Erlebnisunternehmer Jochen Schweizer: „Ich habe immer extrem gelebt“

Erlebnisunternehmer Jochen Schweizer hat alles im Angebot: Von der Kajak-Tour über den Ferrari am Wochenende bis zu einer Woche beim russischen Militär, um einen Kampfjet zu fliegen. IGM hat er verraten, wie man hochpreisige Angebote verkauft, und wie seine eigenen Probleme mit Investoren ihn dazu inspirierten, bei Die Höhle der Löwen mitzu­machen und selbst zu investieren.
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Jochen Schweizer

IGM: Herr Schweizer, der Ferrari fürs Wochenende, zum Feierabend nochmal kurz einen Fallschirmsprung, und zum Urlaub in die Anden auf Extrem-Biker-Tour. Wie sind Sie auf die Idee für Erlebnis-Gutscheine gekommen?

Jochen Schweizer: Ich habe immer extrem gelebt. Bei einer Kajak-Tour bin ich mal einen Wasserfall runtergestürzt und das Kajak hat sich unter Wasser derart verkeilt, dass ich mich nur retten konnte, indem ich mir selbst den Oberschenkel gebrochen habe. Ich steckte fest, musste da ja irgendwie raus. Das hat mich inspiriert: Weil wir alle süchtig nach Leben sind. Wir wollen etwas erleben, aus dem oft monotonen Alltag ausbrechen, in dem wir viel zu viel Zeit vor irgendwelchen Monitoren in Büros verbringen. Und da dachte ich mir: "Warum sollte man das nicht geführt und sicher anbieten? Von Profis angeleitet, als Adventure-Paket. Für Singles und Paare. Spaß haben, aber eben auf Sicherheit und Professionalität bedacht. Daraus ist diese ganze Unternehmung entstanden, und die ist dann immer weiter gewachsen.

Ich probiere sehr viel aus, was mir gefällt, kommt ins Programm

IGM: Wie entscheiden Sie eigentlich, was sie anbieten wollen und was nicht? Basiert das auf Marktforschung, kalten Daten oder den eigenen Emotionen beim Erleben?

Jochen Schweizer: Ich probiere sehr viel aus, was mir gefällt, kommt ins Programm. Natürlich arbeiten wir auch mit Daten, werten Studien aus, was gerade angesagt ist, welche extreme Erfahrung Menschen gerne mal machen würden. Aber oft musst du einfach Pionier sein und es einfach mal machen. Vor uns gab es niemanden, bei dem man einfach mal in einem Kampfjet, einer russischen MIG-29, mitfliegen oder sogar selbst fliegen konnte. Bis wir das gemacht haben, ging das nur, wenn man sehr gute Beziehungen zum Militär hatte. Sobald unser Profi-Pilot das Gefühl hat, Sie sind so weit, dürfen Sie auch selbst den Steuerknüppel übernehmen. Er nimmt dann  demonstrativ die Hände hoch, sagt "Okay, der Jet gehört jetzt dir". Und das ist so ein geniales Gefühl. Ist nicht ganz günstig mit 15.000 Euro, aber eben ein einmaliges Erlebnis.

IGM: Ist es schwierig, solche hochpreisigen Event-Produkte zu verkaufen?

Jochen Schweizer: Nein. Wir Menschen teilen uns ja gerne mit, und wenn einer das ausprobiert, erzählt er 100 anderen davon, die erzählen es wieder weiter. So erreichen Sie einen starken viralen Effekt, gerade auch via Social Media. Jeder macht bei so einem Erlebnis Fotos, Videos, postet die auf Facebook, Twitter und Instagram. Das können Sie natürlich über Marketingbudgets noch skalieren, aber rein über diesen viralen Effekt war dieses Event immer ausgebucht. Das ist wohlgemerkt inklusive Flug nach Moskau, Hotel und einer Woche Training bei der russischen Luftwaffe, weil wir die Teilnehmer auf die extremen G-Kräfte vorbereiten müssen, die im Cockpit herrschen. Das ist zwar ein hochpreisiges Angebot, spricht aber eine Klientel in Europa an, die es gewohnt ist, Geld auszugeben. Wenn Sie einen Privatjet buchen, erreichen Sie auch schnell mal solche Summen – und hier können Sie sagen: "Ich bin für eine Stunde einen Kampfjet selbst geflogen." Für 2000 Euro können Sie übrigens auch einen einstrahligen Jet fliegen – der ist deutlich langsamer, aber das ist dann für mehr Menschen erschwinglich.

IGM: Was ist wichtigste Frage, die Sie sich bei einem Produkt-Launch stellen? Und was könnten andere Unternehmen davon lernen?

Jochen Schweizer: Die zentrale Frage ist: Kann ich damit ein einmaliges Erlebnis schaffen, an das sich die Person erinnert? Darum geht's. Ich glaube, da sind wir ein bisschen wie Apple: Menschen stellen sich in Schlangen an, campen gar vor dem Apple-Store, bevor ein neues iPhone rauskommt. Weil es ein Erlebnis ist. Wir bieten fast ausschließlich Events an, die Sie im normalen Alltag schwer realisieren können. Beispiel Autos: Einen schönen Jaguar C-X75 mal selbst zu fahren, den aus James Bond: Spectre, das möchten viele. Oder mit dem Land Rover Defender mal die gleiche Strecke runterrauschen in Sölden und danach dort dinieren, wo Daniel Craig gedreht hat. Oder ein komplettes Wochenende als Agent erleben: Inklusive Schießtraining und Nahkampf-Ausbildung. Lernen, wie man driftet oder das Auto auf der Stelle drehen lässt, wie wir das immer in Hollywood-Filmen sehen. Was andere Unternehmen daraus lernen können: Immer mehr als den Standard liefern, dann kaufen die Leute bei Ihnen. Es gibt viele Firmen, die Drifttrainings anbieten. Aber keiner liefert diese James-Bond-Experience, wo wir Sie dann am Abend in einen Smoking stecken, Ihre Gattin in ein edles Abendkleid und Sie richtig luxuriös dinieren bei einem Gala-Abend, weil auch der Luxus nicht zu kurz kommen soll. Ich glaube, sehr viele Firmen könnten aus ihrem Produkt ein Erlebnis machen. Ob sich das jetzt um eine besonders schöne Unboxing-Experience beim Auspacken dreht, um luxuriöse Accessoires, um besonderen Service. Einfach ein bisschen weiterdenken, als die anderen.
 

Immer mehr als den Standard liefern, dann kaufen die Leute bei Ihnen

IGM: Sie haben mal erzählt, dass Sie bei Die Höhle der Löwen angefangen haben, um es besser zu machen als andere Investoren. Können Sie das näher ausführen?

Jochen Schweizer: Vor 12 Jahren bin ich nach New York geflogen und hatte etliche Meetings mit Investoren im Mandarin Oriental auf der Suche nach 2 Millionen Euro Kapital. Ich präsentierte also meine Vision davon, wie man tausende von Erlebnissen an zehntausende von Menschen überall in Europa und den USA anbieten könnte. Direkt buchbar, online via Web-Browser und einer App. Das war völlig neu, weil es zwar Agenturen gab, die solche Pakete angeboten haben, aber das ist ein zeitaufwändiger Prozess. Mein Ziel war es, diese Erlebnisse selbst buchbar zu machen mit einem Ticketing-System – so einfach und schnell, wie man ein Uber bestellt. Und die Antwort war: "Herr Schweizer, Sie haben zwei Dinge nicht: Erstens Zeit, Sie brauchen unser Geld jetzt, um zu skalieren, was kein guter Faktor für uns ist. Und zweitens Geld – Sie brauchen uns, sonst kommen Sie nicht weiter." So flog ich also ohne Investment nach Hause und dachte mir "Ne Freunde, so nicht" – daraus entstand die Jochen Schweizer Gruppe, die 100 Millionen Euro Vertriebsleistung im Jahr macht. Hätten die hohen Herren in ihren feinen Designeranzügen nur mal zugehört. Heute habe ich einen eigenen Investment-Fonds – Jochen Schweizer Ventures, ich sitze auf der anderen Seite des Tisches und versuche, es besser zu machen. Das hat mich auch an dem TV-Format Die Höhle der Löwen gereizt: Dort haben wir uns 1,5 Stunden Zeit genommen, jedes Startup kennenzulernen. Das ist ein sehr intensiver, tiefgehender Austausch. Sehr viel tiefgehender als die üblichen 20-minütigen Termine, die Investoren sonst einplanen. Noch heute nehme ich mir viel Zeit, weil ich nicht nur mein Geld investieren, sondern mein Netzwerk anbieten möchte.

IGM: Was muss der perfekte Pitch mitbringen?

Jochen Schweizer: Die Mischung muss stimmen: Ich investiere in Typen, völlig egal ob Frau oder Mann. Du musst brennen, für das, was du tust und mich mit deiner Persönlichkeit mitnehmen. Und die Idee muss skalierbar sein. Wir hatten zum Beispiel interessante Ideen für sehr spitze Zielgruppen, wo wir nicht an die Skalierbarkeit glaubten – etwa einen Anhänger, über den sich eine elektrisch betriebene Luxus-Schwimminsel für den See laden ließ. Das waren zu viele komplizierte Einzelteile, die sehr teuer in der Herstellung waren, sprich, man hätte enorm viel Geld in die Vorproduktion und Lagerung stecken müssen, bevor man überhaupt in den Launch geht. Ein tolles Beispiel war Meine Spielekiste, in die ich investiert habe: Ein Flatrate-Service für LEGO, Playmobil, Spielzeug eben. Warum? Weil viele Kinder heute Cowboys toll finden, nächste Woche Ritter oder die Polizeistation. Zudem gab es die Möglichkeit für Eltern, dieses Spielzeug für einen günstigeren Preis, weil gebraucht, zu kaufen. Was übrigens viele gemacht haben. Also es muss stimmen: a) Gründerteam und ihre Personality, b) Proof of Concept: Gibt es einen bestehenden Markt, der dieses Produkt möchte?, c) Skalierung und d) transparente Exit-Strategie. Frank Thelen und ich haben zusammen 400.000 Euro investiert, und was vor allem stark war: Die Website ist abgeraucht, als die Show ausgestrahlt wurde. Die Gründer konnten sich vor Nachfrage kaum retten.

Hätten die hohen Herren in ihren feinen Designer-anzügen nur mal zugehört

IGM: Würden Sie auch in Spielestudios investieren?

Jochen Schweizer: Wenn all diese Parameter stimmen, gerne. Videospiele sind ja endlos skalierbar – einmal entwickelt, lassen sie sich über Jahre verkaufen. Ich habe letztens erst gelesen, dass das Spiel GTA 5, was 2013 rauskam, heute noch hunderte Millionen von Euro verdient. Irre, ich werde mich auf jeden Fall mit dem Thema stärker beschäftigen, man lernt ja nie aus. Und dann ist natürlich eSports eine Industrie, die größer werden kann als Tennis oder Basketball. Wir bieten jetzt deshalb auch ein eSports-Bootcamp an, wo man sich von Profis anleiten lassen kann, um seinen Skill auszubauen und so später mal eine Karriere im Gaming zu starten. Auch das einfach faszinierend. Da gibt's Jungs da draußen, die sind 20, auf Twitch unterwegs und machen Millionen. Wir leben in einer Zeit, in der du einfach nur verdammt gut sein musst in was auch immer du anbietest – und du wirst damit viel, viel Geld verdienen. (bk)

 

IGM 07/20
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