Begeisterung wecken: Epics neue "Unreal Engine"

Als Technologie-Experte Epic Games Mitte Mai einen Trailer zu seiner neuen "Unreal Engine" präsentiert, ist die Community erstmal baff. Und das aus gutem Grund: Zu diesem Zeitpunkt haben viele Gamer noch die vergleichsweise missglückte "Xbox Inside"-Präsentation im Gedächtnis, mit der Microsoft eine Woche zuvor für das eigene Next-Gen-System werben wollte. [Ein Report von Robert Bannert]
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Zu sehen waren auf der Microsoft-Präsentation abgefilmte Sequenzen aus Ubisofts für Jahresende angekündigtem Wikinger-"Assassin's Creed", Codemasters High-Speed-Schlammschlacht "Dirt 5", dem schrägem Horror-Abenteuer "Medium" und Mini-Filmchen aus "Scorn", Faishlabs "Chorus", "Vampire: The Masquerade", dem Twinstick-Shooter "The Ascent" sowie einem neuen "Yakuza". Was dabei leider vollständig fehlte: Gameplay und echtes Next-Gen-Feeling. Das Ergebnis auf Kunden- und Presse-Seite: Ernüchterung. Zwar war fast jedem klar, dass da noch einiges kommen würde, aber anstatt die Next-Gen-Schlacht mit einer mächtigen Breitseite zu eröffnen, feuerte man mit Platzpatronen.

Spiele-Hersteller agieren gerade unter erhöhtem Schwie­rig­­keitsgradess nicht stören

Sicher: In Zeiten von Virus-Pandemie, "Stay at home"-Entwicklung und sogar sozialen Unruhen agieren auch Spiele-Hersteller unter erhöhtem Schwierigkeitsgrad. Der Difficulty-Level für die Entstehung und Vermarktung neuer Daddel-Gerätschaften wurde von einem gemütlichen "Medium" (oder im Falle von Marktführer Sony "Easy") direkt auf "Oberhammer-hart" erhöht. Mit zwei blauen Augen, ordentlichem Nasenbluten, abgewrackter Kauleiste und Platzwunde am Hinterkopf.

Endlich Euphorie
Trotzdem ist Epic ohne jede Vorankündigung etwas gelungen, das bisher versäumt wurde: Begeisterung zu wecken. Kunden und Journalisten zu zeigen, warum die nächste Konsolen-Generation selbst im turbulenten Schicksalsjahr 2020 eine entscheidende Position in der Spiele-Entwicklung markieren könnte. Und warum Games-Welten Ende 2021 – dann soll die "Unreal Engine 5" verfügbar sein – endlich aussehen könnten wie Hollywood-Filme.

Und tatsächlich: Was die Technik-Tüftler von Epic in knapp zehn Minuten gezeigt und kommentiert haben, das könnte als erste in Echtzeit berechnete Spiel-Sequenz in die Games-Geschichte eingehen, die ohne die Sorte Grafik-Kompromiss auskommt, die Entwickler als "Low Poly"-Szenario bezeichnen. Zur Erklärung: Wenn 3D-Grafiker mit Profi-Programmen wie "ZBrush" Charaktere, Gebäude und Landschaften modellieren oder konstruieren, dann finden diese Kreationen vor allem in Werbevideos, Kino-Abenteuern oder als "Still" – also Standbild-Kunstwerk – Verwendung. Für den Echtzeit-Einsatz in Spielen ist die Polygon-Auflösung dieser Modelle zu hoch. Darum reduziert man die Anzahl der verwendeten Polygone und fügt die fehlenden Details mithilfe von technischen Tricks wie clever ausgetüftelten Shadern oder Struktur-Maps hinzu. Geschickte Grafiker können derartige Szenarien so arrangieren, dass der Unterschied bei flüchtiger Betrachtung, viel Bewegung und mit einem gewissen Abstand zum Gezeigten kaum auffällt – aber je näher und ruhiger die Spiele-Kamera vor einem Detail verharrt, desto deutlicher wird der Unterschied.

Je näher die Kamera kommt, desto deutlicher wird der Unterschied

Polygone ohne Ende
Und an genau dieser Stelle setzt die neue "Unreal Engine" an: Anstatt wie gewohnt den "Polygon-Count" – also die Anzahl der verwendeten Vielecke – im Auge haben zu müssen, können 3D-Künstler hier aus dem Vollen schöpfen und eine virtuelle Welt erschaffen, die – zumindest theoretisch – aus unbegrenzt vielen Flächen besteht. Die dürfen dabei so klein wie einzelne Pixel sein, der möglichen Detailstufe sind also kaum Grenzen gesetzt. In der eigens für diesen Zweck erstellten Gameplay-Demo beobachten wir eine junge Heldin, die zuerst ein von schroffen Felsen eingeschlossenes Wüstental durchquert, dann einen Abhang hinauf klettert und schließlich einen antiken Tempel erkundet, in dem sie eine Halle mit 500 Krieger-Statuen entdeckt. Jedes einzelne dieser Steinbilder besteht aus imposanten 33 Millionen Polygonen – macht summa summarum 16,5 Milliarden Vielecke allein für die Felsen-Armee, die hier vielleicht irgendeinen namenlosen 3D-Kaiser in seiner letzten Ruhestätte bewacht. Nicht mit einkalkuliert sind dabei die vielen, vielen Millionen und Milliarden Pixel-feinen Flächen, die den Tempel und die ihn umgebende Spielwelt bilden. Denn nachdem die Heldin das Innere des Heiligtums erforscht und mithilfe von Epics neuer "Nanite"-Spielphysik einen Schwarm lichtscheuer Käfer aufgescheucht sowie einen Deckeneinsturz provoziert hat, schwingt sie sich mittels magischer Kräfte in die Lüfte. Und saust danach über eine sich bis zum Horizont erstreckende, eindrucksvoll in sich zusammenstürzende Spiel-Landschaft, wie sie zu einem Open-World-Spiel gehören könnte. Epics Senior Graphics Programmer Brian Karis erklärt während der Demo, dass sich auf Basis der neuen "Unreal Engine" erstellte Welten praktisch endlos erstrecken können, ohne dass die Detailstufe des Gezeigten darunter leidet.

Die reine Grafik-Magie
Und während der Zuschauer noch zu verdauen versucht, was er da gerade eigentlich sieht, enthüllt Karis – fast schon beiläufig – das neue Physik-System "Nanite", das wild umherflatternde und dynamisch reagierende Fledermausschwärme sowie sich unter den Füßen der Protagonistin lösendes Geröll ermöglicht. Oder das mit "Lumen" betitelte Beleuchtungsverfahren, das eine täuschend echte, globale Ausleuchtung der Szenerie ermöglicht, die sogar auf Veränderungen in der Geometrie reagiert – zum Beispiel in dem bereits erwähnten Moment, in dem ein Stück der Tempel-Decke einstürzt.

16,5 Milliarden Vielecke ohne Performance-Einbußen

All diese Details sind für sich selber schon revolutionär genug – aber zusammen ergeben sie genau die Sorte visuellen Zündstoff, den es gerade braucht, um endlich Begeisterung für eine Hardware-Generation auszulösen, die in diesem Jahr weder auf E3 noch gamescom zurückgreifen kann, um potentielle Kunden zu überzeugen. Eine Hardware-Generation, die den Kunden vielleicht mehr kosten wird als die davor: Teure System-Komponenten, hohe Entwicklungskosten und die aufgrund von Corona problematische Fertigung der Geräte in China dürfte laut Analysten nicht unbedingt dazu beitragen, die Kosten der Systeme auf einem Preis einzupendeln, der deutlich unterhalb der 500-Euro-Grenze liegt. Von der nahezu verpflichtenden Anschaffung eines 4K-Fernsehers mal abgesehen – schließlich will man ja was haben… von der neuen Grafikpracht.

Deutliche Botschaft
Insbesondere PlayStation-Hersteller Sony darf sich über den Impakt der "Unreal Engine 5"-Präsentation freuen: Während Epic zwar bestätigt, dass die neue Entwicklungsumgebung grundsätzlich auch mit der "Series X" kann, so läuft die Echtzeit-Demo doch auf einem PS5-Entwicklungskit – eine deutliche Botschaft für Spiele-Ingenieure und vor allem Gamer auf der ganzen Welt.

Schließlich will man ja etwas haben… von der neuen Grafik-pracht

Zumal Epics Technik-Chef Nick Penwarden erst kürzlich eine wichtige Information nachgereicht hat: Offenbar wurde die neue Engine besonders in Hinblick auf die nächste Sony-Konsole und ihren superschnellen SSD-Speicher entwickelt – denn der wird dem Entwickler zufolge dafür sorgen, dass die Sony-Hardware ihrem Microsoft-Nebenbuhler mutmaßlich überlegen ist. Und das, obwohl die "Series X" bei der reinen Grafik-Performance merklich die Nase vorn hat – zumindest nach TeraFLOPS-Längen. Wichtiger wäre – so Penwarden – dass die Grafikdaten so schnell wie möglich an den Arbeitsspeicher und CPU bzw. GPU weitergereicht werden: Etwas, das die PS5 mutmaßlich besser kann als der Microsoft-Widersacher.

Bis die "Unreal Engine 5" zeigen kann, ob sie tatsächlich den entscheidenden Next-Gen-Unterschied macht – und wenn ja, für welches System – das wird noch dauern. Denn bis die ersten Spiele über die 4K-Schirme der Gamer flimmern, wird die nächste Hardware-Generation vermutlich in ihrer Mitte angelangt sein. Aber die Begeisterung für die damit verbundene Vision ist schon jetzt hochinfektiös. Und genau diese Sorte "Ansteckungsgefahr" braucht der Spielemarkt aktuell, um gegen die Wirkung von gesundheitlicher und gesellschaftlicher Pandemie anzukämpfen.

IGM 08/20
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