird von der Bayerischen Staatskanzlei finanziert, beherbergt aber derzeit nur wenige Games-Firmen. Im europäischen Ausland gibt es umfangreichere Projekte – zum Beispiel den Dutch Game Garden mit insgesamt vier Standorten. Natürlich können sich Initiativen wie das CGH dort gewisse Anregungen holen. "Es gibt aber keine Blaupause, die man wiederverwenden könnte", meint Thomas Rössig. "Jeder Standort ist anders."

Bei der Eröffnung am 29. Juni war im CGH viel los. "Fast 180 Gäste waren da", erzählt Johannes Brauckmann. Bei der Einweihung im achten Stock waren nicht nur Vertreter der Kölner Games-Branche, der IHK, der Telekom, der Stabsstelle Internet und Medien und des Wirtschaftsausschusses der Stadt Köln zugegen – auch Oberbürgermeisterin Henriette Reker ließ sich durch die Räumlichkeiten führen. Johannes Brauckmann hofft, dass bald noch weitere Studios ins CGH einziehen können: "Wir versuchen, sowohl junge als auch erfahrene Teams ins Haus zu holen – dass man da eine gute Mischung hat." Brauckmann wünscht sich, dass es im CGH "so divers wie möglich" zugeht. "Köln hat gerade Schwerpunkte bei VR, AR und Serious Games". Brauckmanns eigenes Start-up Beepkultur beispielsweise entwickelt ein Mobile Game, das Kindern klassische Musik näherbringen soll – und wird voraussichtlich auch bald im CGH sitzen. Der größte Mieter ist die Firma Flying Sheep Games von Thomas Rössig, sie beschäftigt 14 Mitarbeiter und mehrere Schülerpraktikanten. Das 2014 gegründete Studio erledigt viele Auftragsarbeiten: Derzeit entwickelt sie allein sieben verschiedene Browser-Games für Super RTL. "Parallel bauen wir auch eigene Spiele für den Facebook Messenger", erzählt Rössig. Im CGH belegt Flying Sheep aktuell sechs Büroräume, alle in der siebten Etage.

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Wir versuchen, sowohl junge als auch erfahrene Teams ins Haus
zu holen
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Umtriebige Studios
Bei unserem Besuch im CGH erkunden wir auch die vierte Etage. Dort sitzen mehrere kleine Firmen, die alle bereits an Spielen arbeiten. Jörg und Sabrina Burbach beispielsweise haben gerade erst die GmbH Ducks on the Water gegründet. Demnächst erscheint ihr erstes Spiel, ein Meta-Game über Game-Design in Form eines interaktiven Text-Adventures. "Wir saßen vorher im Belgischen Viertel, das ziemlich teuer ist", erzählt Jörg Burbach. "In der Nähe gab es keine anderen Spieleentwickler." Als sie vom CGH erfuhren, beantragten sie sofort einen Platz. "Der Austausch mit anderen Entwicklern ist uns sehr wichtig", so Burbach. "Mittlerweile sind mindestens fünf Leute aus meinem Master-Studiengang am Cologne Game Lab hier im CGH." Eine Tür weiter sitzt das Goodwolf Studio, das von Kevin Glaap und Zein Okko betrieben wird. Bekannt geworden ist Goodwolf mit dem Hacker-Spiel Code 7, dessen erste Episode 2017 mit dem Deutschen Computerspielpreis für das "Beste Jugendspiel" ausgezeichnet wurde. "Wir sind schon seit Ende März hier im CGH", berichtet Kevin Glaap, "und arbeiten weiter an Code 7."

Auch in der vierten Etage sitzt das Studio N-Gon Entertainment. Dessen Team besteht aus Robin Hasenbach (Geschäftsführer), Andreas Hauber (Mitgründer), Jonas Otto (Lead Artist) und Praktikant Ole Rieger. Im April 2017 veröffentlichte N-Gon das VR-Game Viking Rage für Oculus Rift und HTC Vive. "Aktuell arbeiten wir an einem Mobile Game namens Crypto", sagt Robin Hasenbach. "Das ist eine Wirtschaftssimulation über Kryptowährungen." Man werde aber bald wieder an VR-Games arbeiten, schließlich sei das der Schwerpunkt des Studios. "Wir sind auch im B2B-Bereich bei VR tätig, um uns mit Auftragsarbeiten zu finanzieren", so Hasenbach. "Aus den Erkenntnissen, die wir mit Crypto sammeln, wollen wir Wissen und Erfahrung ziehen, um im aufstrebenden Mobile-Standalone-VR-Markt mitzumischen."

Lockere Atmosphäre
Bei unserem Besuch im CGH herrscht eine geschäftige und lockere Atmosphäre. Das Studio mit der größten Erfahrung ist Winning Streak Games von Gerald Köhler, der mit Spielen wie Anstoß und EA Sports Fußball Manager bekannt wurde. Auch der Erste Deutscher Fachverband für Virtual Reality e.V. hat seinen Sitz im CGH. Wir besuchen im vierten Stock noch das Studio Massive Miniteam von Michael Koloch, Milan Pingel, Tim Schroeder und Robert Schneider: Sie entwickeln gerade Spitlings, ein Arcade-Game für die Switch, das einen Koop-Modus für bis zu vier Spieler bietet. "Der Plan ist, das Spiel bis zur gamescom so weit entwickeln, dass wir es präsentieren können", sagt Geschäftsführer Tim Schröder. Gerade ist ein vorläufiger Soundtrack eingetroffen, den die vier Entwickler stolz mit dem Spiel vorführen.

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Der Austausch
mit anderen Entwicklern ist uns sehr wichtig
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In der achten Etage besuchen wir die Räume von incubate8. "Die Messe Digility findet im Rahmen der Photokina statt. Ab dann wird die Koelnmesse im Inkubator verschiedene Tracks veranstalten", erläutert Johannes Brauckmann. Bei der Digility gibt es einen Hackathon, bei dem fünf bis sechs Firmen ausgewählt werden. "Wenn sie den Anforderungen der Koelnmesse und ihrer Partner entsprechen, können sie hier im Inkubator ein 100-Tage-Programm belegen", so Brauckmann. Das seien dann aber keine Games-Firmen, sondern Firmen aus den Bereichen Food, Interior, Digital oder der internen Weiterbildung. "Wir können die achte Etage aber mitbenutzen, können da unsere Events machen und die Räume auch in Absprache mit der Koelnmesse vermieten", freut sich Brauckmann.

Zur diesjährigen gamescom wird das CGH zum ersten Mal richtig in den Vordergrund treten. "Am 20. August organisieren wir in Kooperation mit dem Mediennetzwerk NRW und dem Verein games.nrw eine Auftaktveranstaltung zur gamescom", erzählt Brauckmann. "Wir laden dazu nationale und internationale Gäste ein. Dies verbinden wir mit einer Studiotour durch die im Cologne Game Haus ansässigen Firmen." Am 21. August unterstützt das CGH zudem den DevBlast 2018, der von HeadUp Games organisiert wird. "Wir haben hier generell viele Termine mit sehr interessierten Leuten, die mehr über unser Haus erfahren wollen und sich mit uns austauschen möchten." Was sicher auch für den einen oder anderen IGM-Leser gilt … (feh)