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Magazin: story

Schöne Neue Videospielwelt

Deus Ex, Homefront, BioShock: Auf den ersten Blick mögen diese Games sehr unterschiedlich sein. Sie haben aber einen gemeinsamen Nenner: die gesellschaftliche Dystopie. Warum dystopische Videospiele so beliebt sind, welche Themen sie behandeln und welche Rolle der Spieler dabei einnimmt – darüber hat IGM mit Experten gesprochen.

Zunächst einmal eine Begriffsbestimmung: Was versteht man eigentlich unter einer Dystopie? Der Duden fasst es bündig zusammen: „Eine Dystopie (englisch dystopia, Gegenbildung zu utopia) ist in der Literaturwissenschaft eine fiktionale, in der Zukunft spielende Erzählung mit negativem Ausgang.“ Die Online-Enzyklopädie Wikipedia ergänzt, eine Dystopie handele von einer Gesellschaft, die sich zum Negativen entwickelt habe: „Eine dystopische Gesellschaft ist in der Regel charakterisiert durch eine diktatorische Regierungsform bzw. eine Form repressiver sozialer Kontrolle.“

Repression, Kontrollwahn – das lässt einen gleich an Spiele-Klassiker wie Half-Life 2 mit seiner umfassend überwachten City 17 denken. Wie aber kam es zum Siegeszug dystopischer Erzählungen in Literatur, Film und später auch im Videospiel? Dafür muss man schon etwas weiter zurückblicken. „Ab dem Ende des 19. Jahrhunderts lässt sich von einem erstarkten Auftreten von Dystopien oder Schwarzen Utopien sprechen“, erläutert Rudolf Inderst, Ressortleiter Digitale Spiele beim TITEL Kulturmagazin. „Die Gründe hierfür sind ganz unterschiedlicher Natur. So herrschte etwa in den Zirkeln des Bürgertums Angst vor einem Umbruch, der sich durch gewalttätige Revolutionen ankündigen könnte. Fin-de-siècle-Niedergangsängste, also das Bewusstsein, in einer zerrütteten und dem Ende zugehenden Zeit zu leben, bestimmten hier das Bild.“

MassenpsychoseUm 1900 seien Weltuntergangsängste alltäglich gewesen, so Inderst. „Literarische Avantgarde, wie etwa die eines H.G. Wells [u.a. Der Krieg der Welten], sorgte für eine Bestärkung dieses Phänomens.“ Der vernichtende Aufprall eines Himmelskörpers 1908 in Sibirien und das Herannahen des Halleyschen Kometen 1910 hätten Massenpanik erzeugt: „Überspitzt formuliert kann von einer Form der Massenpsychose gesprochen werden.“

„Angst vor Umbruch in Zirkeln des Bürgertums“

Inderst beruft sich auf den Politologen Richard Saage: Dieser konstatierte eine Krise des Fortschrittsdenkens im noch jungen 20. Jahrhundert. Laut Saage konnte der Verantwortungssinn des Menschen nicht mit der technischen und wissenschaftlichen Entwicklung mithalten; das Verhältnis von Mensch und Maschine änderte sich grundlegend. Damit nicht genug, so Inderst: „Entscheidenden Einfluss auf die Dystopie hatten die Weltwirtschaftskrise der 1920er Jahre, das Aufkommen von Faschismus, Bolschewismus und später Stalinismus sowie die beiden Weltkriege.“