Anzeige

Anzeige

Magazin: story

Copyright Basis-Bild: epifantsev/ stock.adobe.com, © mitoria/stock.adobe.com
Copyright Basis-Bild: epifantsev/ stock.adobe.com, © mitoria/stock.adobe.com

Wiederbelebung

Welchen Wert Neuauflagen alter Games-Klassiker für die Bewahrung von Spielkultur haben, hat Sega erst im Laufe der Zeit bemerkt. IGM sprach anlässlich neuer Sega-Ages-Titel für die Nintendo Switch und der kommenden Veröffentlichung des Mega Drive Mini mit den Produzenten der Wiederbelebungen.
Zeitsprung: Vor drei Jahrzehnten herrscht zwischen Nintendo und Sega Krieg. Die beiden japanischen Unternehmen kämpfen in der Ära der 16-Bit-Konsolen Super Nintendo und Sega Mgea Drive verbittert um Marktanteile. Wo Nintendo jedoch eher die Familienfreundlichkeit seiner Produkte anpreist, gibt sich Sega "edgy". Die frühen 80er- und schließlich die 90er-Jahre waren eine Zeit der Attitüde. Stars, Comicfiguren, Schauspieler – sie alle hatten eine coole Haltung, coole Sprüche auf den Lippen und generell eine coole Art, sich zu präsentieren.

In diesem Umfeld ist das Sega-Maskottchen Sonic geboren. Und der freche Igel in seinen Turnschuhen war viel schneller als dieser ominöse Nintendo-Klempner von nebenan. Dieser Ansatz, sich radikal von der Konkurrenz abzuheben, prägte auch die anderen Produktionen von Sega. Siehe zum Beispiel das ungewöhnliche Unterwasser-Abenteuerspiel Ecco The Dolphin von 1992: Darin geht es um einen Delphin, der eine Invasion von Außerirdischen verhindern muss. Oder Vectorman aus dem Jahr 1995: Darin steuert der Spieler einen bizarren Roboter, dessen Gliedmaßen um den Rumpf herum schwebten. Die gesamte Ludothek alter Sega-Spiele ist voll von solchen Obskuritäten – und gerade deshalb so wertvoll für Videospielhistorie.

Transport auf neue Konsolengenerationen
Diese prägende Unternehmensphase hat Sega immer wieder auf neue Konsolengenerationen gerettet. Schon 1996 erschienen die ersten Umsetzungen von Arcade-Klassikern auf der 32 Bit-Konsole Sega Saturn. Es folgten Portierungen für PlayStation 2, PlayStation 3, Xbox 360 und schließlich die aktuelle Nintendo Switch. Auch Smartphones und Tablets erhielten Versionen alter Sega-Titel (Sega Forever), und der Nintendo 3DS bekam eigene Anpassungen nebst 3D-Effekt (3D Classics). Damit sind die wichtigsten Sega-Spiele quasi auf fast jeder Plattform vertreten.

"
Es geht vor allem darum, unsere
alten Spiele neuen Generationen
zu­gänglich zu machen
"

Dabei gilt es allerdings, die Formen der Neuveröffentlichung zu unterscheiden: Es gibt auf der einen Seite Sammlungen, in denen eine Reihe originaler ROMs einfach emuliert werden. Sega Ages geht indes einen Schritt weiter und passt die Spiele an aktuelle technische Begebenheiten an. Das bedeutet zum Beispiel, dass Grafiken höhere Auflösungen oder Breitbild spendiert bekommen. Virtua Racing für die Nintendo Switch flimmert etwa in wesentlich verbesserter Optik über den Schirm. Der Aufwand der Überarbeitung variiert von Projekt zu Projekt.

Zwischen Spaß und Pflicht
Sind die Klassiker-Neuauflagen ein kostengünstiger Weg für Sega, um treue Fans zur Kasse zu bitten? Oder steckt dahinter tatsächlich eine Leidenschaft für die 16-Bit Ära? IGM traf sich mit den Hauptverantwortlichen hinter Sega Ages, den Produzenten Yosuke Okunari und Kagasei Shimomura sowie Director Rieko Kodama. Die Frage, wie wichtig ihnen der kulturelle Wert von Spielearchivierung ist, bringt alle drei zum Schmunzeln. "Wir haben diese Frage in letzter Zeit erstaunlich oft gehört", erklärt Shimomura. "Tatsächlich steht für uns erst einmal der Spaß im Vordergrund. Unsere Hauptmotivation ist es, den Spielern auch mit den älteren Titeln Freude zu bringen. Würden wir zu allererst an spielkulturelle Archivierung denken, käme uns das eher wie Arbeit vor, und es würde zu einer Art Pflicht."

Shimomura denkt für einen Augenblick nach. "Wenn sich das mit der Präservierung von Spielen vereinbaren lässt, ist das selbstverständlich trotzdem großartig." Kodama ergänzt ihren Kollegen: "Als ehemalige Spieledesignerin ging es mir vor allem darum, unsere alten Spiele neuen Generationen zugänglich zu machen. Ich zeige gerne, was ich und meine Kollegen früher produziert haben. Über Archivierung habe ich persönlich vorher noch nie nachgedacht."

Fallbeispiel Silent Hill 2
Das ist bemerkenswert, wenn man sich die Pannen der Konkurrenz anschaut. Eines der Paradebeispiele ist die HD-Neuauflage der beiden Horrorklassiker Silent Hill 2 und 3. Entwickler Konami hat beide Titel Anfang der 2000er veröffentlicht, es allerdings versäumt, die Daten der Produktion sorgfältig zu archivieren. Jahre später beauftragten die Japaner die Hijinx Studios mit der Neuauflage, ohne aber einen Quellcode zur Verfügung stellen zu können. Alles, was Konami auftreiben konnte, waren unvollständige Versionen beider Titel. Das Resultat: Besonders bei Silent Hill 2 fehlten Grafikeffekte, die essenziell für die einst sorgfältig komponierte Atmosphäre waren. Die Resonanz auf die HD-Neuauflagen fiel entsprechend negativ aus. Da auch die damaligen Portierungen auf PC und Xbox nicht von hoher Qualität waren, lässt sich die Originalvision von Silent Hill 2 aktuell nur auf einer PlayStation 2 voll genießen. Auf modernen Flachbildschirmen sieht das Spiel allerdings alles andere als optimal aus. Im speziellen Fall von Silent Hill 2 merkt man das am Schwarzwert, der seinerzeit auf Röhrenfernseher ausgelegt war. Ein Horrorspiel, in dem Dunkelheit nicht finster, sondern bloß ein grauer Brei ist – das passt nicht wirklich zusammen. Eine gute Portierung auf neue Spiele-Hardware hätte dieses Problem beheben können.

"
Das ist
genau das,
was wir haben wollen
"

Das richtige Maß an Verbesserung
Beim Sega-Ages-Projekt geschehen aber genau solche Anpassungen, damit alte Konzepte trotz technischer Hürden auf neuen Geräten noch genießbar bleiben. Sega ging zur Zeit der PlayStation 2 (Sega Ages 2500) damit aber auch schon einmal zu weit: Statt die alten Spiele nur leicht anzupassen, programmierte man die Klassiker neu. So entstand zum Beispiel eine auf Polygonen basierende Version von Outrun, obwohl die Urfassung mit Sprites arbeitete. Weitere Beispiele für damalige 3D-Remakes sind Space Harrier oder Alien Syndrome. Die Reaktionen der Fans waren gespalten, denn die Remakes hatten durch die eher steril wirkende 3D-Optik nicht den Charme der Originale. Der künstlerische Eingriff war zu groß – vergleichbar mit der HD-Version von Silent Hill 2. "Diese 3D-Neuinterpretationen waren eigentlich für ein neues Publikum gedacht, die noch nie Kontakt zu Sega-Klassikern hatten. Aber selbst die bevorzugten die Pixel-Originale", führt Yosuke Okunari aus. Der Entwickler kann sich noch an den Wendepunkt erinnern: "Erst als wir damals Virtua Fighter 2 veröffentlicht haben, sagten uns die Fans: Das ist genau das, was wir haben wollen! Es war zwar technisch leicht verbessert, aber nah am Arcade-Original."

Das Mega Drive Mini als Erinnerungsstück
Software hat Sega reichlich neu aufgelegt, aber was ist mit Hardware? Im Herbst 2019 wird das Mega Drive Mini erscheinen, die erste Konsole des Unternehmens seit dem Dreamcast-Flop Anfang der 2000er-Jahre. Sega knüpft damit an Nintendo und Sony an, die beide bereits Mini-Editionen ihrer klassischen Konsolen veröffentlichten. Yosuke Okunari ist an dem Projekt ebenfalls beteiligt, bringt aber zusätzlich den Produzenten Miyahiro San mit zum Gespräch – und die erste fertige Version des Geräts.

"Unser Zielpublikum sind die Personen, die sich bereits die PlayStation Mini und die beiden kleinen Nintendo-Konsolen gekauft haben", sagt Miyahiro. "Daher haben wir das Gerät im gleichen Größenverhältnis gehalten. Es soll sich perfekt in die bisherige Sammlung an Mini-Konsolen einfügen. Wir stellen uns vor, dass Retro-Liebhaber sie sorgfältig ins Regal stellen. Alle Minis nebeneinander."

Wie wichtig deshalb allein schon die physische Erscheinung ist, scheint Sega mehr als bewusst zu sein: das Mega Drive Mini wirkt angenehm robust. Auffällig sind die kosmetischen Spielereien am Gehäuse: Die Schutzkappe für den seitlichen Expansion-Port lässt sich entnehmen, auch wenn sich darunter nichts befindet. Beim Original schloss man dort Erweiterungen wie das Sega CD an. Der Staubschutz für den Modulschacht ist ebenfalls nachgebildet, inklusive Feder. Er gibt nach, wenn man den Finger hineinsteckt. Sogar der Lautstärkeregler lässt sich bewegen, allerdings bewirkt er nichts. Der einzige Knopf mit Funktion ist der Ein- und Ausschalter. Sega geht mit diesen Details weiter als die Konkurrenz. So wirkt das Mega Drive Mini wie das Original von damals; es ist lediglich geschrumpft und auf gewisse Weise verniedlicht.

"
Wie findet man die passende Auswahl, um eine ganze Ära widerzuspiegeln?
"

Eine ganze Ära in einer kleinen Box
Das Gerät wird 40 Spiele enthalten. Doch die Auswahl will gut überlegt sein. Denn es gibt nur einen Versuch für das Mega Drive Mini, Sega plant keinen Nachfolger. Wie findet man also die passende Auswahl, um eine ganze Ära widerzuspiegeln? Schließlich betrug die Lebensspanne der Mega-Drive-Konsole fast ein Jahrzehnt.

"Am Anfang haben wir uns bloß die obskuren, weniger bekannten Spiele ausgesucht, die vor allem die härtesten Sega-Freaks ansprechen würden", lacht Okunari. "Aber eines Tages hielten wir inne und holten uns Feedback von den internationalen Sega-Büros. Daraufhin folgte ein Kompromiss: Die Sammlung soll die Balance zwischen Geheimtipps und angesehenen Klassikern halten." Als Beispiel nennt er Altered Beast, in Übersee einer der beliebtesten Mega-Drive-Titel, der daher zur Identität der Konsole gehört. Doch hätte man nicht einfach 100 oder mehr Titel auf die Mini-Konsole packen können? ROMs haben schließlich keinen hohen Speicherbedarf. Für Miyahiro stand das nicht zur Debatte: "Lieber 40 Spiele, die absolut hervorstechen, als eine Masse mit viel Mittelmäßigkeit."

"
Sega hat
das Ruder wieder selbst in die Hand genommen
"

Keine Frage: Sega geht beim Mega Drive Mini sorgfältig vor. Eigentlich war das Gerät bereits für 2018 angekündigt, doch die Trennung vom US-Hardware-Partner AtGames verzögerte das Projekt. Neben Geräten mit den Brands von Atari und ColecoVision brachte AtGames auch eine Reihe von Neuauflagen mit Segas Namen heraus. Spieler und Presse waren sich aber einig, dass man diese bestenfalls als halbherzig bezeichnen konnte. Vor allem die Controller wirkten billig verarbeitet und gaben schnell ihren Geist auf. Von einer schlechten Emulation ganz zu schweigen. Nach all den schlechten Kritiken hat Sega das Ruder wieder selbst in die Hand genommen und den japanischen Kultentwickler M2 beauftragt. Sogar den Komponisten von Streets of Rage holte man ins Boot. Er wird für das Spiele-Auswahlmenü des Mega Drive Mini ein eigenes Musikstück schreiben.

Eine neue Zeitrechnung
Für Miyahiro hat das Mega Drive Mini eine besondere Bedeutung – sowohl für ihn persönlich als auch für das Unternehmen. Das hängt mit der japanischen Zeitrechnung zusammen: "Die letzten 30 Jahre haben wir Japaner von der Heisei-Zeit ("Frieden überall", Anm. d. Red.) gesprochen. Das ist genau die Zeitspanne, in der Sega gewachsen und zu dem geworden ist, was wir heute sind. Ab dem 1. Mai 2019 tritt aber eine neue Zeitrechnung an: Reiwa." Übersetzt bedeutet das "Harmonie überall". Miyahiro muss lächeln, als er darüber spricht: "Das Mega Drive Mini kommt zu dieser Zeitwende heraus und erinnert uns an eine wichtige Phase Segas. Das wirkt wie eine Zäsur für uns. Ein Blick zurück, bevor es in die Zukunft geht."

Wie auch immer diese aussehen wird, die Vergangenheit wird das Unternehmen so schnell nicht aus dem Blick verlieren: Für die Nintendo Switch ist bereits eine ganze Palette an Sega-Ages-Veröffentlichungen geplant. Und obwohl die Produzenten nicht primär an eine Präservierung gedacht haben, scheint diese gesichert. Wenn auch eher versehentlich. (mjc/bpf)