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Magazin: story

Was macht eigentlich …

In den 90ern hat er für Nintendo den Vertrieb von Gameboy & Co. aufgebaut, heute ist er unter anderem Experte für sizilianische Bio-Marmeladen: Handels-Experte Hans Seyfried hat immer noch ein Näschen dafür, wie man gute Produkte gut platziert.
Das Geheimnis des „einzigartig feincremigen Röstaromas“ von Bio Espresso Brasilia liegt in der „exklusiven Mischung der Bio-Kaffeebohnen aus vier verschiedenen südamerikanischen Arabica- und Robustabohnen“. Dank der leicht erhöhten Temperatur während der langsamen Röstung entfaltet die Mischung einen ausgeprägten „schokoladigen Charakter“ mit einer angenehmen Gewürznote.
Spätestens jetzt haben Sie den verführerischen Duft eines frisch aufgebrühten Tässchens Espresso in der Nase, stimmt's? Die Beschreibung stammt von der Website eines Münchner Kaffeespezialitäten-Anbieters – Hans Seyfried ist dort für den Vertrieb zuständig. Der Handels-Experte wähnte sich vor einigen Jahren schon „auf dem Weg in die Rente mit Wohnsitz in Italien“: Doch statt süßem Nichtstun macht er die Bekanntschaft von Bio-Produzenten.

Ein Aufeinandertreffen mit Folgen: Er eröffnet zwei Geschäfte: „Le belle cose della Germania“. Die Italiener seien verrückt gewesen nach deutschen Bio-Lebensmitteln: Dunkles Krustenbrot von der Schwäbischen Alb, Nürnberger Rostbratwürste, Münchner-Kindl-Senf, fränkischer Rotwein im Bocksbeutel, Bier aus München-Giesing in der Bügelverschluss-Flasche. Seit dieser Zeit berät und unterstützt er eine ganze Reihe von Spezialitätenanbietern im Vertrieb – „meine Bio-Leute“, wie er sie nennt. Seyfried listet auf: „Bio-Baby-Sachen aus München, Bio-Weine aus Puglia, Bio-Marmeladen von Sizilien, Bio-Accessoires für den Haushalt aus Kirgisistan und so weiter – klasse!“

Wer den Namen „Hans Seyfried“ alleine mit seiner Rolle als Trade-Marketing-Experte für Nintendo und später als Berater beim Launch der ersten Microsoft Xbox in Verbindung bringt, mag sich über diesen radikalen Branchenwechsel möglicherweise wundern. Tatsächlich würden sich die Märkte in ihren Mechanismen überhaupt nicht unterscheiden, sagt er gegenüber IGM. Auch deshalb, weil er alles immer mit Leib und Seele gemacht habe, egal in welcher Branche – vom Autobauer bis zum Kosmetikhersteller. Eben ein Verkäufer durch und durch.

„Verkäufer durch und durch“

Untrennbar ist Seyfrieds Name mit Nintendo of Europe in Großostheim verbunden, wo er als einer der ersten Mitarbeiter ab 1990 den Weg ebnete für spektakuläre Konsolen-Verkaufszahlen. Seine jahrzehntelange Erfahrung ist natürlich reich an Anekdoten. So denkt er mit Schmunzeln zurück an den Einkäufer eines „sehr großen 'roten' Handelspartners“, der bei einem Vertriebstermin über die 'graue, hässliche Kiste mit Schwarz-Weiß-Bildschirm für irrsinnige 169 D-Mark' herzog – „Nicht im Leben machen wir da mit!“, habe der Einkäufer geschimpft. Eine „Eintags-Fliege“! Bei der „Kiste“ handelte es sich übrigens um den Nintendo Gameboy.

Und dann waren da noch die entgleisten Gesichtszüge von Media-Markt-Gründer Leopold Stiefel anlässlich der Internationalen Funkausstellung 2000 beim Anblick des 150-Quadratmeter-Nintendo-Messestands, der wegen Tausender Pokémon-vernarrter Kinder förmlich überquoll. Das Problem: Seyfried konnte Leopold nur noch Restbestände anbieten – Nintendo war restlos ausverkauft. Noch heute erinnert er sich mit Grausen an die Situation, als er in Großostheim mangels Ware einen Lastwagen nach dem anderen wegschicken musste – und das bereits im Oktober. „Schrecklich!“, sagt Seyfried im Rückblick.

„Dann waren da noch die entgleisten Gesichtszüge von Media-Markt-Gründer Leopold Stiefel“

Nach wie vor sieht er sich als „ausgewiesener Freund des stationären Handels“, wenngleich seine heutigen Klienten natürlich auch auf E-Commerce setzen: „Ich muss anfassen, drüber reden, mein Einkauf regelt sich am Produkt in der Hand.“ Das erwies sich in seiner Anfangszeit bei Nintendo als ausgesprochen schwierig: Damals waren Elektronik-Artikel im Handel durchweg in Vitrinen und Tresen ausgestellt – zum einen wegen der meist beratungsintensiven Ware, zum anderen aus Gründen der Diebstahlsicherung. Von Anfang an galt Seyfried als glühender Verfechter einer offenen Warenpräsentation, sprich: Der Kunde sollte Hard- und Software in die Hand nehmen können, so wie er es aus dem Supermarkt gewohnt war. Die Spielwarenkette Toys R Us sei damals eine der ersten gewesen, die sich auf das Experiment einließen – mit durchschlagendem Erfolg. Erst mit der Zeit zogen Kaufhäuser und Flächenmärkte nach.

Nach wie vor habe er gute Kontakte in der Games-Branche, sagt Seyfried. Die Gamescom besucht er zwar weiterhin, „aber immer mit dem Gefühl, als jetzt 73-Jähriger am falschen Platz zu sein.“ Seine Enkel würden ihn trotzdem regelmäßig zu einem Match auffordern – selbstverständlich auf Nintendo-Konsolen. Ein Erlebnis, das er schon während seiner Nintendo-Zeit mit seinen beiden damals 4- und 7-jährigen Kindern teilte. Manch kochende Leidenschaft lässt eben nie nach. (pf)