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Magazin: story

Copyright Basis-Bild: DmytroKos/stock.adobe.com
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Natur, Kultur ... und Games?

Vielfältige Wandermöglichkeiten, uralte Klöster und gastfreundliche Menschen: Georgien wird bei Touristen immer beliebter. Doch wie ist es um die Games-Industrie in dem Kaukasus-Staat bestellt? IGM war vor Ort und hat sich umgesehen.
Als Spieleproduzent ist Georgien ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Für Urlauber allerdings ist es längst kein Geheimtipp mehr. Der kleine Staat (3,7 Mio. Einwohner) bietet eine enorme Vielfalt an Landschaften und jede Menge Kultur. Ob nun die Schwarzmeerstadt Batumi im Westen, die Fünftausender des Großen Kaukasus im Norden, die Weinbaugebiete Kachetiens im Osten oder der Kleine Kaukasus im Süden: Überall lohnt es sich, ein paar Tage – wenn nicht gar Wochen – Station zu machen. 27 Jahre nach seiner Unabhängigkeit ist Georgien zwar arm (BIP pro Kopf: 10.747 USD) und die Wirtschaft fragil, doch gerade in der Hauptstadt Tbilisi spielen Informations- und Kommunikationstechnologien eine immer größere Rolle. Start-ups sprießen aus dem Boden, die Eine-Million-Einwohner-Metropole gewinnt zusehends an Internationalität.

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VR ist für Nachwuchs-Entwickler
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Bei unserem Besuch in Tbilisi statten wir auch dem jungen Entwicklerstudio Happy Bat Games einen Besuch ab. Die Firma sitzt im Stadtteil Nutsubidze Plato, der von Unis und Hochschulen geprägt ist. Direkt hinter dem Eingang rechts befinden sich Glaskästen, in denen Happy Bat Games seine VR-Spiele testet. Gegründet wurde das Studio im Februar 2017, die Firma hat inzwischen sechs Mitarbeiter: den Geschäftsführer Lasha Gigitelashvili, drei Entwickler, einen 3D Artist und einen Marketing-Spezialisten. Die ersten beiden Titel – Mad Farm and VR Table Sports – sind bereits auf Steam erhältlich, ein dritter befindet sich noch in Entwicklung. Dennoch möchte sich Happy Bat nicht auf Virtual Reality festlegen. "Wir überlegen gerade, auf was wir uns spezialisieren wollen", sagt Alexandr Shapatava. der das Marketing verantwortet. "Vor kurzem sind wir in den Mobile-Markt eingestiegen. Wir haben dafür einen Publisher gefunden – Voodoo – und wir versuchen in diese Richtung zu arbeiten. Aber als noch junges Unternehmen können wir noch nicht mit Gewissheit sagen, welche Spiele wir künftig machen wollen."

In Estland registriert
Die VR-Schiene hat Happy Bat vor allem aus taktischen Gründen gewählt. "Meiner Meinung nach ist VR für Nachwuchs-Entwickler sehr vielversprechend", sagt Shapatava. "Hier herrscht weniger Konkurrenz, und der Markt wird nicht jeden Monat von hunderten neuer Indie-Projekte überschwemmt." Der einzige Nachteil sei, dass sich VR nur schwer vermarkten lasse. "Nur wenige Leute besitzen geeignetes Equipment, viele interessieren sich eher für VR-Experiences als für die Spiele selbst. Aber wenn man es richtig macht, ist es eine gute Gelegenheit, besonders auf dem asiatischen Markt." Ähnlich wie Happy Bat Games setzen auch die Storm Bringer Studios auf eine Mischung aus VR und Mobile. Das Unternehmen nahm jedoch einen eher ungewöhnlichen Werdegang: Es wurde 2013 in der estnischen Hauptstadt Tallinn gegründet – als Teil des Accelerator-Programms der Firma GameFounders. Bekanntermaßen ist Estland ein Eldorado für Start-ups aus dem In- und Ausland: Die Gesetzgebung ermöglicht die Gründung "virtueller" Firmen, die zwar in Estland registriert sind, ihren Sitz aber im Heimatland haben (vgl. IGM 06/2017). "GameFounders hat uns eine Anschubfinanzierung gegeben, uns vernetzt und Freunde in der Industrie vermittelt", sagt Storm-Bringer-CEO Irakli Kokrashvili. "Wir können von Glück sagen, dass wir an diesem Accelerator teilnehmen konnten, als wir in die kommerzielle Spieleentwicklung eingestiegen sind." Inzwischen hat die Firma zwölf feste und mehrere freie Mitarbeiter, die das Studio bei größeren Projekten anfragt. Mit seinen Games ist Storm Bringer durchaus erfolgreich. Zuletzt hat das Studio die Mobile-Titel Magicraft: Balance und Pixel Fury 3D (4 Mio. Downloads) sowie den Virtual-Reality-Shooter VRZ: Torment veröffentlicht. Neu ist auch das "Arcade Hyper Reality Game" Genesis, ein Outsourcing-Projekt für die georgische Firma VRium.

Kokrashvili ist so etwas wie der Strippenzieher der georgischen Games-Branche: Gemeinsam mit Freunden und Kollegen gründete er Anfang 2014 das Georgien-Chapter der International Game Developers Association, das mittlerweile rund 20 Mitgliedsfirmen hat. In den letzten Jahren hat IGDA Georgia zwölf große und etliche kleinere Game Jams und Events organisiert; im Mai dieses Jahres fand dann zum ersten Mal die Tbilisi Digital Expo statt. Kokrashvili schätzt, dass es in Georgien zwischen 250 und 300 Entwickler und Artists gibt – eine (allerdings unvollständige) Liste findet man unter facebook.com/groups/GeorgianGameIndustry/announcements. Zu den wichtigsten Games-Produzenten Georgiens zählen – neben Storm Bringer und Happy Bat – die Firmen LemonDo, Talgame, Bonsters und Revolt Entertainment. Als größten Vorteil des Spiele-Produktionsstandorts Georgien sieht Kokrashvili das erstklassige Preis-Leistungs-Verhältnis. "Nachteile sind, dass es hier weder eine Entwicklerkultur noch genügend qualifizierte Spezialisten in bestimmten Gebieten gibt, zum Beispiel in der Concept Art, der Animation und im Sound-Design." Ähnlich äußert sich auch Alexandr Shapatava von Happy Bat Games: "Die georgische Entwicklerlandschaft ist ziemlich karg. Leider fehlen hier sehr viele Fachleute. Keine Entwickler, aber zum Beispiel Concept und Animation Artists. Die Unternehmen müssen sie meistens selbst ausbilden." Die Regierung fördere zwar technische Innovationen, aber eben keine Gaming-Start-ups im Speziellen: Die Förderhöhe beträgt 100.000 Georgische Lari, umgerechnet rund 35.000 Euro. "Dafür kann sich jeder bewerben, ob nun mit einer Idee für ein Game oder für etwas Anderes", sagt Kokrashvili. Für Games gebe es auch keine speziellen Inkubatoren.

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Leider fehlen
hier sehr viele Fachleute
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Keine Mehrwertsteuer
Immerhin muss die georgische Digitalindustrie keine Mehrwertsteuer für Verkäufe im Ausland zahlen. "Wir zahlen zum Beispiel keine Mehrwertsteuer auf Steam-Verkäufe", so Shapatava. Im App Store hat Happy Bat allerdings mit deutlichen Nachteilen zu kämpfen. "Wir können keine Bezahl-Apps und In-App Purchases veröffentlichen, sondern nur Gratis-Apps mit Werbung", so der Marketing-Manager. Warum das so ist, weiß Shapatava nicht. "Vielleicht liegt es daran, dass diese Region nicht unterstützt wird, oder dass es Probleme bei der Gesetzgebung gibt. Uns ist nicht klar, warum wir hier nicht ganz normal arbeiten können." In den Nachbarländern Armenien und Aserbaidschan sei die Veröffentlichung von Bezahl-Apps problemlos möglich. "Warum also nicht auch in Georgien?"

Trotz solcher Hindernisse ist Shapatava zuversichtlich. "In Georgien gibt es eine ganz ordentliche Zahl von Gamern. Die jungen Leute sind sehr daran interessiert, ihre eigenen Games zu entwickeln, etwas Neues zu erschaffen. Ich denke, da liegt die Zukunft der georgischen Games-Entwicklung." Spezielle Studiengänge für Game Design gibt es zwar noch nicht, wohl aber Hochschulen, die Unity-Kurse anbieten. Ein privater Anbieter ist die STEP Computer Academy, die weltweit Niederlassungen hat. Vor drei Jahren richtete die georgische Regierug in Tbilisi ein Gamelab ein – doch nach dem Ende der staatlichen Förderung ist es nicht mehr funktionsfähig.

Konferenz-Premiere
Zugleich steigt aber in Georgien das Interesse an allem, was mit Computerspielen zu tun hat – ob das nun Game Jams sind, E-Sport-Events oder Konferenzen. Der offizielle E-Sport-Bund Georgiens wurde vor mehr als zehn Jahren gegründet. Auch esports.adjara.com fördert und organisiert Veranstaltungen. Die Tbilisi Digital Expo (tde.ge) war das erste internationale Gaming-Event Georgiens. Die TDE fand am 16. Mai im Tech Park von Tbilisi statt, einem staatlich geförderten Technologiezentrum im Vorort Okrokana. 20 internationale Branchenvertreter waren zu Gast und hielten Lesungen und Masterclasses; auch ein Game Jam war Teil der Veranstaltung. "Wir haben die Teilnehmer nicht gezählt, das Event war aber eine ziemlich intensive Erfahrung und wir haben sehr gutes Feedback bekommen", sagt Mitorganisator Irakli Kokrashvili von Storm Bringer Studios. Gesponsert wurde die TDE von der Plattform "Kultur Mitteleuropa", einem Zusammenschluss der Visegrád-Staaten Polen, Österreich, Tschechien, Slowakei und Ungarn. Auch sonst zählt Polen zu den Förderern der georgischen Games-Industrie: 2017 beispielsweise sponserte die polnische Botschaft den Georgien-Messestand bei der Poznan Game Arena in Polen.

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Die georgische Entwicklerszene steckt noch in den Kinderschuhen
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Einer der Speaker bei der Tbilisi Digital Expo war Jogi Neufeld vom Wiener Games-Hub Subotron (vgl. IGM 03/2017): Er hielt einen Vortrag zur Geschichte der österreichischen Games-Industrie. "Die georgische Entwicklerszene steckt noch in den Kinderschuhen", konstatiert Neufeld. "Was österreichische Firmen über die Jahrzehnte gelernt haben, kann der noch ganz jungen Entwicklerszene Georgiens helfen, Fehler zu vermeiden – auch wenn sich der Markt sehr stark geändert hat." Der Wiener ist von der TDE durchaus angetan: "Das Publikum reichte von euphorisierten Teenagern bis hin zu Politikern kurz vor der Pension." Die Konferenz fand in zwei Räumen des Tech Park statt, jeder der Visegrád-Staaten hatte einen Messestand mit mehreren Spielen. "Ein bisschen schade war, dass nur wenige Games aus Georgien gezeigt wurden. Das war wohl dem mangelnden Platz geschuldet", so Neufeld. Der Besuch in Georgien habe ihm eines erneut bewiesen: "Du kannst dir dein Team remote aus der ganzen Welt zusammensuchen und ein erfolgreiches Studio aufbauen – ob du nun in Tiflis, in Neuseeland oder im brasilianischen Urwald sitzt." Auch Alexandr Shapatava von Happy Bat Games war mit seinen Kollegen bei der TDE. Ein Nachteil sei gewesen, dass die Konferenz mitten in der Woche stattfand. "Den Organisatoren zufolge musste es da stattfinden, weil ein entsprechender Wunsch der polnischen Botschaft vorlag", so Shapatava. "Die Location war auch ziemlich weit vom Stadtzentrum entfernt." Insgesamt ist er mit dem Event aber sehr zufrieden: "Es gab großartige Sessions für Entwickler und Geschäftsleute. 11 bit studios waren hier und haben komplett abgeräumt."

Überschaubarer Handel
Die georgische Spieleproduktion befindet sich zweifellos im Aufwind – schon bald dürften sich größere Erfolge einstellen. Die georgische Handelslandschaft hingegen ist höchst überschaubar, besonders im Fachhandel. "Wir haben nur GameZone. Die verkaufen hauptsächlich Spiele für PS4, Xbox One und Nintendo Switch", sagt Alexandr Shapatava. Der Händler GameZone betreibt insgesamt fünf Filialen, alle in Tbilisi. Konkurrenz machen ihm vor allem Elektronikhändler wie Zoommer oder Altaokay. Es sei sehr schwierig, im stationären Handel eine Switch zu finden, erzählt Shapatava. "Das ist ein generelles Problem kleiner Länder – keiner der großen Player interessiert sich für sie. Warum sollte man Geld in Distributionsstrukturen in einem Land investieren, in dem nicht mal vier Millionen Menschen leben?"

Angesichts des Hardware-Mangels wählen georgische Konsumenten häufig einen anderen Weg: Sie bestellen Konsolen und Zubehör via Amazon bei ausländischen Firmen, zum Beispiel in den USA. "Der Paketversand kostet rund 8 US-Dollar pro Kilo", sagt Shapatava. Bei einem monatlichen Durchschnittseinkommen von 440 USD ist das allerdings ziemlich viel Geld. Fazit: Games-Produktion und -Handel haben in Georgien noch großes Wachstumspotenzial. (feh)