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Magazin: story

Copyright Basis-Bild: Spielwarenmesse eG / Alex Schelbert
Copyright Basis-Bild: Spielwarenmesse eG / Alex Schelbert

Messe-Fieber

Auf der Nürnberger Spiel­warenmesse ist die Groß- und Einzelhandels-Welt noch in Ordnung, denn dort werden weiterhin Jahresverein­barungen getroffen und Aufträge geschrieben. IGM hat sich vor Ort bei den Ausstellern der Games-Branche umgehört.
Seine zentrale Aufgabe beschreibt Peter Brücker in einem Satz: "Ich bin für die Salzstangen zuständig." Nun, ein bisschen weitreichender sind seine Aufgaben natürlich schon: Brücker organisiert seit Jahren die Marketpoint-Gemeinschaftsstände – einmal auf der gamescom, zum anderen auf der Nürnberger Spielwarenmesse vom 29. Januar bis 2. Februar. Dort auch in diesem Jahr eingebucht: der Burglengenfelder Distributor NBG Multimedia, Activision Blizzard, ak tronic Software & Services und Brückers ASM Neue Medien GmbH. Bei Hot Dogs, brühfrischem Kaffee, Mürbegebäck und, nun ja, Salzstangen werden Produktkataloge gewälzt, Preis- und Mengen-Listen durchdekliniert und Vorab-Muster studiert. Das Risiko, dass der Auftritt übersehen werden könnte, ist gering, denn der Messestand könnte strategisch kaum günstiger platziert sein: Wer das weitläufige Messegelände im Nürnberger Süden über den Eingang Ost betritt, muss nur einmal scharf links in Halle 4A abbiegen und steht direkt vor dem Stand.

Angst vor dem Corona-Virus
Wie bei allen internationalen Messen und Events war der grassierende Corona-Virus natürlich auch in Nürnberg eines der omnipräsenten Themen – Veranstaltungen wie der Mobile World Congress in Barcelona wurden kurzerhand abgesagt. Mit flächendeckend platzierten Sagrotan-Stationen, Aussteller-Sensibilisierung und Hinweisschildern hatte die Spielwarenmesse das ihr Mögliche dafür getan, potenziellen Infektionen vorzubeugen. Aus gutem Grund: Da es auf dem Gelände regelrechte "Asia"-Hallen gibt, ist die Messe in besonderem Maße betroffen – dort waren viele Mitarbeiter mit Mundschutz, teils sogar mit Handschuhen bewaffnet. "Das war für uns schon etwas eigenartig, denn somit war das Thema ein ständiger Begleiter auf der Messe", sagt NBG-Geschäftsführer Markus Biehl. Ein Begleiter mit Auswirkungen, wie auch ak-tronic-Chef Peter Schroer bemerkt: Zwar hätten alle Kunden und Lieferanten die vereinbarten Termine wahrgenommen, doch in Summe sei doch spürbar weniger los gewesen. Schroers Eindruck wird durch die offiziellen Zahlen der Spielwarenmesse bestätigt: 63.500 Fachhändler und Einkäufer aus 136 Ländern reisten nach Nürnberg, über 3.000 weniger als im Vorjahr. Im Schnitt kommen zwei von drei Besuchern aus dem Ausland.

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Das fängt ja
gut an
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Der Corona-Virus war somit in diesem Jahr nicht nur Smalltalk-Aufhänger, sondern wirkte sich tatsächlich sehr konkret auf die Messe aus. Das bekam auch Peter Brückers Team zu spüren: "Als wir am Montag vor der Messe auf unserem Stand angekommen sind, kam als erster ‚Besucher' ein Chinese mit einer Atemmaske durch die Halle und musste direkt vor unserem Stand husten. Da dachten wir: Das fängt ja gut an..." Im Nachgang stellte sich glücklicherweise heraus: Allen geht es gut, die Messe wurde gut überstanden.

Games-Branche mit Exoten-Status
Auch wenn sich die Spielwarenmesse-Veranstalter mühen, mit Themen wie "Digital goes Physical" und "Tech2Play"-Sonderflächen nicht sämtliche Bande zur Computerspiele-Branche zu kappen, so ist die Messe natürlich in erster Linie auf analoges Spielzeug spezialisiert – ein Festival von Brettspielen, Puzzles, Plüschtieren, Karnevalskostümen und Modelleisenbahnen. Klassische Videospiele haben auf dem Gelände allenfalls Exoten-Status. Das war vor 20 Jahren noch anders, als Electronic Arts, Vivendi, Konami oder Microsoft in Nürnberg ausstellten. Nintendo nutzte die Messe einst sogar, um den Gameboy Advance und Gamecube vorzustellen. Von diesen glorreichen Zeiten ist die Veranstaltung weiter entfernt denn je.

Was veranlasst NBG und ak tronic dann trotzdem, weiterhin in Nürnberg dabei zu sein? "Spielwarenmesse und gamescom haben grundsätzlich unterschiedliche Zielgruppen im Fokus", sagt Marketpoint-Macher Brücker. "Zeitlich liegen sie auch auseinander, so dass sie keinen Wettbewerb unter den Ausstellern und Besuchern haben." Als reine Fachbesuchermesse lasse sich die Spielwarenmesse nicht wirklich mit den gamescom-Besucherzahlen vergleichen. "Für die Entertainment-Branche lohnt sich ein Besuch der Spielwarenmesse, während die gamescom für sie natürlich ein Pflichttermin ist. Auch für Händler aus dem klassischen Handel lohnt sich sicherlich der Besuch der gamescom. Natürlich ist die Spielwarenmesse nicht unsere wichtigste Messe, aber der Termin ist perfekt für uns, um im Bereich Non-Games das Jahr gut planen zu können, denn die Produktionszeiten sind deutlich länger als im Games Bereich."

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Produktions­zeiten sind deutlich länger als im Games Bereich
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Gespräche in entspannter Atmosphäre
Abgesehen davon, dass es sich bei der Spielwarenmesse nun mal um eine reine Fachbesuchermesse handelt, gibt es natürlich weitere Unterschiede zur gamescom – etwa die längere Tradition und damit den weiterhin viel höheren Schlips-Anteil, wie ak-tronic-Geschäftsführer Peter Schroer beobachtet hat. "Der Zeit- und Termindruck auf der gamescom ist deutlich höher, da die Messe kürzer ist und sich in dieser Zeit viel mehr Besucher mit den Ausstellern treffen wollen", erklärt Peter Brücker. "Den Andrang in den Entertainment-Hallen gibt es auf der Spielwarenmesse überhaupt nicht. Die Spielwarenmesse ist traditionell auch für viele kleine Händler und kleine Aussteller eine über Jahrzehnte gewachsene Ordermesse." Davon profitiert auch NBG-Mann Markus Biehl: "Unsere Besucher sind zu 80 Prozent die gleichen, die auch zur gamescom kommen. Die Atmosphäre auf der Spielwarenmesse ist deutlich entspannter und Gespräche in normaler Lautstärke sind problemlos möglich. Und bedingt durch die Jahreszeit kann man auf den Einsatz von Klimaanlagen verzichten, was auch ein Vorteil ist."

Umsatzbringer Cable Guys
NBG vertreibt unter anderem das Portfolio von 505 Games, Aerosoft, Headup Games und Activision Blizzard. Immer größere Bedeutung bekommt das Thema Merchandising: NBG-Partner JINX produziert Schlüsselanhänger, Kissen und Figuren zum Action-Rollenspiel Cyberpunk 2077, dem wohl meisterwarteten Spiel der laufenden Saison. Rechtzeitig vor dem Release am 17. September sollen passende Fanartikel im Handel vorrätig sein. Mehr als glücklich ist Biehl mit den Absatzzahlen der sogenannten Cable Guys aus dem Hause EXG – originelle Gamepad-Halterungen zu Tarifen zwischen 20 und 25 Euro. Kaum eine Comic-, Spiel- oder Film-Figur, die nicht als Kabelkumpel fungieren darf: Deadpool, Iron Man, Darth Vader, Spyro, Buzz Lightyear, Sonic, Batman und viele weitere. Die Modelle füllen inzwischen ganze Regalreihen. In Nürnberg zeigt Biehl jene Cable-Guy-Neuheiten, die noch in diesem Jahr für Umsatz sorgen sollen – zuweilen noch in Form von Prototypen. "Neben den Cable Guys war das Interesse besonders groß an den ‚Grabbers – unser Einstieg in den Mobilfunk-Markt", schwärmt Biehl. "Grabbers können ein Smartphone halten und laden gleichzeitig das Gerät per Induktion. Damit sind sie sowohl für den Einsatz zu Hause als auch im Auto geeignet und sehen dabei noch sehr gut aus." Gemeinsam mit AMS habe man auch neue Lizenzartikel zeigen können, darunter Nintendo-Plüschfiguren von Sai-Ei und neue Produkte rund um den Dauerbrenner Minecraft.

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Viel höherer Schlips-Anteil
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Neuheit von ak tronic: die Tassen-Pyramide
Trotz der Corona-Virus-Widrigkeiten zieht Peter Brücker ein positives Messe-Fazit: "Die Spielwarenmesse hat sich wieder für die Händler aus der Entertainment Branche als Treffpunkt etabliert. Es sind zwar nur wenige Anbieter aus dem Entertainment Bereich auf der Messe, aber die Warenbereiche wie Merchandise und Spielware finden immer mehr Platz in den Regalen der Entertainment Händler." Davon profitiert auch ak tronic aus dem münsterländerischen Saerbeck: Vorgestellt wurden unter anderem Switch- und PlayStation-4-Neuheiten für das Ostergeschäft, dem ersten wichtigen Umsatz-Termin des Kalenderjahres. Mit der "Tassen-Pyramide" haben die Erfinder der Software-Pyramide außerdem eine neue POS-Idee, die sehr gut angekommen sei. "Die Spielwarenmesse wird für uns immer wichtiger", stellt Peter Schroer fest. "Da sich unser Gesamtsortiment Richtung Spielwaren und Merch verändert, ist das kein Wunder."

In Summe fällt auch das Fazit von Markus Biehl positiv aus: "Wir konnten in ruhiger Atmosphäre viele Neuheiten präsentieren und dadurch, dass nicht viele Aussteller aus unserer Branche da waren,  war die Verweildauer unserer Besucher deutlich länger als zum Beispiel auf der gamescom. Mit ein Grund dafür ist natürlich auch die sehr gute Verpflegung des Ausrichters Marketpoint." Ein Lob, über das sich auch Salzstangen-Beauftragter Peter Brücker freuen dürfte. (pf)