Ahmet Iscitürk: Ein Herz für Closet Gamer (Kolumne)

Gaming galt früher als unsexy und das hat viele von uns geprägt. Es ist an der Zeit, endlich darüber zu sprechen, meint Ahmet Iscitürk
26. April 2020 - 16:26
Image
Ahmet Iscitürk

Es war 2004 und ich in Berlin. Abends traf ich einen Bekannten, mit dem ich stark alkoholisiert um die Häuser zog. Als wir an einem Taxistand mit zwei jungen Damen ins Gespräch kamen, änderte sich unsere Perspektive. Sexytime, statt Katerfrühstück bei McDonald's! Als neugebildetes Quartett waren wir zur Wohnung meines Freundes unterwegs. Die Fahrt verlief vielversprechend, denn eine der Damen entpuppte sich als großer Fan einer türkischen Hip-Hop-Band, der ich in meiner Jugend angehörte. Für sie war ich kein fetter Glatzkopf, sondern ein Star zum Anfassen. Ich verschwieg natürlich, dass ich mein Leben mittlerweile als Spieleredakteur bestreiten musste.

Wir betraten die Wohnung und wurden im Flur von einer lebensgroßen Horny-Figur begrüßt. Mein Bekannter war leider ein großer Fan von Bullfrogs Dungeon Keeper. Er geleitete uns in ein Wohnzimmer, dessen Wände mit originalverpackten WWF-Action-Figuren tapeziert waren. Den Fernseher umzingelten unterschiedliche Spielekonsolen und auf dem Tisch stapelten sich alte ASM-Ausgaben. In den hübschen Gesichtern unserer Begleiterinnen machte sich Enttäuschung breit. „Mein kleiner Bruder steht auch auf Wrestling und Telespiele“, ließ mich mein einziger weiblicher Fan wissen. Ich sah meine Felle davonschwimmen und versicherte, nichts mit solchem Kinderkram am Hut zu haben.

Fünf Minuten später waren wir nur noch zu zweit. Den Mädels fiel zufällig wieder ein, dass sie zu einer Geburtstagsfeier eingeladen waren. Ich ging mit meinem Bekannten hart ins Gericht. Wie realitätsfremd muss man sein, um attraktive Frauen in so eine Nerd-Bude einzuladen? „Wäre mir bewusst gewesen, dass Du in einem großen Kinderzimmer wohnst, hätte ich vorgeschlagen, zu meinem Hotel zu fahren!“, protestierte ich. Wir spielten ein paar Runden Mario Kart 64 und ich bin mir sicher, dass er mich gewinnen ließ, um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen.

In meiner Wohnung gibt es keine Beweise für meine Videospielsucht. Keine Regale voller Spiele-Cover, keine Zeitschriftenstapel, keine Action-Figuren und auch sonst kein Kinderkram. Bei vielen meiner Leidensgenossen sieht es genauso aus. Wir trauen uns nicht, unsere Liebe für Videospiele offen auszuleben. Auf Partys stehen wir rauchend auf dem Balkon und prahlen mit unseren Destiny 2-Skills, doch sobald eine normale Person anwesend ist, wechseln wir das Thema. Nie käme es uns Closet Gamern in den Sinn, Gaming-Shirts zu tragen oder Plastikfiguren aus überteuerten Collector's Editions zur Schau zu stellen. Wir Closet Gamer sind dennoch eine spannende Zielgruppe.

Ich würde zwar nie ein Resident-Evil-Shirt tragen, aber liebend gerne stilvolle Umbrella Corporation-Unterhosen. Bitte kein buntes Design für Kinder, sondern hochwertige Wäsche für den Mann von Welt. Dasselbe gilt für sämtliche Arten modischer Accessoires. Für einen Kaschmirschal mit dezenter Zelda-Triforce-Stickerei würde ich mich wie eine Weihnachtsgans ausnehmen lassen. Eine limitierte Rolex Submariner mit Sega Dreamcast-Gravur auf dem Gehäuseboden? Die wäre höchstwahrscheinlich binnen weniger Minuten ausverkauft. Meine Wunschliste ließe sich ad Infinitum fortführen, aber leider muss ich zum Ende kommen. An alle Entscheider, die das hier lesen: Stellt weniger Bluetooth-Lautsprecher im PokéBall-Design her und steckt die freigewordenen Ressourcen in hochwertige Produkte für zahlungskräftige Closet Gamer! (AI)

Ahmet Iscitürk
Die Games-Förderung des Bundes soll Deutschland international konkurrenzfähig machen, doch was bringt die Kohle, wenn die meisten Spiele nix können?
11. September