Phillip Lahm: „Ich bin nicht der Typ, der einfach nur Geld überweist“

Weltmeister, Vize-Europameister, doppelter Champions-League-Sieger, achtfacher Gewinner der Deutschen Meisterschaft, Weltfußballer des Jahres: Phillip Lahm ist einer der erfolgreichsten Fußballer aller Zeiten. IGM erzählt er, wie er mit Niederlagen umging, welche Qualitäten ein Kapitän in sich vereinen muss und in welche Startups er heute investiert. [Ein Interview von Benjamin Kratsch]
Image
Phillip Lahm

IGM: Herr Lahm, jedes Team feiert seine Erfolge, muss aber auch Niederlagen einstecken. Wie sind Sie damit als Kapitän des FC Bayern und der Deutschen Fußballnationalmannschaft umgegangen?

Phillip Lahm: Viel hat mit Erfahrung zu tun, weil das Geschäft schwierig ist – wir scherzten immer gerne, dass pünktlich zur WM halb Deutschland zum Bundestrainer avanciert. Die Kritik aus den Medien war nicht selten hart, mitunter sicherlich verdient, häufig aber auch überzogen – das muss man für sich und als Team analysieren. Der FC Bayern wurde oft kritisiert, weil wir mitunter weniger effektiv auftraten als andere Teams – wir brauchten mehr Anläufe und mussten uns mehr Chancen herausarbeiten, um ein Tor zu erzielen als etwa Real Madrid oder FC Barcelona, denen das schnell auch mal aus einem Konter gelang. In der Regel haben wir uns dann die Schlüsselspielszenen angeschaut, im Detail unsere Schwächen analysiert und daran gearbeitet. Vieles hat aber auch mit Erwartungsmanagement zu tun: Wenn Sie gegen die besten Mannschaften der Welt spielen, dann werden die es ihnen so schwer wie möglich machen. Da zählt dann letztlich das Ergebnis – im Fußball gehen Matches sehr häufig knapp aus. Klare Siege hatten wir natürlich auch, die sind aber gerade bei den Top-Teams eher eine Seltenheit.

Vielleicht ist das aber auch einfach nur menschlich

IGM: Was sind die schwierigsten Niederlagen?

Phillip Lahm: Als FC Bayern hat man den Anspruch, die Champions League zu gewinnen, ganz klar. Wie schwer das ist, muss ich glaube nicht ausführen. Es ist wichtig, danach schnell wieder zu Stabilität zu finden – als wir etwa das Champions-League-Finale gegen Chelsea in München verloren haben, brauchte ich satte vier Tage, um das zu verarbeiten. Man könnte das unprofessionell nennen, vielleicht ist das aber auch einfach nur menschlich. Schwierig sind auch Verletzungen: Ich hatte zum Beispiel einen Kreuzbandriss und später das Sprunggelenk gebrochen – das ist extrem schmerzhaft und es ist schwer, wieder zu seiner alten Form zurückzufinden. Auch braucht es viel Rückgrat und persönliche Stärke, um in einem wichtigen Spiel um eine Auswechslung zu bitten, was im Fußball aber enorm wichtig ist. Wenn Sie 70 Minuten Vollgas gegeben und das Gefühl haben, in den letzten 20 Minuten nicht mehr 100 Prozent leisten zu können, dann sollte ein frischer Kollege den Platz einnehmen. Ich glaube, auch das gehört dazu, zur Führungsperson zu reifen: Das Sie im Team denken, nicht nur an sich selbst. Sich selbst zurück zu nehmen.

IGM: Was wird beim Beruf eines Profifußballers unterschätzt?

Phillip Lahm: Perspektive und Geschwindigkeit. Gerade wenn ich heute Fußball mehr passiv konsumiere, in der Allianz Arena beim FC Bayern oder auch vor dem Fernseher, dann fällt mir immer wieder auf, wie leicht es doch für den Zuschauer ist, freie Räume zu erkennen, weil die Kamera ja eine Art Vogelblick ermöglicht. Aber das haben Sie auf dem Feld nicht, diesen perfekten Überblick hat keiner – übrigens auch nicht der Trainer. Und dann natürlich die Geschwindigkeit: Sie sprinten mit dem Ball am Fuß, müssen Gegenspielern und Grätschversuchen ausweichen. Gleichzeitig den Weg antizipieren, den ein Mitspieler nehmen wird, um eine Flanke im richtigen Winkel reinzubringen und die beste Route berechnen, um das Leder reinzuschlagen. Es ist sehr viel schwieriger, als viele glauben, eine perfekte Flanke reinzugeben, während sich ein Gegenspieler im Lauf gegen Sie presst. Das gilt übrigens auch für Kopfbälle, Volleyschüsse aus der Luft etc. – als Zuschauer neigt man dazu zu glauben, "den müsse er doch einfach nur reinmachen", aber meist gehört dann doch sehr viel Technik und vor allem Glück dazu" (er grinst). Und ja, auch der menschliche Faktor: Als Profifußballer erwartet man von Ihnen, dass Sie funktionieren, völlig egal was passiert ist. Es gibt wenig Raum für emotionale Schwäche.

IGM: Wie geht der FC Bayern mit Transfergerüchten um: Sie hatten mal ein Angebot, zum FC Barcelona zu wechseln, wie wird das intern diskutiert?

Phillip Lahm: Wir haben immer eine sehr offene Kultur der Debatte beim FC Bayern gepflegt. Solche Angebote kommen relativ häufig, mitunter sind sie sehr interessant und dann setzt man sich zusammen und redet. In der Regel hat der eigene Arbeitgeber ein Interesse daran, Sie zu halten, insofern würde ich zu diesem Schritt immer raten. Ich habe Karl-Heinz (Rummenigge, Anm. d. Red.) gefragt, wo der Verein mich in 5 bis 10 Jahren sieht und ob es die Möglichkeit gibt, mehr Verantwortung zu übernehmen als Führungsspieler, letztlich auch als Kapitän. Ich habe mich dafür empfohlen, bekam die Chance, und wurde es dann letztlich auch. Wenn man als Arbeitnehmer Leistung bringt, sollte man mit seinem Chef auch immer darüber reden, wie sich die gemeinsame Zukunft gestalten könnte. Ich bin heute sehr glücklich darüber, dass ich mit 11 Jahren in München anfing, Fußball zu spielen und in meiner Heimat auch die Karriere beenden durfte. Zwischendurch haben wir ja auch ein paar Titel geholt (er grinst).

IGM: Was macht eine Führungskraft – einen Kapitän – aus?

Phillip Lahm: Man muss jemand sein, der das Team leiten kann, der es aus einer schwierigen Situation, etwa einem Rückstand, wieder nach vorne bringt – mit Ideen im Spiel, mit Motivation in der Kommunikation. Ein Mensch auch, der sich wie ein Schutzschild vor seine Mannschaft stellt, wenn es nötig ist. Es war über viele Jahre meine Aufgabe, nach 90 Minuten auf dem Platz und schweißgebadet mit möglichst geringer Emotionalität und voller Professionalität Spiele zu analysieren, auch wenn wir verloren hatten. Das musste ich auch erstmal lernen.

IGM: Bastian Schweinsteiger hat seine aktive Karriere mit 35 beendet, Sie mit 33. Wie schwer ist Ihnen das gefallen?

Phillip Lahm: Man muss da vernünftig sein. Es kommt leider im Leben irgendwann der Punkt, wo Sie Verletzungen nicht mehr so leicht wegstecken und der Körper nicht mehr so schnell regeneriert. Mir war auch wichtig, dass ich als Leistungsträger abtrete – es kam häufiger zu Situationen, in denen ich dachte: Ups, das habe ich früher besser gelöst – drehen, antreten, abbremsen, sprinten. Ich konnte zwar mein Top-Tempo weiterhin erreichen, aber nicht mehr so lange halten. Als ich merkte, dass ich nicht mehr 100 Prozent geben kann für das Team, war es Zeit, Platz zu machen für jüngere Kollegen, und das ist auch völlig in Ordnung. Ich fände es falsch, mich darüber zu beklagen, weil sehr viele Menschen in Deutschland einen sehr viel härteren Beruf haben und wir Fußballer den Luxus genießen, wirtschaftlich in einer Position zu sein, in der wir uns auch mal ein Jahr Pause gönnen können, bevor es weitergeht. 2017, in dem Jahr, als ich meine Karriere beendete, kam meine Tochter auf die Welt und ich wollte sie aufwachsen sehen. Ich durfte dabei sein, als sie ihre ersten Schritte machte – das war einer dieser magischen Momente, den glaube ich jeder Papa und jede Mama gerne miterleben möchte.

Mir war wichtig, dass ich als Leistungsträger abtrete

IGM: Sie haben seitdem Schulen und Krankenhäuser in Südafrika gebaut, in Müsli-Hersteller Schneekoppe investiert, sind Präsidumsmitglied des DFB und jetzt Chef des Organisationskomitees der EM 2024, die wieder in Deutschland stattfindet ...

Phillip Lahm: Mir ist es enorm wichtig, ein bisschen von dem Glück zurückgeben zu können, was ich hatte. Schulen zu unterstützen, Fußballschulen in Afrika zu bauen, den Familien vor Ort zu helfen. Ich bin nicht der Typ, der einfach nur Geld überweist, sondern bin gerne aktiv eingebunden. So sehe ich auch meine Investitionen, etwa in Da:Nova, die betriebliche Gesundheitsvorsorge auch auf digitalem Weg anbieten. Da kann ich mit meiner Erfahrung Mehrwerte schaffen. Jetzt freue ich mich riesig auf die EM 2024 – wir alle erinnern uns denke ich noch an die WM Da'hoam, 2006 in Deutschland. Wir werden alles dafür tun, um wieder ein Sommermärchen möglich zu machen.

IGM 08/20
Die Läden sind inzwischen wieder offen. Doch wegen der Corona-Pandemie herrschen für den Einzelhandel in ganz Deutschland spezielle Regeln. In den meisten…
Als Technologie-Experte Epic Games Mitte Mai einen Trailer zu seiner neuen "Unreal Engine" präsentiert, ist die Community erstmal baff. Und das aus…
Nachhaltigkeit ist sein Geschäftsmodell: Seit 13 Jahren steht InnoGames-Co-Gründer
Michael Zillmer an der Spitze von Deutschlands größtem Computerspiele…