Zur Erinnerung: Der Virtual Boy kam am 21. Juli 1995 zunächst in Japan und am 14. August 1995 dann auch in Nordamerika auf den Markt. Mithilfe von 234 roten LEDs und einem hochfrequent schwingenden Spiegel war er in der Lage, ein stereoskopisches Bild mit einer Auflösung von 384 x 224 Pixeln darzustellen. Angetrieben von einem 32-Bit-V810-RISC-Prozessor von NEC sorgte der Virtual Boy dafür, dass Spiele mit einem für damalige Verhältnisse durchaus interessanten, wenn auch nicht überragenden Tiefeneffekt im Display des Geräts dargestellt wurden. Mitte der 90er konnte sich die Hardware aber nicht richtig durchsetzen. Dafür war die Technik noch nicht ausgereift genug, die Körperhaltung bei der Nutzung zu unbequem, die Portabilität durch das sperrige Design zu eingeschränkt, das Spiele-Linie-up zu klein, ein ursprünglich angekündigter Zweispieler-Modus nicht vorhanden und die Konkurrenz in Form von Sega Saturn, Sony PlayStation sowie dem bevorstehenden Nintendo 64 zu groß.
Umso erfreulicher ist es, dass Nintendo den weltweit nur 770.000-mal verkauften Virtual Boy nun über seine Plattform Nintendo Classics für Retro-Fans auf der ganzen Welt verfügbar macht und passend dazu auch gleich einen Nachbau des Geräts liefert, der mit beiden Switch-Konsolen kompatibel ist und den Stereoskopie-Effekt von damals erfolgreich repliziert. Die Funktionsweise des ca. 80 Euro teuren Zubehörs ist simpel: Man schaltet die Konsole ein, startet die Virtual-Boy-App, klappt den Virtual Boy auf, steckt eine der beiden Switch-Konsolen in den dafür vorgesehenen Schacht (für die Switch 1 ist ein mitgelieferter Adapter nötig), schließt das Gerät wieder und befestigt es auf dem mitgelieferten Stehfuß. Blickt man nun ins Display, sorgen die integrierten Linsen dafür, dass die auf zwei Bildschirmbereiche verteilte Darstellung zu einem stereoskopischen Bild verschmilzt. Ist die Darstellung verschwommen, kann man – wie bei einer VR-Brille – über einen Software-eigenen IPD-Regler den Augenabstand anpassen. Das Resultat ist ein Bildeindruck, der dem von damals sehr nahekommt und somit für authentisches Virtual-Boy-Feeling sorgt. Das dürfte besonders Nintendo-Enthusiasten aus hiesigen Gefilden freuen, zumal das Gerät nie offiziell in Europa auf den Markt kam. Dass der originale Controller nicht beiliegt, ist für Sammler zwar enttäuschend, stört beim Spielen aber nur bedingt, denn die Joy-Cons der Switch sind ein mehr als gelungener Ersatz. Problematischer ist der Standfuß. Da Nintendo das Originaldesign aus Gründen der Authentizität nicht modifiziert hat, lassen Ergonomie und Vorstellbarkeit weiterhin zu wünschen übrig. Es ist also auch hier ratsam, in regelmäßigen Abständen Pausen einzulegen, um Kopf- und Nackenschmerzen vorzubeugen.
Und wie sieht es mit der Games-Bibliothek aus? Sie besteht derzeit aus sieben verschiedenen Titeln, allen voran „Virtual Boy Wario Land“, das mit Abstand beste Spiel für das System. Der Plattformer macht von Anfang bis Ende viel Freude, bietet nette 3D-Effekte, hat aber leider nur 14 Levels. Für eine Weile Laune machen auch „Galactic Pinball“, „3D-Tetris“ und die First-Person-Klopperei „Teleroboxer“. Als nur bedingt unterhaltsam empfanden wir hingegen „Golf“, das Sci-Fi-Flugspiel „Red Alarm“ und das im Dungeon-Crawler-Stil gestaltete First-Person-Horrorspiel „The Mansion of Innsmouth“. Wichtig: Der Zugriff auf dieses und neun weitere Virtual-Boy-Spiele erfordert eine Nintendo-Switch-Online-Mitgliedschaft plus Erweiterungspaket. Diese kostet 39,99 Euro und ist derzeit nur im Jahres-Abo erhältlich. Um „nur mal kurz“ Virtual Boy auszuprobieren, ist das zu teuer. Wenn man sich jedoch auch für die vielen anderen Retro-Systeme der Japaner interessiert, ist der Betrag durchaus gut angelegt. Nicht zuletzt, weil man in allen Titeln jederzeit an jeder beliebigen Stelle abspeichern kann, was die Zugänglichkeit der einzelnen Spiele massiv erhöht.
Fazit: Wer den mittlerweile kostspieligen Kauf der Retro-Hardware von damals scheut, aber die Virtual-Boy-Ära nachholen möchte, wird diesen Nachbau trotz kleiner Macken ins Herz schließen. Außerdem sieht er im Sammlerregal einfach klasse aus. Preisbewusste Spieler setzen hingegen auf die bereits ab 20 Euro erhältliche Cardboard-Version, die sich sogar im Liegen nutzen lässt. (soe/bpf)
- Hersteller: Nintendo
- Release: Bereits erhältlich
- UVP: 79,99 Euro (Replik des Originals), 19,99 Euro (Karton-Variante)