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Magazin: story

Copyright Basis-Bild: proslgn/stock.adobe.com
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Litauen

In IGM 06 haben wir die Games-Branche Estlands vorgestellt. In Teil 2 unserer Baltikum-Serie widmen wir uns dem südlichsten und bevölkerungsreichsten der drei Baltenstaaten: Litauen.
Vilnius, im Oktober 2016: Menschenmassen schieben sich durch die Hallen der LitExpo, des größten Messezentrums der baltischen Staaten. Auf 11.000 Quadratmetern Fläche findet hier die GameOn statt – mit eSport, Cosplay, Konferenzen, B2B-Bereich und zahlreichen Ausstellern. Rund 14.000 Spielefans und Industrieschaffende treffen sich an zwei Tagen in der litauischen Hauptstadt: Die GameOn ist damit das reichweitenstärkste Gaming-Event des Baltikums. 2017 wird sie zum insgesamt dritten Mal stattfinden, am 16./17. September und auf 12.000 Quadratmetern, der maximal möglichen LitExpo-Fläche. Ein lohnender Termin für jeden, der die baltische Games-Branche kennenlernen will.


Nach unserer Unabhängigkeit herrschte
fünf Jahre das
reine Chaos
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Alle GameOn-Fäden laufen bei Arturas Rumiancevas zusammen. Der 36-Jährige aus Kaunas organisiert die Messe mit einem fünfköpfigen Kernteam sowie zahlreichen Freelancern und Freiwilligen. Rumiancevas ist eigentlich Journalist: In den vergangenen 15 Jahren gründete er Magazine wie VA PlayStation und PC Klubas, arbeitete für den aus UK lizenzierten PC Gamer und betrieb den beliebten Blog Dievo Režimas („God Mode“). Mittlerweile leitet er die Community-Website Games.lt und den YouTube-Kanal Žaismo DNR („Gameplay DNA“). Außerdem ist Rumiancevas Mitbegründer und Vorstandsmitglied der 2013 gegründeten Lithuanian Game Developers Association. Mit anderen Worten: Kaum jemand kennt die litauische Games-Branche so gut wie er. „Derzeit arbeiten rund 1500 Menschen in der hiesigen Industrie“, schätzt Rumiancevas, „die meisten davon in den größeren Studios“. Games-Firmen mit deutlich mehrstelligem Personalbestand gibt es in Litauen nur rund zehn. Das größte einheimische Studio, Nordcurrent, hat mehr als 100 Mitarbeiter – die meisten sitzen in Vilnius, die übrigen in der Warschauer Dependance. Das zweitgrößte Studio, On5, hat ca. 50 Mitarbeiter. Ein großer Arbeitgeber ist die russische Firma Game Insight, die ihr Hauptquartier mittlerweile nach Vilnius verlegt hat: Sie beschäftigt weltweit 600 Entwickler. Auch die Firma Unity hat eine Niederlassung in Vilnius, in der nach Unternehmensangaben rund 50 Entwickler arbeiten.

Kleiner als Bayern
Dass die einheimische Games-Branche noch recht übersichtlich ist, liegt zum einen an den Dimensionen des Landes: Litauen hat rund 2,8 Millionen Einwohner, die auf einer Fläche von 65.000 Quadratkilometern leben. (Zum Vergleich: Bayern hat knapp 13 Millionen Einwohner und eine Fläche von 70.000 km².) Die größten Städte sind Vilnius (500.000 Ew.), Kaunas (400.000 Ew.) und Klaipeda (200.000 Ew.). Litauen ist zwar deutlich bevölkerungsreicher als die beiden anderen Baltenstaaten Estland (1,3 Mio. Ew.) und Lettland (2 Mio. Ew.). Doch das ohnehin dünn besiedelte Land leidet seit Jahren unter einer starken Abwanderungswelle: Angesichts mauer Arbeitsmarktchancen suchen immer mehr Litauer ihr berufliches Heil in UK, Irland oder Skandinavien. IT-Fachkräfte werden in Litauen zwar besser bezahlt als der Durchschnitt, waren aber lange Zeit rar. „Inzwischen haben wir wirklich talentierte Entwickler“, sagt Rumiancevas. „Aber uns fehlt die Erfahrung – beim Betreiben kleiner Entwicklerstudios, beim Marketing und bei der Zusammenarbeit mit Pub­lishern.“ Der Hauptgrund ist laut Rumiancevas die lange sowjetische Besatzungszeit, die erst 1991 endete. „Nach unserer Unabhängigkeit herrschte fünf Jahre das reine Chaos“, so Rumiancevas. „Unsere Games-Industrie hat sich erst ab den Nullerjahren entwickelt. Uns fehlen 30 bis 40 Jahre Tradition und Kultur. Ohne Mobile Games gäbe es hier in Litauen nicht mal annähernd so etwas wie eine Spieleproduktion. Mobile Gaming erlaubte uns, mit kleinen Teams und kleinen Budgets einzusteigen – und einfach etwas auszuprobieren.“ Ob nun On5 (Vilnius), SneakyBox (Kaunas) oder TutoToons (Kaunas, Barcelona): Sie alle setzen stark auf Game für Smartphones und Tablets.

Nordcurrent, 2002 gegründet, hat eine vergleichsweise wechselhafte Geschichte hinter sich. „Wir waren die erste Firma unseres Landes, die Spieleentwicklung als einziges Geschäftsfeld hatte – deshalb musste die Steuerbehörde in ihrem System dafür neue IDs einrichten“, erzählt Victoria Trofimova, Geschäftsführerin von Nordcurrent. „Unser erstes Spiel war ein Platformer für den Nintendo Game Boy Advance, Titel: Santa Claus Saves the Earth. Seitdem ist die Firma in mehreren Stufen gewachsen.“ Nordcurrent produzierte für verschiedene Handhelds und Konsolen, entwickelte für Activision Spiele zur Barbie- und zur Shrek-Lizenz und wurde schließlich selbst zum Publisher. „Wir haben ein Office in Argentinien eingerichtet und sind zu ‚Mobile First‘ übergegangen“, so Trofimova. „Unser größter Hit ist Cooking Fever. Das ist ein Zeit-Management-Spiel, bei dem Spieler Restaurants eröffnen und viele verschiedene Speisen für die Kunden zubereiten.“

Mehr als 150 Millionen Menschen haben Cooking Fever bereits für iOS, Android oder Windows heruntergeladen, das Spiel hat 15 Millionen aktive User pro Monat. Einen weiteren Hit landete Nordcurrent kürzlich mit dem Multiplayer-Shooter Sniper Arena. „Litauen ist ein sehr guter Ort für die Games-Produktion, wir sind glücklich hier“, sagt Trofimova. „Die Kosten sind – im Vergleich zu denen in westlichen Ländern – überschaubar.“ Allerdings wurde bei Nordcurrent zwischenzeitlich der Nachschub an talentierten Fachkräften knapp. „Das war einer der Gründe dafür, dass wir ein Office in Warschau eröffnet haben“, so die Geschäftsführerin. „Ein weiteres Problem ist, dass die breite Öffentlichkeit Spieleentwicklung noch kaum als Geschäftsfeld und Karrieremöglichkeit kennt.“ Mit der Expansion von Nordcurrent und anderen Studios wuchs jedoch auch die Aufmerksamkeit. Und natürlich mit Messen wie der GameOn.

Erste Initiativen
Die staatliche Spieleförderung ist in Litauen noch ausbaufähig. Fördergelder seien bisher vor allem aus EU-Töpfen geflossen, berichtet Trofimova. „Die Regierung scheint sich aber zu bemühen, Reformen und Initiativen auf den Weg zu bringen. Die Zusammenarbeit zwischen Spieleentwicklern und staatlichen Institutionen dürfte folglich wachsen.“ Die bisher aktiven Agenturen haben keinen speziellen Games-Fokus, sondern decken die gesamte IKT- und Programmierbranche ab. Startup Lithuania kümmert sich vor allem um junge, einheimische Unternehmen; Invest Lithuania versucht, ausländische Unternehmen ins Land zu holen. Eine sogenannte e-Residency wie in Estland gibt es allerdings noch nicht. Dort nämlich können sich ausländische Firmen ohne großen bürokratischen Aufwand als juristische Personen registrieren und dann die Vorteile des estnischen e-Government genießen. Einige der Entwickler, die GameFounders (vgl. IGM 06) fördert, haben diese Möglichkeit bereits genutzt – und Studios in Estland gegründet.


PC-Gaming
ist das Herzstück
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Das transparente Verwaltungssystem Estlands macht diese Firmen auch für ausländische Investoren attraktiver. Litauen setzt Anreize für Spieleentwickler bislang mehr im Veranstaltungsbereich: Startup Lithuania und Invest Lithuania beispielsweise veranstalten Hackathons und Game Jams. Offizielle GameDev Meetups – bekannt aus anderen Ländern – finden vor allem in Vilnius und Kaunas statt. Die Kaunas Technology University (KTU) ist jeden Januar Austragungsort des Global Game Jam, zu dem sich hunderte Entwickler und Schaulustige einfinden. Die KTU betreibt auch einen eigenen Start-up-Incubator, aus dem bereits Studios wie Tiny Lab und SneakyBox hervorgegangen sind. Game-Design studieren kann man bisher nur am Vilnius Business College, viele Unis bieten aber entsprechende Module innerhalb anderer Studiengänge an. Entwickler, die Infos und Kontakte suchen, können sich jederzeit an die Lithuanian Game Developers Association wenden: Derzeit versteht sie sich mehr als Netzwerk-Hub denn als Lobby-Organisation der Branche.

Auch beim Spielehandel lohnt der Vergleich von Estland und Litauen. Dabei können wir auch gleich noch Estlands Handelslandschaft beleuchten, die wir in IGM 06 nur gestreift hatten. In beiden Ländern ist die Einkaufsgemeinschaft Euronics stark vertreten. Estland hat ca. 20 Euronics-Filialen, in Litauen stehen drei Euronics-Filialen und 33 Topo centras, die ebenfalls zur Einkaufsgemeinschaft gehören. Das Grundkonzept von Topo centras ähnelt dem anderer Elektronikmärkte: Hier gibt es alles vom Haartrockner über die Waschmaschine bis zur Spielkonsole. Ein flächendeckendes Netz von Spielefachhändlern existiert weder in Estland noch in Litauen, GameStop ist in keinem der beiden Länder aktiv. In Estland gibt es punktuell Fachhändler wie etwa ProGames, der im Einkaufszentrum Rocca al Mare in Tallinn sitzt und sein stationäres Angebot mit einem Online-Shop kombiniert.

Auch andere Läden in Tallinn verkaufen Games, meist jedoch als Teil einer größeren Produktpalette. Beispiele sind Apollo, Rahva Raamat (beide Multimedia) sowie Hobimaailm (Modellbau, Elektronik). Auch die Supermarktkette Prisma führt in ihren landesweit acht Filialen das eine oder andere Game. In Litauen mischt auch noch die Kette Elektromarkt (13 Filialen) im Games-Handel mit. Außerdem gibt es noch die Handelskette Beitukas, die im Netz unter prekes.net erreichbar ist und die vor rund zwei Jahrzehnten mit dem Verkauf von PCs und als Betreiber von Internet-Cafés begann – inzwischen hat sie sich in einen vollwertigen Anbieter von Entertainment- und Business-Elektronik verwandelt. Beitukas versucht, jedes wichtige Game bereits am Day One anbieten zu können.

Online-Boom
Sowohl in Estland als auch in Litauen boomt der Online-Handel mit Spielen. Litauen etwa wird von Händlern wie buypcgame.lt, gamecard.lt, procard.lt oder gameroom.lt beliefert. „Die Leute nutzen Amazon eher selten, sie bevorzugen litauische Quellen“, erzählt Arturas Rumiancevas. „Viele wollen mit ihren Kreditkarten einkaufen, die aber nicht in ganz Europa akzeptiert werden.“ Etliche der litauischen Online-Shops seien irgendwann aus Netzwerken von Spielefans entstanden, erzählt Rumiancevas. „Buypcgame.lt macht sehr gute Geschäfte, die verkaufen womöglich sogar mehr Spiele als Topo Centras.“ Angefangen habe buypcgame.lt mit dem Verkauf von Codes für PC-Spiele, später seien sie dann auch in den Konsolenmarkt eingestiegen. „Momentan expandieren sie mit Hardware und Zubehör“, so Rumiancevas.

Der Experte nennt ein charakteristisches Merkmal des Marktes: „PC-Gaming ist das Herzstück des baltischen und osteuropäischen Gaming. Vor allem deshalb, weil Konsolen-Gaming früher zu teuer war. Nicht in Bezug auf Hardware, sondern auf Software.“ In den Neunzigern sei hier alles raubkopiert worden, sogar Spiele, die danach in den Läden verkauft wurden. „In der Torrent-Ära boomte PC-Gaming. Die Litauer konnten in den Läden problemlos PC-Komponenten kaufen und zuhause zusammenbauen. Dadurch war der Hardware-Bereich sehr viel günstiger als in den westlichen Ländern, wo die Leute eher fabrikfertige Geräte kauften.“ Inzwischen gehe der Trend zu Gaming-Notebooks, so Rumiancevas. Den Start von Steam bezeichnet er als Wendepunkt im Kampf gegen die lange vorherrschende Piraterie. Mit den Winter Sales 2009 seien viele Litauer dann auf den Steam-Zug aufgesprungen. „Heutzutage ziehen viele Leute einen Kauf in Betracht, anstatt Spiele raubzukopieren.“ (feh)

Doch wie sieht es eigentlich mit Konsolenspielen aus? In IGM 08 beleuchten wir die Präsenz der First Parties in der Region. Außerdem porträtieren wir die lettische Spielebranche und stellen Vernetzungsaktivitäten innerhalb des Baltikums vor.