Anzeige

Anzeige

Magazin: story

Copyright Basis-Bild: Zacarias da Mata/stock.adobe.com
Copyright Basis-Bild: Zacarias da Mata/stock.adobe.com

Unverwüstlich

Die Zahl der kleinen Games-Ladengeschäfte schmilzt – doch von Trübsal ist bei Deutschlands führenden Großhändlern allen Widrigkeiten zum Trotz nichts zu spüren. Eine Bestandsaufnahme.
Wenn Neuheiten wie Prey oder Horizon: Zero Dawn schon am Tag des Erscheinens für unter 50 Euro etikettiert werden, dann ahnt auch der Laie: Richtig was verdient wird an diesen Blockbustern kaum noch etwas. Für Media Saturn, Müller oder Amazon sind diese Titel in erster Linie Frequenzbringer – wer schon mal da ist, legt eben noch ein HDMI-Kabel oder eine DVD in den Einkaufswagen. Und am Ende geht es natürlich auch darum, das Image des Billigsten unter den Billigen aufrecht zu erhalten. "Für unsere Händler lohnt es sich nicht, bei den Neuheiten den Preiskampf mit den Flächenmärkten und Amazon mitzugehen. Der VK wird gleich am ersten Tag verrissen, wer soll da was verdienen?", gibt Günther Groß von Groß Electronic zu bedenken. Kein Einzelhändler, der einen Taschenrechner bedienen kann, wird sich darauf einlassen.

"
Preiskampf mitgehen? Lohnt sich nicht
       "

Steigende Ladenmieten – selbst in B-Lagen – und ein ausgesprochen preisbewusstes Publikum haben den Druck zusätzlich erhöht. Hinzu kommt, dass sich gerade die großen Publisher auf einige große Marken konzentrieren: Es erscheinen weniger Spiele, die dafür aber viel länger gepflegt werden, meist über Jahre hinweg. Einmal beim Kunden, lässt sich an den Spielen über Jahre hinweg mit Digital-Erweiterungen und "Season-Passes" prächtig verdienen, wie die jüngsten Jahresbilanzen von Ubisoft, Activision Blizzard oder Electronic Arts ausweisen. Der Handel bleibt außen vor.
Unschöne Bescherung an Weihnacht
Der ruinöse Preiskampf hinterlässt natürlich Spuren in den Kundenkarteien der Großhändler: "Wir sehen, dass der klassische Einzelhändler ‚wegstirbt'. Das betrifft nicht nur Games, sondern auch Videotheken oder Spielwarenhändler", sagt zum Beispiel Einkaufs- und Vertriebsleiter Markus Blumenberg vom Großhändler und Distributor Flashpoint. Auch Groß-Electronic-Geschäftsführer Günther Groß bekommt hautnah mit, wie sehr der Einzelhandel unter Druck steht: "Wir spüren natürlich auch, dass es immer weniger Einzelhändler werden. Jedes Jahr zu Weihnachten oder Januar bekommen wir die Mitteilung, dass wieder der eine oder andere aufgeben musste."

Eine Mitverantwortung tragen laut Playcom-Chef Wolfgang Myrth nicht zuletzt auch die Spielehersteller selbst: Den Umsatz machen die Erfurter vorwiegend mit Neuheiten – die Zahl der Titel sei deutlich zurückgegangen, weil sich die Hersteller auf Toptitel konzentrieren und diese zunehmend digital beziehungsweise online vertreiben. "Die Unterstützung der Industrie für den Fachhandel hat spürbar nachgelassen und einen Teil zum Händlersterben beigetragen. Bei mehreren Publishern wurden die Sales-Mannschaften deutlich abgebaut. Wir federn das zum Teil ab, indem wir die Betreuung des Handels mitübernehmen", sagt Myrth.

Bündnis mit Erzfeind Amazon
Welche Wege gibt es nun für den Handel, wenn man sich schon nicht auf eine nicht zu gewinnende Preisschlacht einlassen will oder kann? Die Rezepte der einzelnen Großhandels-Riesen sehen ganz unterschiedlich aus – erfolgreich sind aber alle damit. Lange Zeit galten hochpreisige Sammler-Editionen als Allheilmittel. Allerdings sind führende Publisher dazu übergegangen, die Premium-Pakete eigens für Media Markt, Saturn, Amazon, Gamestop & Co. zu schnüren – ein Geschäft, das oft genug komplett am restlichen Einzelhandel vorbeigeht. Das bestätigt auch Playcom-Geschäftsführer Myrth: "Bei einem Titel wie FIFA 17 oder FIFA 18 geht es alleine um den Preis. Zwar werden zum Teil Special Editions aufgelegt, doch die sieht der Fachhandel oft gar nicht, weil sie exklusiv bei den großen Retailern erhältlich sind."

"
Wenn du deinen Gegner nicht schlagen kannst, verbünde dich
mit ihm
      "

Zunehmend unverzichtbarer wird für die Händler das Internet-Geschäft: "Übrig geblieben sind vor allem jene, die nicht nur ein reines Ladenlokal betreiben, sondern auch versenden – sei es auf der eigenen Website, auf Ebay oder im Amazon Marketplace", sagt Flashpoint-Experte Markus Blumenberg. Denn mit vergleichsweise geringem Aufwand können Händler ihr Sortiment auf den großen Internet-Plattformen einstellen – getreu dem Motto: Wenn du deinen Gegner nicht schlagen kannst, verbünde dich mit ihm. Gerade mit älteren Titeln, Raritäten oder Geheimtipps lässt sich weiterhin schöner Umsatz einfahren, weil sich die E-Commerce-Riesen die selten nachgefragte Ware kaum noch aufs Lager legen. Die Großhändler unterstützen ihre Kunden dabei, indem sie Spiele zum Beispiel namens des Einzelhändlers ausliefern. "Wir übernehmen zunehmend Dienstleistungen für den Fachhändler, die auf Marktplätzen oder in ihren eigenen Online-Shops verkaufen. Zum Beispiel verschicken wir bestellte Ware direkt ab Lager an den Endkunden", erklärt Wolfgang Myrth.

Headsets lassen sich nicht herunterladen
Geteilter Meinung sind die relevanten Großhändler des Landes über die Bedeutung von Merchandising, Zubehör und Games-Peripherie, also Gamepads, Tastaturen, Mäuse und Headsets. Bei Vitrex gehören diese Sortimente seit jeher zum Lieferprogramm. Playcom-Chef Myrth hat festgestellt, dass das Peripherie-Geschäft einer Saisonalität unterliegt, die von den jeweiligen Neuheiten abhängt. "Das Thema Zubehör hat in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen. Bei Neuheiten wie GT Sports kann man davon ausgehen, dass Lenkräder verstärkt nachgefragt werden."
Gleiches gilt für Flashpoint: "Wir sind sehr erfolgreich mit Konsolen- und PC-Gaming-Zubehör. Die Leute spielen ja mehr denn je am PC. Und da gibt es einfach einen Bedarf an hochwertigen Headsets oder Tastaturen – alles Dinge, die man zum Glück nicht herunterladen kann", weiß Markus Blumenberg. Aus seiner Sicht sind Fanartikel und Zubehör essenzielle Standbeine. Und er übt Kritik am Einzelhandel, der diese Entwicklung viel früher hätte erkennen müssen. "Stattdessen hat man sich bei den Spielen auf den Preiskampf mit den großen Marktteilnehmern eingelassen, bei dem niemand gewinnt."

"
Man muss ja
nicht gleich eine Poké­mon-Unter­­hose ins Programm nehmen
      "

Die Bereitschaft im Handel, im Regal einen Platz für Fanartikel einzuräumen, sei ganz unterschiedlich, selbst innerhalb einzelner Kundengruppen. "Wir haben Märkte, die verteufeln das komplett – nach dem Motto: ‚Das hat kein Kabel und keinen Stecker, also machen wir das nicht.' Das ist schade", bedauert Blumenberg. "Man muss ja nicht gleich eine Pokémon-Unterhose ins Programm nehmen, aber oft genug herrscht da eine typisch deutsche Mentalität vor, die mehr Risiken als Chancen sieht. Hier würde ich mir oft etwas mehr Aufgeschlossenheit wünschen."
Ganz anders sieht man das im niederbayerischen Röhrnbach bei Groß Electronic: "Wir konzentrieren uns auf Spiele für PC und Konsole plus Importware und ein großes Backsortiment. Das Peripherie-Geschäft ist rückläufig – und viele unserer Kunden haben gar nicht den Platz, um dafür meterlange Regale vorzuhalten", sagt Günther Groß. Für Merchandising gelte ohnehin das Motto: Außer Spesen nix gewesen. "Das ist ein so schnelllebiges Geschäft, dass daran die wenigsten was verdienen." Aktuelle Trends – etwas der Schulhof-Renner Fidget Spinner – könnten schon wieder vorbei sein, bis der Container aus China auf dem Hof steht.

Höherer Beratungsbedarf durch Fan-Artikel-Flut
Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit – so lautet ein oft strapazierter Kalenderspruch. Übersetzt: Unternehmen müssen sich laufend weiterentwickeln, um auf Dauer am Markt bestehen zu können. Gleich mehrere Games-Großhändler sind bereits seit Anfang der 90er, teils seit Ende der 80er Jahre im Geschäft und haben seitdem Dutzende von Spielkonsolen, Publishern und Trends erlebt. Die IGM-Bestandsaufnahme zeigt, dass es ganz unterschiedliche Wege gibt, auf den Wandel im Handel zu reagieren – das Internet ist auch in diesem Fall Fluch und Segen zugleich. "Für uns als Großhändler hat sich in den vergangenen 20 Jahren nicht allzu viel verändert. Kunden kommen und Kunden gehen", erklärt Vitrex-Gründer Sawatzky. "Der stationäre Handel ist deutlich geschrumpft, dafür gibt es immer mehr Online-Händler. Allerdings haben wir erheblich mehr an administrativen Tätigkeiten für die Industrie zu erledigen."

Auch bei Flashpoint hat man sich auf die veränderte Situation eingestellt "Es gab eine Zeit, da packte man den Namen eines Spiels in eine Excel-Tabelle – und dann ging's eigentlich nur noch um den besten Preis", erinnert sich Markus Blumenberg. "Durch Peripherie und Merchandising ist der Beratungsbedarf gestiegen, weil die Auswahl an Tassen, Klamotten und so weiter gigantisch groß ist."

Von Trübsal ist jedenfalls nichts zu spüren, im Gegenteil. Oder wie es Günther Groß formuliert: "Wir sind mit der Geschäftsentwicklung sehr zufrieden. 2016 war das umsatzstärkste Jahr in unserer 28-jährigen Unternehmensgeschichte." (pf)