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Magazin: story

Copyright Basis-Bild: JFL Photography/stock. adobe.com
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Stille Wasser sind tief

Kroatien ist ein beliebtes Reiseland – und das schon seit Ende des 19. Jahrhunderts. Weder der Kalte Krieg noch der Krieg in Ex-Jugoslawien konnte daran etwas grundlegend ändern, im Gegenteil: Bei Touristen wird das Land immer beliebter. Das liegt nicht nur an der wunderschönen Landschaft und den tollen Stränden. Auch dass mehrere kroatische Städte als Drehkulisse für Game of Thrones dienten, hat den Tourismus in den letzten Jahren befeuert. Doch neben Urlaub und Fußball-Kompetenz (Vize-Weltmeister!) hat Kroatien in letzter Zeit eine weitere Attraktion hinzugewonnen: Games. IGM hat sich die kroatische Games-Branche angeschaut – und bei der Reboot Develop Blue in Dubrovnik mit Entwicklern gesprochen.
Gerade steht Kroatien wieder im Zentrum der weltweiten Aufmerksamkeit, zumindest mittelbar: Die Fantasy-Erfolgsserie Game of Thrones nähert sich ihrem Finale, und natürlich ist auch wieder King's Landing zu sehen, die grandiose Hauptstadt der Sieben Königslande. Hartgesottene Serienfans wissen längst, dass die kroatische Stadt Dubrovnik Drehort vieler Szenen war – folglich pilgern viele GoT-Touristen zu Orten wie der  Festung Lovrijenac, der Jesuitentreppe und den imposanten Mauern der Altstadt. Doch nicht nur Game of Thrones hat der Popularität Kroatiens in letzter Zeit einen gehörigen Schub versetzt. Auch der Erfolg der kroatischen Fußballer (Modric! Rakitic! Perisic!) bei der WM 2018 in Russland hat dem kleinen Land viel Ansehen gebracht. Auf rund 56.000 Quadratmetern Fläche – etwa der doppelten Größe Brandenburgs – leben heute rund vier Millionen Einwohner. Die größten Städte des Landes sind die Hauptstadt Zagreb (1.1 Mio. Einwohner inkl. Peripherie), Split (178.000), Rijeka (128.000) und Osijek (108.000). Zum Vergleich: Jährlich reisen rund 10 Millionen Urlauber nach Kroatien. Doch wie ist es in diesem – so stark auf Tourismus ausgerichteten – Land um die Games-Produktion bestellt? Das wollten wir herausfinden – und fuhren zur Entwicklerkonferenz Reboot Develop Blue, die Mitte April in Dubrovnik stattfand. Dort sprachen wir mit Studio-Chefs und dem Reboot-Organisator über die Entwicklung der heimischen Games-Branche.

Damir Durovic ist ein Energiebündel. Der Mitgründer und Chef-Organisator der Reboot Develop Blue joggt von Termin zu Termin – und hat zwischendurch noch Zeit für Interviews. "Vor fünf oder sechs Jahren hat die kroatische Games-Branche einen Entwicklungssprung gemacht", sagt er. "Wir haben derzeit rund 50 Studios – was für ein Land mit vier Millionen Einwohnern ziemlich viel ist. Fast 1000 Leute arbeiten in der Spieleentwicklung." Niemand wisse genau, wie viel Umsatz die kroatischen Studios machen, so Durovic. Schätzungen gingen von 80 bis 100 Millionen Euro pro Jahr aus. Zugleich gebe es starke Expansionspläne. "Croteam ist die bekannteste Firma im Core-Bereich", berichtet Durovic. "Es gibt aber ein sehr viel größeres Mobile-Studio namens Nanobit. Sie machen rund 25 Millionen Euro Umsatz pro Jahr." Sehr erfolgreich ist derzeit das Studio Gamepires, das wie Croteam in Zagreb sitzt: Ihr Survival-Game SCUM verkaufte sich in den ersten drei Early-Access-Wochen auf Steam mehr als eine Million Mal. Gamepires beschäftigt rund 40 Leute, will aber in naher Zukunft stark skalieren. "Darüber hinaus gibt es mindestens 30 mittelgroße Studios mit 25 bis 30 Mitarbeitern, die richtig gut laufen", sagt Durovic. "Und dann noch 15 kleinere Studios mit drei bis fünf Mitarbeitern. Ich rechne noch nicht mal diejenigen Studios dazu, die keine Rechtspersonen sind." Die lokale Branche erlebe einen Boom.

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Wir haben derzeit rund 50 Studios
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Besser vernetzt
Bestätigen kann das Alen Ladavac, der CEO von Croteam. "Die kroatische Games-Industrie ist in den letzten Jahren weiter stark gewachsen", sagt Ladavac gegenüber IGM. Sein Studio ist durch die brachiale, augenzwinkernde Serious-Sam-Reihe bekannt geworden, hat mit The Talos Principle aber auch ein hochgelobtes, philosophisches Rätselspiel vorgelegt. Zudem war Croteam als Produzent am Gamepires-Hit SCUM beteiligt. Letztes Jahr feierte Croteam bereits seinen 25. Geburtstag – und ist damit das mit Abstand dienstälteste Studio Kroatiens. "Wir schlagen uns weiter prächtig", freut sich Ladavac. "In letzter Zeit ist das Team gewachsen. Momentan haben wir rund 50 Mitarbeiter." Derzeit konzentriert sich das Team auf die nächste Ausgabe ihrer Erfolgsserie. Serious Sam 4: Planet Badass soll noch 2019 für Konsolen und PC erscheinen. Staatliche Hilfe hat das Vorzeigestudio in seiner langen Unternehmensgeschichte kaum je erhalten. Ladavac bemerkt hier jedoch ein Umdenken: "Es hat lange gebraucht, aber die kroatische Games-Industrie bekommt nun endlich etwas Anerkennung und Liebe von den Institutionen. Vor ein paar Jahren haben kroatische Entwickler die Croatian Game Developers Association (CGDA) gegründet – besonders mit diesem Ziel. Und das Resultat kann sich sehen lassen." Auch mit den Studios der ex-jugoslawischen Nachbarländer sei man gut vernetzt: "Wir organisieren gegenseitige Besuche bei unseren Events und versuchen, sie gut wie möglich in Kontakt zu bleiben." Eines der größten Wachstumshindernisse sei derzeit der Mangel an gut ausgebildeten Nachwuchskräften. "Aber die Vorzeichen sind gut und es gibt Pläne, diese Situation zu verbessern."

Auch für Mario Mihokovic ist der Fachkräftemangel ein großes Problem. "Momentan suchen fast alle Firmen außerhalb von Kroatien", sagt der CEO von Little Green Men Games (LGMG), den Machern der Starpoint-Gemini-Reihe. "In den letzten Jahren sind mehrere große Teams entstanden, die so ziemlich jeden Entwickler abgegriffen haben, der in Kroatien verfügbar war. Jetzt müssen wir ein paar Jahre warten, bis neue Entwickler nachkommen." In der Zwischenzeit werde verstärkt in den Nachbarländern, in Osteuropa, Asien und den USA rekrutiert, so Mihokovic. LGMG beschäftigt derzeit 17 Mitarbeiter. Wahrscheinlich wird das Studio aber in den kommenden Monaten auf 25 Mitarbeiter – plus Freelancer – anwachsen: LGMG arbeitet gerade an Starpoint Gemini 3, dem mittlerweile vierten Teil der Weltraumspiel-Reihe. [Nach Starpoint Gemini 2 folgte zunächst Starpoint Gemini Warlords, Anm. d. Red.] Starpoint Gemini 3 soll noch dieses Jahr erscheinen, sagt Mihokovic. Zum ersten Mal habe LGMG nun auch ein Projekt, das auf einer anderen IP basiere. "Es handelt sich um ein Space-Western-Game", verrät der CEO. "Es hat ein sehr interessantes Konzept und hat nichts mit Starpoint Gemini zu tun. Ende des Jahres werden wir es enthüllen."

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Momentan
suchen fast alle Firmen außerhalb von Kroatien
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Hub in Novska
Little Gren Men Games wurde 2006 gegründet, nach Croteam ist es eines der traditionsreichsten Studios Kroatiens. Seit ihrer Gründung sitzt die Firma in der Innenstadt von Zagreb. Die Hauptstadt sei definitiv das Zentrum der kroatischen Spieleproduktion, sagt Mihokovic. "Aber einige kleinere Städte versuchen aufzuholen. Sie erschaffen Hubs speziell für die Weiterentwicklung der Games-Industrie." Als Beispiel nennt Mihokovic die Stadt Novska, die rund 100 Kilometer von Zagreb entfernt im Landesinneren liegt. Dort werde gerade ein von der EU subventionierter Games-Hub namens PISMO aufgebaut, so Mihokovic: "Das ist ein ziemlich interessantes Projekt. Es geht gut voran, und eine ganze Reihe bereits bestehender Firmen – inklusive unserer – beteiligen sich daran." Technologien, Engines, Motion Capture, Animation und Soundtrack-Komposition: PISMO soll alles umfassen, was mit Games-Entwicklung zu tun hat. "Aus professioneller Sicht bleibt Zagreb aber der absolute Hub", glaubt Mihokovic. Auch er ist vom Wachstum der kroatischen Games-Branche euphorisiert: "In den letzten fünf Jahren war es total verrückt. Alles entwickelte sich von einer quasi nicht vorhandenen Industrie zu einer Industrie, die große, beliebte Titel abgeliefert hat. Überall sind Firmen aus dem Boden geschossen." Als mitentscheidenden Faktor sieht der Studio-Chef die Gründung der Croatian Game Developers Association: Erst damit habe die Industrie begonnen, sich richtig zu vernetzen. "Wir wussten lange Zeit kaum etwas über andere kroatische Firmen", räumt Mihokovic ein. Sechs Jahre lang habe LGMG direkt neben einem anderen Studio gearbeitet, ohne von dessen Existenz zu wissen – und umgekehrt. "Als wir uns dann vernetzten und Erfahrungen zu teilen begannen, wuchs das Interesse. In ganz Kroatien gibt es Organisationen und Initiativen, die die Games-Industrie bekannter machen wollen." Auch vor den Nachbarländern mache die Vernetzung nicht halt, sagt Mihokovic: "Viele kroatische Firmen arbeiten mit serbischen, slowenischen und bosnischen Firmen zusammen. Wir teilen gewissermaßen die gleichen Vorstellungen – und die gleichen Probleme. Das verbindet."

Nun wollen wir vom LGMG-CEO etwas über den kroatischen Spielegeschmack wissen. Seine Landsleute liebten sehr schnelle, dynamische und wettbewerbsorientierte Games, sagt Mihokovic. "Wir unterscheiden uns beim Games-Geschmack nicht groß von anderen Ländern. Es gibt Gruppen, die bestimmte Genres mögen. Aber in Kroatien dominiert der Mainstream." Mit anderen Worten: Auch in dem kleinen Land am Mittelmeer lieben Spielefans Titel wie Fifa, Fortnite und Call of Duty. Wobei dort auch ein Titel wie SCUM viel Erfolg hat – wozu wesentlich beitragen dürfte, dass das Multiplayer-Survival-Game auf einer (landschaftlich sehr schönen) kroatischen Insel spielt. Ob SCUM nach der Early-Access-Phase auch im stationären Handel landet, ist derzeit noch nicht absehbar. Zumindest in Kroatien dürfte der Online-Vertrieb des Spiels weiter dominieren – denn stationäre Retailer gibt es kaum noch. "Es gab einige, aber viele davon sind eingegangen", berichtet Damir Durovic. 2017 machte der Händler Algoritam dicht, der etliche Filialen im ganzen Land betrieb. "Das war der größte Retailer für digitale Artikel", sagt Mario Mihokovic. "Algoritam war fünf Mal größer als alle anderen zusammen – das hat ein Vakuum hinterlassen. Jetzt ist viel in Bewegung.  In ein oder zwei Jahren wird vielleicht eine neue Kette auftauchen, aber momentan ist die Situation unklar." Damir Durovic glaubt, Algoritam hätte stärker auf Merchandise setzen sollen, den Ernst der Lage aber zu spät erkannt. "Der derzeit einzige wirkliche Game-Retailer mit dem Schwerpunkt Konsolenspiele ist Sancta Domenica", sagt er. Laut Website hat das Unternehmen landesweit zwölf Filialen – davon sieben in Zagreb, drei in Split, eine in Rijeka und eine in Zadar. Viele Gaming-Fans würden ihre Spiele mittlerweile bei Versandhändlern in Slowenien, Österreich und Deutschland bestellen, sagt sein Kollege Mihokovic.

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Wir investieren
viel Zeit und Unmengen von Geld
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Blendende Stimmung
So schwierig die Situation des kroatischen Games-Handels ist: Die dortigen Games-Produzenten sehen ganz offensichtlich einer goldenen Zukunft entgegen. Bei der Reboot Develop Blue in Dubrovnik herrschte jedenfalls blendende Stimmung. Die Konferenz fand vom 11. bis 13. April im Hotel Sheraton des Ortes Mlini statt – zehn Autominuten von Dubrovnik entfernt und sehr malerisch an der Küstenlinie Zupa Dubrovacka gelegen. Unter den Speakern der diesjährigen Konferenz waren so prominente Branchen-Mitglieder wie Amy Hennig, Hermen Hulst, Warren Spector, Patrice Désilets und Rami Ismail. Bei der Keynote am Eröffnungstag saßen sogar die beiden Urgesteine Fumito Ueda und Hidetaka Miyazaki gemeinsam auf einer Bühne. Wie schafft es der Organisator, so viel Prominenz nach Kroatien zu locken? "Das weiß ich nicht", sagt Damir Durovic lachend. "Die Mundpropaganda ist jedenfalls gigantisch, die hat uns viel geholfen. Die ersten Speaker, die hier herkamen, waren begeistert und haben ihre Erfahrungen überall hin weitererzählt. Das war definitiv einer der Schlüsselfaktoren." Ein weiterer ist, dass Durovic und Kollegen seit mehr als zwei Jahrzehnten – und in verschiedenen Rollen – in der Games-Branche mitmischen. "Mit dem Industrie-Netzwerk, das wir bereits hatten, konnten wir die Konferenz sehr gut starten." Gleichwohl bedeutet die Organisation viel Arbeit. "Wir investieren viel Zeit und Unmengen von Geld in die Kontaktaufnahme mit den Speakern, die besonders schwer zu erreichen sind", so Durovic. "Wir nutzen also jeden denkbaren Ansatz. Wir sprechen mit ihren Agenten, mit Freunden... meistens versuchen wir, von fünf oder sechs verschiedenen Seiten an die Speaker heranzutreten. Manchmal brauchen wir zwei, drei oder vier Jahre, um an sie ranzukommen."

Dieser Einsatz zahlt sich zunehmend aus. Die Reboot Develop Blue fand zum ersten Mal vor sechs Jahren statt – und hat sich mittlerweile zu einem der wichtigsten Entwickler-Events in Europa gemausert. "Wir haben uns überlegt, wie wir uns von den hundert anderen Industrie-Events weltweit abheben können", sagt Durovic. Die meisten davon sind mehr oder weniger GDC-Klone, und das wollten wir überhaupt nicht sein." Die Organisatoren setzten also auf das "kroatische Markenzeichen", wie Durovic es nennt: "Die Küste, die schönen Locations, verbunden mit High-End-Speakern, dem Besten der Indie-Szene und hochgradig attraktiven Ticket-Preisen, die wirklich alles umfassen – sogar fantastische High-End-Lunches im Sheraton." Auch sechs Jahre nach Gründung der Konferenz seien die Preise noch sehr günstig, so Durovic. Das Ticket für diesjährige Konferenz kostete 300 Euro. Sehr international ist die Reboot ebenfalls: Rund 85 Prozent der 2100 Konferenzteilnehmer kamen in diesem Jahr von außerhalb der Adria-Region, mehr als 40 Prozent reisten aus den USA, Kanada, China, Japan und anderen weit entfernten Ländern an.

Die Idee zur Reboot Develop Blue kam Durovic bei einem anderen Event: der Reboot InfoGamer, die ebenfalls 2013 Premiere hatte. "Die Reboot InfoGamer ist gewissermaßen die PAX von Südeuropa", so Durovic. 2018 kamen rund 80.000 Consumer zu der Messe nach Zagreb, im nächsten Jahr sollen es noch mehr werden. "Im ersten InfoGamer-Jahr stellten wir fest, dass sich viele regionale Games-Entwickler stärker vernetzen wollen. Wir dachten uns: Es macht wirklich Sinn, ein Event nur für die Industrie zu gründen", erzählt Durovic. Der Organisator ist vom Erfolg in Dubrovnik beflügelt – und wird noch dieses Jahr einen Ableger ins Leben rufen. Die Reboot Develop Red im kanadischen Banff soll sich natürlich an nordamerikanische Entwickler richten, aber auch an ein internationales Publikum. Wir wünschen gutes Gelingen! (Achim Fehrenbach)