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Magazin: story

Copyright Basis-Bild: sanderstock/stock.adobe.com
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Next stop: Brexit

Wie wird sich der Brexit auf die Games-Industrie auswirken? Dieser Frage gehen wir in einem zweiteiligen Special nach. In Teil 1 (IGM 01/2020) ließen wir die britischen Branchenverbände Ukie und Tiga zu Wort kommen. Für den vorliegenden zweiten Teil haben wir uns bei deutschen Akteuren und bei einem Brexit-Befürworter aus UK umgehört.
Es wird ernst. Läuft alles nach Boris' Johnsons Plan, dann wird der britische Premier bereits bei Erscheinen dieser IGM-Ausgabe den Brexit offiziell verkündet haben: Stichtag war der 31. Januar. Doch wie es nach dem Brexit weitergeht, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch weitgehend offen. Vieles hängt davon ab, wie die Verhandlungen zwischen UK und EU in den folgenden elf Monaten laufen. Ein No-Deal- oder Hard Brexit könnte die Games-Branche des Vereinigten Königreichs empfindlich treffen. George Osborn, Head of Communication des Branchenverbandes Ukie, hat die Verhandlungsziele in IGM 01/2020 folgendermaßen zusammengefasst: "Die besten, talentiertesten Arbeitskräfte der EU müssen ohne Probleme nach Großbritannien kommen können, um die Branche zu unterstützen. Daten müssen ungehindert fließen können – dafür muss eine Vereinbarung über angemessene Datennutzung getroffen werden. Finanzquellen, die sich in Europa befinden oder durch Europa bereitgestellt werden, müssen weiterhin zugänglich sein." Dafür setzen sich sowohl Ukie als auch Tiga bei der britischen Regierung ein. Doch was sagen eigentlich die britischen Entwickler zum Brexit?
Im Zuge unserer Recherchen baten wir mehrere britische Studios um eine Stellungnahme. Wir wollten wissen, ob und wie sie sich auf den Brexit vorbereiten – und welche Verhandlungsziele sie "post-brexit" besonders wichtig finden. Leider fiel das Feedback äußerst dürftig aus. Das mag an der Arbeitsbelastung besagter Studios liegen. Vielleicht steckt dahinter aber auch die Scheu, sich in Zeiten des Brexit politisch zu positionieren. Feedback erhielten wir jedenfalls nur von einem Studio, nämlich System 3 aus London. Viele Leser werden den Namen kennen, denn System 3 wurde bereits 1982 von Mark Cale gegründet. Das Studio steht für Klassiker wie The Last Ninja, Myth: History in the Making, International Karate, Putty und Constructor; sein derzeitiger Vorzeigetitel ist der im Mai 2019 erschienene Bausimulator Constructor Plus. Mark Cale zeigt sich vom nahenden Brexit gänzlich unbeeindruckt: "Unsere Firma betrifft das nicht. Warum nicht? Weil wir PS4-Discs produzieren, die in Tschechien und Österreich hergestellt werden, und zwar bei Sony DADC." Technicolor in Polen produziere die Xbox-Discs von System 3, so Cale. Der gesamte Druck der Nintendo-Cartridges für die EU finde in Deutschland statt, ebenso der Druck der meisten PoS- und Promo-Materialien.

Kritik an der EU
Im IGM-Interview gibt sich Cale als klarer Brexit-Befürworter zu erkennen – die Warnung vor negativen Folgen für die britische Games-Industrie hält er für unberechtigt: "Das sind falsche Untergangsprophezeiungen der Medien und der Remainer." An der Europäischen Union übt Cale derweil harte Kritik: "Die EU hat ein Gesetz für alle, ignoriert aber bestimmte Handelsgesetze in Mitgliedstaaten – trotz unserer Beschwerden." Als Beispiel nennt er Österreich: Dort würden "auf illegale Weise" landesspezifische Steuergesetze angewandt, die nicht freihandelskonform seien. "In den USA gibt es ein Online-Formular – genau wie in Deutschland -, mit dem man Steuerausländereigenschaft beantragen kann", berichtet Cale. "Das dauert fünf Minuten, wird digital überprüft und ist fünf Jahre lang gültig. In Österreich muss man jedes Jahr ein neues Formular ausfüllen und mit einer physischen UK-HMRC-Steuermarke bestätigen. Dafür braucht man Justiziare, was jedes Mal 2000 Euro kostet." Der EU-Austritt eröffne britischen Firmen mehr Business-Möglichkeiten in aller Welt, so Cale. "Nur weiter mit dem Brexit!"

Längst nicht alle britischen Studios teilen diese Sicht: Wie bereits berichtet, unterzeichneten im Jahr 2018 mehr als 1300 Branchenvertreter einen offenen Brief, mit dem die Initiative Games4EU gegen den Brexit protestierte. Doch was hält eigentlich die deutsche Games-Branche von den Austrittsplänen der Briten? IGM hat sich hierzulande umgehört, um ein aktuelles Stimmungsbild zu bekommen. "Der Brexit ist für unseren britischen Partner-Verband Ukie ein überaus wichtiges Thema, da er unmittelbar Auswirkungen auf die Zukunft Großbritanniens als Games-Standort haben wird", sagt game-Geschäftsführer Felix Falk. "Hier geht es um Fragen, wie künftig Fachkräfte aus dem Ausland eingestellt werden können oder wie die Zusammenarbeit mit internationalen Investoren aussehen kann." Für die deutsche Games-Branche hingegen spiele der Brexit derzeit keine wirklich große Rolle, sagt Falk: "Weder arbeiten besonders viele britische Entwicklerinnen und Entwickler in deutschen Studios – noch gibt es besonders viele Investitionen deutscher Unternehmen in britische Studios. Die international aufgestellten Games-Unternehmen, die sich in Großbritannien engagieren, sind auf verschiedene Brexit-Szenarien vorbereitet."

Buhlen um Investoren
Gleichwohl sieht Falk den Brexit auch als eine Chance für den Games-Standort Deutschland: "Die Unsicherheit, wie es mit den Handelsbeziehungen von Großbritannien zur Welt weitergehen wird, lässt Investoren nach anderen Standorten Ausschau halten. Hier kann Deutschland mit der bundesweiten Games-Förderung eine attraktive Alternative sein." Allerdings könne auch das Gegenteil eintreten, so der game-Geschäftsführer: "Großbritannien könnte nach dem Brexit die Games-Branche besonders stark fördern – mehr als es beispielsweise die EU-Regulierung zulassen würde. Die Politik in Deutschland muss diese Entwicklungen daher besonders aufmerksam verfolgen und weiterhin für konkurrenzfähige Wettbewerbsbedingungen sorgen." Beim Thema "Fachkräfte" rechnet Falk jedenfalls mit einem positiven Effekt für die hiesige Branche: Der Brexit werde dafür sorgen, "dass einige Entwicklerinnen und Entwickler, die bislang in Großbritannien arbeiten, in der EU bleiben wollen – und sich deshalb für Jobs in Ländern wie Deutschland interessieren".

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Falsche Untergangs­prophezeiungen der Medien und der Remainer
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Deutsche Games-Distributoren werden die Auswirkungen eines Brexit ebenfalls spüren – wenn auch nur mittelfristig. Für NBG ändere sich erstmal gar nichts, so Geschäftsführer Markus Biehl im IGM-Interview: "Nach dem letzten Stand ist es ja so, dass der Brexit zum 31.1. stattfindet, dass aber bis zum 31.12. nichts passieren wird. In der Zeit soll ja eine Vereinbarung gefunden werden. Ansonsten würde man von einem ‚harten' Brexit sprechen – und auch für den gibt es noch keine genaue Definition." In den letzten zwei Jahren habe NBG sehr viele Gespräche geführt, so Biehl. "Niemand konnte uns genau sagen, was auf uns zukommt, was passieren wird. Wahrscheinlich spielt sich alles auf der steuerlichen Ebene ab, weil alle unsere Hersteller, die in England sitzen, nicht in England produzieren." Der Warenfluss laufe dann nicht über England, sondern über die Niederlande, Tschechien, Österreich oder Deutschland, so Biehl. Allerdings liefert NBG auch teilweise nach UK. "Da war davon die Rede, dass sich die Kosten für den Transport einer Palette verdoppeln oder sogar verdreifachen werden – weil nicht klar war, wie lange der Transport nach dem Brexit dauert", so der NBG-Chef. "Das hat sich aber mit der Verschiebung des Austrittstermins relativiert, seitdem gelten wieder die alten Preise." Da NBG auch Logistikdienstleistungen biete, habe man zusammen mit einigen Herstellern Pläne für den Brexit geschmiedet. "Es wurde schon angedacht, Ware bei uns in Burglengenfeld zu lagern, weil keiner genau wusste, wie die Ware nach einem Brexit aus England herauskommt, wie lange das dauert. Aber auch das hat sich wieder mehr oder weniger normalisiert, weil es ja jetzt noch dieses Übergangsjahr gibt."

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Wahrscheinlich spielt sich
alles auf der steuerlichen Ebene ab
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Schottisches Studio
Wechseln wir kurz die Perspektive – und schauen uns an, was deutsche Entwickler beim Brexit bewegt. Man könnte ja vermuten, dass sie ihr Engagement in UK zurückfahren – eben weil dort Unsicherheit über die Zeit nach dem Brexit herrscht. Ganz anders sieht es bei remote control productions aus, der internationalen Entwicklerfamilie mit Hauptquartier in München. "Seit dem 16. Januar sind wir offiziell mit einer Niederlassung im schottischen Dundee aktiv", berichtet rcp-Geschäftsführer Hendrik Lesser, der auch Vorsitzender der European Games Developer Federation (EGDF) ist. Die Leitung der schottischen Niederlassung hat Mark Lloyd übernommen, der als ehemaliger Head eines großen Entwicklerstudios viel Erfahrung mitbringt und "als Exkollege von mir aus den GTA-III-Zeiten auch ein guter kultureller Fit für uns ist", wie Lesser sagt. Um Talentnachschub für das neue Studio macht sich der rcp-Chef keine Sorgen: "Besonders an der Abertay University in Dundee gibt es eine tolle Ausbildung –  und auch darauf bauen wir." Lesser ist durchaus der Ansicht, dass im Zuge des Brexit Neuverhandlungen nötig sind – zum Beispiel bezüglich der Ein- und Ausreise von Arbeitskräften und der Frage, inwieweit Studierende vom Festland noch an britischen Hochschulen zugelassen werden. "Für uns wird auch spannend, wie der Geldfluss nach und von UK laufen wird", so Lesser. "Zölle sind für uns voraussichtlich kein Problem, da wir meist vor Ort wertschöpfen. Bezüglich des Datenflusses wird es – denke ich – eher einfacher als schwieriger, weil dann in UK keine Datenschutz-Grundverordnung mehr gilt. Aber solche Fragen sind noch vollkommen unklar."

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Spannend,
wie der Geldfluss nach und von UK laufen wird
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Kaum abzusehen sei auch, ob die britische Games-Branche unter dem Brexit leiden werde. "Insgesamt hat die britische Industrie in den letzen Jahren ja wieder viel Boden gutgemacht – nach vielen Jahren mit Problemen, besonders durch F2P und Kanada", so Lesser. "Ich denke aber, dass es für britische Studios schwieriger wird, internationales Personal zu finden." Allerdings kann sich Lesser durchaus vorstellen, dass gerade sehr kleine und sehr große Studios auch positive Effekte spüren werden: "Die Regierung hat in den letzten Jahren mit tax breaks gezeigt, dass sie versteht, was die Industrie für einen impact haben kann. Das werden sie ausbauen." Lesser glaubt nicht, dass der Spiele-Produktionsstandort Deutschland erheblich vom Brexit profitieren wird, nur weil es jetzt auch eine Bundesförderung gibt: "Die 50 Millionen Euro im Jahr werden da keinen großen Unterschied machen. Es wird sich eher auf die Mitarbeitersuche und das Halten von Mitarbeitern auswirken, da es einfach schwieriger sein wird, in UK zu arbeiten." Das sei natürlich erstmal gut für die deutsche Games-Branche, so Lesser. "Ich glaube aber, dass die Briten viel unternehmen werden, um ihre doch sehr starke Kulturindustrie zu unterstützen." Zumal der Brexit bestimmte EU-Förderbeschränkungen aufhebt.

Mehr Freiraum
NBG-Chef Markus Biehl sieht den heraufziehenden Brexit nicht nur negativ: "Für uns ist es sogar ein Vorteil, auf den nicht-britischen Markt spezialisiert zu sein. Die Insel ist ja nach einem Brexit kein EU-Raum mehr. Das gibt uns einen gewissen Schutz – oder sogar mehr Freiraum." Schließlich komme derzeit immer wieder mal Ware aus UK nach Deutschland, die eigentlich nicht für unsere Region gedacht sei. "Das dürfte sich nach dem endgültigen Brexit wohl erledigt haben." Doch wie werden sich künftig die Beziehungen zu den NBG-Partnern in UK gestalten? Derzeit sind das die Firmen Exquisite Gaming (vgl. IGM 13/2017), Sold Out (vgl. IGM 08/2018), Skybound (vgl. IGM 08/2019) sowie 505 Games. "Skybound hat gerade – als amerikanische Firma – ihren Sitz in die Niederlande gelegt und dort ihre Europazentrale gegründet", berichtet Biehl. "Exquisite Gaming beispielsweise hat ein Lager in England. Die Lieferung von dort wird nach dem Brexit wahrscheinlich länger dauern – und es werden wahrscheinlich höhere Kosten auf beide Parteien zukommen." Zum jetzigen Zeitpunkt wisse man noch gar nicht, welche Zölle anfallen werden. "Das ist ein riesiges Thema – und das ist alles noch nicht geklärt", sagt Biehl. "Es wird bestimmt nicht einfacher. Die Lieferzeiten werden länger und die Lieferung wird teurer. Aber niemand kennt bis jetzt die Details."

Von einem ist der NBG-Chef jedenfalls überzeugt: Die Übergangszeit nach dem Brexit werde nicht ausreichen, um vollwertige Ersatzregelungen zu finden. "Kein Handelsabkommen, das in den letzten Jahren geschlossen wurde, war innerhalb von elf Monaten fertig", so Biehl. "Was das wiederum bedeutet, werden wir sehen, wenn diese Frist abgelaufen ist. Bis dahin haben wir genug Zeit, selbst Lösungen zu finden, wie zum Beispiel ein europäisches Lager bei uns in Burglengenfeld einzurichten. Wir erwarten da keine großen Nachteile für uns. Man muss eben damit rechnen, das alles ein bisschen länger dauert."

Ein Grund zur Panik ist der Brexit für die Games-Branche also offenbar nicht. Wie sagen die Briten? "Time will tell." Oder auf Deutsch: "Kommt Zeit, kommt Rat." (Achim Fehrenbach)