Anzeige

Anzeige

Magazin: story

Mittendrin im Spielgeschehen

Manche Spiele packen uns so sehr, dass wir die Welt um uns herum vergessen. Wie aber gelingt ihnen das? IGM hat Experten befragt.

Hinter den Bergen geht gerade die Sonne unter. Langsam trottet mein Pferd durch hohes Präriegras, der schmale Pfad ist in der Dämmerung kaum noch zu erkennen. Über uns kreist ein Raubvogel, am Abendhimmel werden die ersten Sterne sichtbar, in der Ferne heulen Wölfe um die Wette. Ich lenke das Pferd gen Süden: Irgendwo dort muss der San Luis River fließen, der die Grenze zu Mexiko bildet. Noch weiter südlich liegt Chuparosa, das Ziel meiner Reise. Während die Gedanken zu vergangenen Abenteuern schweifen, legt sich fahles Mondlicht über die Prärie. Vor Mitternacht werde ich kaum in Chuparosa sein. Was mich wohl unterwegs erwartet?

Red Dead Redemption ist eines der faszinierendsten Spiele der letzten Jahre. Schier endlos kann man als Westernheld durch die Prärie reiten und dabei ständig Neues entdecken. Wenn über RDR gesprochen oder geschrieben wird, fällt häufig der Begriff „Immersion“. Der Rockstar-Titel sei besonders „immersiv“, weil er eine gigantische Spielwelt, glaubwürdige Charaktere und eine spannende Story biete. Aber auch bei Games aus ganz anderen Genres ist immer wieder von einem „hohen Immersionsgrad“ die Rede, sei es nun BioShock, MotorStorm oder das gute alte Tetris. Da liegt der Verdacht nahe, dass „Immersion“ ein Buzzword ist, ein Modewort, das zwar alle eifrig verwenden, von dem aber jeder eine andere Vorstellung hat. Was bedeutet „Immersion“ nun eigentlich?

Eine Frage der Wahrnehmung„Der Begriff war ursprünglich eine Metapher für das Eintauchen in Wasser und wurde aus der Literaturwissenschaft auf elektronische Medien und schließlich auf Computerspiele übertragen“, erklärt Daniel Pietschmann vom Institut für Medienforschung der TU Chemnitz. „Man versteht darunter im weiteren Sinne das Versinken eines Spielers in eine andere Wahrnehmungsumgebung, die die gesamte Aufmerksamkeit des Spielers auf sich zieht.

„Alle Sinne sind auf das Erlebnis gerichtet, sodass die Realität überlagert wird“

Alle Sinne sind auf das Erlebnis gerichtet, sodass die Realität überlagert wird. Somit entsteht theoretisch die Illusion, die medialen Sinneseindrücke seien real.“ Schon in seiner Masterarbeit (erschienen im Verlag Werner Hülsbusch) hat sich Pietschmann mit diesem Phänomen beschäftigt, als wissenschaftlicher Mitarbeiter sind seine Forschungsschwerpunkte Medienpsychologie und Computer Game Studies. Den Begriff „Immersion“ hält Pietschmann für schwammig: „Einerseits wird er zur Beschreibung eines subjektiven Zustands benutzt – dem Empfinden des Spielers. Andererseits wird er mit technischen Aspekten in Verbindung gebracht, etwa Grafikqualität oder Reaktionsgeschwindigkeit der Spielwelt.“ An der Immersion seien aber immer auch kognitive Prozesse und die Wahrnehmung der Sinnesorgane beteiligt, so Pietschmann: „Für eine erfolgreiche Immersion ist der gesamte Kontext der Mediennutzung relevant.“

  Daniel Pietschmann, TU Chemnitz: "Verschiedene Formen der Involvierung" Um Games analysieren zu können, braucht es trennscharfe Definitionen. Pietschmann schlägt deshalb eine Unterteilung in „Immersion“ und „Engagement“ vor – und liefert zu beiden Begriffen auch gleich Beispiele. „Immersion beziehe ich auf die eher unbewussten bzw. passiv ablaufenden Prozesse des Eintauchens, die ich als rezipierenden Modus der Mediennutzung auffasse. Dieser liegt vor, wenn ein Spieler Inhalte innerhalb der Spielwelt ohne großes Nachdenken automatisiert verarbeitet, zum Beispiel die authentische Darstellung der Landschaft in Skyrim.“ Das menschliche Gehirn könne solche Darstellungen verarbeiten, weil es bereits über die notwendigen Schemata (Faktenwissen, Wissen über Prozessabläufe) verfüge und diese nicht erst neu bilden müsse, so der Forscher. Oder anders formuliert: Wer durch die Spielwelt von Red Dead Redemption reitet, muss nicht jeden Baum, Strauch oder Berg aktiv entschlüsseln – das wäre auch ziemlich anstrengend.

Zwischen Tutorials und Raid-GuidesIm Kontrast zur passiven Mediennutzung steht das „Engagement“: „Beschäftigt sich der Spieler mit übergeordneten Zusammenhängen eines Textes oder mit ihm unbekannten, neuen Aufgaben im Spiel, befindet er sich in einem analytischen Modus der Mediennutzung“, so Pietschmann. „Das Erlernen der Bedienung in Tutorials, die strategische Missionsplanung anhand von Übersichtskarten oder das Lesen von Raid-Guides finden außerhalb der eigentlichen Spielwelt statt, ermöglichen dem Spieler aber ebenfalls eine intensive kognitive Beschäftigung mit dem Spiel.“ Beide Rezeptionsmodi – „Immersion“ und „Engagement“ – vereint Pietschmann unter dem Begriff „Involvierung“. Dieser bezeichnet den allgemeinen Aktivierungsgrad des Spielers: Wie intensiv er sich also mit dem Spiel beschäftigt und wie stark er darin aufgeht.

In seinem Buch beschreibt Pietschmann eine ganze Reihe von Involvierungsformen, die – je nach Spiel – in unterschiedlicher Kombination auftreten. Involvierung kann visuell sein, aber auch sensomotorisch (z.B. durch Bewegungssteuerungen), räumlich, narrativ, emotional, sozial, temporal oder systemisch. Räumliche Involvierung herrscht etwa dann, wenn sich der Spieler als Teil einer lebendigen, manipulierbaren Welt fühlt. Genau dieses Ziel verfolgt Piranha Bytes mit seinem RPG Risen 2: Dark Waters, das am 27. April in die Läden kommt. „Eine Welt wirkt dann besonders authentisch, wenn sie tatsächlich auf das Verhalten des Spielers reagiert – nicht nur zum Schein, sondern mit echten Handlungsalternativen“, sagt Roman Grow, Senior Producer bei Deep Silver. „Das zeigt sich im gesamten Quest-Design von Risen 2. Die Aufgaben lassen sehr individuelle Lösungsmöglichkeiten zu und laden dazu ein, eigene Ideen auszuprobieren.“