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Magazin: story

Living in a Box

Während wir in der letzten IGM vor allem die Standard-Schachteln im Blick hatten, geht’s jetzt um die dicken Dinger: Was macht eine gute Special Edition aus?

„Früher war alles besser – da gab’s in der ganz normalen Spielepackung noch Landkarten, ein dickes Handbuch, ein Gimmick. Heute muss ich dafür tiefer in die Tasche greifen und mir die Special Edition kaufen!“ Diesen Tenor bekommen wir immer wieder zu hören, wenn wir Spieler nach ihrer Lieblings-Zugabe in Spielepackungen fragen. Natürlich darf man nicht vergessen, dass Spiele heute das gleiche kosten wie vor zehn, 15, 20 Jahren: Ein PC-Titel lag damals bei rund 90 Mark, heute eben bei 45 Euro, und da ist die Inflation nicht mal mit eingerechnet. Trotzdem hat der Großteil der Befragten immer das Gefühl geäußert, heute weniger fürs Geld zu bekommen als früher. Christian Schmidt, ehemaliger Stellvertretender Chefredakteur bei GameStar und seit Jahren leidenschaftlicher Spielesammler, fasst den Wandel zusammen: „Früher bildeten Packung, Handbuch, Zusatzinhalte und das Spiel selbst eine Einheit. Heute wird ein Spiel als digitales Gut gesehen, das mit Packung und Zettelchen in den Handel kommt.“ Mit dem Wechsel von der dickeren Eurobox hin zur schmalen DVD-Box mit Amaray-Träger um die Jahrtausendwende waren die Beigaben endgültig auf dem Rückzug. In die dünnen neuen Standardboxen passt neben einem dünnen Handbuch vielleicht noch eine Landkarte rein, das war’s dann aber auch. Heute freuen sich die Spieler, wenn auch der normalen Version eines Titels etwas beiliegt, etwa eine Karte wie bei Skyrim – denn die ist nicht nur hübsch anzuschauen, sondern auch beim Spielen hilfreich. Richtig auffällige, ungewöhnliche oder abgedrehte Extra-Inhalte wie früher sucht man in den Standardversionen mittlerweile vergebens.

„Aus der Not geborene Beilagen“

Dabei waren heute legendäre Beilagen damals auch mal aus der Not geboren: Als EA 1988 das Rollenspiel Wasteland veröffentlicht, den Quasi-Vorgänger von Fallout, verweist das Spiel immer wieder auf durcheinandergewürfelte, nummerierte Absätze im gedruckten Handbuch. Diese Abschnitte beschreiben bestimmte Szenen auf dem Monitor ausführlicher in Textform. So konnten die Entwickler ohnehin knappen (und teuren!) Speicherplatz sparen, einen Quasi-Kopierschutz einbauen – und schufen nebenbei einen echten Handbuch-Klassiker. Lustigerweise waren zwischen die richtigen Story-Absätze noch Dummy-Abschnitte gestreut, damit neugierige Spieler sich nicht einfach vorab durchs Handbuch schmökerten und den Spielspaß verdarben.

Handbücher im BibelformatDas Wechselspiel zwischen dem eigentlichen Spiel und den Beilagen gab es in den Achtzigern und Neunzigern immer wieder, nicht nur bei Kopierschutzrädchen oder Handbuch-Abfragen vor Spielstart. Das Detektivspiel Deadline enthält 1982 unter anderem ein Notizbuch des Kommissars, Fotos vom Tatort, Verhörprotokolle. Die damals noch verkaufsstarken Simulationen wie Silent Service oder die Falcon-Reihe klotzen mit dicken  „Die Planke von Anno gehört  einfach zur Marke und Thorsten Kapp, Ubisoft: „Die Planke von Anno gehört einfach zur Marke und ist für uns unverzichtbar" Handbüchern, deren Umfang den Bedienungsanleitungen echter U-Boote und Jagdflugzeuge recht nahe kommen dürften. Auch sie beschreiben nicht nur, wie das Spiel funktioniert, sondern liefern jede Menge historischer Hintergrundinfos, Originalfotos, Kampftaktiken. Allerdings hatten die überwiegend US-amerikanischen Publisher auch einen Heimvorteil: Weil die US-Packungsgrößen nicht so standardisiert waren wie hierzulande die Eurobox, konnten die Publisher auch ungewöhnliche Formate in die Läden stellen. Doch irgendwann war auch damit Schluss, Microsoft etwa packte sein Flight Simulator-Manual nicht mehr als gedrucktes Handbuch bei, sondern nur noch als Datei zum Selberdrucken.

Heute stecken solche Extras in den zahlreichen Special, Collector’s und Limited Editions. Zum Teil gibt’s sogar mehrere Spezialversionen eines einzigen Titels: 2011 erscheint Crysis 2 auch als Limited Edition, zusätzlich können Vorbesteller die „streng limitierte“ Nano Edition ordern und bekommen den Shooter mit Artbook und großer Heldenfigur samt Lichteffekten geliefert, verpackt in einen Rucksack, der aussieht wie die charakteristische Crysis-Körperpanzerung. Kostenpunkt: knapp über 150 Euro. Zwei Jahre davor legt Activision seinem Call of Duty: Modern Warfare 2 in der Prestige-Edition ein funktionsfähiges Nachtsichtgerät bei. Fehlen nur noch die Urzeitkrebse...

Mein Freund,
der Mandelbaum
Aber auch einfachere Special Editions rechnen sich für die Publisher, wenn sie gut kalkulieren und den Nerv der Fans treffen. Thorsten Kapp, Head of Brand Marketing bei Ubisoft Deutschland: „Es geht hier immer um die Abschätzung von Potentialen.

„Wie Kinder vorm Überraschungs-Ei“

Die Zielgruppe des Spiels ist ebenso wichtig wie die Größe der Fanbase. Auch das Genre spielt eine entscheidende Rolle. Wenn die Entscheidung für eine SE gefallen ist, bemühen wir uns stets, den Fans attraktive Inhalte anzubieten.“ Was auch gelingt – Anno 2070 zum Beispiel erscheint in der limitierten Edition mit obligatorischem, aber hochwertigem Artbook, Soundtrack und Poster. Plus Solarbausatz, aus dem sich die Spieler ein Windrad, Auto oder Schiff basteln können. Bei Anno 1404 gibt’s unter anderem einen Kompass und ein Säckchen mit Mandelsamen obendrauf.