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Magazin: story

Quo Vadis, UK?

Bye bye Europe: Nach den jüngsten politischen Entscheidungen scheint ein Brexit unausweichlich. In einer zweiteiligen Serie beleuchten wir, welche Auswirkungen er auf die Games-Branche haben könnte – und bereits hat. Im vorliegenden ersten Teil stellen wir die britische Games-Industrie vor und lassen die Verbände zu Wort kommen.
Dukommsthiernichrein. Wer immer schon mal einen Türsteher spielen wollte, der kann das in Not Tonight endlich tun. Das Setting: Ein dystopisches Königreich namens Albion, kurz nach seinem Austritt aus der Europäischen Union, regiert von ultranationalistischen Politikern. Als Immigrant europäischer Herkunft spielen wir einen "Bouncer", der jeden Abend entscheidet, wer Party machen darf und wer nicht. Die Kriterien: Alter, Kleidung, Nationalität und so weiter. Lässt sich der Spieler bestechen, verliert er Punkte im Social Credit System von Albion – und wird vielleicht irgendwann des Landes verwiesen. Spielerisch erinnert Not Tonight an den Indie-Klassiker Papers, please. Inhaltlich ist es natürlich eine Kritik am Brexit-Wahn.

Ironischerweise ist Not Tonight auf Steam ziemlich erfolgreich. Der 2019er-Titel von PanicBarn dürfte so ziemlich das einzige britische Computerspiel sein, das vom Brexit profitiert. Den meisten Spieleentwicklern aus UK ist das Lachen allerdings längst vergangen – denn ein Hard Brexit oder gar ein No-Deal-Brexit könnte der Industrie schweren Schaden zufügen. Seit dem verhängnisvollen Referendum im Jahre 2016 haben Branchenvertreter nicht aufgehört, vor den Folgen des EU-Austritts zu warnen. 2017 veröffentlichte der Branchenverband Ukie einen ausführlichen Report, der die vier Hauptproblemfelder umriss: Rekrutierung, Zölle, Datenfluss und Förderung ("State of Play – The UK games industry's priorities for the EU negotiations"). Der Report enthielt auch die Ergebnisse einer Befragung von 75 Spielefirmen, von denen immerhin 40 Prozent mit einer Verlagerung ins Ausland liebäugelten. Ein solch umfangreicher Exodus hat sich bisher allerdings nicht bewahrheitet, und auch eine Lock-Kampagne der französischen Regierung ("Join the Game") hatte bislang nicht den erhofften Brain-Drain-Erfolg. Zwar hat Sony seinen EU-Hauptsitz von London nach Amsterdam verlegt. Doch es gibt auch Spielefirmen, die neue Studios in UK eröffnet haben – zum Beispiel Zynga in Birmingham.

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Daten müssen ungehindert fließen können
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Brexit-Guides en masse
Der Exodus könnte allerdings doch noch stattfinden, sobald sich die Rahmenbedingungen des Brexit herauskristallisieren. Bei den Unterhauswahlen im Dezember errang die Regierungspartei bekanntlich eine deutliche Mehrheit. Bei Redaktionsschluss (7. Januar) musste das Unterhaus noch die entscheidende "EU (Withdrawal Agreement) Bill" verabschieden – dass das Gesetz durchgewunken wird, galt allerdings als Formsache. Läuft für Boris Johnson und Co. alles wie geplant, dann kann er zum 31. Januar den EU-Ausstieg verkünden – wie auch immer der dann ausgestaltet wird. Die Branchenverbände Ukie und Tiga haben jedenfalls viel dafür getan, die einheimische Industrie auf die Brexit-Folgen vorzubereiten. Ukie stellte 2019 nicht nur einen "No Deal Brexit Survival Signposting Guide" zusammen, sondern veröffentlichte auch einen Podcast und eine Reihe von Youtube-Videos mit Ratschlägen von Rechts- und Wirtschaftsexperten. Der Konkurrenzverband Tiga war ebenfalls nicht untätig und veröffentlichte sowohl ein Manifest ("to increase employment in the UK video games industry by 30 per cent by 2023") als auch einen Ratgeber ("How to prepare for a 'no deal' Brexit: TIGA's guidance"). Im August 2018 formierte sich darüber hinaus die Lobby-Gruppe Games4EU, deren Ziel der Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union ist. Oder besser: war. Der letzte Facebook-Eintrag der Gruppe stammt von Mitte Oktober 2019, unsere Interview-Anfrage blieb unbeantwortet. Immerhin hat Games4EU ebenfalls einen "Brexit Guide" veröffentlicht. 2018 veröffentlichte sie außerdem einen Protestbrief an die Regierung, der von mehr als 127 Firmen und 1300 Branchenvertretern unterzeichnet war – darunter Leuten wie Peter Molyneux, Rhianna Pratchett, Charles Cecil und Ian Livingstone. Genützt hat die geballte Prominenz allerdings kaum: Die Regierung setzte ihren Brexit-Kurs unbeirrt fort.

Bevor wir auf die möglichen Brexit-Folgen blicken, schauen wir uns zunächst an, was auf dem Spiel steht. Laut Ukie gab es 2018 in Großbritannien insgesamt 2261 Spielefirmen, die meisten davon im Großraum London (614), Manchester (96), Brighton (73) sowie Guildford and Aldershot (70). Auf der Ukie-Website findet sich auch eine ältere Statistik von 2016, nach der die heimische Spieleindustrie rund 2,87 Milliarden Pfund zur britischen Wirtschaft beitrug; im selben Jahr wurde das Arbeitsstunden-Äquivalent von 47.000 Vollzeitstellen geleistet. Zu den bekanntesten Spielefirmen in UK zählen Rockstar Games, Media Molecule, SIE Worldwide Studios (London Studio), Rocksteady Studios, Traveller's Tales, Ninja Theory, Square Enix Europe (London Studios), Codemasters, Creative Assembly, Criterion Games, Sumo Digital, Team17, Ubisoft Leamington und Ubisoft Reflections, 505 Games, Revolution Software, Frontier Developments, Rebellion Developments und Firefly Studios, Bossa Studios, Hello Games und Curve Digital. Aus Consumer-Sicht ist UK der sechstgrößte Spielemarkt der Welt: Rund 37,7 Millionen Briten spielen, 2018 gaben sie 5,7 Milliarden Pfund für ihr Hobby aus – ein Jahreszuwachs von 10 Prozent.

Große Baustellen
Ein No-Deal- oder Hard Brexit könnte sowohl Hersteller als auch Händler empfindlich treffen. Doch wo liegen die größten Baustellen? George Osborn, Head of Communications bei Ukie, fasst das Ganze gegenüber IGM so zusammen: "Die besten, talentiertesten Arbeitskräfte der EU müssen ohne Probleme nach Großbritannien kommen können, um die Branche zu unterstützen. Daten müssen ungehindert fließen können – dafür muss eine Vereinbarung über angemessene Datennutzung getroffen werden. Finanzquellen, die sich in Europa befinden oder durch Europa bereitgestellt werden, müssen weiterhin zugänglich sein." Ein No-Deal-Brexit wäre für die Industrie nicht wünschenswert, sagt Osborn: "Er hätte Auswirkungen auf den Datenfluss, würde Arbeitskräfte verunsichern und investitionsfreudige Firmen entmutigen. Wir haben all das der Regierung mitgeteilt und setzen uns auch weiterhin dafür ein, negative Auswirkungen zu vermeiden."

Richard Wilson ist Geschäftsführer des Konkurrenzverbandes Tiga. Auch er befürchtet, dass ein No-Deal-Brexit den Talentnachschub einschränken wird. "Entwicklerstudios sind auf hochqualifizierte Arbeitskräfte aus der EU und den Vereinigten Staaten angewiesen – mit minimalen gesetzlichen Einschränkungen und Kosten", sagt er. EU-Arbeitskräfte stellen Wilson zufolge derzeit 20 Prozent der Belegschaft in der britischen Games-Industrie, fünf Prozent kommen aus Ländern außerhalb der EU. "Damit die britische Games-Industrie global wettbewerbsfähig bleibt, muss sie die klügsten und besten Nachwuchskräfte rekrutieren können", betont er. "Ein künftiger Handelsvertrag zwischen Großbritannien und der EU wird hoffentlich den Zugang zu hochqualifizierten Arbeitskräften ermöglichen." Tiga setzt sich bei der britischen Regierung für ein punktebasiertes Migrationssystem ein, das folgende drei Hauptkriterien enthalten sollte: Arbeitserfahrung, ein konkretes Job-Angebot sowie Sprachkenntnisse. Außerdem plädiert der Verband dafür, Jobprofile mit Games-Bezug auf der sogenannten Shortage Occupation List zu halten, die als Maßstab für den Zuzug ausländischer Arbeitskräfte gilt.

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Zugang zu
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Visa-Feinheiten
Zu den Instrumenten der Einwanderungspolitik gehört auch, welchen Löhne Visa-Antragsteller vorweisen müssen. Tiga möchte verhindern, dass die Schwelle für Löhne der Stufe 2 ("Tier 2") von rund 24.000 auf 30.000 Pfund Sterling angehoben wird. "Das könnte zu Rekrutierungsengpässen führen", sagt Richard Wilson. "Einer Tiga-Studie zufolge liegt der Durchschnittslohn von Absolventen bei weniger als 24.000 Pfund. Von unseren Mitgliedern haben wir gehört, dass sie keine qualifizierten Arbeitskräfte aus Übersee mit Tier 2 General Visa rekrutieren konnten, weil der Lohn für die zu erfüllenden Funktionen unter dieser Schwelle liegt." Anders formuliert: Die britischen Firmen müssten deutlich mehr zahlen, um genau diese Talente nach UK zu holen.

Angesichts der zu erwartenden Personalknappheit hat die britische Games-Branche aber auch schon reagiert. "Zum Beispiel berät sie zu Themen wie der Statussicherung von Angestellten oder der Aufnahme standardisierter Vertragsklauseln in Datenvereinbarungen. Damit sollen Störungen vermieden werden", sagt George Osborn. Richard Wilson zufolge hat der nahende Brexit dafür gesorgt, dass die Industrie stärker in die Ausbildung investiert: "Spielefirmen haben ihre Beziehungen zu Hochschulen verbessert, um die Relevanz der angebotenen Kurse zu erhöhen. Tiga hat ein Zulassungsprogramm für die Hochschulausbildung entwickelt", berichtet Wilson. "Das Programm umfasst die Zusammenarbeit mit britischen Hochschulen und die Zulassung bestimmter Ausbildungsgänge oder Kurse, wenn sie die von der Industrie benötigten Fähigkeiten vermitteln."

Finanzierung gesucht
Sorge bereitet Wilson allerdings die künftige Finanzierung von Game-Projekten. "Momentan vergibt die EU Darlehen an Start-ups sowie kleine und mittlere Unternehmen. Diese Darlehen können für kleine Entwicklerfirmen eine lebenswichtige Einnahmequelle sein. Wenn wir die EU verlassen, verlieren wir unser Anrecht auf diese Darlehen", warnt der Tiga-Chef. "Jede Beschränkung solcher Finanzierungsmöglichkeiten kann Nachteile für Unternehmen und Innovation mit sich bringen." Tiga setzt sich deshalb gegenüber der britischen Regierung für die Schaffung eines "UK Video Games Investment Fund" ein. "Auch der UK Games Talent and Finance CIC muss weiterhin unterstützt werden, um finanzielle Zuschüsse von 25.000 Pfund Sterling für Prototypen und Fortbildung zu gewährleisten." Eine weitere Baustelle ist laut Wilson das britische Steuersystem. "Es ist zwingend notwendig, den Video Games Tax Relief sowohl beizubehalten als auch zu verbessern – indem der Steuernachlass auf 27,5 oder 30 Prozent erhöht wird", fordert er. "Beibehalten und verbessert werden müssen auch die Steuergutschriften für Forschung und Entwicklung." Nur so könne die britische Games-Industrie auch weiterhin uneingeschränkt von der Fiskalpolitik des Landes profitieren.

Kommt der Brexit, dann entsteht auch beim Handel ein Regulierungsvakuum. Sowohl Tiga als auch Ukie sehen hier – mit Blick auf die Branche – dringenden Verhandlungsbedarf. "Wir erwarten, dass die Regierung ein Handelsabkommen nach kanadischem Vorbild ausarbeitet", so Ukie-Sprecher George Osborn. Und Richard Wilson ergänzt: "Bei einem Handelsabkommen zwischen UK und EU müssen dringend Quoten, Zölle und andere Barrieren vermieden werden. Ein künftiges Handelsabkommen muss den freien Fluss persönlicher Daten zwischen EU und UK gewährleisten. Nur so können britische Spielefirmen auch weiterhin problemlos mit den Verbrauchern in der EU kommunizieren."

Osborn übt sich in Zweckoptimismus. "Die Auswirkungen eines Brexit sind noch offen", sagt er. "Die neue Regierung wird zwar die Gesetzesvorlage [Withdrawal Bill] verabschieden und damit die nächste Stufe des Austrittsprozesses einleiten. Die Industrie wird aber noch mindestens ein Jahr lang unter weitgehend gleichen Bedingungen weiterarbeiten können." Wilson wünscht sich derweil "ein Handelsabkommen zwischen UK und EU, der unseren Games-Industrien Wachstum, Blüte und Wohlstand ermöglicht". Möge es gelingen. (Achim Fehrenbach)

In Teil 2 unserer Serie (IGM 02/2019) sprechen Publisher, Entwickler und Händler darüber, wie sie sich auf den Brexit einstellen.