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Magazin: story

Copyright Basis-Bild: PlanetEarthPictures/stock.adobe.com
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Stabiler Brückenschlag?

Verschwindet die Kluft zwischen Konsolen, Mobilgeräten und PC? Werden wir alle bald in fröhlicher Eintracht zocken? Das könnte glauben, wer die Entwicklung der letzten Monate beim Thema "Crossplay" verfolgt hat. Doch die Annäherung der Kontrahenten ist längst noch nicht vollzogen – und die Auswirkungen auf die Branche ungewiss. IGM lässt die Reaktionen der Publisher Revü passieren – und hat auch mit anderen Branchen­vertretern über den Crossplay-Trend gesprochen.
Am 26.9. ließ John Kodera die Bombe platzen. "Nach einem umfangreichen Evaluierungsprozess hat SIE eine Möglichkeit gefunden, wie Cross-Platform-Features für ausgewählte Third-Party-Inhalte unterstützt werden können", schrieb der Präsident und Global CEO von Sony Interactive Entertainment im PlayStation Blog. Und weiter: "Wir verstehen, dass PS4-Spieler gespannt auf ein Update gewartet haben – und wir schätzen die Geduld, mit der die Community unsere Suche nach einer Lösung begleitet hat." Als ersten Schritt kündigte Kodera eine Open Beta für Fortnite an, die noch am selben Tag beginnen sollte: Sie ermöglicht Cross Platform Gameplay, Progression und Handel zwischen PlayStation 4, Android, iOS, Nintendo Switch, Xbox One, Microsoft Windows und Mac. "Für uns ist diese Beta eine Gelegenheit für gründliche Tests. Sie sollen gewährleisten, dass PlayStation das bestmögliche Cross Platform Play bietet", schrieb der CEO. "Gleichzeitig soll besondererer Wert auf die Nutzererfahrung gelegt werden – und zwar sowohl aus technischer wie aus sozialer Perspektive."

Gute Nachricht
Für viele Spieler war das natürlich eine gute Nachricht. Gleichwohl fragte sich der eine oder andere, warum Sony diesen Schritt nicht schon früher unternommen hatte. Auf anderen Plattformen war ja Crossplay schon seit längerem möglich. Fortnite Battle Royale beispielsweise konnten Spieler schon auf der Xbox One, der Switch und Mobilgeräten gemeinsam zocken. Auch Titel wie Rocket League, Gwent, ARK: Survival Evolved, Trailblazers und Astroneer boten bereits partielles Crossplay – allerdings nie zwischen PS4 und Xbox One. [Auf digitaltrends.com/gaming/all-cross-platform-games ist übrigens eine gute Übersicht der Spiele abrufbar.] Offenbar wollte Sony seine Pole Position im Markt nicht durch Zugeständnisse an andere Plattform-Betreiber aufweichen – was aber wiederum dazu führte, dass Microsoft und Nintendo das Crossplay zwischen Xbox One und Switch in einer Kampagne herausstellten. Ohnehin ist Microsoft mit seinem "Play Anywhere" seit längerem ein Crossplay-Vorreiter: Titel wie Forza Horizon 4, Gears of War 4, Halo Wars 2 und Sea of Thieves müssen nur einmal gekauft werden, können dann aber sowohl auf Xbox One als auch auf dem PC genutzt werden. Und mit Crossplay obendrein.

Was also hat Sony letztlich dazu bewogen, die Crossplay-Brücke zu bauen? Lesen wir, was Shawn Layden dazu sagt, der Vorsitzende der SIE Worldwide Studios. "Wir wissen, dass das ein Bedürfnis war, ein Wunsch, und wir wollen den bestmöglich erfüllen. Allerdings bedeutet Crossplay nicht einfach, dass man einen Hebel umlegt und ‚Los geht's' ruft. Es ist ein sehr vielschichtiges [...] Feature", so Layden im PlayStation Blogcast. Wie kompliziert die Sache war, erläutert Layden im Folgenden: "Wir mussten es [...] aus einem technischen Blickwinkel betrachten. Wir müssen mit unseren Partnern aus Business-Sicht zusammenarbeiten. Und wir müssen sicherstellen, dass wir – wenn wir es aktivieren – , auch einen richtigen Kunden-Support haben und eine richtige Botschaft. Wir müssen sicherstellen, dass wir all diese unterschiedlichen Dinge auf die Reihe bekommen."

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Man mag von dieser Begründung halten, was man will. Die Third-Party-Publisher jedenfalls reagierten mehr oder weniger gelassen auf die Ankündigung. Activision etwa sagte auf IGN-Anfrage hin: "Wir haben bis jetzt großartige Erfahrungen mit Hearthstone-Crossplay auf anderen Plattformen gemacht und haben miterlebt, wie fesselnd das für unsere Community sein kann. Es gibt noch viel zu tun – sowohl bei uns als auch auf Seite der Plattform-Betreiber – wenn wir verstehen wollen, ob Crossplay auch bei unseren anderen Games eingeführt werden kann." Man werde also den bevorstehenden Fortnite-Test abwarten und dann prüfen, wie wichtig das Feature für die eigenen Games sei. Pete Hines, SVP of Global Marketing and Communications bei Bethesda, twitterte zunächst ein "Well done" in Richtung Sony, ergänzte dann aber: "Fallout 76 unterstützt kein Crossplay, und zwar aus einer Vielzahl an Gründen. Ich habe keine Ahnung, ob es jemals Crossplay unterstützen wird. Aber ich versichere euch, dass das gerade nicht auf unserem Radar ist, weil wir uns auf die B.E.T.A. und den Launch konzentrieren." Allerdings hat Hines auch schon zu verstehen gegeben, dass Crossplay für die Zukunft von The Elder Scrolls: Legends von großer Bedeutung sein könnte.

Umfrage weckt Zweifel
Wird Crossplay aber auch für die Spieler von Bedeutung sein? Zweifel sind angebracht, wenn man die Ergebnisse einer von gamesindustry.biz beauftragen GameTrack-Studie aus Q4 2017 betrachtet. Die Studie deutet nämlich auf ein generelles Desinteresse der Konsumenten an diesem Thema hin. Beispielsweise beeinflusst es die Spieler – nach Eigenaussage – kaum in ihrer Entscheidung über den Konsolenkauf. Auf die Frage, ob sie eine Konsole eher kaufen würden, wenn diese Crossplay biete, antworteten nur 13 Prozent der Befragten mit "Ja". Ebenfalls nur 13 Prozent bejahten, dass Crossplay die Wahrscheinlichkeit eines Online-Abos erhöhen würde. In dieselbe Richtung gingen auch die Antworten auf zwei weitere GameTrack-Fragen: Nur 17 Prozent sehen Crossplay als Anreiz für den Kauf von bestimmten Spielen an. Und ebenfalls nur 17 Prozent würden häufiger online spielen, wenn Crossplay bei bestimmten Games zur Verfügung stünde.
Zwischenfazit: Den meisten Spielern scheint Crossplay ziemlich egal zu sein. Jedenfalls war es das in Q4 2017 noch. Wie aber könnte sich das Ganze weiterentwickeln, wenn Crossplay erstmal Fahrt aufnimmt? Wird Crossplay der Branche insgesamt eher nutzen – oder womöglich sogar schaden? Das wollten wir von Experten aus unterschiedlichen Ecken der Branche wissen. "Natürlich ist es eine gute Entscheidung, da es unsere Industrie und die Spieler besser miteinander verknüpft und gleichzeitig dabei hilft, alte Streitpunkte zu beerdigen", sagt Fabian Mario Döhla, der Public Relations und Social Media für Sega, CD Projekt Red und GOG betreibt. "Im besten Fall ist es egal, auf welcher Plattform man einen online-fähigen Multiplattform-Titel kauft." Ähnlich sieht das auch Joost van Dreunen, Commercial Leader bei der Analysefirma SuperData Research: "Jetzt, wo der größte Plattformbetreiber der Konsolenwelt endlich mit von der Partie ist, wird sich die Zielgruppe verbreitern, die Spieleentwickler ansprechen können – denn die Leute stehen nicht mehr vor dem schwierigen Entweder-oder. Natürlich nur unter der Voraussetzung, dass Sony auch künftig mitspielt." Für den Fachhändler Stefan Kimmlingen – er ist Inhaber des Shops SK GameNatiX in Trier – ist Crossplay nur ein nettes Feature: "Es ermöglicht jetzt, dass auch Konsolenspieler in der Lage sind, systemübergreifend gegen ihre Freunde online anzutreten. Einen direkten Nutzen für die Branche sehe ich hier nicht. Es ist ein Bonus, der aber bei den Gamern natürlich gut ankommt."

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Dass sich der Umsatz mit Konsolen und Spielen in seinem Shop durch den Crossplay-Trend erhöht, glaubt Kimmlingen nicht: "Für uns hat dies keinerlei Einfluss auf die Abverkaufszahlen." Auch das "Machtverhältnis" der drei Konsolen PS4, Xbox One und Switch werde der Trend nicht verändern, so Kimmlingen: "Die Grenzen wurden hier bereits gesteckt und können von Crossplay nicht verschoben werden." PR-Mann Döhla sieht das ähnlich: "In dieser Phase des Hardware-Zyklus wird sich der Marktanteil nicht mehr signifikant verschieben, dafür sind die jeweiligen Generationen schon zu lange auf dem Markt. Dafür macht es die Plattformen an sich attraktiver, da es weniger Hürden und Ausgrenzungen gibt." Dass Crossplay den Markt bereits nachhaltig geprägt hat, glaubt Joost van Dreunen: "Microsoft hat Crossplay zwischen PC und Konsole sehr viel länger gefördert und begünstigt. Das ist eines ihrer starken Unterscheidungsmerkmale – und Wettbewerber wie Sony können nicht in den PC-Markt folgen."

Keiner der drei Befragten sieht also eine kommende Marktanteilsverschiebung erheblichen Umfangs. Dennoch könnte der Crossplay-Trend natürlich Folgen haben, zum Beispiel auf die Spieleentwicklung. "Das könnte die kreative Agenda der Firmen beeinflussen, weil mit Sicherheit viele von ihnen dieses neue Feature ausschöpfen wollen", sagt Joost van Dreunen. Fabian Mario Döhla ist da schon etwas skeptischer: "In einer perfekten Welt wird diese Funktion bei jedem kommenden Multiplayer-Titel integriert. Leider leben wir in keiner perfekten Welt – aber es sollte sich zumindest positiv auf die Gesamtzahl an Titeln mit Crossplay auswirken." Döhla zufolge geht es auch nicht so sehr darum, Spieler und Hardware-Käufer zu gewinnen: "Man will sie wohl lieber nicht verlieren." Wer kein Crossplay bietet, könnte also bald das Nachsehen haben.

Gameplay-Vorteile
Oft ist ja auch davon die Rede, dass Crossplay bestimmte Plattformen beim Gameplay bevorzugt. Und das ist nicht einfach von der Hand zu weisen. Maus und Tastatur brächten PC-Spielern automatisch einen Vorteil, sagt SK-GameNatiX-Geschäftsführer Kimmlingen. "Es ist sicher die technisch interessanteste Herausforderung für die Entwickler, diesen Nachteil für Konsolenspieler auf faire Art und Weise auszugleichen." Wie genau der Ausgleich geschaffen wird, bleibt abzuwarten. Die Entwickler werden sich alle Mühe geben – schließlich wollen sie nicht, dass der PC als "Über-Performer" wieder aus dem Crossplay-Zirkel verbannt wird.

Werden nun also allenthalten Crossplay-Titel sprießen und den Markt dominieren? Fabian Mario Döhla glaubt das zum jetzigen Zeitpunkt nicht. "Das lohnt sich nur für die ganz großen Titel, bei denen die Entwickler ihrer Community entsprechend viele Möglichkeiten bieten wollen und müssen, damit man weiter wachsen kann." Joost van Dreunen findet es hochgradig interessant, wie die großen Publisher auf den Crossplay-Trend reagieren werden: "Denn sie müssten wahrscheinlich Investitionen tätigen, um ihre Spiele crossplay-fähig zu machen. Gleichzeitig würden sie aber auch von den Vernetzungseffekten profitieren." Mit anderen Worten: Das Thema "Crossplay" bleibt weiter spannend. (feh)