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Magazin: story

Copyright Basis-Bild: f9photos/stock.adobe.com
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Lettland

Willkommen in Riga: Im dritten und letzten Teil unserer Baltenstaaten-Tour porträtieren wir die Games-Branche von Lettland. Und untersuchen, welche Netzwerke es in der Region bereits gibt.
Jeden August tauchen in Riga vermehrt Einhörner auf. Dann nämlich findet in der lettischen Hauptstadt die UniCon statt, deren Maskottchen das Fabeltier ist. Bei der Universal Convention treffen sich an zwei Tagen Gamer, Cosplayer, Comic- und Filmfans, um gemeinsam zu feiern. In einer eigens eingerichteten Zone zeigen Game-Designer ihre neuesten Werke und lassen Besucher hinter die Kulissen der Spieleentwicklung blicken. Die UniCon ist – wie die Technikmesse Riga Comm im November – ein Großereignis, bei dem sie ihre Games einem breiteren Publikum präsentieren können.

Jubiläumsfeier
Immer mit dabei sind auch Mitglieder der Latvian Game Developers Association. "Dieses Jahr haben wir unser zehnjähriges Bestehen gefeiert", sagt Elviss Strazdinš, Mitbegründer der LGDA. "Aus diesem Anlass hatten wir auch eine Konferenz mit Rednern von IGDA Finnland, aus Schweden und der Ukraine." Die Latvian Game Developers Association ist kein Mitglied von IGDA, will aber Gespräche über verstärkte Kooperationen aufnehmen. Zum jetzigen Zeitpunkt hat die LGDA (gamedev.lv) 36 individuelle Mitglieder, Tendenz steigend. Offizieller Sponsor ist die international tätige Firma Game Insight, die in den Baltenstaaten Entwicklerstudios mit mehreren hundert Angestellten betreibt und vorwiegend Mobile Games produziert (My Country, Transport Empire etc.); in Riga hat Game Insight mindestens 50 Angestellte. Strazdinš schätzt, dass es in Lettland zwischen 30 und 40 Studios gibt, die meisten davon in der Hauptstadt. Das zweitgrößte Spielestudio, Brain Games, ist allerdings kein Software-Unternehmen, sondern produziert vor allem Brettspiele; dennoch ist es Mitglied der LGDA. Lettlands drittgrößtes Studio Amber Games hat rund 80 Mitarbeiter und existiert bereits seit 2006; bekannt wurde es durch Browser-Games wie Shards of the Dreams oder Strategoria. Platz 4 belegt wiederum ein Mobile-Game-Entwickler, Estoty.

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Wir wollen wachsen
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Im internationalen Vergleich gilt Lettland als besonders unternehmerfreundlich: Im Weltbank-Ranking belegt das Land immerhin Platz 22. Dennoch gibt es laut LGDA-Chef Strazdinš bisher keine staatlichen Fördergelder für Games. Immerhin: "Die Regierung unterstützt die Teilnahme an Messen im Ausland. Eines unserer Studios – Soaphog – hat 70 bis 80 Prozent Zuschuss für die Teilnahme an der letztjährigen gamescom erhalten." Dieses Jahr seien aber voraussichtlich keine lettischen Studios mit eigenen Ständen auf der gamescom vertreten. Strazdinš, dessen Studio Bool Games erst kürzlich den 2D-Platformer Bearslayer auf Steam gelauncht hat, wird dennoch im August nach Köln reisen: "Wir laufen einfach über die Messe und stellen den Besuchern unser Game vor." Als eines der Hauptziele seines Verbandes nennt Strazdinš den Abschluss neuer Sponsorenverträge: "Wir wollen wachsen, mehr Geld verdienen und die Entwickler noch stärker unterstützen." Auch Steuernachlässe für Spielefirmen stehen auf der LGDA-Agenda. Bis dahin ist es aber wohl noch ein weiter Weg. Momentan übersetzt Strazdinš mit seinen Kollegen die gängigsten Games-Begriffe ins Lettische: Eine wichtige Aufgabe, um deren Akzeptanz zu erhöhen.

Noch Potenzial
Als Absatzmarkt für Games hat Lettland noch einiges Potenzial. Mit knapp 2 Millionen Einwohnern (Riga: 700.000 Ew.) ist Lettland deutlich größer als der nördliche Nachbar Estland (1,3 Mio. Ew.), aber kleiner als Litauen (2,8 Mio. Ew.), das weiter südlich liegt. Laut Newzoo gaben die Letten im vergangenen Jahr rund 24 Millionen Euro für Konsolen-, PC- und Mobile Games aus. Würde man diesen Betrag auf die Einwohnerzahl von Deutschland hochrechnen, dann käme man auf "nur" eine Milliarde Euro, also etwa ein Drittel der deutschen Umsätze. "Das Retail-Geschäft ist nicht sonderlich stark, weil jeder hier Games in den App-Stores und auf Steam kauft", berichtet Strazdinš. "Manchmal gehe ich in irgendeinen Markt und kaufe mir PS4- oder Xbox-One-Games. Es gibt hier aber keine stationären Spiele-Fachhändler." Elektronikmärkte hat Lettland einige: Die wichtigsten Ketten sind Euronics, RD Electronics, Elkor und Capital. Online kaufen Spieler ihren Nachschub unter anderem bei Videogames.lv und GGWP.pro.

Konsolenspiele kosten meist um die 60 Euro, die etwas selteneren Titel um die 70 Euro. Strazdinš findet es schade, dass PS4 und Xbox One in Lettland keinen offiziellen Support haben – und dass zum Beispiel auch kein PSN zur Verfügung steht. Wie wichtig ist das Baltikum eigentlich für PlayStation? Wir kontaktieren Nordisk Film, seit 2001 der offizielle Distributionspartner von Sony in der Region. "In den baltischen Staaten gibt es kein PSN", bestätigt uns Antero Paljakka, Commercial Director Interactive Finland bei Nordisk Film. Auf die Frage nach dem wichtigsten Teilmarkt hin nennt Paljakka Litauen, das 47 Prozent der baltischen Bevölkerung beherberge. "Allerdings ist Estland am weitesten entwickelt und hat pro Kopf das höchste Bruttoinlandsprodukt." Im Hinblick auf die Retail-Infrastruktur seien sich alle drei Länder ziemlich ähnlich, so Paljakka: "Es fehlen internationale Player, und Consumer Electronics spielen eine große Rolle." Die Käufer seien insgesamt sehr preisbewusst, so der Experte, aber auch begeisterungsfähig für neue Technologien. Die größten Herausforderungen für die Distribution im Baltikum sieht Paljakka in den kleinen Teilmärkten, den insgesamt vier Sprachen und den recht großen kulturellen Unterschieden: "Im Vergleich zu den nordischen Ländern sind die Baltenstaaten sehr heterogen. Die Kaufkraft ist noch sehr begrenzt, das hat die Ausbildung einer Retail-Struktur verhindert." Zumindest bis zum heutigen Tage.

Schnelles Netz
Dass der einheimische Spielekonsum begrenzt ist, stört die lettischen Studios wenig: Sie zielen seit jeher auf ein internationales Publikum ab. So auch die Firma Next Level aus Riga, die 2010 gegründet wurde und mittlerweile rund 15 Angestellte hat. Next Level produziert vorwiegend Mobile Games, zu den erfolgreichsten Titeln zählt Oceania, ein Farming-Game auf einer Tropeninsel. Studio-Chef Andrejs Klavinš sieht für Lettland durchaus einige Standortvorteile: "Was die IT-Infrastruktur und IT-Spezialisten angeht, sieht es hier ziemlich gut aus, das Internet ist schnell." Außerdem besitze Lettland Kunstakademien mit einer starken Visual-Design-Tradition. "Game-Designer und Content-Entwickler sind schwieriger zu finden, weil dieses Berufsbild hier nicht existiert", so Klavinš. "Das gilt auch für Producer und Manager." Die Produktionskosten seien in Lettland definitiv niedriger als in den westeuropäischen Ländern – aber höher als etwa im benachbarten Weißrussland.

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Es fehlen internationale Player
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Vernetzung dürfte für den Produktionsstandort Baltikum künftig eine sehr wichtige Rolle spielen. Firmen wie Game Insight sind ja bereits in der gesamten Region aktiv, auch die Verbände strecken zunehmend ihre Fühler aus. "Die Verbindungen in andere baltische Staaten sind noch recht schwach, werden aber stärker", berichtet Elviss Strazdinš. "Dieses Jahr haben wir einige gemeinsame Events." Beispielsweise organisiert die LGDA Reisen zur GameOn nach Vilnius (vgl. IGM 07). Auch an den GameDev Days in Tallinn Anfang April nahm eine lettische Delegation teil – und gewann beim dortigen Game Village mit dem Spiel Bearslayer den Hauptpreis. Außerdem gibt es noch die GameCamps, 48-stündige Hackathons, an denen Entwickler aus der gesamten Region teilnehmen. GameCamps Tallinn fand vom 4. bis 7. April statt, das nächste Event steigt vom 29. September bis 1. Oktober in Riga. Nützlich sind aber nicht nur die Connections innerhalb des Baltikums, sondern auch die mit den nordischen Ländern: "Wir stehen mit einigen wichtigen Leuten in Kontakt, die Meetups in Stockholm veranstalten", so Strazdinš. "Wir haben uns bei den GameDev Days in Tallinn getroffen und bauen jetzt Verbindungen auf." Besonders nah sind sich die estnische und die finnische Games-Industrie – kein Wunder, da Tallinn und Helsinki nur 60 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt liegen. "Wir können definitiv etwas von der finnischen Spieleindustrie lernen", sagt die estnische Mitbegründerin von GameFounders, Kari Ugand. "Wir lernen schon jetzt, wie man alles anpackt, mit der Community arbeitet und so weiter. Wir arbeiten eng mit ihnen zusammen." Als sie GameFounders gründete, habe sie erst einmal Finnland besucht, um mit allen wichtigen Akteuren in Kontakt zu kommen. "Wir wissen, was wir haben, und wie offen und freundlich sie ihre Erfahrungen mit uns teilen. Es läuft also sehr gut für beide Seiten."

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Im Hinblick auf
die Rekrutierung interessant
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Hauptstadtinitiative
Neue Netzwerke werden aber auch von außerhalb gesponnen. So zum Beispiel BerlinBalticNordic, eine Initiative des media.net berlinbrandenburg. Im Fokus des Projekts stehen – der Name sagt es schon – die nordischen Länder und die Ostsee-Anrainerstaaten. Warum sich die deutsche Hauptstadtregion dort engagiert, erklärt die media.net-Vorsitzende Andrea Peters: "Zum einen sind die baltischen Länder im Hinblick auf die Rekrutierung interessant. Dort gibt es sehr gute Hochschulen, über die Berliner Games-Firmen an hervorragend ausgebildetes Personal kommen." Also nicht nur Leute mit großem technischem Know-How, sondern auch kreative Köpfe. "Zum anderen sind diese Länder auch interessant, wenn es um das Outsourcing bestimmter Bereiche geht. Berliner Firmen suchen dort immer wieder nach Kooperationspartnern für die Entwicklung von Spielen." Kontakte hat BerlinBalticNordic bisher vor allem mit Estland geknüpft, Ende März beispielsweise besuchte eine Berliner Start-up-Delegation die Hauptstadt Tallinn. "Wir haben auch schon erste Verbindungen nach Litauen", erzählt Peters. "Da gibt es in Klaipeda das Festival Blon, das ursprünglich ein Filmfestival war und jetzt auch die Bereiche VFX, Animation und Games abdeckt. Dieses Jahr haben wir das Spielestudio kunststoff und die Firma Chimney [VFX/Animation] dorthin geschickt."

Nach Lettland hat BerlinBalticNordic derzeit noch keine Kontakte. Wenn Ende 2018 die aktuelle Förderphase des Projekts ausläuft, sollen Länder wie Litauen und Lettland, aber auch Island und Dänemark dazugeholt werden. "Ziel ist ein Netzwerk zwischen Berlin und den baltisch-nordischen Staaten, das von Förderphase zu Förderphase um neue Länder erweitert wird", sagt Peters. "Lettland und Litauen sollten auf jeden Fall dazugehören." Schon bald dürften deutsche Spieleentwickler also die schöne Stadt Riga – und ihre Games-Landschaft – kennenlernen. (feh)