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Magazin: story

Frankreich: Unsere lieben Nachbarn
Frankreich: Unsere lieben Nachbarn

Spiele Verkaufen „à la française“

Als offizielles Partnerland nimmt Frankreich auf der diesjährigen gamescom einen prominenten Platz ein. IGM stellt deshalb Spieleproduktion und -handel unserer Nachbarn in einer zweiteiligen Serie vor. Für die zurückliegende Ausgabe besuchten wir das Ubisoft-Studio in Montpellier, wo gerade das Spiel Rayman Legends entstanden ist. Der vorliegende Teil 2 beleuchtet den französischen Spielehandel, der zuletzt von einigen Umwälzungen betroffen war.
Die Schockwellen reichten über die Landesgrenze hinaus: Als die britische GAME Group im März 2012 Insolvenz anmeldete, war das nicht nur für die britischen Händler eine Hiobsbotschaft, sondern auch für die GAME-Filialen im Ausland. Ohne Rückendeckung aus UK standen die Shops in Frankreich, Spanien, Portugal, Tschechien und Australien ohne Rückendeckung da – und mussten fortan auf eigene Faust ums Überleben kämpfen. In Frankreich durften die GAME-Händler erst einmal „auf Bewährung“ weitermachen, was den Niedergang aber nicht stoppte: Immer mehr Filialen schlossen ihre Pforten. Den Rest von GAME France teilte die Konkurrenz unter sich auf: das Unternehmen Micromania übernahm 44 Shops und erhöhte damit die Zahl seiner Filialen auf 444; der Gebrauchtspielehändler Game Cash übernahm weitere 24 Shops und ist heute in Frankreich mit 95 Filialen vertreten.

Marktführer Micromania
Positiv waren die Teilübernahmen natürlich vor allem aus Sicht der ehemaligen GAME-Mitarbeiter: Ihre Arbeitsplätze blieben zum Glück erhalten. Allerdings ist die Dominanz des Marktführers Micromania durch die Übernahme nur noch größer geworden, was der Konkurrenz überhaupt nicht gefallen dürfte. Den letzten großen Sprung hatte Micromania im Jahre 2007 gemacht, als es den Konkurrenten Dock Games aufkaufte – unter dieser Marke laufen frankreichweit noch immer 41 Shops. Hinter Micromania selbst steht ein absolutes Schwergewicht: 2008 blätterte die GameStop Corporation rund 480 Millionen Euro auf den Tisch, um direkten Zugang zum französischen Markt zu erhalten. Die Micromania-Filialen sind ähnlich straff organisiert wie die GameStop-Filialen in Deutschland; der Handel mit Gebrauchtspielen gehört ebenfalls zum Grundrezept.
Unabhängige Games-Händler sind in Frankreich hingegen rar geworden: Ihre Zahl sank von 1136 (1996) über 836 (2006) bis auf 487 (2012), wie David Hecq auf seinem Händlerportal Objectif Micro schreibt. Die Gründe, die Hecq nennt, sind auch deutschen Facheinzelhändlern wohlbekannt: die Kampfpreise der Flächenmärkte, die zunehmende Digitalisierung des Vertriebs, der Siegeszug der Browser- und Mobile-Games, die Spiele-Piraterie und auch die Tatsache, dass immer mehr Kunden ihre Gebrauchtspiele direkt online verkaufen, statt sie in die Läden zu tragen. Für eine zusätzliche Konzentration des Marktes sorgte der französische Spielegroßhändler Innelec Multimedia, der die vier Franchises Ultima, Difintel, Virtua und Je Console aufkaufte, um sie anschließend in einen Verbund namens „Jeux Vidéo And Co“ (jeuxvideoandco.com) zu integrieren. Heute beliefert Innelec mehr als 170 Fachhändler, die zumeist in Stadtzentren und Einkaufspassagen angesiedelt sind. Durch die Verbundgründung stieg Innelec zu einem der größten Spiele-Distributoren Frankreichs auf – der Umsatz lag im Geschäftsjahr 2012/2013 bei knapp 141 Millionen Euro.

Hypermarchés mischen mit
Natürlich gibt es auch noch andere, die etwas vom Spieleumsatz abhaben möchten. Hypermarktketten wie Auchan, Carrefour und E.Leclerc führen seit Jahren Games im Sortiment, meist eingebettet in die Multimedia-Abteilungen. In den Hypermarchés am Stadtrand erledigen französische Familien ihre Haushaltseinkäufe – und greifen im Vorbeischlendern auch zu Games. Einige Anbieter haben sogar den Gebrauchtspielehandel für sich entdeckt. So bewirbt die Supermarktkette Auchan in ihrem „Hypergames Magazine“ nicht nur Sonderangebote und Vorbestellmöglichkeiten, sondern appelliert auch an die Kunden, ihre gebrauchten Games in Zahlung zu geben. Zum Release von The Last of Us startete Auchan beispielsweise eine „Opération Zombie“: Für Resident Evil 6 gab es 15 Euro, für The Walking Dead: Survival Instinct 25 Euro und für Dead Island: Riptide 30 Euro – allerdings nicht bar auf die Hand, sondern als Auchan-Einkaufsgutschein.

Neben Fachhändlern, Fachhandelsketten und Hypermarchés mischen selbstverständlich auch Elektronikmärkte im Games-Geschäft mit. Spitzenreiter bei den Elektronikmarktketten ist Darty mit 229 Filialen, auf Platz 2 folgt Boulanger mit 130 Filialen. Boulanger gehört in weiten Teilen der Familie Mulliez, die mit ihrer Holding (Association Familiale Mulliez) auch viele andere Unternehmen kontrolliert, zum Beispiel die Hypermarktkette Auchan. 2011 versuchte das Boulanger-Management, den Abstand auf Darty zu verkürzen: Man kaufte der deutschen Metro AG auf einen Schlag 34 Saturn-Filialen ab, die bis dahin ohne rechte Fortune in Frankreich betrieben worden waren. Nach Einschätzung von Beobachtern verlief die Übernahme der Saturn-Niederlassungen recht holprig und kam Boulanger übermäßig teuer zu stehen. Allerdings hat auch Marktführer Darty mit der zunehmenden Konkurrenz aus dem Internet zu kämpfen: Anfang Juli meldete die Nachrichtenagentur AFP, dass im Zuge von Sparmaßnahmen 500 bis 600 Arbeitsplätze auf dem Spiel stünden – ein Ende der Ungewissheit ist noch nicht in Sicht. Die französische Wirtschaftskrise im Allgemeinen und die Krise des stationären Handels im Besonderen haben ein anderes Unternehmen aber noch viel härter getroffen: Im Januar 2013 musste die Entertainment-Kette Virgin Megastore France den Gang in die Insolvenz antreten, im Juni ordnete ein Pariser Gericht die Auflösung des Unternehmens an. 26 Filialen, unter anderem der Flagship-Store an den  Champs-Élysées, wurden geschlossen – rund 1000 Mitarbeiter verloren ihren Job.

FNAC in Not
Zunehmend in Bedrängnis gerät auch die Handelskette FNAC. 1954 gegründet, ist die „Fédération nationale d‘achats“ eine landesweite Institution: Generationen von Franzosen haben hier ihre Platten, Bücher und später auch Videospiele gekauft. Mit seinen 170 Inlands- und 67 Auslandsfilialen erzielte FNAC im Jahr 2012 einen Umsatz von rund 4 Milliarden Euro; gut 20 Prozent dieses Umsatzes machte das Unternehmen mit DVDs und Games, unter anderem mit Gebrauchtspielen. Im April dieses Jahres schrieb die französische Tageszeitung Libération, die FNAC sei ein „bald erschöpftes Modell“, das einen „beispiellosen“ Umsatzeinbruch hinnehmen müsse. Aufgrund der Innenstadtlagen und riesigen Verkaufsflächen sind die laufenden Kosten der Handelskette astronomisch hoch; da schmerzt es umso mehr, wenn reine Versandhändler und Download-Plattformen den Markt für Kulturprodukte aufrollen. Mit einem Strategieplan namens „Fnac 2015“ will das angeschlagene Unternehmen seine Verluste eindämmen – auch dies dürfte einen Stellen- und Filialabbau zur Folge haben.

Betrachtet man all diese Entwicklungen zusammen, ergibt sich folgendes Bild: Der stationäre Spielehandel – ob nun Fachhändler, Elektronikmarkt oder Kulturkaufhaus – führt eine Verteidigungsschlacht gegen die Konkurrenz aus dem Internet. Laut einer GfK-Studie haben 2012 die physischen Games-Verkäufe [Stückzahl] um 15,5 Prozent nachgelassen, der Umsatz sank um 13,6 Prozent auf rund 1,1 Milliarden Euro. Im Fachhandel hat dies Konzentrationsprozesse zur Folge: Robuste Handelsketten teilen die Überbleibsel der Konkurrenz unter sich auf, während viele, ehemals unabhängige Fachhändler die Nähe von Distributoren wie Innelec suchen. Uns interessierte nun, welche Strategien die Händler im Einzelnen fahren, um sich über Wasser zu halten. Dafür setzten wir unsere Südfrankreich-Tour fort, die mit dem Besuch von Ubisoft Montpellier begonnen hatte (vgl. IGM 10/2013). Die Händler, die wir besuchten, sind alle mindestens seit fünf Jahren im Geschäft – und konnten uns dementsprechend viel über den französischen Spielehandel erzählen.

Beste Lage
Montpellier ist die Hauptstadt des Départements Hérault und liegt direkt an der Mittelmeerküste. Inklusive aller Vororte kommt Montpellier auf 400.000 Einwohner; die Stadt besitzt eine moderne Infrastruktur und drei Universitäten, an denen 60.000 Studierende eingeschrieben sind. Mitten im Stadtzentrum befindet sich das „Centre Commercial Le Polygone“, ein riesiges Einkaufszentrum aus den siebziger Jahren. Wer von der Place de la Comédie zum Polygone läuft, kommt an einer Reihe von Läden vorbei, darunter auch einer Ultima-Filiale. Wir erinnern uns: Ultima ist eine von vier Marken, die zum Distributionsnetz „Jeux Vidéo And Co“ von Innelec gehören. Die 130 Quadratmeter sind auf zwei Etagen verteilt – hier finden sich nicht nur Neuheiten, sondern auch eine große Auswahl an Retro-Games. „Uns gibt es jetzt seit sieben Jahren“, erzählt Morgan Malnoë, einer der drei Teilhaber. Bei der Gründung habe man sich entschieden, vergleichsweise hohe Mieten in Kauf zu nehmen – dafür sei dank des prominenten Standorts kaum Werbung nötig. Dabei war die Konkurrenz in den Anfangsjahren denkbar groß: Im Umkreis von wenigen hundert Metern gab es vier weitere Spielehändler (Micromania, GAME, 100 pour 100 Jeux, FNAC). Heute sind nur noch Ultima, FNAC und Micromania übrig.

Mit Innelec habe man „einen Vertrag, der uns verpflichtet, einen bestimmten Anteil Waren zu ordern“, berichtet Malnoë. Auch Werbematerialien wie Plakate, Aufsteller und Booklets erhalte man von dem Großhändler. Dennoch fühlen sich die Ultima-Betreiber weitgehend unabhängig in der Gestaltung ihres Geschäftsmodells. „In Montpellier sind wir so ziemlich die Einzigen, die Retro-Games anbieten“, betont Malnoë, „die Kundschaft reicht dabei vom Zehn- bis zum Vierzigjährigen“. In Krisenzeiten sei der Handel mit Retro-Games eine Konstante: „Viele Sammler haben ein festes Budget für ihr Hobby.“ Beim Handel mit Neuerscheinungen sei die schwindende Kaufkraft der Franzosen allerdings deutlich zu spüren, räumt Malnoë ein: „Die Leute kaufen sehr viel weniger, sie konzentrieren sich auf die großen Titel.“ Auch die hohe Steuerbelastung schade dem Einzelhandel sehr, so Malnoë: „Man hat nicht das Gefühl, dass der Staat in der Krise hilft.“

Retro-Paradies
Trotz dieser Hürden macht der Händler einen recht zufriedenen Eindruck. „Wir haben einen großen Kundenkreis, der dem Laden sehr treu ist und praktisch nur bei uns kauft“, so Malnoë. Von Konkurrenten wie Micromania unterscheide man sich nicht nur durch das Sortiment, sondern „auch durch die Art, wie wir mit unseren Kunden umgehen“, sprich: die persönliche Beratung. Auch Rabatte ließen sich flexibler handhaben als bei einem zentral gesteuerten Unternehmen. „Wer bei uns ein Spiel kauft, erhält auf den Folgekauf automatisch zehn Prozent Ermäßigung“, erläutert Malnoë. Bevor wir uns verabschieden, werfen wir noch einen Blick ins Obergeschoss des Ladens, wo Sammlerstücke wie eine NES-Lightgun oder ein originalverpacktes Zelda II auf Käufer warten. Ein wahres Retro-Paradies!

Sehr unverbindlich geht es bei unserer nächsten Station zu: der Micromania-Filiale im Einkaufszentrum Polygone. Der schlauchartige Verkaufsraum ist bis in den letzten Winkel mit Spielen vollgehängt – auf fast jeder Verpackung prangt ein Neon-Sticker mit der Aufschrift „Top Prix“ oder „Occasion“ („gebraucht“). Dabei wird auch so mancher „Top Prix“ ausgewiesen, der eigentlich keiner ist: Die Konsolenfassungen von Fifa 13 und Dead Space 3 kosten sage und schreibe 70 Euro. Offenbar spekuliert Micromania weniger auf Stammkunden als auf Laufkundschaft, die an diesem Freitagnachmittag auch erstaunlich zahlreich in den Laden strömt. Es sind vor allem Jugendliche und Familien mit Kindern, die sich an den Grabbeltischen mit Gebrauchtspielen vorbeischieben oder an einer Anspielstation New Super Mario Bros. U ausprobieren; sogar eine Anspielstation für Skylanders gibt es. Gebrauchte Konsolen bietet Micromania teils schon ab 100 Euro an; fabrikneue Modelle lassen sich in vier Raten abzahlen. Für Kundenbindung will die Handelskette unter anderem mit einem „Gamers Club“ sorgen – einer Art Flatrate für Spiele, die jedoch rund 100 Euro pro Monat kostet. Für Beratung ist in der Micromania-Filiale so gut wie keine Zeit: Die beiden Angestellten sind ausschließlich damit beschäftigt, die Kunden an der Kasse zu bedienen.

Kreislauf durchbrochen
Die nächste Station unserer Erkundungstour ist die Stadt Nîmes. Sie liegt rund 50 Kilometer nordöstlich von Montpellier und ist für ihre römischen Baudenkmäler berühmt, zu denen neben einem Amphitheater und einem Tempel auch das Aquädukt Pont du Gard im Umland zählt. Mit 142.000 Einwohnern ist Nîmes deutlich kleiner als Montpellier, dennoch existieren hier allein drei Micromania-Filialen. Unser Interesse gilt jedoch den unabhängigen Spielehändlern, die in der Stadt ziemlich rar geworden sind. „Früher gab es in Nîmes ca. zehn unabhängige Läden, zum Beispiel Retif, Sinergi, Ultima und 100 pour 100 Jeux. Heute sind nur noch zwei übrig – wir und Level Games“, erzählt Bruno Gregori, der seit 2006 den Laden Very Games etwas außerhalb des Stadtzentrums betreibt. Gebrauchtspiele seien für das Geschäft „essentiell wichtig“, sagt Gregori: „Sie machen 90 Prozent unserer Erträge aus. Die Margen bei neuen Spielen sind einfach zu gering, um davon leben zu können.“ Bei Gebrauchtspielen gibt es laut Gregori deutliche Unterschiede zwischen den Konsolen: „Die PS3-Besitzer geben eindeutig mehr Geld aus.“ So würden für die Sony-Konsole kaum Spiele unter 40 Euro gekauft, für die Xbox 360 hingegen fast keine Spiele über 40 Euro. „Weil es auf der PS3 keinen dritten und vierten Markt gibt, ist der Gebrauchtspiele-Kreislauf durchbrochen“, so Gregori. Die Verwertungskette funktioniere einfach nicht mehr. In die neue Konsolengeneration – speziell in die Sony-Hardware – setzt Gregori einige Hoffnungen: „Die PS4 startet in Frankreich mit einem guten Preis. Der Übergang zwischen PS3 und PS4 wird sehr viel schneller verlaufen als zwischen PS2 und PS3. Das verleiht dem Spielesektor eine neue Dynamik.“

Die letzte Station unserer Erkundungstour führt uns zurück ins Zentrum von Nîmes. Seit 2006 betreibt Ludovic Roty seinen Laden Level Games in einer der beliebtesten Touristenstraßen, der Rue de l‘Aspic. Auf 80 Quadratmetern erwartet Besucher eine große Auswahl an Retro-Games, Gebrauchtspielen, DVDs, Mangas und Figuren. „Wir bieten unseren Kunden eine gute Mischung“, ist Roty überzeugt, „außerdem bieten wir eine Beratung, die es bei anderen Händlern so nicht gibt“. Mit Großhändlern arbeitet Roty nicht zusammen, stattdessen kauft er Neuerscheinungen wie The Last of Us für „40 oder 45 Euro“ an, das Geld wird in eine Gutschrift umgewandelt. Auch damit unterscheidet sich Level Games von einer Kette wie Cash Converters, die Schmuck, Haushaltsgeräte und Games in Zahlung nimmt; in Nîmes gibt es gleich mehrere dieser Läden. Ludovic Roty ist zuversichtlich, mit seinem vielfältigen Geschäftskonzept auch künftig als unabhängiger Anbieter bestehen zu können. Der Internethandel ist für Level Games mittlerweile ebenfalls ein wichtiges Standbein. (feh)