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Magazin: story

Copyright Basis-Bild: showcake/ stock.adobe.com
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Verbandszeug

Frankfurt, 23. Mai 2017. Ein Konferenzraum in einem Hotel im Osten der Stadt, Pressekonferenz des GAME Bundesverbands zur Vorstellung einer Games-Förderung auf Bundesebene. Malte Behrmann hat das Wort – und er ist in Hochform. Der GAME Bundesverband sei der einzige legitime Entwickler-Verband in Deutschland. "Das können Sie gerne so schreiben", fügt er hinzu. In diesem Moment wandern die Blicke der anwesenden Journalisten zu BIU-Geschäftsführer Felix Falk, der nur zweieinhalb Meter Luftlinie von Behrmann entfernt sitzt – und die Spitze mit demonstrativer Gelassenheit zur Kenntnis nimmt.

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Wer die Kapelle bezahlt, bestimmt auch die Musik
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Die Szene ist fast schon sinnbildlich für die sehr besondere Beziehung der zwei großen deutschen Lobby-Verbände der Videospiel-Branche. Schon vier Wochen zuvor hatte es unüberhörbar im Gebälk gekracht: BIU und GAME waren aneinander geraten, weil der GAME grobe Verfahrensfehler im Rahmen des Deutschen Computerspielpreises ausgemacht hatte. Nachdem sich Verbände und Verkehrsministerium nicht auf eine gemeinsame Position einigen konnten, kam es zum absehbaren Eklat während der Verleihung – ein Kommunikations-GAU mit Ansage.

Man arbeite wahnsinnig gut und vertrauensvoll zusammen, heißt es unterjährig. Und man lasse sich auch nicht "durch die Medien" auseinanderdividieren. Doch die Episode im Frankfurter Konferenzraum und die Querelen rund um den Computerspielpreis belegen: Das öffentliche Auseinander-Dividieren, das kriegen die Verbände durchaus selbst ganz gut hin. Nicht einmal zum traditionellen Gamescom-Eröffnungsrundgang wurden GAME-Vertreter in den vergangenen Jahren vom BIU eingeladen. Klares Signal: Wer die Kapelle bezahlt, bestimmt auch die Musik.

Zuspitzung macht's deutlich
Zwei Jahre hat der GAME-Arbeitskreis "Förderung" an der Vorlage gebastelt. Man habe ein Konzept vorgelegt, das die Branche insgesamt sowie die speziellen Förderbedürfnisse der einzelnen Marktteilnehmer berücksichtigt, sagt GAME-Vorstands-Vize Linda Breitlauch, die an dem Förderpapier mitgeschrieben hat. "Da der größte Teil für Projektförderung vorgesehen ist, erwarten wir auch eine Belebung des Marktes im Triple-A-nahen Segment. Das stärkt den Standort und schafft Arbeitsplätze", so die Professorin der Hochschule Trier. Daneben müssten auch Infrastruktur, Ausbildung und Forschung profitieren – ein Aspekt, der im BIU-Modell keine Rolle spielt.

Kernforderung: 100 Millionen Euro sollen von staatlicher Seite an die hiesigen Studios fließen, auf dass die Zahl der Neugründungen und Beschäftigtenzahlen kräftig ansteige. Vorrangiges Ziel sei es, dass insbesondere der Heimatmarkt wieder erstarkt. Die plakative Zahl mit ihren acht Nullen ist natürlich eine bewusste Provokation, um Gegenreaktionen zu erzeugen und darauf basierend Debatten zu befeuern – angesichts überschaubarer finanzieller Mittel muss man nun mal zu drastischen Mitteln greifen, um sich Gehör im politischen Berlin zu verschaffen. Erfahrene Lobbyisten wissen: Zuspitzung macht's deutlich. Aus gleichem Grund trägt die GAME-Pressemitteilung die Überschrift: "Deutsche Gamesbranche auf dem Weg in die internationale Bedeutungslosigkeit."

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Forderung
nach Förderung:
100 Millionen
Euro für deutsche Studios
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Feuern aus allen Rohren
Gerade in den Wochen und Monaten vor der Bundestagswahl im September 2017 treten die Kräfteverhältnisse besonders deutlich zutage. Der BIU feuert aus allen Rohren – keine Woche vergeht, ohne dass das eigene Steuermodell nicht irgendwo in der Hauptstadt mit Abgeordneten oder Mitgliedern der Bundesregierung diskutiert wird. Der BIU unterhält mittlerweile eigene Abteilungen mitsamt Referenten für Öffentlichkeitsarbeit und Events, für Marketing und Marktforschung, für die politische Kommunikation. Die Rührigkeit bleibt nicht ohne Folgen: Beim BIU-Sommerfest sprach Kultur-Staatsministerin Grütters, zur Gamescom-Eröffnung hat sich erstmals Kanzlerin Merkel angekündigt.

Während in der BIU-Geschäftsstelle am noblen Berliner Gendarmenmarkt 13 Mitarbeiter beschäftigt sind, kümmert sich beim GAME eine einzige Person um die Mitgliederbetreuung. Die GAME-Vorstandschaft ist indes ehrenamtlich tätig und geht ansonsten honorigen Berufen nach: Vorstands-Chef Stefan Marcinek, einst Gründer von Kalypso Media, hat in Wiesbaden den Publisher Assem­ble Entertainment gegründet. Spieldesign-Professorin Linda Breitlauch lehrt und forscht an der Hochschule zu Trier. Johannes Roth ist Chef beim Münchner Studio Mimimi-Productions. Linda Kruse hat das Kölner Studio The Good Evil gegründet und beackert vor allem das Thema Serious Games. Gameduell-Juristin Ramak Molavi kümmert sich um Recht und Regulierung; juristisch beraten wird der GAME zudem vom Berliner Medienanwalt Kai Bodensiek. Den Geschäftsführer-Posten hat der GAME nach dem Rücktritt von Thorsten Unger im November 2016 abgeschafft – seine Aufgaben wurden auf den gesamten Vorstand verteilt. Innerhalb des Gremiums arbeite man "sehr gut und konstruktiv zusammen", heißt es – immer mit dem Ziel, den Verband voranzubringen.

Unterschiedliche Interessen, unterschiedliche Verbände
Nicht verstummen wollen jene Stimmen in der Branche, die sich auch weiterhin für einen gemeinsamen Game-Verband aussprechen. Argumentation: mehr Mitglieder, mehr Legitimation, mehr Schlagkraft. Das klingt logisch und vernünftig. Allerdings ist es nicht völlig ungewöhnlich, dass es in einer Branche nicht nur einen, sondern gleich mehrere konkurrierende Lobby-Verbände gibt – meist einen richtig großen und einige mittelgroße. Alleine in der verwandten IT-Branche ringen der Bitkom, der Eco (Verband der deutschen Internetwirtschaft) und der Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) um die Deutungshoheit.

Bis vor wenigen Jahren war die Arbeitsteilung innerhalb der Games-Industrie noch klar: Der BIU ist der Verband der First-Parties (Nintendo, Sony, Microsoft) und der großen Publisher, von A wie Activision Blizzard bis Z wie Zenimax. Der GAME Bundesverband kümmert sich hingegen um die Anliegen der Spiele-Entwickler. Die Fusionsverhandlungen vor mehr als drei Jahren sind nicht nur an Eitelkeiten gescheitert, sondern auch an der Erkenntnis, dass Publisher und Studios nicht zwingend die gleichen Interessen verfolgen. Es gibt gute Gründe, warum sich zum Beispiel TV-Sender und Produktionsfirmen – also Auftraggeber und Auftragnehmer – separat organisiert haben.
GAME Bundesverband: Aderlass der Top-Studios
Publisher auf der einen, Entwickler auf der anderen Seite: Im Videospiele-Sektor sind diese einst starren Grenzen verschwommen. Mobilegames- und Browsergames-Studios produzieren und vermarkten in Eigenregie. Das hat zu einer tektonischen Verschiebung der Markt- und Machtverhältnisse geführt. Nach eigener Aussage repräsentiert der BIU inzwischen nicht nur 85 Prozent Marktanteil am deutschen 3-Milliarden-Games-Kuchen, sondern auch mehr als die Hälfte der festangestellten Arbeitnehmer. Zwar hat das krisengeschüttelte Hamburger Unternehmen Goodgame Studios den Verband im ersten Quartal verlassen – ansonsten sind alleine in den Jahren 2014 und 2015 eine Reihe von Großarbeitgebern vom GAME zum BIU übergelaufen, darunter InnoGames, Wooga, Crytek, Upjers und Gameforge, also so ziemlich alles, was Rang, Namen, Umsatz und dreistellige Belegschaften hat. Besonders schmerzlich: Das GAME-Gründungsmitglied Yager ("Dreadnought", "Spec Ops: The Line") hat dem Verband vor zwei Jahren den Rücken gekehrt und ist seitdem beim BIU unter Vertrag. Mit jeder Firma, die nicht mehr in den gemeinsamen Topf einzahlt, erodieren Einfluss und Finanzpolster.

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Der GAME repäsentiert die kreativ Schaffen-den der Spiele-branche
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Dem GAME weiter treu zur Seite stehen einige der traditionsreichsten deutschen Studios, etwa Piranha Bytes ("ELEX"), Deck 13 ("The Surge") oder Daedalic Entertainment ("Shadow Tactics"). Aber auch junge Studios wie Sandbox Interactive ("Albion Online") und Rockfish Games ("Everspace") haben sich bewusst für den GAME entschieden. Bei den Hochschulen und Ausbildungsstätten gibt es zwei getrennte Lager: Die Games Academy und die Berliner Media Design Hochschule sind GAME-Anhänger, die HAW Hamburg oder das Cologne Game Lab nutzen das BIU-Netzwerk. Aus den unterschiedlichen Ausrichtungen, Akzenten und Zielgruppen leitet Linda Breitlauch auch die künftige Daseinsberechtigung des Verbands ab. "Der GAME repräsentiert überwiegend die kreativ Schaffenden der Spielebranche."

Im Herzen der Mitgliedschaft
Networking, Erfahrungsaustausch, Kontaktvermittlung, Meinungsbildung, Beratung – das sind seit jeher die Kernaufgaben des GAME Bundesverbands. Auf diesen angestammten Weidegründen grast seit geraumer Zeit auch der BIU – und zwar in Form der Netzwerke BIU.Net und BIU.Dev. Die Probemitgliedschaften von 250 beziehungsweise 500 Euro im ersten Jahr sind klassische "No-Brainer"– das Angebot rechnet sich gerade für Startups und kleinere Studios. Der Kampfpreis hat die Netzwerke gewaltig anschwellen lassen: Alleine im ersten Quartal ist die Mitgliederliste auf 120 Unternehmen angewachsen, die allerdings im Gegensatz zu den 28 BIU-Vollmitgliedern nicht stimmberechtigt sind – ein wichtiger Unterschied zum GAME-Bundesverband, der derzeit auf rund 100 Mitglieder kommt. Weiterhin großer Einfluss wird Hendrik Lesser nachgesagt: Der Gründer und CEO des Münchener Produktionshaus Remote Control Productions sitzt zwar nicht mehr im Vorstand, koordiniert aber die internationalen Beziehungen des Verbands. Allein fünf Remote-Beteiligungen wie Chimera Entertainment ("Angry Birds Epic") oder Wolpertinger Games sind beim GAME angemeldet.

Spätestens mit der Neustrukturierung im Dezember 2016 hat sich der GAME Bundesverband ein Stückweit neu erfunden – genauer: neu erfinden müssen, gerade mit Blick auf eine Abgrenzung gegenüber dem hyperaktiven BIU. Der GAME sei nun mehr denn je ein "Mitmachverband", der kleine und mittlere Unternehmen adressiert und gerade in den letzten Jahren viel dafür getan habe, auch Branchenneulinge zu integrieren, erklärt Breitlauch. Die Mitglieder würden sich in Arbeitskreisen engagieren und dadurch Maßnahmen, Konzepte und Vorschläge erarbeiten. So sei beispielsweise das Förderpapier entstanden, quasi "im Herzen der Mitgliedschaft". Auch das Mentorenangebot für die Computerspielpreis-Nachwuchsgewinner werde ausschließlich durch freiwillige unentgeltliche Leistungen der Mitglieder erbracht.

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Kaum konkreter als Silvestervorsätze
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Das neue Gesicht des GAME
Wie geht es nun weiter mit dem GAME? Im Vorfeld der Bundestagswahl genießen die politischen Themen aus Sicht des Vorstands höchste Priorität. In den Wahlprogrammen mehrerer Parteien sind die Pläne für eine stärkere Förderung der Games-Branche zwar enthalten, aber naturgemäß unscharf formuliert – kaum konkreter als Silvestervorsätze. Ziel beider Verbände ist es zunächst, diese Formulierungen möglichst unbeschadet in den künftigen Koalitionsvertrag zu retten. Inwieweit dies gelungen ist, wird man frühestens im Oktober beurteilen können. Bis dahin hat der GAME Bundesverband alle Hände voll zu tun mit den Vorbereitungen für den Verbandseigenen Gamescom-Gemeinschaftsstand – zudem soll es im November erneut einen GAME Conference Day geben, für den im vergangenen Jahr eigens eine GmbH gegründet wurde. Außerdem arbeite man kontinuierlich daran, die Mitglieder-Services zu verbessern, insbesondere für Indie-Studios.

Und wie steht es um das zuletzt mehrfach angespannte Verhältnis zum BIU? Trotz aller atmosphärischer Störungen spricht einiges dafür, dass sich GAME und BIU mit Blick auf die künftige Zusammenarbeit beim Computerspielpreis zusammenraufen. Der GAME sei weiterhin "Partner und Gestalter des DCP", so die offizielle Botschaft. Auch bei der gemeinnützigen Stiftung Digitale Spielekultur und bei der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) gibt es gemeinsame Interessen und Schnittmengen. Den neuen Verbands-Chefs Marcinek und Falk sagt man nach, dass beide gut miteinander können.

Übrigens: Nach 13 Jahren hat sich der GAME Bundesverband im April ein "neues Gesicht" gegeben – in Form eines überarbeiteten Logos. Das "A" im Schriftzug erinnert an die legendären Pac-Man-Geister. Sie wissen schon, jene glubschäugigen Figuren, die Pac-Man durchs Labyrinth jagen und verhindern wollen, dass der gelbe Nimmersatt alle Punkte wegmampft. Der GAME als Verfolger eines (Macht)hungrigen BIU – selten hat dieses Bild besser gepasst als in diesem Jahr. (pf)