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Magazin: story

Copyright Basis-Bild: ivanmollov/stock.adobe.com
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Oranje zockt

Tulpen, Käse und früher auch mal Fußball: Das sind bzw. waren die Aushängeschilder unseres Nachbarn Niederlande. Doch während die holländischen Kicker schwächeln, macht die Games-Industrie immer wieder mit tollen Titeln von sich reden – zuletzt etwa Guerilla Games mit Horizon Zero Dawn. Im vorliegenden ersten Teil unserer Benelux-Serie stellen wir deshalb die holländische Spielebranche vor. Teil 2 (IGM 02/2018) dreht sich dann um die dortige Handelslandschaft sowie um die Märkte Belgien und Luxemburg.
Keine Frage: Dieses Spiel ist ein voller Erfolg. Schon zwei Wochen nach dem Release (28.2.2017) überschritt Horizon Zero Dawn die Marke von 2,6 Millionen weltweit verkauften Exemplaren. "Guerrilla hat ein wahrlich außergewöhnliches Spiel geschaffen und die Reaktion der Fans, die stundenlang spielen und Unmengen von Bildern austauschen, zeigt, welche Wirkung es hat", freute sich damals Shawn Layden, Chairman der SIE Worldwide Studios. Später hatte Layden noch mehr Grund zur Freude: Bis Ende April stieg die Zahl der verkauften Exemplare sogar auf 3,4 Millionen, im Juni kehrte das Spiel gar an die Spitze der UK-Charts zurück. Horizon Zero Dawn ist damit DAS Aushängeschild der niederländischen Games-Branche: Entwickler Guerilla Games gelang, aus dem Nichts eine neue IP hochzuziehen, die auch bereits eine Expansion (The Frozen Wilds, 7.11.) erhielt. Sequels sind mehr als wahrscheinlich.

Grimmiger Shooter
Bevor Horizon erschien, war Guerilla Games vor allem für Killzone bekannt: Ein Franchise, das 2004 auf der PS2 begann, vier Haupttitel umfasste und bis 2013 auf der PS4 reichte (Killzone: Shadowfall). Der grimmige Shooter war eine starke Marke, gewiss – aber er steckte das Studio auch in eine Schublade. Umso mehr Mut bewies Managing Director Hermen Hulst, als er das Franchise (zumindest vorläufig) beiseite legte. "Wir dachten uns: Wir haben schon mehrere Killzones gemacht. Wäre es nicht schön, mal auszubrechen, unser angesammeltes Wissen zu nutzen und etwas ganz Anderes auszuprobieren?" so Hulst in einem Interview mit rollingstone.com. In einem sechswöchigen Pitching-Prozess seien Vorschläge aus allen Teilen der Firma zusammengekommen. Um wirklich neue Ideen zu finden, war Hulst auch bereit, aus dem Egoshooter-Genre auszubrechen. Die einzigen Vorbedingungen waren: Das neue Game sollte weder ein Renn- noch ein Rätselspiel sein. Für die Killzone-Games hatte Guerilla viele toughe Kriegerfiguren entworfen, deshalb stellte Aloy die Designer auch vor große Herausforderungen. "Unser großes Ziel war, eine Figur zu erschaffen, die in jeder Hinsicht zutiefst menschlich ist", erzählt Hulst. "Das beginnt damit, dass sie schon bei ihrer Geburt eine Ausgestoßene ist, was ihr Verhalten nachhaltig beeinflusst. Trotzdem ist sie eine liebenswürdige und komplexe Persönlichkeit." Fans und Medien teilten dieses Urteil, Horizon wurde zu einem der größten Hits des vergangenen Jahres.

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Leuchtturm Guerilla Games
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Guerilla Games ist der unangefochtene Leuchtturm der niederländischen Games-Industrie. Doch wie sieht es auf den folgenden Plätzen aus? Bevor wir diese Frage behandeln, betrachten wir zunächst ein paar demographische Eckdaten. 2016 lebten in den Niederlanden laut dem Zentralen Statistikbüro knapp 17 Millionen Menschen. Setzt man diese Zahl in Relation zur Staatsfläche von 41.548 Quadratkilometern, dann wird klar: Die Niederlande sind eines der am dichtesten besiedelten Länder der Welt. Auf einem Quadratkilometer leben dort durchschnittlich 408 Einwohner, in Deutschland hingegen nur 231 Einwohner. Die Niederlande besitzen sechs große Ballungszentren: Amsterdam (1,029 Mio. EW), Rotterdam (983.000), die Stadsregio Arnhem-Nijmegen (736.000), Den Haag (619.000), Utrecht (429.000) und Eindhoven (324.000). 2016 lag das kaufkraftbereinigte Pro-Kopf-BIP der Niederlande bei 51.049 US-Dollar, das von Deutschland bei 48.111 US-Dollar. Die Kaufkraft unserer Nachbarn ist also geringfügig höher – aber spiegelt sich das auch in der Kauflust der dortigen Spieler? Leidlich aktuelle Zahlen zum niederländischen Markt kommen von der Analysefirma Newzoo. Demnach lag der Gesamtumsatz mit Games im Jahr 2016 bei 521,3 Millionen US-Dollar – laut Newzoo Platz 19 der Weltrangliste. Das Konsolen-Segment lag mit 286,7 Mio. USD (55 %) deutlich vor Mobile (140 Mio. USD / 27 %) und PC (94,6 Mio. USD / 18 %). Gegenüber 2015 registrierte Newzoo ein Umsatzwachstum des Marktes von immerhin 6,8 Prozent. Für 2018 hat die Firma bereits eine Prognose abgegeben, danach wächst der Gesamtumsatz auf 596,5 Mio. USD. Interessant: Für ein eher kleines Land wie die Niederlande ist die Zahl der E-Sport-Fans mit 556.200 erstaunlich groß. Wenn Fußball schon keinen Grund mehr zum Jubeln bietet...

Kleine Teams
Aktuelle Zahlen zu Studios und Beschäftigten gibt es derzeit leider nicht: Der letzte offizielle Games Monitor der Dutch Games Association (DGA) stammt aus dem Jahr 2015, der nächste erscheint voraussichtlich erst im Laufe dieses Jahres. Dementsprechend sollte man die 2015er-Zahlen mit Vorsicht genießen. Damals gab es laut Games Monitor 455 Firmen mit insgesamt 3030 Vollzeitbeschäftigten, der erwartete Gesamtumsatz lag zwischen 155 und 225 Millionen Euro. Zwar war die Zahl der Firmen gegenüber 2011 um deutliche 42 Prozent gestiegen – doch gleichzeitig stagnierten die Umsätze und die Zahl der Beschäftigten. 245 Firmen wurden zwischen 2012 und 2015 gegründet, 110 mussten in diesem Zeitraum schließen: Auch das ein Zeichen dafür, dass die Branche nicht wirklich vital war. Zudem nahm die durchschnittliche Zahl der Beschäftigten pro Unternehmen von neun auf sieben ab – die meisten holländischen Spielefirmen bestehen folglich aus kleinen Teams.

In einem Gamasutra-Beitrag von 2016 konstatiert Joost Rietveld, Assistenzprofessor an der Rotterdam School of Management, dass das mangelnde Branchenwachstum mit einer starken Zunahme an Hochschulabsolventen zusammenfällt. Die Folge: Viele graduates finden erst einmal keinen festen Job. "Meiner Meinung nach gibt es dafür zwei herausstechende Gründe", schreibt Rietveld. "Erstens die Rolle der Digitalplattformen, auf denen die Mehrzahl der Games veröffentlicht wird. Und zweitens die Auswirkungen einer Marktdynamik, die auf Hits basiert." Rietveld gibt eine ganze Reihe von Anregungen, wie die Situation der niederländischen Entwickler verbessert werden kann – darunter die Steigerung von Business-Kompetenzen, mehr Praktika für Studierende und "Blockbuster-Strategien" für Nischeninhalte. Wie sich die Situation in den letzten zwei Jahren entwickelt hat, wird allerdings erst der diesjährige Games Monitor zeigen.

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Alles ist nah beieinander
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Doch wer sind denn nun – nach Guerilla Games – die bekanntesten holländischen Studios? Zu nennen sind auf jeden Fall die Triumph Studios aus Delft (Overlord 2, Age of Wonders III), die Firma Codeglue aus Rotterdam (Terraria, ibb and obb), Spil Games aus Hilversum (diverse Mobile-Titel) sowie Ronimo Games aus Utrecht (De Blob, Awesomenauts, Swords & Soldiers 1 und 2). Sehr stark sind in in Holland auch Serious Games, drei wichtige Firmen sind hier Tyrgon, Grendel Games und Active Cues. Einer der wichtigsten Game-Cluster der Niederlande ist der Dutch Game Garden (DGG) in Utrecht. Die Nonprofit-Organisation fördert Spieleproduzenten auf unterschiedliche Weise: Als Inkubator bietet der DGG Unterstützung bei der Unternehmensgründung und Ausbildung von Fachkräften, darüber hinaus auch Matchmaking und Dealmaking mit dem Ziel, die niederländische Spielebranche zu stärken. Andere Regionen berät der DGG bei der Gründung ähnlicher Cluster, die Online-Fortbildung übernimmt die Game Garden Academy. Im Lauf der Jahre hat der DGG eine ganze Reihe von Unternehmen bei der Spieleproduktion unterstützt. Beispiele sind Ronimo Games (Awesomenauts, Swords & Soldiers), Vlambeer (Nuclear Throne, Ridiculous Fishing), Active Cues (Tovertafel), Abbey Games (Reus, Renowned Explorers), Game Oven (Fingle, Bounden) sowie Ragesquid (Action Henk, Descenders).

Gute Ausbildung
Wir fragen JP van Seventer, den Managing Director des DGG, nach den Besonderheiten des Spieleproduktionsstandorts Niederlande. "Es gibt viele gute Ausbildungsprogramme, zum Beispiel an der Kunsthochschule Utrecht – und auch der Master in Game Technology an der Universität Breda. Von dort strömen viele Talente auf den Markt", so van Seventer. Und fährt fort: "Die Englischkenntnisse sind generell sehr gut. Die Niederlande sind ein kleines Land, deshalb ist alles nah beieinander und die Zusammenarbeit zwischen Firmen und Service-Providern einfach. Die Technik-, Design- und Kunstkenntnisse sind sehr groß." Ein Vorteil von Amsterdam sei, dass die Stadt einen sehr schnellen Internet-Hub besitze. Außerdem sei die Lebensqualität dort sehr hoch, die öffentlichen Verkehrsmittel und die Infrastruktur seien exzellent. Damit landet van Seventer auch gleich bei einem der Hauptnachteile des Standorts Niederlande: "Hohe Lebensqualität bedeutet auch, dass Steuern gezahlt werden müssen." Immerhin gebe es Steuernachlässe für ausländische Arbeitnehmer.

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Nur wenige
Start-ups reifen
zu gesunden Firmen heran
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Joost van Dongen ist Mitbegründer und Studiochef von Ronimo Games. "So wie es jetzt ist, ist es schon ziemlich gut – aber natürlich gibt es immer Sachen zu verbessern", fasst er die Standortfrage zusammen. "Am häufigsten hört man, wie sich Leute darüber beklagen, dass es zu wenig finanzielle Unterstützung vom Staat gibt. Länder wie Kanada und Frankreich haben große Förderprogramme mit Steuererleichterungen und Ähnlichem. Ich finde, da gibt es in den Niederlanden Verbesserungsbedarf." Die Situation der niederländischen Studios ist – aus van Dongens Sicht – nicht gerade rosig: "Momentan ist ein Nachteil, dass nur wenige der Start-ups zu gesunden Firmen heranreifen. Die Indie-Apokalypse ist real: Start-ups, deren Business-Plan sich nur auf die Produktion eines ‚coolen Games' beschränkt, scheitern oft." So langsam würden das aber immer mehr Firmen begreifen, so van Dongen, und sich vom Indie-Bereich hin zu anderen Bereichen orientieren, in denen Spieleentwickler leichter ein regelmäßiges Einkommen erzielen können. "Ich schätze aber, dass immer noch ein Großteil der niederländischen Spielefirmen nicht genug verdient, um als ‚gesund' bezeichnet werden zu können."

Mit seinen 19 Mitarbeitern zählt Ronimo Games schon zu den etablierten Spielefirmen. "Unsere größte künftige Herausforderung ist, dass der Wettbewerb innerhalb der Indie-Szene enorm zugenommen hat", so der Studiochef. "Heutzutage werden so viele Spiele für Steam und die Konsolen veröffentlicht, dass es längst nicht mehr ausreicht, einfach nur ein wirklich gutes Game zu produzieren." Momentan arbeitet Ronimo an einem neuen Charakter für den Erfolgstitel Awesomenauts. Über die anderen aktuellen Projekte will van Dongen noch nicht sprechen. Wir sind gespannt, was das Studio aus Utrecht demnächst der Community präsentiert. (feh)