Anzeige

Anzeige

Magazin: story

Was macht eigentlich …

Filmer, Fotograf, Buchautor, Seriengründer, Tausendsassa – und
mittlerweile in Florida zu Hause: CDV-Gründer Wolfgang Gäbler hat deutsche Spiele­geschichte geschrieben.

Your Last Will („Dein letzter Wille“). So heißt Gäblers App-Idee, mit der sich Videos für die Nachwelt festhalten lassen. Dann gibt es da noch eine iPhone-Akku-Tester-App, einen Videofilm-Service mit Filialen in Miami und Manhattan, einen Blog über Roboter (onlyrobots.com) und mehrere Tennis-Websites. Man kann wahrlich nicht behaupten, dass Wolfgang Gäbler untätig gewesen sei, seitdem er 2012 mitsamt seiner Familie in die USA auswanderte. „Viel zu viele Ideen“ habe er, seufzt Gäbler. Nicht jede davon sei so erfolgreich, wie er sich das wünschen würde, aber so würde ihm zumindest nicht langweilig. Was er als nächstes vorhat? „Kann ich noch nicht genau sagen, weil ich dazu erst etwas aus meiner persönlichen Liste mit 200 ‚supertollen‘ Ideen auswählen muss. Vielleicht entwickle ich aber einfach einen meiner beiden zehnjährigen Jungen zum nächsten Wimbledon-Gewinner. Boris Becker ist jetzt wirklich schon zu lange her…“.

Zwei Jahre hat Gäbler zunächst in New York gelebt. Seine Erlebnisse hat er in einem Blog namens „Nie wieder New York“ und schließlich einem Buch mit dem selben halb-ironisch gemeinten Titel verarbeitet.  Halb-ironisch deshalb, weil es eigentlich eine tolle Stadt sei, allerdings übersät mit Touristenfallen. Der Times Square gehöre dazu: „Alle Restaurants und Geschäfte dort sind vollkommen überteuert, was im überall teuren New York schon nicht ganz leicht ist.“ Hat er einen Insider-Tipp für die IGM-Leser? „Wirklich geliebt habe ich zum Beispiel das Boat Basin Cafe und das American Museum of Natural History. Das ist vielleicht kein echter Geheimtip, aber etwas, was man sich nicht entgehen lassen sollte, auch wenn man meint, schon alle Naturkunde-Museen dieser Welt gesehen zu haben. Im Prinzip ist vieles toll, was nicht so sehr von den ‚normalen‘ Touristen übervölkert wird.“

Inzwischen wohnen Gäblers in Aventura auf halber Strecke zwischen Fort Lauderdale und Miami Beach. Ein Abschied für immer? „Was ist schon ‚endgültig‘ heutzutage? Egal wo man lebt, es gibt gute und schlechte Dinge. In den USA ist da zum Beispiel jetzt so ein ‚Präsident‘ mit seltsamer Haarfarbe, den auch George Orwell in seiner Absurdität nicht hätte erfinden können. Da wir aber aktuell in Miami leben, sind das Wetter, die Tennisplätze und das Meer eine akzeptable Entschädigung für dieses elektorale Malheur“, schreibt er uns.

In jedem Fall ist das Wetter in Florida besser als in Karlsruhe. Denn dort hatte Wolfgang Gäbler ab 1989 einen der führenden deutschen Publisher aufgebaut: CDV Software Entertainment. Ebenso wie Flashpoint, DTP oder NBG war CDV Ende der 80er gegründet worden, eingangs der darauffolgenden Games-Wirtschaftswunderjahre. Das geniale Geschäftsmodell: Mangels Internet waren PC-Besitzer auf die Disketten von CDV angewiesen, die Gäbler noch während seines Physik-Studiums quasi aus dem Wohnzimmer heraus verschickte. Auf den Datenträgern befanden sich zum Beispiel Textprogramme, Datenbanken zur Archivierung von Dia-Beständen, Sammlungen erotischer Bildchen – und Shareware-Spiele. Durch Exklusiv-Deals mit US-Studios wie id Software, Epic und Apogee/3D Realms sorgte CDV für die rasend schnelle Verbreitung von „Doom“ und „Dukem Nukem 3D“ - und letztlich auch für Konflikte mit dem Staatsschutz, der ihm eines Tages einen Hausdurchsuchungsbefehl vor die Nase hielt, weil in der deutschen Version eines Spiel ein stilisiertes Hakenkreuz entdeckt worden sei. „Noch heute kann ich mich bildlich daran erinnern, wie die netten Herren vor meiner Wohnungstür standen und die schmutzige Wäsche in meiner Studentenbude auf staatsfeindliche Symbole untersuchen wollten. Tatsächlich hatte ich zu diesem Zeitpunkt nicht die leiseste Ahnung, was ich verbrochen haben sollte. Das Ganze zog sich über mehrere Tage hin, aber irgendwie wurde ich dann doch nicht verhaftet.“

Ähnlich dramatisch und turbulent verlief schließlich auch der CDV-Börsengang im Jahr 2000: Beflügelt von Erfolgen wie Cossacks, Sudden Strike und der Erotik-Wirtschaftssimulation WET: The Sexy Empire stiegen Umsätze, Aktienkurs und Erwartungen. Nach einer ersten Krise gelang CDV mit dem Strategiespiel Codename Panzers ein kurzzeitiger Turnaround, doch ausbleibende Hits führten zu einem drastischen Stellenabbau und dem Verkauf von Markenrechten, die eine krachende Insolvenz im April 2010 nicht verhindern konnten. Zu diesem Zeitpunkt war Gäbler schon zwei Jahre nicht mehr im Amt – seine Nachfolge übernahm der ehemalige Virgin-Interactive-Chef Christian Gloe. CDV reiht sich damit ein in die Liste kurzer und schmerzvoller Karrieren von börsennotierten Spiele-Unternehmen wie Phenomedia, Swing, Jowood oder 10tacle Studios.

Ein paar Freundschaften aus der CDV-Zeit seien ihm geblieben, sagt Wolfgang Gäbler heute. Er selbst spielt immer noch täglich, hauptsächlich auf dem Tablet. Durch seine drei spielwütigen Kinder bekäme er die wichtigsten Entwicklungen mit, aber er sei auch froh gewesen, nach seinem Ausstieg „mal über andere Dinge als Computerspiele sprechen zu können.“ Ein Comeback im Games-Bereich käme daher auch nur in Frage, wenn ihm jemand ein spannendes Projekt anböte, das er nebenbei aus Miami leiten kann, „während ich meinen Tennis-Sohn zu Tennisturnieren fahre und gleichzeitig am Strand liege“. Schrieb‘s und setzt ein Smiley ans Ende des Satzes. (pf)