Die Statistik spricht für sich. Im Jahr 2022 erschienen auf Steam (laut SteamDB) insgesamt 90 Spiele, die mit „cozy“ getagged wurden – im Folgejahr waren es schon 145. Danach nahm der Trend weiter an Fahrt auf: 2024 erschienen auf Steam 377 Cozy Games, 2025 waren es 587, und in den ersten Wochen des neuen Jahres kamen weitere 43 hinzu. Ähnlich rasant verläuft das Wachstum bei verwandten Tags wie „cute“ oder „wholesome“; allein den cozy Klassiker Stardew Valley von 2016 haben bis heute mehr als 30 Millionen Menschen gespielt. Quer durch die Game Stores erobern Cozy Games einen immer größeren Marktanteil – und zählen mittlerweile zu den populärsten Game-Genres überhaupt.
Cozy-Games-Schwemme
Warum das so ist? Nun, die Hintergründe dieser „Cozy-Games-Blüte“ hat IGM bereits in Ausgabe 08/2024 erörtert („Die Wohlfühlspiele kommen!“). Der Trend lässt sich zumindest teilweise mit der realen Weltlage erklären. 2023 wählte die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) das Wort „Krisenmodus“ zum Wort des Jahres – und begründete dies damit, dass der „Ausnahmezustand zum Dauerzustand“ geworden sei. Die Corona-Pandemie, Kriege in verschiedenen Weltregionen sowie gesellschaftliche Probleme lösten bei den Menschen „Angst, Unsicherheit und Ohnmacht aus“, hieß es in der Jury-Begründung. Cozy Games können zumindest einen Gegenentwurf zu solchen Gefühlen bieten, sagt auch die Psychologin Jessica Kathmann von „Behind the Screens“. „Oft erzählen Cozy Games von einem einfachen, gut bewältigbaren Leben – und knüpfen dabei an unsere psychologischen Grundbedürfnisse nach Autonomie, Kompetenz und Verbundenheit an“, so Kathmann.
Mit dem Popularitätszuwachs hat auch eine Ausdifferenzierung eingesetzt. Nicht nur Farming-Games und Lebenssimulationen sind „cozy“, sondern auch Games, von denen man das eigentlich nicht erwarten würde. Beispiele sind das gemütliche Survival-Game Solarpunk, der knuffige Sekten-Simulator Cult of the Lamb oder auch Fall of Porcupine, in dem sich putzige Tierchen um Missstände in einem ländlichen Krankenhaus kümmern. Figuren und Ästhetik eines Spiels können also durchaus cozy angehaucht sein, auch wenn die Story ernst und das Gameplay herausfordernd sind. Selbst an sich äußerst „ungemütliche“ Spiele arbeiten zwecks Kontrastierung gerne mit cozy Elementen – man denke nur an die trügerische 50er-Jahre-Coziness eines Fallout.
Niedliche Charaktere
Der Anteil von Cozy Games wächst also unaufhörlich. Für die Anbieter von Games-Merch müsste das ja nun eigentlich neue Möglichkeiten eröffnen – schließlich eignen sich niedliche Charaktere und gemütliche Settings bestens für entsprechende Fan-Artikel. Gerade kleinere Anbieter könnten mit solchen Produkten mehr Aufmerksamkeit und eine engere Verbindung zur Community herstellen. Interessant ist auch, worauf es bei der Umsetzung von Cozy Merch ankommt – und wie der Handel diese Produkte präsentiert. Um das herauszufinden, haben wir mit einigen BranchenakteurInnen gesprochen.
Eine deutsche Spielefirma, die auf Cozy Merch setzt, ist Gentle Troll Entertainment aus Würzburg. Das Studio hat mit Tavern Talk – A Cozy Visual Novel im Jahr 2024 einen Indie-Hit gelandet; aktuell fährt Gentle Troll eine Kickstarter-Kampagne für den Folgetitel Tavern Talk Stories: Dreamwalker. Rund um das erste Tavern Talk platzierte die Firma bereits einiges an Merchandise. „Wir haben bisher insbesondere Pappuntersetzer, Sticker und Plushies als Merch veröffentlicht“, berichtet Gründer und CEO Michel Wacker. „Und dazu auch illustrierte Karten in unterschiedlichen Qualitäten, zum Beispiel mit Goldfolien-Finish für besondere Dankeskarten.“ Tavern Talk eigne sich besonders gut für Merch, so Wacker, weil man im Spiel eine Fülle kreativer Getränke mixe und jede Menge außergewöhnliche Charaktere treffen könne. „Das Umsetzen von Drinks und Porträts auf Stickern war deshalb sehr naheliegend“, sagt der Studiochef. Die Sticker finanzierte Gentle Troll über eine eigene Kickstarter-Kampagne. „Das war für uns ein spannender Testballon, um zu prüfen, wie so etwas ablaufen kann – und auch, um die erste sehr überschaubare Abwicklung von Physicals auszuprobieren“, erläutert Wacker. Man habe die Gelegenheit genutzt, auch gleich eine deutlich höhere Auflage der Sticker zu drucken – um diese später als Preise für Gewinnspiele und Art Contests auf Social Media nutzen zu können. „Wir mussten auch nicht lange überlegen, ob wir Andu als Plüschtier umsetzen – den süßen, knuddeligen Begleiter beim Getränkemixen“, ergänzt Wacker. „Die Nachfragen dazu kamen ja bereits während der Kickstarter-Kampagne zum Spiel auf.“ Die Plüschfiguren ließ Gentle Troll dann vom Anbieter Makeship umsetzen: „Der Vorteil war für uns hier ganz klar, dass wir mit der Betreuung der Umsetzung und der Logistik nichts zu tun hatten. Die Aufwände waren daher – bis auf das Bewerben in der Community – marginal.“
Ein spannender Testballon
Viele Funktionen
Der Tavern-Talk-Merch hat für die Würzburger Firma viele Funktionen. Er soll MessebesucherInnen, Crowdfunding-Backer und auch ganz allgemein Spielefans ansprechen, die Tavern Talk spannend finden. „Bei unserem ersten gamescom-Auftritt im Jahr 2023 gab es neben den Pappuntersetzern, die quasi als Visitenkarten mit QR-Code hinten drauf dienten, die kleinen Sticker von Getränken und ausgewählten ikonischen Tavernendekos als Belohnung, wenn man die Demo spielte“ erläutert Wacker. „Wer sich auf den Newsletter anmeldete, bekam einen glitzernden Andu-Sticker dazu.“ Die Plushies und die großen Stickerpacks der Charakterporträts habe man nach dem Release und abseits von Messen lanciert, so der Game-Desginer. „Im zweiten Jahr hatten wir aber an der Messe auch Vordrucke der Charakter-Sticker dabei. Die gab es dann aber nur einzeln als Belohnung fürs Spielen der Demo.“ Die Dankeskarten mit Goldfolie wiederum dienten bei den Crowdfunding-Kampagnen als Anreiz für stärkeren Support. Momentan überlegt Wacker, den Merch – gegen Umsatzbeteiligung – über Drittanbieter wie YeeTee herauszubringen. „Einen eigenen Shop neben dem Tagesgeschäft zu betreiben – inklusive der ganzen Abrechnung dahinter – würden wir vermutlich nicht stemmen können“, so Wacker. „Daher klingen derartige Kollaborationen recht interessant.“
Das Berliner Indie-Studio Toukana Interactive landete mit seinem cozy Städtebauspiel Dorfromantik vor vier Jahren einen Riesenhit. Im September 2025 veröffentlichte Toukana sein zweites Spiel: In Star Birds erkundet ein Schwarm von Weltraumvögeln interstellare Welten, entdeckt Asteroiden und fördert dort Bodenschätze – das Ganze in gemütlichem Tempo, in knallbunter Optik und mit jeder Menge Situationskomik. Für das neue Projekt tat sich das Studio mit den Machern von „kurzgesagt“ zusammen – einer animierten Videoserie, die mit wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Themen auf Youtube und Tiktok ein Millionenpublikum erreicht. Rund um Dorfromantik veröffentlichte Toukana 2023 auch ein Brettspiel, das sogar zum „Spiel des Jahres“ gekrönt wurde; bei Star Birds setzt das Studio auf verschiedene Arten von Cozy Merch.
Spezialanfertigung für die gamescom
Für die gamescom 2025 ließ Toukana beispielsweise einen zwei Meter großen Kugelautomat anfertigen, auf dem ein handgebauter Asteroid thronte. „Messebesuchende konnten am Automat drehen und durchsichtige Kugeln herausziehen“, berichtet Creative Content Specialist Franziska Horn. „Im Innern der Kugeln waren Gewinnmotive zu sehen – eine Hommage an die Ressourcen, die man in unserem Spiel Star Birds abbaut.“ Zu gewinnen gab es am gamescom-Stand unter anderem Star-Birds-Keys und Jutetaschen, aber auch – als Highlight – essbare Asteroiden. „Dafür haben wir Jelly Beans gebrandet, die farblich und aufgrund ihrer Form an die Asteroiden im Spiel erinnern“, erläutert Horn. „Vor allem sollten die Give-Aways ikonisch sein und unserem Wunsch nach Nachhaltigkeit entsprechen.“ Die Zielgruppen waren sowohl Spielende als auch Medienvertreter, so die Expertin. „Entscheidend war, durch den Merch Sichtbarkeit auf dem Messegelände zu schaffen und beide Interessensgruppen zum Stand zu lotsen.“ Neben diesem reinen Messe-Merch hat Toukana auch noch klassischen Merch im Angebot: Im Shop des Projektpartners „kurzgesagt“ gibt es Star-Birds-T-Shirts und -Poster zu kaufen.
Die Beispiele zeigen: Merch – ob nun cozy oder nicht – lässt sich von Indie-Studios auf vielfältige Weise nutzen. Auch das Nürnberger Indie-Studio Zockrates Laboratories hat unlängst Merch zu seinem aktuellsten Spiel herausgebracht: Eine Plüschfigur, die den Protagonisten des turbulenten Puzzle-Platformers Ruffy and the Riverside verkörpert. „Der Charakter Ruffy ist einfach ein so witziger und cooler Typ voller Energie und Optimismus, dass wir ihn während der Entwicklungszeit in unser Herz geschlossen haben“, berichtet CEO Patrick Ruckdeschel. „Die Idee, ihn auch als Plüschfigur zu produzieren, war also schnell geboren.“ Aus seiner Sicht richtet sich die Figur an alle Ruffy-Fans: Kinder und Erwachsene, die das Spiel mögen – und dazu auch Sammler, die Wert auf physische Produkte und auf Vollständigkeit legen. „Wenn man sich die Disc-Version für die PlayStation oder die Cartridge für die Switch holt, dann hat man vielleicht auch gerne Ruffy als Plüschfigur auf der Couch sitzen“, so Ruckdeschel. Die Figur ist über den Online-Store von Symbiote Studios erhältlich, ebenso wie der Ruffy-Ansteckpin. Zockrates Laboratories postet regelmäßig auf Social Media, um auf den plüschigen Gefährten hinzuweisen – genau wie der Ruffy-Publisher Phiphen Games und Symbiote Studios selbst.
Total tiefenentspannt
Sorgfältige Umsetzung
Die Umsetzung der Plüschfigur sei ein „echt langer Prozess von knapp einem Jahr“ gewesen, berichtet Ruckdeschel. Zunächst schickte Symbiote verschiedene Fotos und Videos von Prototypen, zu denen das Nürnberger Studio dann jeweils Feedback gab. „Wir haben also immer die Fotos überarbeitet und mit Fotomontagen gezeigt, was als nächstes angepasst werden soll“, erläutet Ruckdeschel. Er lobt, der Hersteller sei bei dem Prozess total tiefenentspannt gewesen und habe nie Druck gemacht: „Der ganze Prozess war also wirklich eine schöne, kreative Zusammenarbeit.“ Mit dem Ergebnis ist Ruckdeschel denn auch vollauf zufrieden: „Ruffy ist unsere Schöpfung – und dass er nun bei uns auf der Couch sitzt, ist schon verdammt cool! Ich würde es also auf jeden Fall wieder machen.“
Auch größeren Spielefirmen dient Cozy Merch als willkommene Einnahmequelle. THQ Nordic etwa bietet mehrere Collector‘s Editions zu den Spongebob-Spielen; diese Editionen enthalten jeweils mehrere Merch-Produkte. „Mein liebstes Cozy Merch sind die Socken der Collector‘s Edition zu Spongebob – Battle for Bikini Bottom“, sagt Barbara Kugler. „Die gab es auch im Spiel zum Sammeln.“ Kugler ist Head of Merchandise and Specialty Products bei THQ Nordic – und damit für Konzeption und Umsetzung solcher Ideen zuständig. Der Merch zu THQ-Nordic-Spielen müsse „einen gewissen Nerd-Faktor haben – und natürlich auch einen guten Wiedererkennungswert“, so Kugler. „Die Fans sollen sich darüber freuen, gleichzeitig muss es auch etwas Spezielles, Außergewöhnliches sein, das zur Tonalität der Marke passt – wie zum Beispiel der Cartman-Toilettenpapierhalter aus der South Park: Snow Day! Collector’s Edition.“ Bei der Umsetzung der Ideen arbeitet Kugler mit langjährigen Lieferanten zusammen, „die schon gut verstehen, was ich haben möchte“. Oft erhalte sie direkt vom Spielehersteller 3D-Modelle oder detaillierte Skizzen für die Produkte, so die Expertin. „Ich lasse dann Samples anfertigen und stehe solange mit den Produzenten im Austausch, bis die Qualität wirklich stimmt und auch die Haptik passt.“ Eine Figur muss laut Kugler nicht nur auf dem Foto gut aussehen – auch das Auspacken und „Angreifen“ seien wichtig. „Manchmal lasse ich die Figuren auch extra etwas schwerer machen – oder wir probieren verschiedene Finishes bei der Bemalung aus, damit sie sich auch richtig wertig anfühlen“, berichtet die THQ-Nordic-Mitarbeiterin. Viele Merch-Produkte des Publishers gibt es nur im eigenen Online-Store zu kaufen; besonders exklusive Objekte sogar nur im THQ-Nordic-Laden im Wiener Stadtzentrum. „Die Collector‘s Editions verkaufen wir aber auch über andere Retailer wie zum Beispiel MediaMarkt oder im E-Commerce über Amazon“, sagt Kugler.
Aufwendige Dioramen
Die Firma Bandai Namco ist vor allem für Games ohne große Coziness bekannt – man denke nur an Elden Ring oder das bevorstehende Rollenspiel The Blood of Dawnwalker. Ein – im erweiterten Sinne – Cozy Game des Publishers ist Little Nightmares III: Der im Oktober letzten Jahres veröffentlichte Titel lässt sich in die Rubrik „cozy horror“ einordnen. Zu Little Nightmares III führt Bandai Namco in seinem offiziellen Store verschiedene Arten von Merch: Zwei aufwendig gestalte Dioramen mit Szenen aus dem Spiel, ein Belt Bag, ein Mousepad sowie mehrere T-Shirts. Welche Figuren und Motive als Merch umgesetzt werden, hängt vom Zeitpunkt des Releases ab. „Wenn wir Merchandise für ein Spiel erstellen, das noch nicht veröffentlicht wurde, konzentrieren wir uns auf die Elemente, die während der Marketing-Kampagne sichtbar sein werden – vor allem die Hauptfiguren und Key Arts“, sagt Céline Vilgicquel. „Das Studio gibt uns dabei auch hin und wieder Tipps.“ Vilgicquel ist Product Development Sourcing Associate Manager bei Bandai Namco Entertainment Europe – sie begleitet also den gesamten Entwicklungsprozess der Merch-Artikel. Nach dem Release des Spiels werde die Suche nach passenden Motiven einfacher, erläutert Vilgicquel. Man wisse dann bereits, was den SpielerInnen gefalle und womit sie sich identifizieren könnten. „Wir versuchen, die ikonischen Elemente des Spiels als Grundlage für unsere Arbeit zu nutzen – oder Items zu entwerfen, die von den beliebtesten Charakteren inspiriert sind“, so die Expertin. „Das müssen nicht zwangsläufig die Hauptfiguren sein. Wir stellen auch sehr gerne denkwürdige Szenen in hochwertigen Dioramen oder Figuren nach, wann immer wir können.“
Die generell meistverkauften Merch-Artikel von Bandai Namco sind die Collector‘s Editions, berichtet Vilgicquel. Darüber hinaus bietet der Publisher eine äußerst umfangreiche Palette an Merchandise-Produkten, die von Vinyl-Schallplatten, Krügen und Tassen über Figuren und Item-Replicas bis hin zu Gaming-Zubehör wie XXL-Mousepads und Bekleidung sowie Strategie-Guides reicht. „Einige Produkte sind jederzeit auf der Website erhältlich, während andere als limitierte Auflagen erscheinen – wobei bestimmte Artikel sogar einzeln nummeriert und mit Echtheitszertifikaten geliefert werden“, erläutert Vilgicquel. Im offiziellen Merch-Store von Bandai Namco habe Kundenzufriedenheit oberste Priorität: „Mit unseren High-End-Artikeln richten wir uns hauptsächlich an die Core-Fans unserer Spiele.“ Vor allem zwei Dinge seien dabei wichtig, betont Vilgicquel: „die Qualität der Produkte und die Originaltreue zum Spiel“. Mit den Produkten wolle man „die unglaublichen Momente und starken Emotionen einfangen“, die Spielende in den Games erlebt haben.
Das müssen nicht zwangsläufig die Hauptfiguren sein
Anker in der Spielwelt
DPI Merchandising ist eine Tochterfirma von Plaion: Das US-Unternehmen mit Sitz in Novato/Kalifornien ist für die Umsetzung verschiedenster Artikel-Ideen zuständig. Die Produkte, die man anbiete, stünden „in enger Verbindung mit der IP des Spiels“, sagt Angela McReynolds, President DPI Merchandising. Zu den Produkten zählen unter anderem In-Game-Replicas und Easter Eggs, „die sich anfühlen, als wären sie direkt vom Bildschirm in die reale Welt übertragen worden“, so McReynolds. Als Beispiel nennt sie die Fallout Pip-Boy 3000 Replica – im obigen Sinne auch so etwas wie Cozy Merch. „Für Fallout-SpielerInnen ist der Pip-Boy die vertrauteste Benutzeroberfläche im gesamten Spiel“, betont McReynolds. Eine greifbare, tragbare Version – inklusive authentischer Tasten- und Drehreglerfunktionen – diene als physischer „Anker“ in der Spielwelt. „Er ist ‚cozy‘, weil er ein ikonisches Stück des digitalen Zuhauses darstellt, das Fans endlich in den Händen halten können“, erläutert die Merch-Expertin. Bei der Auswahl von Motiven und Charakteren achte ihre Firma besonders auf eine starke Verbindung zwischen IP und Produkt. McReynolds nennt dafür drei zentrale Kriterien: Erstens den „In-Universe“-Nutzen, also die funktionale oder narrative Bedeutung eines Objekts innerhalb des Spiels. Zweitens die Authentizität, also eine möglichst große Genauigkeit bei der Umsetzung – und das Gefühl, dass sich der jeweilige Gegenstand „echt“ anfühle. Drittens schließlich die „symbolische Wiedererkennbarkeit“ von Items, wie McReynolds sagt – denn Merch-Artikel müssten „als visuelle Kurzform“ für das gesamte Spielerlebnis dienen: „Das sind jene Items, die Fans sofort erkennen – nicht nur als Marketing-Material, sondern als bedeutenden Teil der Lore, die sie selbst erlebt haben.“ Als Erfolgsrezept nennt McReynolds „absolute Authentizität“, die sich aus hoher Produktqualität und strategischem, community-getriebenem Timing ergeben. „Egal ob wir Bekleidung, In-Game-Replicas oder spezialisiertes Zubehör entwickeln – der Artikel muss aussehen und sich anfühlen wie ein echtes Objekt aus der Welt des Spiels“, so die Expertin. „Und er muss idealerweise zu einem Zeitpunkt erscheinen, der für die SpielerInnen emotional bedeutsam ist.“ Die Produkte von DPI Merchandising sind in erster Linie über die offiziellen Online-Gear-Stores erhältlich.
Neben Cozy Merch neueren Datums gibt es natürlich auch Marken, die immer schon von sich aus Coziness besitzen. Besonders prominent sind die Nintendo-eigenen Marken, die in den Merch-Regalen und Stores seit Jahr und Tag mit etlichen Produkten präsent sind. Gerade erst hat Nintendo angekündigt, am 19. Februar eine neue Kollektion namens My Mario herauszubringen – auch diese Items und Spielzeuge für jüngere Kinder haben eine Schnittmenge mit Merch. Grundsätzlich spielen haptische Nintendo-Produkte sowohl im Zubehör- wie auch im Merch-Segment eine prominente Rolle. Der Publisher Nacon etwa bietet Switch-Taschen, die mit Motiven aus den Mario-, Zelda- und Animal-Crossing-Spielen bedruckt sind. „Die Lizenzen sind ein wichtiger Bestandteil unseres Sortiments, da sich diese Switch-Taschen deutlich von allen weiteren in unserem Sortiment befindenden Schutztaschen – einfarbig in Schwarz, Rot, Blau etc. – unterscheiden“, sagt Maurice Klinge, Product Manager bei der Bigben Interactive GmbH. „Viele Consumer, besonders im Switch-Segment, greifen gerne auf bekannte Motive zurück. Wir merken – vor allem bei neuen Titeln – immer wieder das starke Fandom, das hinter den Lizenzen steckt.“ Zwischen Merch und Zubehör seien die Grenzen bei der Zielgruppenansprache fließend, betont Klinge. Allerdings müssten die Artikel final mit einer Kategorie versehen werden, „auch mit Hinblick auf den Einkauf unserer Business-Kunden“. Nacons Hauptgeschäft liege im Gaming und damit auch beim Zubehör für Gaming-Konsolen, so Klinge. Deshalb sei es naheliegend, „dass auch die Switch-Taschen bei uns eher funktional im Zubehör anstatt im Merchandise angesiedelt sind“.
Tiefes Sortiment
Wie aber wird Cozy Merch – und Merch allgemein – im stationären Handel präsentiert? Das wollten wir von Sebastian Okun wissen, Retail Partner Relations & Sales bei XPERION Hamburg. „‚Cozy Game Merch‘ ist bei uns kein eigenständig definierter Sortimentsbaustein und verfolgt auch keine separate Strategie“, sagt Okun. „Unser Merch-Angebot richtet sich grundsätzlich an unsere Kernzielgruppe – also Kunden mit Interesse an Games, Anime, Manga und Trading Cards.“ Gerade im XPERION Hamburg bilde sich diese Zielgruppe sehr konkret ab, so der Retail-Experte. „Dadurch entstehen Sortimente, die von außen als ‚Cozy Merch‘ wahrgenommen werden, bei uns aber organisch aus der Nachfrage heraus wachsen. Im Vergleich zu einem klassischen MediaMarkt oder Saturn können wir diese Interessen deutlich tiefer und spezialisierter bedienen, ohne das Thema künstlich zu trennen oder besonders zu labeln.“ Ein großer Schwerpunkt liegt Okun zufolge auf lizenzierter Plüschware, die sowohl kleinformatigen als auch großen Plüsch von ca. 50 bis 70 Zentimeter umfasst. Besonders gefragt seien hier Marken wie Pokémon, Hello Kitty, Squishmallows, Minecraft und Nintendo, berichtet Okun. „Ergänzend führen wir funktionalen Merch wie Hand- und Fußwärmer mit Motiven aus Franchises wie Kirby oder Sonic.“ Darüber hinaus umfasse das allgemeine Merch-Sortiment hochwertige Deko-Lampen zu Marken wie Fortnite, The Witcher oder Cyberpunk; außerdem führe man Tassen aus zahlreichen Gaming- und Anime-Franchises. „Grundsätzlich setzen wir stark auf qualitativ hochwertigen Merch, bieten aber auch niedrigschwellige Mitnahmeartikel an“, sagt Okun. „Der Fokus liegt klar auf Wertigkeit und Lizenzqualität.“
Cozy Merch muss nicht immer an Games andocken – auch Anime und Manga sind ergiebige Quellen. Okun nennt in diesem Zusammenhang Blindboxen, Blindbags und Sammelprodukte, von denen es im XPERION Hamburg eine große Auswahl gebe. Bei diesen Produkten spiele „der Sammel-, Tausch- und Überraschungsaspekt eine zentrale Rolle“, erläutert Okun; der Merch werde von der Zielgruppe auch sehr stark nachgefragt. „Darüber hinaus verfügen wir über eine große, eigenständige Abteilung für Anime sowie Manga, wodurch sich klare inhaltliche und thematische Überschneidungen zwischen Merch, physischen Medien und Büchern ergeben“, sagt Okun. „Diese Verzahnung bildet das gesamte Fan-Ökosystem ab und ist ein wesentlicher Unterschied zum klassischen MediaMarktSaturn-Sortiment.“
Fazit: Cozy Merch ist eine Produktkategorie, die nicht nur kontinuierlich wächst, sondern auch in angrenzende Sortimente hinüberreicht. Ob ein Merch-Artikel wirklich cozy ist, hängt gleichermaßen von der sorgfältigen Motivwahl, Umsetzung und Präsentation ab. (Achim Fehrenbach)