Die "Urgesteine": Markus Wilding, Private Division

Wenn's nach oben geht, fühlt sich Bayern-Fan Markus Wilding am wohlsten – egal ob auf dem Klettersteig, beim Blick auf die Bundesliga-Tabelle oder als Senior Director International Marketing and Commercial bei Private Division.
06. Juli 2021 - 13:55
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Markus Wilding, Private Division

„Wir vertreiben zukünftig auch DAS hier. Kennt sich irgendjemand mit SOWAS aus?!“ Nie wird Markus Wilding jenes Meeting Mitte der Neunziger vergessen, als der Geschäftsführer des Schachcomputer-Herstellers Hegener + Glasser einen Joystick auf den Konferenztisch knallte. Noch in der selben Woche wechselte Wilding als Vertriebsleiter Süd ins Marketing und wurde Produkt- und PR-Manager für die Peripherie-Palette von Saitek. „Mehrmals pro Jahr klapperte ich im Firmen-Golf die gesamte deutsche Publisher-Landschaft auf der Suche nach passenden Kooperationspartnern ab“, erzählt er gegenüber IGM. „Zu den Großen gehörten damals Acclaim in München, Sierra in Frankfurt, Eidos und Virgin in Hamburg und nicht zuletzt Activision im beschaulichen Gütersloh – die 1998 ihren Firmensitz nach München verlegten und mir dadurch den Umstieg von der Hardware- auf die Softwareseite der Branche bescherten.“

Bei Activision und Take-Two war er anschließend viele Jahre PR-Chef – 2005 unterschrieb er dann seinen Vertrag als International PR Director von 2K (BioShock, NBA 2K, Civilization). „Zu dem Zeitpunkt war ich begeistert von der Chance, 'für 2-3 Jahre' nach New York zu gehen und hatte noch keine Ahnung, dass daraus ein ganzes Jahrzehnt Leben und Arbeiten an der Ost- und Westküste der USA sowie London werden würde und sich meine gesamte Karriere auf eine internationale Ebene bewegen würde“, sagt Wilding im Rückblick.

Nach zweijähriger Take-Two-Abwesenheit bekam er im Herbst 2017 die Chance, „in den Schoß der Familie“ zurückzukehren und das internationale Publishing des damals noch nicht einmal offiziell angekündigten Take-Two-Labels Private Division zu übernehmen – nach 2K und Rockstar Games die dritte Sparte des US-Publishers. „Internationale Verantwortlichkeit für EMEA und Asien von meiner geliebten Münchner Heimat aus, und dazu die Möglichkeit, den internationalen Bereich eines neuen Labels 'from scratch' aufzubauen – das war und ist für mich die Krönung meiner bisherigen Karriere.“

Wilding war Private Divisions Mitarbeiter Nummer 9 und der erste mit dem Titel 'International' auf der Visitenkarte: „Vier Jahre, vier veröffentlichte Spiele und viele Spiele in Entwicklung später sind wir bereits mehr als 150 Kollegen, und der Trend zielt nach oben.“ Zum Sortiment zählen neuerdings auch Retail-Versionen des preisgekrönten Indie-Hits „Hades“ für Xbox und PlayStation, die am 13. August auf den Markt kommen. Für den Rollenspiel-Fan geht hier ein privater Traum in Erfüllung: „Ich hatte es vor Jahren im Early Access gebacked, es aber wieder retourniert, weil es mich nicht sofort gefangen hatte. Nach all den glorreichen Reviews im letzten Herbst habe ich es mir wieder besorgt und wieder nach ein paar Stunden aufgehört. Nachdem wir im Frühjahr einen Publishing-Deal für die Gen9-Konsolen unterschrieben hatten und mich diverse Kollegen für verrückt erklärt hatten, weil ich dieses Spiel so wenig gespielt hatte, habe ich mich noch einmal dran gesetzt … und endlich machte es 'klick'. 60 Spielstunden später ist es Monate später immer noch mein 'Go-To'-Spiel, wenn ich mal für eine halbe Stunde Dampf ablassen möchte.“

Stichwort Dampf ablassen: Wann immer es Zeit und Wetter erlauben, ist Wilding in den Bergen zu finden – „von Frühjahr bis Herbst beim Bergsteigen und Klettern, im Nicht-Corona-Winter auf dem Snowboard.“ Letzten Herbst musste er eine viertägige Klettersteig-Tour in den Dolomiten wetterbedingt kurzfristig absagen, die er in diesem Jahr unbedingt nachholen möchte. Die Pandemie habe bei ihm außerdem wie bei vielen anderen dazu geführt, auf nicht-digitale Hobbies umzusteigen: „Nach 8-10 Stunden im Home Office vor dem Bildschirm – davon 3-5 Stunden in Zoom-Konferenzen – habe ich abends zunehmend weniger Lust, vor demselben Bildschirm zu sitzen. Ich habe schon immer gerne komplexe Brettspiele gespielt, das hat im letzten Jahr noch deutlich zugenommen. Mehr als 20 aktive Brettspiel-Kickstarter warten noch darauf, im nächsten Jahr gespielt zu werden. Viele davon sind kampagnenbasierte Dungeon Crawler mit Hunderten von Miniaturen, die bemalt werden müssen – was mich zu meinem neuen Hobby bringt. Seit November verbringe ich nahezu jeden Abend damit, Minis zu bemalen, sei es für Warhammer Tabletop- oder eben Brettspiele.“ Mehr als 250 Miniaturen hat Wilding mittlerweile fertiggestellt. Kein Wunder also, dass er sich abseits der Games-Branche nur zwei valide Berufe vorstellen könnte: Bergführer oder Brettspiel-Influencer – „vermutlich beides“.

Aus der Zeit, als Wilding noch im Saitek-Golf durch Deutschland tourte, rühren Freundschaften, die bis heute anhalten. Wenn es Inzidenz und Mutationen zulassen, würde er „endlich wieder einen schönen WiWiWi-Abend verbringen“. Einen was? Na, einen Abend mit seinen „seit mehr als 25 Jahren hochgeschätzten Branchen-Urgestein-Kollegen Lars Winkler und Ralf Wirsing.“ (pf)