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Magazin: story

Copyright Basis-Bild: sanguer/stock.adobe.com
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Wanderzirkus

Serious Games Conference, Games­com Congress, Devcom, Quo Vadis, Hamburg Games Conference, Münchner Medientage, German Dev Days – im Wochenrhythmus reihen sich kleine und große Games-Tagungen aneinander.
Lust auf ein kleines bisschen Nervenkitzel und Adrenalin? Einfach mal auf ein Abenteuer einlassen, ohne zu wissen, was einen erwartet? Auf gut Glück Flug- und Bahntickets buchen und Hotelzimmer reservieren? Dann hätten wir da vielleicht was für Sie: die brandneue, offizielle, viertägige Entwicklerkonferenz Devcom, die am Sonntag vor der Gamescom startet und die eingestellte Game Developers Conference ablöst.

Kurz nach Ostern startete der Kartenvorverkauf zu vergünstigten Early-Bird-Tarifen. Der Haken: Vortragsthemen, Sprecher, Programm – alles noch offen. Immerhin steht schon fest, was die Tickets kosten sollen: Es gibt den „Students Pass“, den „Conference Pass“, einen „Business Pass“, einen „All Access Pass“ und einen „VIP Pass“ - das Preisgefüge oszilliert zwischen 69 und 1.199 Euro. Je nach Kategorie sind „Business Matchmaking Tool“, „Business Keynotes“, „Devcom Summits“, „Devcom Tutorials“, „Devcom Master Classes“ sowie Kaffee und andere kalte Getränke im Preis inklusive oder eben nicht.

Woher all die Redner nehmen?
Gleiches Bild bei der SPOBIS Gaming & Media 2017, eine ebenfalls komplett neue, eintägige Gamescom-Konferenz. Dort ist zumindest das Thema halbwegs umrissen: eSports. Was Sinn ergibt, wenn man weiß, dass hinter der Veranstaltung die Hamburger SPONSORs Verlags GmbH steckt, die normalerweise Sport-Business-Tagungen organisiert und dafür VIPs wie Bayern-Boss Rummenigge und Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg einfliegt.


Es ist zwar
schon alles gesagt, aber noch nicht von jedem
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Wer jetzt noch Energie hat, der kann am Gamescom-Mittwoch zusätzlich den traditionellen, zuletzt immer beliebter werdenden Gamescom-Congress aufsuchen. Allein um die mehr als 30 Vorträge, Panels und „Summits“ dieses einen Tages sinnvoll zu bestücken, braucht es knapp 100 Redner und Diskutanten – die sich ihre Zeit vom ohnehin knappen Gamescom-Pensum abknapsen müssen. Was schon in der Vergangenheit dazu führte, dass die gefragtesten Vertreter der Verbände und Publisher von einem Panel zum nächsten eilen – getreu dem Motto: Es ist zwar schon alles gesagt, aber noch nicht von jedem.

Keine Woche ohne Games-Konferenz
Devcom und SPOBIS sind nur zwei, wenn auch die jüngsten Neuzugänge im Games-Veranstaltungskalender 2017. Es vergeht keine Woche, in der in Deutschland nicht irgendwo eine kleine oder große Tagung rund ums Thema Games stattfindet, von internationalen Formaten ganz zu schweigen. Oft sind es Wirtschaftsverbände, Standortinitiativen und Handelskammern, die sich in Hotelräumen von berufener Stelle über die Welt der Computerspiele aufklären lassen. Weitaus größere Strahlkraft entfalten allerdings ein- und mehrtägige Konferenzen, die an Messen und Events wie eben die Gamescom, die Berliner Games Week oder die Münchner Medientage angedockt sind.

Der immer dichtgedrängtere Terminkalender fordert nicht nur das Publikum, sondern auch die Veranstalter. Wie schwierig es ist, zugkräftige Redner und unverbrauchte Talente in ausreichender Zahl zu rekrutieren, zeigt der „Call for Papers“ der Devcom: Das Vortrags-Einreichungsprozedere sollte ursprünglich am 11. April enden, damit die Veranstalter pünktlich zum Start der Early-Bird-Phase schon erste Highlights kommunizieren können. Kurz vor Ablauf der Frist wurde der Termin dann um einen Monat auf den 12. Mai verschoben – offiziell „mit dem Ziel, weitere hochwertige und informative Inhalte für ihre Teilnehmer zusammenzustellen.“

Das Problem: Es wird zunehmend schwieriger, wirklich frische Köpfe aufzubieten. Die hiesigen Konferenzen buhlen mit internationalen Konkurrenz-Veranstaltungen um einige wenige eloquente Spieldesigner und Studioleiter, die an möglichst großen Marken wie Assassin´s Creed oder angesagten Indie-Spielen mitgewirkt haben.

Vier Monate verbleiben noch bis zur Gamescom, um die Devcom-Konferenztage Sinn stiftend zu füllen. Diese Aufgabe liegt in den Händen von Stephan Reichart und seinem Team: Der Gründer von Aruba Events ist die vermutlich bestvernetzte Person der deutschen Games-Branche. Er hat nicht nur den Deutschen Entwicklerpreis und die Entwicklerkonferenz Quo Vadis erfunden, sondern war auch lange Jahre Geschäftsführer des GAME Bundesverbands. Auch wenn die Devcom von BIU und KoelnMesse getragen wird: Die Organisation und das wirtschaftliche Risiko liegt bei Aruba. Die Finanzierung derartiger Formate speist sich aus Ticketverkäufen, Sponsorengeldern, vermieteten Standflächen und kommunalen Fördertöpfen – schließlich liegt es im ureigensten Interesse von Metropolen wie Berlin, die Konferenzzentren, Mehrzweckhallen und Hotelkapazitäten auszulasten.

11.000 Entwickler, aber nur 500 Interessenten
Immer gleiche Redner, stets wiederkehrende Themen - ist der deutsche Konferenz-Markt nicht schon längst „überkonferenziert“? Auf den ersten Blick sei der deutsche Markt gesättigt, gesteht Devcom-Organisator Stephan Reichart zu. Aber: „Wenn man sich die einzelnen Events genau ansieht, dann unterscheiden sie sich häufig doch deutlich. Zum Beispiel sind unsere großen Konferenzen alle international ausgerichtet und haben häufig einen starken Business-Fokus. Wichtig ist, dass man klar seine Zielgruppe vor Augen hat und diese auch adressiert.“ So ziele zum Beispiel die Serious Games Conference im Rahmen der CeBIT auf eine sehr spitze Zielgruppe.

Das eigentliche Problem sei, dass sich von den rund 11.000 deutschen Entwicklern nur vielleicht 500 überhaupt ernsthaft für Konferenzen in Deutschland interessieren und dorthin reisen, analysiert Reichart. „95 Prozent der Mitglieder unserer Industrie haben sich eine Einstellung gegenüber nahezu allen Konferenzen in Deutschland angewöhnt, die man selbst wohlwollend formuliert höchstens als ignorant bezeichnen kann. Frei nach dem Motto „Wehe, wir haben keine, aber hingehen würde ich selbstverständlich nie!“

Klassentreffen mit Studenten
Einen anderen Ansatz verfolgt Stefan Marcinek, der nach seinem Ausstieg bei Kalpyso Media nicht nur ein neues Studio gegründet hat, sondern „nebenbei“ auch den Vorstands-Posten beim GAME Bundesverband bekleidet und obendrein zum zweiten Mal die German Dev Days in Frankfurt organisiert. Zwar verlangt er in diesem Jahr von Nicht-Studenten erstmals eine Teilnahmegebühr von knapp 119 Euro, allerdings dient der Unkostenbeitrag allein zur Deckung der Fixkosten.


Ist der deutsche Konferenz-Markt nicht schon längst ,über­kon­feren­ziert‘?
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Im Gegensatz zu den meisten Konferenzen gibt es keine vorgegebenen Themen: „Wir machen einfach die Sachen, auf die wir Lust haben. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass wir mit der Konferenz kein Geld verdienen wollen. Es ist eine Non-Profit Veranstaltung. Daher müssen wir nicht schauen, ob gewisse Themen so interessant sind, dass man dafür einen gewissen Ticketpreis ansetzen kann, damit das Event Gewinn macht“, erklärt Marcinek. „Hinzu kommt noch, dass die German Dev Days eine Art lockeres Klassentreffen sein sollen, bei dem sich der Nachwuchs mit der Branche austauscht, netzwerkt und lernt. Und hier liegt sicherlich unser Alleinstellungsmerkmal – nämlich, dass es zum Großteil um den Nachwuchs geht, was sich auch bei den Besuchern widerspiegelt.“ Letztes Jahr seien es 40 Prozent Studenten gewesen, dieses Jahr peilt Marcinek eine Quote von maximal 50 Prozent an – wenngleich die Nachfrage schon jetzt höher ausfalle.

Die German Dev Days sind eine rein deutschsprachige Games-Konferenz über zwei Tage – von dieser Regel keine Ausnahme zu machen, ist Marcinek ein großes Anliegen. „Natürlich sind die Speaker „begrenzt“, man kann halt nur auf den deutschsprachigen Raum zurückgreifen, aber wir haben in Deutschland, Österreich und in der Schweiz viele tolle Entwickler, Studios und Freelancer - auch Studios, von denen man noch gar nichts oder nicht viel gehört hat. Es ist toll, eine Plattform zu schaffen, auf der sich alle zwei Tage lang austauschen und Spaß haben können.“

Jagd nach unverbrauchten Rednern
Klar ist: Der Konferenz-Markt hat sich zuletzt ebenso stark gewandelt wie die gesamte Games-Branche – insofern sei es wichtiger denn je, die Konzepte permanent weiterzuentwickeln, sagt Stephan Reichart. „2017 zeigt sich stärker als bisher, dass Konferenzen mehr sein müssen, als nur eine Aneinanderreihung von Vorträgen.“ Dazu gehörten zum Beispiel gezielt ausgewählte Redner, die man selten bei Vorträgen treffen kann. Ein Business Center, „Matchmaking Areas“, separate Ausstellungsbereiche oder ein spannendes Rahmenprogramm seien inzwischen ein Muss, damit man wirtschaftlich erfolgreich existieren kann.

Natürlich werden auch die diesjährigen Konferenzen nicht an jenen Themen vorbeikommen, die ohnehin in schöner Regelmäßigkeit durchdekliniert wurden - eSport, Virtual Reality, Indie-Spiele, Free2play, Mobilegames. Und was ist das absolute Top-Thema 2017? Stephan Reichart augenzwinkernd: „Wie man in all diesen Bereichen eigentlich noch Geld verdienen kann.“ (pf)