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Magazin: story

VOLL RETRO!

Nintendo und Sony haben es mit ihren Minikonsolen vorgemacht, Sega zieht im Oktober mit dem Mega Drive Mini nach. Und auch sonst liegen Miniatur-Versionen von Oldie-Konsolen voll im Trend. Doch was fasziniert Spieler eigentlich so an alten Games? IGM ist dem Retro-Phänomen auf die Spur gegangen und hat dafür bei verschiedenen Branchenveteranen nachgehakt.
Der Trend ist unverkennbar: Alte Spiele stehen bei den Verbrauchern hoch im Kurs. Das spiegelt sich einerseits in der Flut an angekündigten Remakes und Neuauflagen alter Games-Hits wider – von Final Fantasy 7 Remake über Age of Empires II: Definitive Edition bis hin zu Warcraft 3: Reforged. Und auch bei den großen Download-Plattformen wie Steam und GOG.com sind Spieleklassiker äußerst beliebt. Vor allem zeigt sich die Lust an den Spielen der Vergangenheit jedoch in Form der sogenannten Minikonsolen: Miniatur-Versionen der Videospielkonsolen der 80er- und 90er-Jahre, die sich nicht nur schick im Sammlerregal machen, sondern dank HDMI-Anschluss problemlos an moderne 4K-Fernseher angeschlossen werden können und durch Nachbauten der Original-Controller und zahlreiche vorinstallierte Klassiker authentischen Retro-Spielspaß versprechen.

Vorreiter in diesem Bereich war Nintendo: Im November 2016 veröffentlichten die Japaner die von Fans wie Fachpresse bejubelte Mini-Neuauflage ihrer 8-Bit-Konsole Nintendo Entertainment System (NES) und ließen Käufer des rund 70 Euro teuren Geräts 30 Kultspiele wie Super Mario Bros., Castlevania oder Bubble Bobble neu beziehungsweise zum ersten Mal erleben. Kein Jahr später schob das Unternehmen dann die überzeugende Schrumpf-Variante der 16-Bit-Maschine Super Nintendo Entertainment Systems (SNES) nach: Das SNES Classic Mini punktete zum Preis von 90 Euro ebenfalls mit illustrem Spieleaufgebot – von The Legend of Zelda: A Link o the Past und Super Mario Kart über Final Fantasy 3 bis hin zum vorher unveröffentlichten Star Fox 2. Die Wiederbelebung der alten Konsolen hat sich für Nintendo definitiv bezahlt gemacht; laut eigenen Angaben wurden von beiden Minikonsolen insgesamt weltweit über zehn Millionen Exemplare verkauft.

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Die Wieder­belebung der alten Konsolen hat sich definitiv bezahlt gemacht
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Da ist es wenig verwunderlich, dass auch andere Hersteller auf den Retro-Zug aufsprangen: SNK und Sony etwa brachten 2018 mit der Neo Geo Mini beziehungsweise der PlayStation Classic eigene Produkte auf den Markt. Die Sony-Minikonsole erntete jedoch nicht nur Lob. PlayStation-Fans vermissten einerseits den Rennspiel-Meilenstein Gran Turismo, und auch Sonys Entscheidung, zwei Digital-Controller statt der bewährten Dual-Shock-Pads mitzuliefern, sorgte bei so manchem Interessenten für Verwunderung.

Neue Minikonsolen am Horizont
Der Minikonsolen- und Retro-Hype ist indes längst nicht abgeflaut: Erst kürzlich sorgte das Unternehmen Intellivision für Schlagzeilen: Die familienfreundliche Retro-Konsole Intellivision Amico unter Leitung von Ex-Computec-Chef Hans Ippisch, der als President of European Operations fungiert, soll am 10. Oktober 2020 erscheinen. Am 4. Oktober 2019 veröffentlicht Sega hierzulande via Koch Media zum Preis von 80 Euro das Mega Drive Classic Mini, die Neuauflage der in den 90ern erfolgreichen 16-Bit-Konsole. Nebst satten 42 Kultspielen wie Sonic the Hedgehog, Castle of Illusion Starring Mickey Mouse oder Phantas Star IV: The End of the Millenium sind zwei originalgetreuen Repliken der damaligen Controller an Bord. Zudem bringt Koch Media in Deutschland am 25. Oktober 2019 mit der Capcom Home Arcade auch eine edle Plug-&-Play-Arcade-Konsole im Spielhallen-Look in den Handel. Bei den 16 Spielen wie Street Fighter II: Hyper Fighting oder Final Fight kommen vor allem Beat'em-Up-Fans auf ihre Kosten. Kostenpunkt: stolze 230 Euro.

Auch der Konsolen-Exot PC Engine, der ab Ende der 80er-Jahre vor allem bei Shoot'em-Up-Fans begehrt war, feiert dank Konami am 19. März 2020 als PC Engine Mini Core Grafx Mini sein Minikonsolen-Comeback; 50 Spiele sind vorinstalliert. In Europa erscheint das Gerät offiziell allerdings nur in Großbritannien, Frankreich und Italien. Warum der deutsche Markt außen vorbleibt? Das weiß nur Konami selbst – eine Anfrage seitens IGM blieb leider unbeantwortet.

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Eis- und
Süßig­keiten­her­steller haben es vorgemacht
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Die Macht der Nostalgie
Zahlreiche Branchenveteranen, mit denen IGM über das Retro-Phänomen gesprochen hat, waren da gesprächswilliger. Darunter Harald Ebert, PR Consultant Specialist Press bei Nintendo. Auf die Frage, woher die Begeisterung für alte Spiele eigentlich herkommt, hat der langjährige Nintendo-Angestellte eine klare Antwort: "Wer in den 80er- oder 90er-Jahren mit Videospielen aufgewachsen ist, den faszinieren meist Retrospiele der 8- beziehungsweise 16-Bit-Ära. Die Erinnerung an diese unvergessliche Zeit, als Videospiele erstmals die Kinder- und Wohnzimmer eroberten und Freunde und Familie vor dem Fernseher versammelten, lässt die Begeisterung für diese Spiele wiederaufkommen", sagt Ebert. "Für mich persönlich kommt dazu, dass mich NES und SNES auch beruflich begleitet haben und mir viel Freude bereiteten, da ich schon 1990 angefangen hatte, bei Nintendo Deutschland zu arbeiten."

Auch sein Kollege Fabian Döhla, der die deutsche PR für GOG.com, Sega sowie den polnischen Entwickler und Publisher CD Projekt Red (The Witcher 3, Cyberpunk 2077) verantwortet, nennt Nostalgie als einen wichtigen Faktor. "Eis- und Süßigkeitenhersteller haben es vorgemacht und spielen gekonnt mit den positiven Erinnerungen längst vergangener Tage. ‚Erinnerst du dich noch an...?' – und schon beginnt die Reise in die Vergangenheit. Eine Schutzfunktion des menschlichen Hirns hilft dabei: Erinnerungen sind meist positiver gespeichert, als es die damalige Realität überhaupt war. Was also beim Vergessen und Verdrängen schlechter Erfahrungen hilft, wirkt hier dann im positiven Sinne doppelt."

So ähnlich sieht es der frühere GameStar-Chefredakteur Gunnar Lott, der heute die von ihm mitgegründete PR-Agentur Visibility Communications leitet und zusammen mit seinem Ex-Redaktionskollegen Christian Schmidt den Retro-Podcast Stay Forever (www.stayforever.de) betreibt. "Das Hobby ist gereift, wir haben mittlerweile ein paar Jahrzehnte mit eigenen Trends, eigener Ästhetik, auf die man zurückblicken kann. Eine Gruppe Menschen, die jetzt in einem Alter ist, in dem man vielleicht auch mal auf die eigene Jugend zurückblickt (möglicherweise, weil man mittlerweile selber Kinder hat), die ist mit Spielen aufgewachsen und hat sie als identitätsstiftende Abgrenzung zur Erwachsenenwelt erlebt. Daran erinnert man sich gern. Und während der Zugang zu den alten Spielen lange verschlossen war, weil man die Hardware nicht mehr hatte oder die Disketten kaputt waren, gibt es heute durch Steam, Antstream, GOG und ähnliche Services sowie durch Emulationen wie DOSBox sowie die Wiederveröffentlichung von Klassikern auf Mobile und Konsole einen guten Zugriff auf das alte Zeug."

Zeitlos gute Spielkonzepte
Ex-spieletipps-Boss Joachim Hesse, seit 2017 Chefredakteur bei YouTube-Star Gronkh, ist selbst ein großer Retrospiele-Fan. Im Podcast Start & Select (https://gronkh.libsyn.com) plaudern er und Gronkh auch gerne über alte Spiele. Genau wie Nintendo-Urgestein Harald Ebert ist er der Meinung, dass viele alte Klassiker nach wie vor großen Spaß machen, was zu ihrer Zeitlosigkeit beitrage. "Es gab früher jede Menge Schund. Doch die besten der alten Spielkonzepte funktionieren auch heute noch", glaubt Hesse. "Es ist leicht, sich dafür zu begeistern, sofern man nicht nur auf die neueste 3D-Grafik linst. Auch ist es sicher attraktiv, für eine schnelle Runde nicht mal eben einen mehrere Gigabyte großen Patch im Vorfeld laden und sich bei drei Online-Diensten einloggen zu müssen."

Der freie Spielejournalist Stephan Freundorfer (http://www.freispieler.com), früher unter anderem bei den Spielemagazinen Power Play und M!Games (bis 2008 Man!ac) als Redakteur und Chefredakteur angestellt, sammelt genau wie Hesse leidenschaftlich gerne alte Spiele und verfügt mittlerweile über eine beachtliche Retro-Kollektion. Er glaubt ebenfalls, dass sich die Klassiker von früher nicht nur aus nostalgischen Gründen großer Beliebtheit erfreuen. "Ist die Nostalgiewoge ausgelaufen, erkennt man, dass es sich bei vielen der alten Spiele zu Recht um Klassiker handelt, die mit klarer Mechanik und perfekter Spielbarkeit selbst heute noch Spaß bringen. Man ist sofort drin in Tetris oder Bomberman, Pitfall oder Super Mario World, und hat – manchmal vielleicht etwas schlichten, aber immer hundertprozentigen – Spielspaß." Allerdings sei nicht jedes alte Werk im Jahr 2019 noch genießbar: "Die Menge an Spielen, die in den letzten 45 Jahren erschienen ist, umfasst auch unheimlich viel Schrott, und es gibt natürlich viele Titel, die schlecht gealtert sind, damals vielleicht aufgrund ihrer Thematik, Optik, Akustik was Besonderes waren und heute nach dem automatischen Wegfall dieser Schauwerte nicht mehr der Rede wert sind."

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Man ist
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Jörn Fahrbach, Head of Communications bei Koch Media, nennt zudem Neugier als einen Grund, warum viele Verbraucher von alten Spielen fasziniert seien. "Viele Spielelemente, die heute gängig sind und als gegeben akzeptiert werden, haben ihren Ursprung in den Klassikern unserer Branche (...)", sagt Fahrbach. "Da gibt es einfach diese Neugier, zu ergründen wo denn die Wurzeln dessen sind, was das eigene Hobby ausmacht. Klar, kann man sich das alles in Videos anschauen, aber das Selbsterleben ist eben doch eine andere Hausnummer. Zusätzlich gibt es natürlich eine Generation, die mit Videospielen, Automaten und Konsolen aufgewachsen ist und damit eine emotionale Bindung zu diesem Thema hat. Für diese Leute ist das eine Zeitreise in die eigene Kindheit und Jugend."

Einfach drauflos spielen
Dass die Minikonsolen am Markt auf großen Anklang stoßen, wundert Stephan Freundorfer nicht. "Weil Retrospiele durch eine ständige Vergrößerung der Zielgruppe und eine breitere öffentliche Wahrnehmung in den letzten Jahren kontinuierlich teurer geworden sind, bieten die Minikonsolen eine preisgünstige Möglichkeit, alte Spiele halbwegs authentisch (also zum Beispiel mittels nachgebauter Original-Controller) und ohne technischen Aufwand nochmal erleben zu können." Dem stimmt Fabian Döhla zu, denn gerade Zeitmangel sei für viele Spiele-Fans, die mit den alten Geräten aufgewachsen sind, ein großes Problem. "Familie, Kinder, Job – oder sogar alles gleichzeitig... Wer hat da noch Zeit, die verstaubten Konsolen vom Dachboden zu holen, die passenden Netzteile und Kabel zu finden – nur um dann zu merken, dass es auf dem schicken OLED-Fernseher gar gruselig aussieht? Oder gar nicht erst verbunden werden kann. Denn der damals präferierte RBG-Anschluss via Scart ist längst Geschichte", so Döhla.

Wichtig ist Stephan Freundorfer zufolge nicht nur der Formfaktor der jeweilige Mini-Konsole und ihrer Controller, auch die Spieleauswahl sei ein entscheidendes Kriterium für die Begehrlichkeit beim breiten Mainstream-Publikum. "Die Experten hacken die Hardware sowieso und befüllen sie mit ROMs", sagt der Wahlhamburger. "Nintendo hat die Spieleauswahl in der Vergangenheit gut hinbekommen, und auch die Mega-Drive- und PC-Engine-Minis verfügen über feine Line-ups. Der C64 Mini, so niedlich und flexibel er auch ist, konnte da leider nicht mithalten."

Joachim Hesse spielt alte Retro-Hits zwar am liebsten auf dem jeweiligen Originalgerät, dennoch beurteilt er den Minikonsolen-Boom positiv – sofern die Hersteller ihre Geräte mit Sorgfalt und Herzblut produzieren. "Ich finde es eine schöne Sache, dass inzwischen die Möglichkeit besteht, an modernen Fernsehern ohne großen Aufwand in die alten Spielwelten einzutauchen. Schade, dass mit der PlayStation Mini oder dem C64 Mini manche Hersteller offen zeigen, dass ihnen wenig an einer auch für echte Retro-Spieler zufriedenstellenden Erfahrung liegt – im Vergleich zum NES- oder SNES-Mini sind diese Geräte Murks. Auch SNK sollte ihrem Neo Geo Mini lieber bessere Pads beilegen als dauernd neue Sondereditionen zu veröffentlichen. Was bisher vom Mega Drive Mini oder der PC Engine Mini bekannt ist, macht mir da schon eher Lust auf mehr."

Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht
Fast alle von IGM befragten Experten glauben, dass alte Spiele und die Minikonsolen auch in Zukunft mehr als nur ein Nischensegment der Spielindustrie besetzen werden. Die damals jugendlichen Konsumenten sind nun erwachsen und haben oft längst schon Nachwuchs, der ebenfalls Interesse an den Retro-Geräten hegt. Somit sei die Zielgruppe durchaus breit gefächert.

"Wer inzwischen selbst Kinder hat, kann ihnen damit nicht nur von den Lieblingsspielen von damals erzählen, sondern sie auch zeigen – und die nächste Generation kann die Klassiker auch noch direkt selbst erleben", sagt Koch-PR-Chef Jörn Fahrbach. "Das Angebot ist ja breit gefächert, sodass niemand, egal, welche Konsole er damals hatte oder im Rückblick bevorzugt, außen vorgelassen wird." Er sieht den Höhepunkt der Retro-Welle ohnehin noch nicht erreicht: "Vom Nachfolger des C64 Mini über den Capcom Home Arcade oder das Sega Mega Drive Mini bis hin zu den Retro-Konsolen von Game Outlet aus Schweden – die Nachfrage ist groß und der Markt freut sich auf Nachschub." (bpf)