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Magazin: story

Pappkameraden

Mit seiner Games-Spielzeug- und Bastel-Mixtur "Labo" hat Nintendo für Aufsehen gesorgt. Doch wie der Markt das Konzept annehmen wird, kann mangels passender Präzedenz-Produkte kaum jemand einschätzen. Wir versuchen's trotzdem: IGM über ein ehrgeiziges Experiment – irgendwo zwischen Wii, Virtual Boy und Papercraft.
Roboter-Anzüge mit komplexer Flaschenzug-Mechanik. Mini-Klaviere und puppige Eigenheime. Angeln, Motorrad-Lenker und sogar über den Boden zuckelnde Papp-Käfer: Wer dachte, Nintendo würde sich auf den Verkaufserfolgen des ersten Switch-Jahres ausruhen, der wurde vom ungewöhnlichen "Labo"-Konzept des Herstellers kalt erwischt. Das verwandelt Pappbögen mit Hilfe von Software und Joy-Cons in Erlebnis-Sets mit funktionstüchtiger Mechanik. Damit aus dem Papp-Klavier ein echtes Musikstudio wird, sich mit der Angel Forellen aus dem Display-Weiher fischen lassen und der Riesen-Roboter in der Welt hinter dem Bildschirm alles zu Klump kloppt.

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Eine konsequente Fortführung
der ‚Blue Ocean'-Strategie
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Blue Ocean
Klar: Das Basteln-Spielen-Zocken-Mischkonzept spricht nicht jeden an. Und wer bei der ersten Präsentation im Januar auf Neuheiten von der "Pokémon"- oder "Metroid"-Front gehofft hatte, der reagierte vielleicht sogar enttäuscht. Aber auch er wird sich unweigerlich fragen: Wo will Nintendo damit eigentlich hin? "Hier geht es wohl in erster Linie darum, wieder mal Nicht-Spieler für Konsolen zu begeistern", vermutet "heute journal"-Redakteur und ZDF-Games-Experte Andreas Garbe. "Ich denke, dass ‚Labo' eine konsequente Fortführung der ‚Blue Ocean'-Strategie ist, mit der Nintendo schon zu Wii-Zeiten neue Käuferschichten erschließen wollte."

"Blue Ocean"? Wir erinnern uns: Bereits während der "Ära Wii" entschied man sich in Kyoto dafür, der Branchen-typischen "Red Ocean"-Vorgehensweise eine Absage zu erteilen. Hier kämpfen normalerweise viele Mitbewerber erbittert um ein kleines "Meer" – und das wird dabei blutrot. Also entschied man sich dafür, in friedlichere "blaue" Gewässer zu wechseln. Die Strategie dafür: Sich vom gnadenlosen Performance-Wettrennen verabschieden und stattdessen mit neuen Konzepten auf solche Kunden abzielen, denen Hardware-Pferdestärken schnuppe sind. Mit der Switch fährt man wieder im selben Kielwasser – und das mit Erfolg. Höchste Zeit also, das noch immer spürbare Hype-Moment des ersten Switch-Jahres zu nutzen und starke Konzepte für die Zukunft zu etablieren. Konzepte wie "Labo".

"Mein erster Gedanke war: Überragendes Design, überragender Style", erinnert sich Garbe an die ersten Ankündigungs-Trailer. "Ansprechendes und reduziertes Industrie-Design scheint Nintendo seit einigen Jahren für sich gepachtet zu haben. Vor allem wird Nintendo mit solchem Design etwas älter als bei seiner traditionellen Kern-Zielgruppe. Mein zweiter Gedanke: Ob die Pappe wirklich hält? Da wurden Lenkräder hin- und hergerissen, Angeln eingeholt und ausgeworfen, Fußpedale bedient. Ich kann mir kaum vorstellen, dass die Pappe stabil genug ist, damit solche Gerätschaften auch dem bei Videospielen gebotenen Verve standhalten."

Kein Pappenstiel
Guter Punkt. Zumal 70 Euro für das "Multi-Set" und 80 für den Roboter kein… nun ja… PAPPENstiel sind. Eine Preispolitik, die der Eignung von "Labo" als Casual-Markt-Öffner zu widersprechen scheint. "Natürlich ist das teuer", meint Garbe. "Aber 20 Euro für eine amiibo-Figur ist genauso überteuert. Und fünf Euro für NES-Games ebenfalls. Das spielt allerdings keine Rolle. Wichtig ist einzig und allein, einen möglichst hohen Preis zu finden, den die Zielgruppe noch trägt. Und hier blickt Nintendo auf viele Jahrzehnte Erfahrung zurück. Ich denke, ‚Labo' wird auch zu diesem Preis ankommen. Verschiedene Promotions – in Zusammenarbeit mit regelmäßigen Partnern wie McDonald's etwa – werden das Geschäft mit ‚Labo' ankurbeln. Gerade anfangs wird das Konzept gut ankommen. Die große Welle an Videospiel-affinen Papercrafts vor einigen Jahren beweist die Faszination, die Gamer mit diesem Werkstoff verbinden. Und auch Nicht-Zocker basteln gerne und könnten durch die Einbindung eines haptisch vertrauten Elements die Scheu vor dem Medium verlieren. Allein die mangelnde Haltbarkeit dürfte nach kurzer Zeit für Frust sorgen. Aber scheinbar stellt Nintendo die Stanzen ja zum Gratis-Download bereit, falls die Original-Bögen kaputt gespielt sind. Grundsätzlich gilt: Für Nintendo ist jedes Produkt ernsthafter Hoffnungsträger und Experiment zugleich. Das klingt erstmal nach einem höheren Risiko. Aber darum kann man auch Flops wie einen Virtual Boy oder eine WiiU leichter verkraften: Die fungierten immerhin als Testballons für späteren Konzepte wie 3DS oder Switch."

Spieletipps-Chefredakteur Markus Rehmann dagegen hält das Konzept hinter ‚Labo' für ausgesprochen jung: "Ich glaube, das ist in erster Linie für Kinder zwischen acht und 14 Jahren gemacht. Mir kommen bei dem Thema direkt Lego-Technik und diese Experimentier-Sets in den Sinn, mit denen wir früher als Kinder gespielt haben. Ich finde, ‚Labo' schlägt in dieselbe Kerbe."

Auch Joachim Hesse ist von der Bastel-Idee angetan: "Als ich den ersten Werbefilm sah, in dem ein Kind die Kacheln seines Papphauses anmalt, dachte ich: ‚Natürlich! Warum hatte noch vorher keiner diese brillante Idee?' Mit Pappe fallen bei Produktion und Finanzierbarkeit viele Grenzen. Glückwunsch an Nintendo, die damit wieder mal beweisen, dass ein Tellerrand sie nicht aufhält", lobt der Gronkh-Chefredakteur. "Tatsächlich frage ich mich, ob Nintendo mit dieser Idee von Anfang an, also bereits während der Switch-Entwicklung schwanger ging. Dass ‚Labo' langfristig greift, setzt allerdings voraus, dass es in der Praxis auch so gut funktioniert wie im Video. Ich bin gespannt, wie komplex die Konstruktionen wirklich ausfallen und ob Tasten bzw. Mechanik des Klaviers lange genug überleben, ohne dass die zahlenden Eltern eine Mogelpackung wittern."

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Ernsthafter Hoffnungsträger und Experiment zugleich
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Ersatzteillager gesucht
Wie Andreas Garbe hält Markus Rehmann den Preis der "Labo"-Sets für angemessen: "Ehrlich gesagt finde ich dieses ‚70 Euro für ein bisschen Pappe!'-Gelaber ziemlich lächerlich. Nintendo kommt mit einem grenzgenialen Konzept um die Ecke, das scheinbar auch noch sehr liebevoll und detailversessen umgesetzt wurde. Und dann wird gemeckert, dass es zum Vollpreis verkauft wird. Begreifen die Leute denn nicht, dass ‚dem bisschen Pappe' auch Software beiliegt? Und man dabei auch für die Idee sowie deren Entwicklung zahlt? Wenn Nintendo jetzt auch noch anfangen würde, Ersatz-Bögen für übertrieben hohe Preise anzubieten, dann dürfte man gerne meckern. Aber davon ist meines Wissens nach noch nichts bekannt – oder?"
Gute Frage. Am besten, wir stellen sie jemandem, der direkt an der Quelle sitzt – wie Nintendos PR-Chefin Silja Gülicher. Die ist natürlich davon überzeugt, dass "Labo seinen Preis wert ist". Und weiter: "Die Spieler erschaffen zunächst aus robusten Bastelbögen die unterschiedlichsten Gegenstände, die sogenannten ‚Toy-Cons'. In dem Multi-Set etwa sind fünf unterschiedliche Toy-Cons enthalten – und allein das Bauen dauert bei den meisten mehrere Stunden. Dann kann, nachdem Switch und Joy-Cons eingesetzt wurden, gespielt werden: Sobald die Spieler zum Beispiel das Klavier fertig haben, können sie seine 13 Tasten anschlagen und ein kleines Lied klimpern. Oder sogar eigene Kompositionen aufnehmen – hierfür stehen eine Reihe von Klang- und Sound-Elementen bereit. Im Entdecker-Bereich steht dann alles im Zeichen der Frage: Wie geht das? Hier erfahren die Spieler z.B., wie die Bewegungssteuerung, die Infrarot-Kamera oder die HD-Vibration funktionieren: Wie kann das Klavier Musik machen, obwohl sein Klangkörper leer ist? Alles Wissen, das den Spielern schließlich in der ‚Toy-Con'-Werkstatt zugute kommt: Dieser Modus macht die Gamer mit einigen technologischen Grundsätzen vertraut. So lernen sie, verschiedene Ein- und Ausgabemöglichkeiten zu kombinieren, mit deren Hilfe sie ganz neue, eigene Spielvarianten entdecken und erfinden können. Kurz: ‚Nintendo Labo' verbindet den Ursprung des Spielens mit Videospielen und schafft auf diese Weise viele spannende Möglichkeiten, um kreativ zu werden."

Bei den Bastelbögen hat man laut Gülicher besonders auf "gute, stabile Qualität geachtet". "Wer also sachgemäß mit seinen Toy-Cons umgeht, wird lange Spaß daran haben. Und wenn doch mal etwas kaputtgehen sollte: Da sie aus Pappe bestehen, lassen sie sich ganz einfach mit Dingen reparieren, die es normalerweise in jedem Haushalt gibt – Pappe, Klebeband und Klebstoff. Ich empfehle außerdem, auf jeden Fall die Bastelbögen, aus denen die Toy-Con-Teile herausgebrochen wurden, aufzubewahren. Falls etwas beschädigt werden sollte, kann man diese Bögen als Schablone verwenden und aus jedem anderen, ähnlichen Karton Ersatzteile basteln. Tatsächlich sind wir aktuell auch dabei, ein Ersatzteile-Programm aufzusetzen. Mehr dazu werden wir demnächst bekanntgeben."

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Pappe, Klebeband, Klebstoff:
Die Toy-Cons
sind reparabel
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Selber kreativ werden
Nintendo wäre nicht Nintendo, würde man nicht für alles eine griffige Bezeichnung erfinden. Joy-Con. Toy-Con. Ja, geht halbwegs flüssig über die Lippen. Außerdem soll es möglich sein, mit "Labo" auch abseits der vorgefertigten Bastelbögen kreativ zu werden? Dürfen wir am Ende sogar eigene Konstruktionen austüfteln?
Joachim Hesse hält das zumindest für sehr wahrscheinlich: "Das ganze Konzept ist für ein im Spielzeugfachhandel verankertes Unternehmen wie Nintendo sehr logisch", erläutert der Journalist. "Gleichzeitig bin ich mir sicher, dass wir dank Youtube & Co. künftig einige äußerst nerdige Bauten bewundern dürfen, an die jetzt noch keiner denkt. Ich freue mich schon darauf!" Allerdings lässt der Preis ihn dann doch etwas stutzig werden: "Der erscheint mir recht hoch, ja. Aber mal abwarten, was der Kunde dafür am Ende in welcher Qualität geboten bekommt. Und sicher wird der eine oder andere Händler es auch mal günstiger anbieten. Kritisch finde ich hier allerdings, dass Nintendo durch ein weniger haltbares Material und bekritzelte Flächen dem Gebrauchthandel den Wind aus den Segeln zu nehmen scheint. Diese Sachen könnten nach ihrer Zeit im Kinderzimmer eher im Müll als auf dem Flohmarkt landen. Damit kratzt das Konzept an der bisher für Nintendo typischen Produkt-Wertbeständigkeit."

Wie für den Einzelhandel gemacht
Trotzdem erscheint "Labo" wie ein großes Zugeständnis an den klassischen Handel – immerhin passen Pappe & Co. (noch nicht) durch's Internet-Kabel. "Ich denke, die Kombination von analoger und digitaler Welt, für die ‚Labo' steht, birgt noch jede Menge unentdecktes Unterhaltungspotential", führt Silja Gülicher aus. "Wenn wir damit zugleich dem Handel ein neues Umsatzpotential erschließen, dann ist uns das nur recht. Hochwertige Produkte wie Switch, 3DS und 2DS möchten viele Kunden erst mal in die Hand nehmen und ausprobieren. Diese Möglichkeit ist neben der Beratungskompetenz das große Plus des stationären Handels. Wir bringen deshalb immer wieder Produkte heraus, die sich für den traditionellen Vertriebsweg besonders gut eignen. Nintendo Labo geht auf diesem Weg jetzt ein gutes Stück weiter."

Apropos Ausprobieren: Kann der Autor (44 Jahre, Plauze) den "Labo"-Roboter eigentlich genauso anlegen und darin durchs Wohnzimmer springen wie ein schlanker 14-jähriger? Oder reißen die Seilzüge im Rücken-Tornister dann genauso wie die 25 Jahre alte Stretch-Jeans? "Bei alten Jeans helfen manchmal die richtige Atem-Technik und eine gewisse Leidensbereitschaft", vermutet Gülicher. "Aber natürlich hat der Tornister des Toy-Con-Roboters größenverstellbare Trage-Riemen. Auch die zu Füßen und Händen führenden Seilzüge lassen sich in ihrer Länge mühelos anpassen. Erwachsene Spieler können das Zubehör also genauso nutzen wie Kinder."

Nintendo heute
Mit "Labo" unterstreicht man demnach nicht nur die Bedeutung des Handels, sondern auch die eigene Position als leidenschaftlicher Innovator: Ist die unorthodoxe Idee also in erster Linie so etwas wie ein Statement? Und was verrät es uns über das Selbstverständnis des Switch-SNES-Mario-amiibo-Pokémon-Herstellers? Wo sieht sich das Unternehmen heute positioniert? Konsolen-Hersteller, Games-Entwickler, Entertainer, Franchise-Verwalter… Spielzeug-Fabrikant?

"Wir können auf eine fast 130-jährige Tradition zurückblicken und sind immer innovative Wege gegangen, um Menschen zu überraschen und zu unterhalten", erklärt Gülicher. "Labo ist also ein typisches Nintendo-Produkt, weil es etwas völlig Neuartiges schafft. Primär betrachten wir uns aber schon lange nicht mehr als Spielzeug- oder Videospiel-Unternehmen. Ich denke, wir wetteifern unter anderem mit der TV-, der Kino- oder der Musik-Industrie um die Aufmerksamkeit des Publikums. Wir möchten Menschen in ihrer Freizeit unterhalten und glauben, dass Videospiele dafür ein großartiges Mittel sind. Deshalb tun wir alles dafür, dass der Videospiel-Markt insgesamt wächst und dass seine Bedeutung innerhalb der sehr viel größeren Unterhaltungsbranche weiter zunimmt. Kurz gesagt: Der Begriff Entertainment-Unternehmen trifft es am besten."

Wie gut uns "Labo" entertainen wird, erfahren wir voraussichtlich am 27 April – dann starten die Switch-exklusiven Pappkameraden nebst dazugehöriger Software. Und mit ihnen ein ehrgeiziges Konzept, das wie so viele Nintendo-Produkte zwar innovativ ist – aber auch mit einem entsprechend hohen Kommunikations- und Erklär-Bedarf kommt. An dieser Stelle ist nicht zuletzt der Handel gefragt: "Labo" ist für alle Beteiligten eine Chance, aber sie will auch richtig genutzt werden. (rb)