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Magazin: story

Copyright Basis-Bild: alamos82/stock.adobe.com
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Öl, Fische... und Games

Fjorde und Strickpullis, Hurtigruten und jede Menge Öl: Die Klischees über Norwegen sind zahlreich. Doch wie ist es eigentlich um die dortige Games-Industrie bestellt? Dieser Frage gehen wir in Teil 2 unserer Serie "Nordische Länder" nach.
Funcom ist wieder da – und das ist keine kleine Überraschung. Vor ein paar Jahren war das norwegische Studio in eine existenzbedrohende Krise geschlittert: Das MMO The Secret World lief weit schlechter als erwartet, Funcom hatte ein Copyright-Verfahren am Hals, die finanziellen Verluste führten zu Massenentlassungen und Schließungen ausländischer Dependancen. Langsam arbeitete sich Funcom aus dem Tal heraus: Man fand neue Investoren, veröffentlichte risikoärmere Titel und sicherte sich die Rechte an der Conan-Marke. Anfang 2017 startete Conan Exiles im Early Access, jetzt hat Koch Media die Vollversion des Open-World-Games auf den Plattformen PS4, Xbox One und PC veröffentlicht. Ob Conan Exiles die Verkaufserwartungen bestätigt, muss sich noch zeigen. Eines steht aber auf jeden Fall fest: Funcom ist wieder im Geschäft.

Flaggschiff Funcom
Funcom ist das mit Abstand bekannteste Studio Norwegens. Es lässt die übrige Entwicklerlandschaft in den Hintergrund treten – ähnlich wie CCP in Island (vgl. IGM 06/2018). Dabei ist die norwegische Games-Branche durchaus vielfältig – und bringt immer wieder originelle, gut gemachte Titel hervor, zum Beispiel Owlboy (D-Pad Studio), Teslagrad (Rain Games) oder Among the Sleep (Krillbite). Bevor wir uns aber Norwegens Produktionsbedingungen widmen, schauen wir uns kurz ein paar demografische und wirtschaftliche Eckdaten an. Das Land hat knapp 5,3 Millionen Einwohner und eine Fläche von 323.802 Quadratkilometern, ist also mit 13 Einwohnern pro Quadratkilometer äußerst dünn besiedelt. Wirtschaftliches und kulturelles Zentrum ist unangefochten die Hauptstadt Oslo mit ihren rund 900.000 Einwohnern, gefolgt von Bergen (235.000 EW), Stavanger/Sandnes (200.000 EW) und Trondheim (165.000 EW). Norwegen gehört zu den Ländern mit der höchsten Lebensqualität in Europa und weltweit: 2016 belegte das Land Platz 1 auf dem "Index der menschlichen Entwicklung". Das liegt nicht zuletzt an der hohen Kaufkraft der Norweger (KKP: 69.249 US-Dollar), die von einer starken Wirtschaft (Öl, Gas, Strom aus Wasserkraft, Fischfang, Holzindustrie) gespeist wird.

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Rund 75 Prozent der Norweger
leben in den Ballungsgebieten
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Rund 75 Prozent der Norweger leben in den Ballungsgebieten, was auch dem Games-Verkauf zugute kommen dürfte. Die wichtigsten Games-Händler sind Platekompaniet.no, Power.no (ehemals Expert), Elkjop.no, Teknikmagasinet und Space World. Zu den bedeutendsten Distributoren zählen Bergsala (Nintendo), Nordisk Film (Sony) und Microsoft Norway. Games kosten in Norwegen ähnlich viel wie in Deutschland: So ist das neue God of War bei Platekompaniet.no für 599 norwegische Kronen (NOK) zu haben, umgerechnet rund 62,50 Euro. Die langen nordischen Nächte lassen sich also ganz gut auch zockend überbrücken.

Förderung vom Filminstitut
Wir wollen nun von norwegischen Entwicklern wissen, wie sie die Produktionsbedingungen einschätzen. Bendik Stang ist CEO von Snowcastle Games aus Oslo und Vorstandsmitglied der Norwegian Producers' Guild (Virke Produsentforeningen). "Norwegen ist in vielerlei Hinsicht ein wirklich toller Platz für Indie-Start-ups", sagt er. "Wir haben ein solides Sozialversicherungssystem, man wird also nicht hungernd auf der Straße landen – egal, wie schlecht es läuft. Hat man ein gutes Game-Projekt, kann man einen Produktionszuschuss beim Norwegian Film Institute beantragen." Die 2,1 Millionen Euro, die der Fonds jährlich ausschüttet, hätten in der norwegischen Indie-Szene viel bewegt. Außerdem könne man über das Programm "Skattefunn" Steuererleichterungen von 20 Prozent für R&D-Projekte beantragen. "Das Coole dabei ist: Selbst wenn ein Unternehmen noch nicht in die Steuerkategorie fällt – was ja bei vielen so ist, wenn sie ihr erstes Game entwickeln – kann es sich den Erlass bar auszahlen lassen", berichtet Stang. "Darüber hinaus ist es auch noch möglich, einen Zuschuss zu beantragen, der durch die erste Phase als Start-up-Unternehmen hindurchhilft."

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Man wird nicht hungernd auf der Straße landen – egal, wie schlecht es läuft
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Als großen Standortnachteil sieht Stang, dass sich norwegische Investoren bislang kaum für Games interessieren – ganz im Gegensatz zu Öl, Fischfang und Immobilien. "Die Regierung ist zwar in der Anfangsphase eine wirkliche Hilfe, es gibt aber kaum Privatkapital, um ein Studio über die frühe Start-up-Phase hinaus aufzubauen", sagt Stang. "Das ist wohl auch einer der Gründe, warum man kaum wirklich große Entwickler in Norwegen findet. Ich bin davon überzeugt, dass das Wachstum beschleunigt würde, wenn man Geld für die Produktion leihen könnte. Denn dann müsste nicht das ganze Geld von Investoren kommen." Der Snowcastle-CEO hat seinen Lohn über viele Jahre hinweg ins eigene Unternehmen gesteckt. Große Teile davon gingen aber immer für Steuern drauf. Als weiteren Nachteil nennt Stang den flachen Talente-Pool: Erfahrene Arbeitskräfte seien in Norwegen schwer zu finden, deshalb müssten die Firmen häufig im Ausland suchen. "Die Rekrutierung aus der EU ist ziemlich direkt möglich" sagt Stang, "aber es ist fast unmöglich, Arbeitskräfte von außerhalb der EU zu rekrutieren".

Gegründet wurde Snowcastle Games im Oktober 2009. Von einem vierköpfigen Gründerteam ist die Belegschaft auf elf Vollzeit- und drei Teilzeitmitarbeiter gewachsen. Der erste Titel Earthlock, ein Action-Adventure, erschien im September 2016; im April 2018 veröffentlichte Snowcastle die Remastered-Version. "In unser nächstes Spiel würden wir sehr gerne einen Multiplayer-Modus integrieren", sagt Stang, "aber weil wir das noch nie gemacht haben, ist es eine riesige Herausforderung für uns." Zum Glück kennt Stang eine ganze Reihe Entwickler, die genau diese Kompetenz besitzen. "Das wird hoffentlich unsere Lernkurve abkürzen."
Kollegialität ist in der norwegischen Entwicklerbranche ein wichtiger Faktor. "In der Community gibt es immer jemanden, der einem weiterhilft, man muss nur danach fragen", sagt Yngvill Hopen, CEO von Henchman & Goon. Das Indie-Studio wurde 2012 in der Stadt Bergen gegründet und hat momentan sieben Mitarbeiter. "Zwischenzeitlich waren wir doppelt so viele", erzählt Hopen. "Nach ein paar Jahren haben wir uns entschieden, die Firma aufzuteilen. Goon Tech übernimmt vor allem Auftragsarbeiten, während Henchman & Goon weiter primär unsere eigenen Spiele produziert." Das Studio sorgte erst kürzlich für positive Schlagzeilen, als der VC-Fund Altered Ventures aus dem Silicon Valley mehr als 400.000 US-Dollar in das 2018 erscheinende Spiel Pode investierte – ein Titel, dessen Preview-Version schon mehrere Festival-Awards einheimste. "Pode ist unser bislang größtes Projekt", sagt Hope. "Wir arbeiten bereits seit mehr als drei Jahren daran und freuen uns sehr auf den bevorstehenden Launch."

Konferenz in Bergen
In Bergen gibt es nicht nur eine rege Games-Community, sondern auch eine Konferenz namens Konsoll. "Sie bringt die Industrie zusammen, gibt uns die Gelegenheit, uns zu treffen und auch eine Ausrede, geschätzte KollegInnen von außerhalb einzuladen und über ihre Erfolge sprechen zu lassen", sagt Hopen. "Dass die Konferenz so klein ist, macht sie zu einer solch guten Gelegenheit für Gespräche und für das Lernen voneinander." Als einen der größten Nachteile des Produktionsstandorts Norwegen sieht Hopen die hohen Lebenshaltungskosten: "Das bedeutet höhere Löhne – und damit auch höhere Entwicklungskosten. Andererseits können wir auf einige hervorragende Regierungszuschüsse zurückgreifen, die solche Unterschiede abmildern." Auch Hopen beklagt, dass das Interesse lokaler Investoren bislang gering ist. "Aber wir versuchen das zu ändern."

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Höhere Löhne – und damit auch höhere Entwicklungs­kosten
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Ravn Studio wurde 2002 von Stine Wærn (CEO) und Tinka Town (COB) gegründet. Das Indie-Studio in Drammen hat mehr als 20 Releases quer über alle Genres und Plattformen vorzuweisen, mehrere Games basieren auf bekannten Familien- und Kindermarken. Derzeitiges Projekt ist eine 3D-Version des beliebten Rennspiels Pinchcliffe Grand Prix aus dem Jahre 2000. "Positiv an der norwegischen Games-Industrie ist: Sie wächst rasant, derzeit erscheinen viele interessante Titel. Wir haben eine gute staatliche Förderung für die erste Projektphase und für Start-ups", sagt Tinka Town. "Die Industrie arbeitet eng mit dem Kultusministerium als auch mit dem Minister for Business, Innovation and Skills zusammen. So stellt sie weiteres Wachstum und Wohlergehen der Games-Industrie sicher. Und es sieht vielversprechend aus."

Vorbild Finnland
Für Bendik Stang geht die staatliche Förderung noch nicht weit genug. "Ich denke, die norwegische Regierung muss sofort etwas unternehmen. Investoren brauchen zusätzliche Anreize. Investitionen in Games müssen risikoarm sein, so lange Investoren noch wenig über die Games-Industrie wissen." Finnland ist aus Sicht von Stang ein Vorbild: Dort matche die Regierung private Investitionen mit gleich hohen staatlichen Zuschüssen. "Das hat sich bei der Investorensuche als extrem effektiv herausgestellt", urteilt der Snowcastle-CEO. Zugleich fordert er, den Fonds des Norwegian Film Institutes aufzustocken. Das jetzige Budget helfe nur, wenn es auf wenige Firmen verteilt werde – bei einer breiteren Ausschüttung würden die Einzelbeträge zu klein. Die norwegischen Indie-Studios seien auf relevante Förderbeträge angewiesen, so Stang: "Wer aus der Masse herausstechen will, muss den Produktionswert steigern – und, was noch wichtiger ist, das Marketing-Budget erhöhen."

Auch Tinka Town sieht den Mangel an Venture Capital als eines der Hauptprobleme. Noch wüssten private Investoren nicht wirklich, wie die Games-Industrie funktioniere und welches Potenzial sie biete. "Aber die Branchen-Vertreter arbeiten daran, das zu ändern", zeigt sich Town optimistisch. "Es hilft definitiv, wenn der Staatssekretär die Fischfang-Industrie mit ihren 140 Milliarden NOK Umsatz und die Games-Industrie mit ihren 100 Milliarden NOK Umsatz vergleicht." Wer weiß, vielleicht sind Games für Norwegen ja irgendwann wichtiger als Fische – oder sogar als Öl. (feh)