Kolumne Lea Irion: Derselbe Schaden

Ich spiele Videospiele, seit ich denken kann. In meiner Schulzeit war es eine Zeit lang cool, mit den Jungs mithalten zu können. Die meisten haben nach der Unterstufe dann aber aufgehört, Pokémon oder Subway Surfers zu spielen. Ich nicht.
23. Oktober 2022 - 12:37
Image
Lea Irion ist Journalistin und Pressefotografin und schreibt in (un)-regelmäßigen Abständen Kolumnen für IGM

In der zwölften Klasse, wenige Monate vor meinem Abitur, saß ich im Klassenzimmer und sollte mein Handy vorne abgeben. Der Grund: eine Matheklausur. Doch als ich eigentlich aufstehen sollte, kam eine Pushmeldung von Amazon: Die Nintendo Switch ist vorbestellbar. Scheiße.

Während also alle anderen brav ihre Handys dem Mathelehrer aushändigten, saß ich in der letzten Reihe und habe verzweifelt versucht, mit zwei Balken Internet die Nintendo Switch vorzubestellen. Das habe ich auch geschafft – 10 Minuten, nachdem die Klausur begonnen hatte. Erwischt wurde ich zum Glück nicht, aber ich lache heute noch über diese witzige wie absurde Geschichte.

Zocken als gäb’s kein Morgen
Einen Monat vor meinem Abitur, am 3. März 2017, hielt ich die Konsole schließlich in den Händen. Die erste Nacht habe ich durchgemacht, um The Legend of Zelda: Breath of The Wild gebührend zocken zu können. Aber auch Tage danach saß ich gebannt vor dem Fernseher und zockte, als stünde nicht die vorerst wichtigste Prüfung meines Lebens bevor.

Ich erzähle das aus einem einfachen Grund: Frauen haben in der Gaming-Welt ein aus der Zeit geratenes Ansehen. Wenn ich sage, ich spiele Videospiele, werden mir oft Dinge entgegnet wie: „Ah, Nintendogs oder Die Sims 4?“ Und wenn ich sage, dass ich es in Rocket League bis zum Diamant-Rang geschafft habe, heißt es: „Das glaube ich erst, wenn ich es sehe.“

Natürlich gibt es Frauen, die lieber Die Sims 4 oder Candy Crush Saga spielen. Ich glaube aber nicht, dass das etwas mit dem Geschlecht zu tun hat, vielmehr mit dem Genre an sich. Denn ob jemand lieber zum Spaß zockt oder mit Anspruch, hat einzig und allein mit dem Charakter der Person zu tun. Und ich zähle mich eindeutig zur Sparte, die gerne mit Anspruch spielt.

Dass mich das oft an die Grenzen meiner nervlichen Belastbarkeit bringt, gebe ich nur ungern zu. In Splatoon 2 beispielsweise habe ich es in drei Modi auf den Rang S+ geschafft. Wer Splatoon kennt, weiß, wie schlecht die Verbindung in diesem Multiplayer ist. In höhere Ränge aufzusteigen setzt also eine gewisse Resilienz voraus – und benötigt viele, viele Stunden Lebenszeit. In Rocket League liegt meine Spielzeit beispielsweise aktuell bei circa 1500 Stunden auf der PlayStation.

Passion kennt kein Geschlecht
Ich zocke gerne, und vor allem zocke ich gerne viel. Ich sammle gerne Platin-Trophäen, steige gerne in Rängen auf, manche Spiele vervollständige ich zu 100 Prozent, andere kaufe und vergesse ich. Mal habe ich Lust auf Mario Kart, mal auf Cyberpunk 2077, mal suchte ich drei Pokémon-Editionen hintereinander durch und manchmal habe ich auch einfach Bock auf einen guten Shooter.

Manchmal höre ich, dass ich halt einfach eine Ausnahme sei. Das kann ich beherzt zurückweisen. In meinem Umfeld befinden sich genügend Spielerinnen, die gleicher Gesinnung sind wie ich. Nach Feierabend geht auch bei ihnen der erste Griff zur Konsole, manchmal bis 3 Uhr nachts an Werktagen. Manchmal regen auch sie sich dermaßen über ein Spiel auf, dass vor Wut ein Controller fliegt. Das ist mir bei Splatoon übrigens nicht nur einmal passiert.

Frauen können sich also im selben Maße für Videospiele begeistern (oder sich über sie aufregen) wie Männer. Der Unterschied liegt im Detail: Wer spielt gerne zum Zeitvertreib, wer spielt gerne kompetitiv?

Wir sind hier nicht zum Trotz
Neulich erst saß ich bei einer guten Freundin, die mir ihre Pokémon-Sammlung gezeigt hat. Wohlgemerkt handelte es sich dabei nicht um normale Pokémon, sondern sogenannte „Shinys“. Das sind Pokémon, die eine andere Farbe haben. Bekommen kann man diese nur durch Zufall. Die Rate liegt dabei nicht selten im hohen Tausenderbereich, bis man ein einziges „Shiny“ zu Gesicht bekommt.

Leidenschaft koppelt sich nicht an das Geschlecht eines Menschen. Schließlich spiele ich auch wahnsinnig gerne Fußball, eine Sportart, die in Deutschland noch oft als „Männerding“ angesehen wird. Ich stehe aber mindestens genauso gerne wie meine männlichen Kollegen Sonntag für Sonntag in Stollenschuhen auf dem Rasenplatz. Nicht, „weil“ ich eine Frau bin oder „trotz dass“ ich eine Frau bin – sondern weil ich Fußball liebe.

So verhält es sich auch bei Videospielen. Ich spiele nicht „zum Trotz“ in einer „Männerwelt“, im Gegenteil. Ich möchte mit anderen spielen, ungeachtet dessen, welche Spiele sie mögen, oder welchen Anspruch sie an ein Spiel haben. Was für mich zählt, ist, dass uns die Liebe zum Gaming eint. Und was kann es schon Wichtigeres geben als das?