Ahmet Iscitürk: Was weiß ich schon? (IGM-Kolumne)

Lena Meyer-Landrut macht auf Instagram Werbung für „The Last of Us Part II“. Es ist traurig, aber nicht überraschend, meint IGM-Kolumnist Ahmet Iscitürk.
06. Juli 2020 - 12:57
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Ahmet Iscitürk

„Wenn ich in der Wildnis auf clicker Jagd wäre hatte ich kein Glätteisen deswegen passend naturehair auf dem Bild 😂“, schreibt Frau Meyer-Landrut in ihrem gesponserten Beitrag. Jede einzelne Faser meines Körpers wollte sich beim Lesen übergeben, gleichzeitig verstehe ich aber, dass Sony seine Kohle lieber in Lenas 3,4 Millionen Follower, statt in die nicht IVW-geprüften 12.000 Käufer irgendeiner Videospielzeitschrift steckt. Reichweite ist wichtiger als Street Credibility. Zumal wir ja schon immer von der gesellschaftlichen Akzeptanz des Gaming geträumt haben. Und wer bitte ist mehr Mainstream als Lena?

Den besagten Beitrag haben übrigens mehr als 220.000 Personen gelikt. Es würde mich daher nicht wundern, wenn Katja Krasavice in zwei Jahren ein gesponsertes TikTok-Video zur 30-Jahre-Jubiläums-UHD-Edition von „Schindlers Liste“ veröffentlichen darf. Dank Cathy Hummels kürzlichen Triumph vor dem Oberlandesgericht München, müsste Frau Krasavice ihr Posting nicht einmal als Werbung kennzeichnen. Auf Instagram gibt es Profile, die sich attraktiven Menschen mit Prothesen widmen. Diese Behinfluencer wären ideale Andockstellen für Marketing-Aktionen zu „Cyberpunk 2077“.

Ja, den Begriff „Behinfluencer“ habe ich gerade erfunden und Sie können ihn gerne verwenden. Ich werde daraus sowieso kein Kapital schlagen können, da ich von Marketing und Influencern keine Ahnung habe. Zwar schreibe ich für diverse Agenturen, doch bei den wichtigen Entscheidungen sitze ich nicht am Tisch. Sonst hätte ich vorgeschlagen, zu Ehren der Black Lives Matter-Bewegung, alle schwarzen Videospiel-Charaktere einen Tag lang unverwundbar zu machen. Ein deutlich geileres Statement, als einfach nur schwarze Quadrate auf Instagram und Facebook zu posten.

Aber was weiß ich schon? Ich kann mich noch an mein erstes Gronkh-Video erinnern. Das war vor etwa zehn Jahren und es ging um „Torchlight“. Ich habe es nicht verstanden und zu meinem damaligen Kollegen gesagt: „Der Typ zeichnet einfach das laufende Spiel auf und kommentiert es? Kein Schnitt? Keine geschliffenen Texte? Was für ein armseliger Scheißdreck! Ich hoffe, dieser Gronkh hat die seelische Stärke, um mit der kommenden Riesenwelle negativer Kritik umzugehen.“ Wie töricht ich damals war. Heute ist Gronkh mehrfacher Milliardär, während ich schlecht bezahlte Kolumnen für ein Magazin schreibe.

Was würden Sie tun?
Immer, wenn ich etwas doof finde, versuche ich das Ganze sachlich und objektiv zu hinterfragen. Warum fühlt sich Lenas „TLOU2“-Werbung falsch an? Wie hätte man die Marketing-Kohle besser investieren können? Viele Leute meckern über Gott und die Welt, obwohl sie selbst nichts auf dem Kasten haben. Zu diesen armseligen Kreaturen gehöre ich ganz bestimmt nicht. Im Fall von The „The Last of Us Part II“ hätte ich auf Lena verzichtet und stattdessen Christian Drosten als Testimonial verpflichtet. Schließlich geht es in Sonys Endzeit-Thriller ebenfalls um eine potenziell tödliche Seuche. Genauer gesagt, geht es um Pilzsporen, und was kommt jedem Menschen da draußen beim Begriff „Pilz“ sofort in den Sinn? Sie haben es erraten: Das Brandenburger Pilzfestival in Bardenitz!

Statt die Magersucht einer singenden Influencerin zu finanzieren, hätte man eine renommierte Veranstaltung sponsern können, die über 130 verschiedene Arten von Pilzen präsentiert – mit Christian Drosten als Stargast. Da „The Last of Us Part II“ auch Homosexuelle und Trans-Personen featured, hätte man das Pilzfestival mit dem Christopher Street Day zusammenlegen können. Ein absoluter No-Brainer, auch was Brand Safety, Wirkungsfaktoren und quantifizierbare Parameter betrifft. Leider sind die Entscheider zu unkreativ, um das zu erkennen. Aber was weiß ich schon? (AI)

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