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Magazin: story

Phänomen Betatest

Mit zweierlei MaßAber ist es nicht trotzdem ein bisschen scheinheilig, wenn man Spieler unter dem Vorwand der Exklusivität an Dirk Gooding Leitet Computecs „PC Games MMORE“ mit Hund und E-Gitarre: Dirk Gooding die Test-Front lockt? Zur Verdeutlichung: Bei Singleplayer-Spielen gibt es jedes Mal einen großen Aufschrei, wenn zum Produkt-Launch nervige Bugs auftauchen, denn hier will niemand „Betatester“ sein. Zugegeben: Anders als bei MMOs ist diese Sorte Betatest alles andere als freiwillig.

Trotzdem verwunderlich, dass bei einem „Witcher 2“ oder „RAGE“ nicht dieselbe Sensibilität für die Lage des Entwicklers besteht wie bei einem MMO. Liegt das vielleicht daran, dass der durchschnittliche Multiplayer von Haus aus sozialer und verständnisvoller ist? Dirk Gooding beschreibt die Ethik hinter dem Mehrspieler-Betatest: „Ich habe schon bei einigen Betatests mitgemacht und mich dabei nie „missbraucht“ gefühlt – im Gegenteil! Für mich persönlich ist das ein Geben und Nehmen: Ich kann Wochen oder Monate vor der Veröffentlichung ein Spiel kostenlos antesten und trotz aller vorhandenen Bugs bereits jede Menge Spaß haben. Vielleicht helfe ich sogar dabei, dass das Spiel zum Release ein paar Fehler weniger hat, über die ich mich sonst böse geärgert hätte. Ein guter Deal!“

Zur Verteidigung unserer These „Betatests sind Kunden-Missbrauch“ sei gesagt: Herr Gooding ist nicht nur Multiplayer, er ist außerdem erfahrener Spiele-Journalist. Darum hat er für die stark erhöhte Bug-Frequenz während des Prä-Release-Stadiums vermutlich mehr Verständnis als viele seiner Leser. Dass sich die allerdings, zumindest in den meisten Fällen, ebenfalls über jede Gelegenheit zum Anzocken freuen, haben wir bei unseren Gesprächen mit mehreren Spielern erfahren: Die meisten lauern förmlich auf derartige Anspielmöglichkeiten oder haben bereits selbst an mehreren Beta-Phasen teilgenommen. Wer an derlei „Vorspiel“ kein Interesse hatte, war meist schon deutlich über 30, extrem berufstätig, oftmals Elternteil und froh, wenn er überhaupt mal zum Spielen kommt.

„Ich sehe zum Betatest durch den Consumer keine Alternative“

Scheiden tut wehWeniger beliebt als diese Schnupper-Teilnahme ist allerdings die Tendenz der Entwickler, die Beta-Server nach dem Ende dieser Phase mitsamt aller sich darauf befindlichen Charaktere runterzufahren: Handelt es sich bei der Beta z.B. um einen mehrwöchigen Testlauf, dann muss sich nach seinem Ende manch ein virtueller Abenteurer von lieb gewonnenen und im Schweiße seines Angesichtes hoch gelevelten Figuren trennen. Die Schattenseite dieses Problems: Viele dieser Spieler sind nach dem Verlust ihres Konterfeis so „traumatisiert“, dass sie das finale Produkt gar nicht mehr anpacken. Die Regel ist diese Verhaltensweise allerdings nicht, zumal längst nicht jeder Publisher derart lange testet. Während Blizzard vor Veröffentlichung eines neuen „World of Warcraft“-AddOns meist mehrere Wochen lang „Closed Beta“ feiert (d.h. dass die begehrten „Beta-Keys“ an einen sehr kleinen und exklusiven Personenkreis verteilt werden), veranstaltet „Guild Wars 2“-Entwickler Arena Net z.B. nur hin und wieder ein Beta-Wochenende. Die Test-Wirkung von diesen Wochenenden darf allerdings bezweifelt werden: Innerhalb eines derart kleinen Zeitfensters wird man kaum repräsentative Daten erheben können. Viel wahrscheinlicher ist es da schon, dass derartige Beta-Tests vor allem den Hype um das Produkt steigern sollen. Denn: Kurz nach den Test-Phasen begehrter MMORPGs häufen sich auf Youtube entsprechende Gameplay-Videos, die den Gegenstand der allgemeinen Begeisterung ebenso ausführlich wie erschöpfend zeigen. Obwohl nur Presse-Plattformen wie die von Dirk Gooding geleitete wirklich professionell über die Spiele berichten, ist ihre Community besonders auf den quasi-redaktionellen Output ihrer Gesinnungsgenossen erpicht. Dass sie dabei von den Publishern gezielt als verlängerter (und obendrein besonders günstiger) PR-Arm eingesetzt werden, ist vermutlich den wenigsten MMO-Helden bewusst. Oder schlicht egal.