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Magazin: story

Copyright Basis-Bild: Dusan Zidar/Shutterstock.com
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Spieleentwicklung alla Italiana

Bravo, bravissimo! Italien ist mehr als nur einer der wichtigsten Absatzmärkte Europas – es macht auch in der Spieleproduktion mächtig Boden gut. In IGM 08 hatten wir das Umsatzwachstum (6,9 Prozent) beleuchtet, die Arbeit des Branchenverbandes AESVI vorgestellt und das Mailänder Großstudio Milestone porträtiert. Im vorliegenden zweiten Teil unserer Italien-Serie geht es um spannende Nachwuchsfirmen, italienische Branchentreffen und die Retail-Landschaft von Rom.
Die Lage ist nahezu perfekt: Die Villa Ovosonico liegt oberhalb des malerischen Lago di Varese in der Lombardei, der Blick gleitet über tiefblaues Wasser bis zu den Ausläufern der Alpen. Nein, das hier ist kein Kurhotel für die oberen Zehntausend – sondern ein Spielestudio. Der Industrieveteran Massimo Guarini (40) gründete Ovosonico im Jahre 2012. Zuvor hatte er unter anderem die Entwicklung von Shadows of the Damned (Grasshopper Manufacture) und von Naruto: Rise of a Ninja (Ubisoft Montreal) geleitet. Mit seiner langjährigen AAA-Erfahrung startet Guarini als Indie-Entwickler durch: 2014 erschien mit dem leicht morbiden Puzzle-Platformer Murasaki Baby (PS Vita) das erste Spiel von Ovosonico. 2015 schloss das Studio eine Partnerschaft mit Digital Bros.: Die weltweit operierende Firma betreibt die Marken 505 Games und 505 Mobile, sie ist im STAR-Segment der Mailänder Börse gelistet. Momentan hat Ovosonico 15 Mitarbeiter – sie werkeln fleißig an einem neuen Titel, der aber noch nicht offiziell angekündigt ist. Das tolle Seepanorama dürfte der Kreativität keineswegs abträglich sein...

Ovosonico ist eines der Indie-Studios, die den Standort Italien pushen. Zwar zählte der „Italian Game Developers Census“ 2014 gerade mal etwas mehr als hundert Entwicklerstudios im ganzen Land. Doch in jüngster Vergangenheit sind immer mehr Spiele-Startups aus dem Boden geschossen. Hochburg der Spieleproduktion ist die Lombardei: In Mailand und den angrenzenden Provinzen waren vor zwei Jahren etwa 30 Prozent der italienischen Studios ansässig. Als Leuchttürme fungieren natürlich die beiden Großstudios Milestone (siehe IGM 08) und Ubisoft Milan. In Mailand gibt es aber mittlerweile auch aufstrebende Studios wie Forge Reply, Bad Seed, Santa Ragione und Digital Tales. Die Villa Ovosonico liegt etwas mehr als hundert Kilometer Luftlinie von Mailand entfernt – zur Not ist man von dort recht schnell in der norditalienischen Metropole.

Ein weiter Weg
Für Massimo Guarini ist Italien ein Produktions-standort auf dem Sprung. „In den letzten fünf Jahren hat die italienische Games-Industrie in puncto Größe und Produktionsqualität dramatische Fortschritte gemacht“, sagt er. „Murasaki Baby war das erste Spiel, bei dem ein italienisches Studio ein First-Party-Abkommen mit einem internationalen Plattformbetreiber wie Sony geschlossen hat. Das hat viele kleinere Indie-Entwickler und Spielemacher inspiriert und motiviert, es uns gleichzutun und die Initiative zu ergreifen.“ Guarini räumt aber ein, dass noch ein weiter Weg vor ihnen liegt: „Was die Retail-Verkaufszahlen betrifft, ist Italien einer der größten europäischen Märkte. In der Spieleentwicklung leiden wir seltsamerweise unter sehr großen Nachteilen und nehmen nur einen der hinteren Ränge ein.“ Guarini bemängelt die Steuerbelastung, die hohen Lohnkosten und die fehlende staatliche Unterstützung: „Als Industrie genießen wir derzeit keine speziellen Vorteile oder Steuernachlässe. Unser Verband AESVI verhandelt aber kontinuierlich mit Regierungsvertretern darüber, wie die gesamte Spieleindustrie gefördert werden kann.“ Guarini ist zuversichtlich, dass Italien in den nächsten fünf Jahren einer der wichtigsten Produktionsstandorte Europas werden kann. Nämlich dann, „wenn wir weiter hart und fokussiert an der Qualität unserer Spiele arbeiten“.

Ähnlich sieht es auch Alessandro Mazzega vom Mailänder Studio Forge Reply. „Die Regierung unternimmt leider nicht besonders viel“, sagt Mazzega, der für PR, Marketing und Business Development zuständig ist. „In Italien gibt es ein Gesetz, das Steuererleichterungen für die Film- und die Musikindustrie vorsieht. Es wäre sehr wichtig, dieses Gesetz auf die Spieleentwicklung auszuweiten. Das würde die Zahl der Firmen hierzulande erhöhen und zum Wachstum einer robusten Entwicklerlandschaft beitragen.“ Forge Reply selbst hat einen deutlichen Wachstumsschub schon hinter sich: Mit seinen 50 Mitarbeitern ist es das drittgrößte Studio Italiens. Gegründet wurde das Unternehmen im Jahr 2011 – es ist Teil der Reply Group, eines Netzwerks von IT-Firmen mit Niederlassungen in Italien, UK, Deutschland und den USA. Das Studio habe zwei Geschäftsbereiche, erzählt Mazzega: „In dem einen betreuen wir eigene IPs, die mit Hilfe von Publishern vermarktet werden. In dem anderen übernehmen wir Auftragsarbeiten – also Games und interaktive Anwendungen – mit denen Produkte und Marken beworben werden.“

Einsamer Wolf
Das wichtigste eigene Spiel heißt Joe Dever’s Lone Wolf: Es ist auf Mobilplattformen, auf Steam und kürzlich auch auf PS4 und Xbox One erschienen; der Publisher ist 505 Games. „Lone Wolf ist ein RPG und basiert auf der Fantasy-Lizenz, die bei Choose Your Own Adventures in den 80ern und 90ern beliebt war“, erläutert Mazzega. Zu den jüngsten Auftragsarbeiten von Forge Reply zählt ein AR-Game, das auf der Star-Wars-IP basiert und an physische Figuren gekoppelt ist – diese werden von Esselunga, einer italienischen Handelskette, verkauft. „Wir erweitern gerade unseren Wirkungsbereich in VR und AR“, freut sich Mazzega. „Wir haben ein Labor eröffnet, um diese Technologien zu testen und immersive Erlebnisse zu erschaffen.“ Area 360, so der Name des Labors, liegt allerdings nicht in Mailand selbst, sondern in der Nähe von Como. Offenbar beflügeln Seenlandschaften wirklich die Kreativität.

Die Lombardei ist nicht nur das Zentrum der italienischen Games-Industrie. Sondern auch – und das verwundert wenig – der Schauplatz der wichtigsten Branchentreffen. Größte Consumer-Mese des Landes ist die Milan Games Week, die jährlich im Oktober stattfindet und vom Branchenverband AESVI unterstützt wird. 2015 kamen 120.000 Besucher und 500 Medienschaffende zur MGW: ein Plus von 29 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im Rahmen der Messe findet auch der Italian Game Developer Summit (IGDS) statt, den AESVI organisiert. Nur der Drago d‘Oro – Italiens wichtigster Computerspielpreis – wird alljährlich in Rom vergeben. Schauplatz im März 2016 war der Hadrianstempel, in dem sich heute auch Teile der römischen Börse befinden. Als bestes italienisches Spiel wurde das Action-Adventure In Verbis Virtus (Indomitus Games) ausgezeichnet, der Publikumspreis ging an The Witcher 3.

Nachwuchs gesucht
Die wachsende Branche benötigt logischerweise auch immer mehr Nachwuchskräfte. „Game Design und verwandte Kurse haben erst vor kurzem an den Universitäten Einzug gehalten“, berichtet AESVI-Generalsekretärin Thalita Malagò. Studiengänge gibt es unter anderem an der Universität Verona, der Universität Mailand – mit Unterstützung von Ubisoft – sowie am dortigen Politecnico. „Außerdem gibt es Privatschulen wie die Digital Bros Game Academy“, sagt Malagò; die DBGA befindet sich ebenfalls in Mailand. Aber auch in Rom kann man Game Design studieren: Die VIGAMUS Academy bietet dort dreijährige Bachelor-Studiengänge an, die gemeinsam mit der Link Campus University entwickelt wurden. Zu den Dozenten zählen unter anderem Christian Born, Country Manager von Bandai Namco Entertainment Italy, sowie Crytek-Mitbegründer Avni Yerli.
Betrieben wird die Akademie von der VIGAMUS Foundation. 2012 eröffnete die Stiftung zudem das Video Game Museum of Rome. „VIGAMUS soll ein Ort für Games und Gamer sein“, sagt Stiftungleiter Marco Accordi Rickards. „Ein Ort, an dem man sich trifft, feiert und gemeinsam spielt.“ IGM war bei seinem Museumsbesuch in der Via Sabotino sehr angetan: Mit viel Liebe zum Detail werden alte und neue Artefakte der Computerspielgeschichte präsentiert. Besucher können nicht nur die Automaten-Klassiker der 70er und 80er Jahre ausprobieren – in einem speziellen „Oculus Room“ warten auch VR-Brillen auf sie. Zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten zählen die Master Disks von Doom, ein Space-Invaders-Automat von 1978 und die Sonderausstellung „E.T. The Fall. Atari‘s Buried Treasures“. Besucher können aber auch in einem von Ubisoft gesponserten Raum sämtliche Assassin‘s-Creed-Titel ausprobieren. Wer Rom besucht, sollte auf jeden Fall bei VIGAMUS vorbeischauen – es lohnt sich.

Shop-Seeing
Für IGM war der Museumsbesuch nur eine von mehreren Rom-Etappen: Unser primäres Ziel waren diverse Spielehändler in der italienischen Hauptstadt. Die erste Etappe führte uns in den (für römische Verhältnisse) eher beschaulichen Stadtteil San Giovanni. Dort – in der Via Iberia 61 – befindet sich der Fachhändler Pulsar Game. In dem unscheinbaren, schmalen Ladengeschäft ist an diesem Nachmittag kaum etwas los: Es gibt dort viele Gebrauchtspiele neueren Datums, aber auch etliche Sammlerstücke, zum Beispiel Rampart oder das obskure Jennifer Capriati Tennis; in den Glasvitrinen stehen auch zahlreiche Sammelfiguren.

Leider ist der Besitzer des Ladens nicht sonderlich gesprächig, deshalb geht es gleich weiter zur nächsten Station unserer Rom-Tour: zum Fachhändler Gamelife in der Via Candia, die nur wenige Fußminuten vom Vatikan entfernt liegt. Gamelife betreibt im Stadtgebiet insgesamt drei Filialen, sie alle gingen 2009 an den Start. Verkäufer Francesco ist deutlich redseliger als der Kollege von Pulsar: Er erklärt uns das Bonus-System für Kunden, das über QR-Codes funktioniert. In dem vielleicht 50 Quadratmeter großen Laden treffen wir auch die Brüder Ildebrando und Luciano, die mit Francesco befreundet sind und zu den Stammkunden von Gamelife zählen. Ildebrando mag Kampfspiele wie Tekken, Luciano steht mehr auf Uncharted, Dark Souls und Bloodborne. Zu Gamelife gehen die Brüder deutlich lieber als zu größeren, aber auch anonymeren Händlern wie Open Games, Media World, Euronics oder Auchan.

In Laufweite
Nur ein paar Hundert Meter entfernt sitzt der direkte Mitbewerber: GameStop. Der schmale Shop wirkt auf den ersten Blick etwas überladen: Um in den hinteren Raum mit den Konsolenspielen zu kommen, quetscht man sich erst einmal durch Unmengen von Merchandise-Artikeln. Da gibt es T-Shirts zu CoD, Minecraft-Figuren und -Mützen, offizielle Uncharted-Tassen und auch die berüchtigten Pop Bobbleheads. Diese laufen übrigens besonders gut, wie uns der Verkäufer nebenbei erzählt. Merchandise-Artikel hat die Filiale überhaupt erst seit einem Jahr im Angebot – doch mittlerweile scheinen sie einen guten Teil des Geschäfts auszumachen. Wer weiß, vielleicht ist es ja gerade der Nachwuchs der zahlreichen Vatikan-Touristen, der hier für den größten Umsatz sorgt...

Fazit: Rom ist auch der Games wegen eine Reise wert. Die unangefochtene Hauptstadt der Spieleproduktion ist allerdings Mailand. (feh)