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Magazin: story

Copyright Basis-Bild: Mike Orlov/stock.adobe.com
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Servus

Lange Zeit flog das Games-Land Bayern unter dem Wahrnehmbarkeits­radar – doch seit einigen Jahren dreht der Freistaat ordentlich auf: Regierung und Unternehmen investieren Millionen. Möglicherweise gilt künftig auch für Games, was für den Fußball gilt: Wer um Himmels willen soll die Bayern aufhalten?
Die höchsten Berge, die meisten Meistertitel, die zünftigsten Volksfeste, die niedrige Pro-Kopf-Verschuldung: Neidvoll blicken weite Teile der Republik auf das südlichste Bundesland. Das gilt auch und gerade für die Games-Branche. Schon in wenigen Tagen, am 10. April, richtet sich der Scheinwerferkegel erneut auf München: Denn dann schlüpft Bayerns stellvertretende Ministerpräsidentin Ilse Aigner (CSU) turnusgemäß in die Rolle der Gastgeberin für den Deutschen Computerspielpreis. In dieser Aufgabe hat sie eine gewisse Übung, denn wie schon 2014 und 2016 wird Aigner über den blauen Teppich flanieren und in die Mikros diktieren, dass Games als "wichtiger Innovations- und Technologietreiber" in Bayern hochwillkommen seien.

Anstelle von Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) dürfte diesmal die frischgebackene Digital-Staatsministerin Dorothee Bär (CSU) als Co-Gastgeberin auftreten, die jahrelang den Jury-Vorsitz beim Computerspielpreis führte und ebenfalls eifrig für die Branche trommelt. Um Werbung für den Freistaat wird man sich also am Abend des 10. April keine Sorgen machen müssen, zumal die bayerische Bevölkerung ja schon ein halbes Jahr später einen neuen Landtag samt Ministerpräsident wählt – allein deshalb wird das politische Spitzenpersonal keine Gelegenheit für Medienpräsenz auslassen. Aber ist Bayern wirklich so ein "hervorragender "Games-Standort", wie er in Sonntagsreden von Politikern gerne herbeigeredet wird? Ist der Freistaat im Videospiele-Bereich das, was der FC Bayern München in der Vereinshymne für sich reklamiert, nämlich der "Stern des Südens"?

Milliardenschwere US-Konzerne und junge Startups
Die Rollen der deutschen Ballungsräume innerhalb der Games-Branche sind traditionell recht klar verteilt: Hamburg gefällt sich in seiner Funktion als Free2play-Hochburg, Berlin bastelt weiter an seinem Image als hippe Startup-Metropole mit internationalem Anstrich und im Raum Frankfurt haben sich bekanntlich die meisten japanischen Games-Publisher angesiedelt, von Sony Interactive und Nintendo bis hin zu Bandai Namco und Konami. München ist hingegen seit jeher das Epizentrum der US-amerikanischen Tech-Industrie: Seit über 25 Jahren ist beispielsweise Microsoft in der bayerischen Landeshauptstadt zu Hause – erst im Herbst 2016 hat der Software-Riese ein neues, ultramodernes Gebäude für rund 2.000 Mitarbeiter im Stadtteil Schwabing eröffnet. Außerdem sitzt in München die deutsche Google-Entwicklungszentrale und das deutsche Amazon-Hauptquartier. Auf Publisher-Seite sind Kaliber wie Activision Blizzard und Take-Two Interactive ansässig, außerdem EuroVideo Games und Koch Media.

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DCP 2018 in München: Bayern im Rampenlicht
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Daneben ist Bayern die Heimat für Dutzende mittelständischer Spiele-Entwickler, die weltweit erfolgreiche Online-Spiele und Smartphone-Apps entwickeln. Mit seiner 230-köpfigen Belegschaft führt Travian Games die Liste der größten Games-Arbeitnehmer an, gefolgt von Upjers (Bamberg), CipSoft (Regensburg) und HandyGames (Giebelstadt bei Würzburg). Allesamt sind sie seit über 10 Jahren auf dem Markt, dürfen also als etabliert gelten. Zwischenzeitlich haben sich insbesondere im Großraum München Dutzende weiterer Spiele-Entwickler angesiedelt: MegaZebra, Chimera Entertainment, Aesir Interactive und viele weitere Firmen. Nicht jede Firma ist über die Branchengrenzen hinaus namentlich bekannt, doch Free2play-Apps und Browsergames aus bayerischem Anbau – etwa Angry Birds Evolution oder Tibia - verzeichnen millionenfache Downloads. Das Vollpreis-Strategiespiel Shadow Tactics von Mimimi Productions hat nicht nur viele Preise abgeräumt, sondern wird in der Wertungsdatenbank Metacritic mit einem Schnitt von 85 Punkten geführt. Wir lernen: Bayern kann nicht nur Fastfood, sondern auch Sterneküche.

Die offizielle Standortstudie des Game-Verbands beziffert den Gesamtumsatz  auf bis zu 750 Millionen Euro – die Zahl der Games-Unternehmen liegt bei über 100. Betrachtet man wirtschaftliche Kennzahlen, stimmt der Befund also in jedem Fall: Bayern spielt über die Landesgrenzen hinaus eine enorm wichtige Rolle in der Games-Branche.

Games-Förderung: Bayern baut Vorsprung aus
Damit das auch so bleibt, pumpen Land und Kommunen mehr Geld denn je in die Unternehmens-Ansiedlung und Games-Förderung. Mehr als 2 Millionen Euro beträgt allein das Games-Budget des Filmförderfonds Bayern (FFF) –  das ist zwar nur ein Bruchteil dessen, was in Film- und TV-Formate fließt, doch im Videospiel-Sektor ist Bayern innerhalb Deutschlands mit weitem Abstand am spendabelsten, zumal sich die Fördertöpfe binnen weniger Jahre vervielfacht haben.

Die Europäische Union hat im vergangenen Jahr zudem ihren Segen gegeben, dass der FFF ab 2018 bis zu 500.000 Euro pro Projekt in Form zinsfreier Darlehen beisteuern darf, die im Gewinnfall anteilig zurückgezahlt werden müssen. Dadurch sollen ab sofort auch Großproduktionen in Bayern entstehen können. Für den Publisher Daedalic (Deponia, Die Säulen der Erde) dürfte dieser Faktor zumindest eine Nebenrolle gespielt haben, als sich die Hamburger nach einem dritten Standort umgesehen haben: Am 1. März ist bei Daedalic Entertainment Bavaria offiziell die Games-Entwicklung angelaufen. "Natürlich kennen wir das Engagement in Bayern und wir werden im Rahmen der Möglichkeiten für zukünftige Projekte Fördermittel beantragen. In erster Linie relevant für die Entscheidung war aber das Team", sagt Daedalic-Geschäftsführer Stephan Harms. "Die vorhandene Infrastruktur beziehungsweise das Umfeld und die gute Erreichbarkeit von Hamburg aus waren weitere wichtige Aspekte."

Aus Sicht von Wirtschaftsministerin Aigner ist das Daedalic-Investment naturgemäß ein Beleg dafür, dass "der Freistaat ein ausgezeichneter Standort für digitale Spiele" ist. Dass die Förderung wirkt, bestätigen auch die Wissenschaftler der Hamburg Media School: "Bayern hat in den letzten 15 Jahren einen erheblichen Zuwachs an kleinen und mittleren Studios verzeichnen können, der nahezu parallel zur Entwicklung des bayerischen Fördermodells verläuft." Das Bekenntnis der bayerischen Staatsregierung zur Branche setzt nun auch andere Bundesländer unter Zugzwang: Bislang gibt es beispielsweise in Hessen, Hamburg oder in Rheinland-Pfalz keine dezidierte Förderung für Computerspiele-Entwickler.

Games Bavaria: Dachmarke der bayerischen Branche
Die substanziell gestiegene Gamesförderung des FFF Bayern dürfte auch künftig weitere Talente anlocken und motivieren, prophezeien Robin Hartmann und Robin Kocaurek. Beide koordinieren für die Dachmarke Games Bavaria nicht nur den bajuwarischen Gamescom-Gemeinschaftsstand in der Business Area, sondern organisieren außerdem eine Vielzahl an Veranstaltungen und vertreten das Bundesland auf internationalen Messen. Mit Games Bavaria habe man ein Ökosystem geschaffen, das die Vernetzung und Professionalisierung sowohl lokal als auch international erleichtert. Die Anschub-Finanzierung durch den Staat sei in diesem Zusammenhang ein wichtiger Faktor, allerdings müsse auf die Förderung auch der finanzielle Erfolg und das Wachstum der Firmen folgen, mahnen Kocaurek und Hartmann. "Auf einen Preiskampf können wir uns nicht einlassen, da ist innerhalb von Europa schon Konkurrenz genug. Daher setzen die Studios auf hohe Qualität und Vermarktung in Nischen."

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München ist seit jeher das deutsche Epizentrum der
US-Tech-Industrie
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Eine enge Zusammenarbeit gibt es unter anderem mit einem Verein ähnlichen Namens: Games Bavaria Munich setzt sich für die Interessen der Studios in der Landeshauptstadt ein und hat sich ebenfalls den Austausch zwischen Politik und Wirtschaft vorgenommen. Der Vorstand ist mit drei intimen Kennern der bayerischen Entwicklerszene besetzt, die über exzellente Kontakte in die Ministerien verfügen: Johannes Roth (Mimimi Productions), Hendrik Lesser (Remote Control Productions) und Lars Janssen (Travian Games). Janssen ist außerdem jüngst in den Vorstand des fusionierten Game-Verbands gewählt worden.
Gemeinsam drängen die Interessensverbände darauf, möglichst zügig die im Koalitionsvertrag versprochene Games-Förderung auf Bundesebene umzusetzen. Gerade für internationale Publisher, die die freie Auswahl zwischen Bordeaux, Bukarest, Malmö oder London haben, spielen die Rahmenbedingungen bei den Entscheidungen eine Rolle. Andere Länder innerhalb und außerhalb Europas locken Investoren und Publisher mit immer neuen, aufwändigen, hochdotierten Förderprogrammen. "Wenn die Regierung nicht handelt, führt die Schieflage im Wettbewerb dazu, dass Bayern und Deutschland nicht weiter wachsen können und abgehängt werden", heißt es dazu von Games Bavaria Munich. Davon abgesehen bräuchten kleine und mittlere Unternehmen auch einen maßgeschneiderten Zugang zu weiteren Mitteln, um das Wachstum nach ersten Achtungserfolgen zu finanzieren.

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Kein anderes Bundesland gibt
so viel Geld für die Games-Förderung aus
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Mietpreis als Bremse fürweiteres Wachstum
Doch nicht nur bei der Förderung, sondern auch bei einer anderen Disziplin liegt Bayern an der Spitze, nämlich bei den fast schon sprichwörtlich hohen Lebenshaltungskosten. Eine immense Hürde gerade für Games-Startups und junge Unternehmen bleibt außerdem die anhaltend angespannte Mietsituation und ein leergefegter Fachkräftemarkt, insbesondere in Großstädten wie München, Nürnberg oder Regensburg. Dort konkurrieren Games-Firmen um Programmierer und IT-Experten, die ihrerseits von BMW, Continental oder Siemens mit sicheren Jobs, lukrativen Einstiegsgehältern und bemerkenswerten Sozialleistungen umworben werden.

Das bestätigt auch die offizielle Standortstudie: Bayern führt bei Disziplinen wie "Lebensqualität", "Finanzielle Länderförderung" und "Technische Infrastruktur", gehört aber beim bezahlbaren Wohnraum, bei den Personalkosten und der Verfügbarkeit qualifizierten Personals zu den Schlusslichtern. Eine Patentlösung für die Lösung dieser Probleme gäbe es nicht, sagen die Games-Bavaria-Verantwortlichen Hartmann und Kocaurek. "Wir sehen viele Talente verschwinden, nachdem andere Branchen ähnliche Qualifikationen suchen und höhere Sicherheiten bieten. Allerdings merken wir auch immer wieder, dass gerade diese Branchen ihr Personal nicht halten können, beispielsweise mangels einer kreativen Perspektive." Auch wenn die Games-Goldgräberstimmung definitiv abgeflacht sei: Die Entscheidung, sich in das Abenteuer Ausgründung zu stürzen, habe kaum einer der Jungunternehmer wirklich bereut, heißt es bei der Standortinitiative Games Bavaria.

Bayerische Hochschulen erkennen das Games-Potenzial
Für steten Nachschub an Talenten ist jedenfalls gesorgt: Der Vorstand von Games Bavaria Munich verweist darauf, dass abseits privater Bildungseinrichtungen auch die staatlichen Hochschulen die Bedeutung des Games-Segments erkannt hätten. Unter anderem bieten die Unis in München und Bayreuth eigene, Games-spezifische Studiengänge an. Trotzdem sei hier noch viel Luft nach oben, etwa im Bereich einheitlicher Ausbildungsstandards. Von der Landesregierung und den Kommunen wünscht sich Games Bavaria Munich den weiteren Ausbau von Startup-Inkubatoren sowie die Unterstützung von Veranstaltungen und Preisverleihungen.

Gelegenheit für solches Engagement dazu gibt es bereits am 10. April in München: Als gastgebendes Bundesland bezahlt das Ministerium von Ilse Aigner das musikalische Rahmenprogramm und die Häppchen auf der Aftershow-Party des Deutschen Computerspielpreises 2018. Nicht ausgeschlossen ist übrigens, dass am selben Abend und wenige Kilometer weiter nördlich der FC Bayern in der Allianz-Arena um den Einzug ins Champions-League-Halbfinale spielt – als letzter verbliebener deutscher Verein. Da war er wieder, der Stern des Südens. (pf)