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Magazin: story

Xbox One X

Mit gestochen scharfen 4K-Bildern und brachialer Grafik-Leistung will Microsoft den Vorsprung zum Marktführer PlayStation verkleinern. Aber kann das gelingen? IGM hakt nach.
Es läuft nicht gut für Microsoft in dieser Konsolen-Generation. Shit-Storm und Beschwerde-Welle wegen des überteuerten Xbox-One-Kinect-Pakets hat der Hersteller zwar hinter sich gelassen, doch die Nachwirkungen des Fehlstarts halten an. Nachdem man bei den hauseigenen Entwickler-Studios immer mehr ausgedünnt hat, mangelt es der Marke Xbox außerdem an zugkräftiger Exklusiv-Software – gegen System-Seller wie "Last of Us", "Uncharted" oder "God of War" hat man mit "Quantum Break" und "Sunset Overdrive" keine Chance, auch einst sichere Banken wie "Gears of War" oder "Halo" bleiben hinter den Erwartungen.

Die längst überfällige Gegenmaßnahme wird 2016 angekündigt: Das Projekt "Scorpio" soll mit stärkerer Hardware sowie 4K-Bildern den Abstand zwischen Xbox und PlayStation verkleinern. Fast scheint es, als wolle man in Redmond durch das Hintertürchen "Update-Modell" entweder eine neue Generation einführen oder der aktuellen zumindest ein beherztes Reset verpassen. Entsprechend groß sind die Erwartungen an die offizielle Einführung der neuen Hardware auf der E3: Wird der Konzern das Xbox-Ruder durch eine clevere Kombination aus prall aufgepumpten Hardware-Muckis und handverlesenen Exklusiv-Games noch mal rumreißen können?

Gronkh-Chefredakteur Joachim Hesse betrachtet die Xbox-Show positiv: "Die Präsentation der Xbox One X hat mir Lust auf das neue System gemacht", meint Hesse. "Die neue Konsole scheint technisch einiges zu bieten, von dem ich mir erhoffe, dass es die neuen Spiele auch entsprechend nutzen. Dass gefühlt alles als exklusiv angepriesen wurde, mutete allerdings ein wenig albern an, da es kaum Plattform-exklusive Knaller gab. Nichtsdestotrotz hat Microsoft einen Gang höher geschaltet – gut so!"

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Microsoft hat
einen Gang höher geschaltet – gut so!
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Am Ende nur ein weiteres "Forza"
Auch Gameswelt-Portalleiter Andreas Philipp hat die E3-Show "recht gut gefallen". Und weiter: "Der Fokus lag natürlich auf der Technik, aber es wurden auch reichlich Spiele gezeigt. Der Haken bei der Sache war allerdings, dass diese Games mich nicht unbedingt vom Hocker hauen konnten. Hier haben die System-Seller gefehlt – die großen Exklusivtitel, die einer neuen Hardware richtig Dampf unterm Hintern machen. Klar, "Forza 7" als Hingucker ist natürlich was. Aber am Ende ist es eben nur ein weiteres "Forza", und kein echter Kracher."
Ein wenig zu unterkühlt fand GIGA-Games-Chefredakteur Stephan Otto die Einführung des neuen Xbox-Familienmitglieds: "Persönlich fand ich die Präsentation zwar extrem beeindruckend, aber auch kühl. Es war eben die Präsentation eines Technik-Produkts, bei der jeglicher emotional-warmer oder charmanter Moment gefehlt hat. So kamen viele der angekündigten Indie-Titel nicht richtig zur Geltung, stattdessen gab es mittelmäßige Show-Einlagen."

Auch Markus Schwerdtel hat ein echter "Wow-Effekt" gefehlt. "So was wie Oculus Rift einfach anstecken und loslegen", meint der Webedia-Online-Chef. "Die meisten Fakten waren eben leider schon bekannt. Was mir außerdem ein bisschen gefehlt hat, das war ein echtes Kaufargument für solche User, die keinen 4K-TV besitzen und sich in näherer Zukunft auch keinen leisten wollen oder können. Wie ein Spiel, dass so komplex und detailreich ist, dass es nur auf der Xbox One X zu echter Höchstform aufläuft – ganz unabhängig vom angeschlossenen Fernseher."

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Mir hat ein Kauf­argument für User ohne 4K-TV gefehlt
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Rundum zufrieden gibt sich dagegen PR-Profi Fabian Döhla: "Da ich neue Hardware immer faszinierend finde: Alles sehr gut! 4K-Inhalte, moderne Technik, guter Preis. Wenn man etwas kritisieren kann, dann ist's wohl der Zeitdruck, mit dem einige der gezeigten Titel für die Pressekonferenz in Form gebracht wurden. Da sich in nur wenigen Wochen aber viel tun kann, bleibe ich entspannt und freue mich auf Launch sowie Updates für einige Spiele, die davon enorm profitieren werden. Hat da jemand "The Witcher 3" gesagt?"

Kann man die PS4 noch einholen?
Doch in einem Punkt sind sich alle Befragten einig: Egal wie gut die Xbox One X läuft – Sonys immensen Vorsprung kann man in dieser Konsolen-Generation nicht mehr aufholen.

"Die PS4 einholen? Nicht mehr in diesem Leben", meint Joachim Hesse auf unsere Frage, ob das neue "Doppel-X" den Abstand zwischen den beiden Nebenbuhlern zum Schmelzen bringen könnte. "Ich denke nicht, dass Microsoft mit der One X die aktuelle Vorherrschaft der PS4 knacken kann", vermutet auch Andreas Philipp. "Ja, technisch ist die Konsole beeindruckend, aber der hohe, wenn auch durchaus faire Preis wird zunächst viele abschrecken. Und Microsoft gibt ja schon selber zu, dass die Konsole wohl nicht in rauen Mengen über den Tresen gehen wird. Xbox-Fans werden vielleicht zugreifen, aber alle anderen warten günstigere Angebote und evtl. auch die Reaktion von Sony ab."

Guter Punkt – denn bisher hat eine entsprechende Parade von Marktführer-Seite gefehlt. Die haben viele für die E3 vermutet, doch sie blieb aus. Vermutlich sah der PlayStation-Hersteller schlicht keine Notwendigkeit, auf Microsofts Programm zu reagieren. Zumindest eine neue Nische könnte Microsoft mit seinem Xbox-Nachzügler erobern, meint Markus Schwerdtel: "Ich glaube nicht, dass man die PS4 in reinen Verkaufszahlen noch einholen kann. Aber vielleicht schafft man es ja, sich einen guten zweiten Platz zu erarbeiten – oder eine Nische. Und dafür eignet sich die Xbox One X sehr wohl. Denn wer das Spielen ernst nimmt und immer Top-Ausrüstung haben will, der kommt an dem System nicht vorbei."

Das 4K-Mantra
Aber ist es clever, schon jetzt so massiv auf 4K zu setzen? Auch Sony hat mit Einführung seiner PS4 Pro kräftig die UHD-Werbetrommel gerührt – aber das, ohne die Besitzer eines herkömmlichen HD-Geräts zu vergessen. Sonys PS4-Pro-Botschaft im vergangenen Jahr: "Mehr Power – ganz gleich wofür!"

Trotzdem hält Joachim Hesse das klare 4K-Bekenntnis für clever: "Technik entwickelt sich weiter. Nachdem nun 4K spätestens Weihnachten in vielen Wohnzimmern ankommt, ist eine Konsole, die diese Vorteile besser ausnutzt, meines Erachtens eine hervorragende Idee. Auch auf die PS4 Pro ist die Xbox One X eine gute Antwort, setzt sie technisch doch noch mal einen drauf. Das alte System abzulösen, scheint mir nicht geplant und wäre aktuell auch noch deutlich zu früh. Alleine die Tatsache, dass die Konsole ein 4K-Laufwerk bietet, dürfte für einige Kunden schon ein Kaufgrund sein."

Auch Stephan Otto ist vom 4K-Bekenntnis angetan: "Die technische Entwicklung passiert schneller als Menschen sich die neuen Geräte in ihre Zimmer stellen können. Insofern denke ich, dass Microsoft mit der neuen Konsole ganz klar Core-Gamer ansprechen möchte. Was besonders dann ein interessanter Move ist, wenn man bedenkt, dass sich Sony mit "PlayLink" gerade wieder verstärkt an die Gelegenheitsspieler wendet."

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Die PS4 einholen? Nicht mehr in diesem Leben!
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"Eine derart leistungsstarke Konsole zu bringen, ist natürlich gut fürs Marketing und gibt dem Technik-Pingpong der Konsolen weiteren Schub", gibt Andreas Philipp zu bedenken. Dann vergleicht er die Vorgehensweise der Konsolen-Hersteller mit dem PC-Markt: "Irgendwie geht die Annäherung an den PC-Markt damit weiter. Die alte Xbox One ist quasi die GTX 1060 für den breiten Markt, die One X entspricht dann der GTX 1080 Ti für den Enthusiasten."

Warum nicht gleich eine neue Generation?
Doch ist es wirklich eine gute Idee, den vorbelasteten Markennamen "Xbox One" weiterzuführen und lediglich um ein weiteres "X" zu erweitern? IGN-Chefredakteur Sandro Odak bezweifelt es: "Ich denke, die Xbox One X soll die Xbox One nicht ablösen, sondern ein Premium-Gerät für den Technik-Aficionado sein. Leider. Das könnte sich in Zukunft als Fehler erweisen. Der Name Xbox One ist vom Start weg so negativ besetzt, dass ich es besser gefunden hätte, mit der neuen Hardware auch "ein neues Kapitel" der Xbox-Geschichte zu eröffnen. So ist es lediglich eine Verlängerung – damit muss Microsoft nun leben."
Stimmt. Sich nicht sklavisch an einem gescheiterten Konzept festkrallen, sondern Mut zum Neustart zeigen – das klingt zunächst nach einer ziemlich guten Idee. Immerhin trägt ein ganz ähnliches Vorgehen bei Nintendo fette Früchte: Die WiiU wurde ruckzuck in Konsolen-Rente geschickt und gegen die Switch ausgetauscht. Die hat zwar nur wenig mehr Performance als ihr Vorgänger, aber die verdichtet sich bei dem Gerät auf angenehme Hosentaschengröße. Das macht die Switch sexy – obwohl sie ihr Aushängeschild "Zelda: Breath of the Wild" bis heute nicht ruckelfrei hinbekommt.
Aber würde eine ähnliche Vorgehensweise auch für Microsoft funktionieren? Wohl kaum: Seit der allerersten Xbox haben die Redmonder ihre Marke als performantes High-End-Gerät positioniert – und kaum hatte man diese Positionierung zugunsten von Xbox One plus Kinect aufgeweicht, kam die Strafe schnell und hart. Eine vollkommen neue Xbox müsste deshalb noch deutlich performanter sein als die "X" – aber das wäre für den Kunden derzeit noch unerschwinglich. Darum geht es aktuell vor allem darum, ein Zeichen zu setzen: "Wir sind noch da – und wir haben verstanden!" (rb)