Am 1. Juli 2026 zündete Sony auf dem offiziellen PlayStation Blog die ultimative Bombe der diesjährigen Branchen-Ankündigungen: „Als Reaktion auf sich verändernde Verbraucherpräferenzen werden neue Spiele im PlayStation Store und bei Händlern nur noch in digitalen Formaten veröffentlicht“, so die Überschrift einer News von Sid Shuman, Senior Director von SIE Content Communications. Im gerade einmal 209 Worte langen Text gibt Sony bekannt, dass die Produktion physischer Spiele-Discs für alle neuen Spiele auf PlayStation-Konsolen ab Januar 2028 komplett eingestellt wird. Games, die nach diesem Datum auf den Markt kommen, sind sowohl im PlayStation Store als auch bei Händlern ausschließlich digital erhältlich.
Laut Sony ist der Hintergrund für die Entscheidung, dass „digitale Medien physischen Discs mittlerweile signifikant vorgezogen werden“. PlayStation-Nutzerinnen und -Nutzer sollen aber weiterhin die freie Wahl haben, wo sie ihre Spiele kaufen: als Download im PlayStation Store oder bei lokalen Händlern. Letztere Methode wird im Blogeintrag nicht näher umrissen, dürfte aber ziemlich sicher auf einen schmucklosen „Code-in-a-Box“ hinauslaufen, wie ihn zuvor auch Rockstar Games für die Veröffentlichung von „Grand Theft Auto VI“ am 19. November 2026 angekündigt hat und wie er auch bei zahlreichen Veröffentlichungen auf anderen Systemen wie der Switch und der Xbox Series bereits praktiziert wurde.
In den Augen vieler Analysten ist es nicht verwunderlich, dass Sony diesen Weg einschlägt, denn Disc-Verkäufe sind in den letzten 15 Jahren spürbar zurückgegangen. Nimmt man beispielsweise die Daten des US-Marktforschungsunternehmens Circana als Grundlage, beliefen sich die physischen Spiele-Veröffentlichungen in den Vereinigten Staaten in der Zwölfmonatsperiode, die im Juni 2009 endete, noch auf beachtliche 292 Millionen verkaufte Einheiten. Im Vergleichszeitraum, der im Juni 2026 endete, waren es laut Circana hingegen nur noch 37 Millionen. Ein genauerer Blick auf die von Mat Piscatella, Senior Director und Video Game Industry Advisor bei Circana, geteilte Grafik offenbart einen ab 2010 kontinuierlich rückläufigen Trend der physischen Spieleverkäufe in den USA.
Viele Vorteile für Sony
Aus Unternehmenssicht bietet Sonys Schachzug zahlreiche Vorteile. Die Disc-Produktionskosten entfallen komplett und auch die Transport- und Lagerkosten sinken dramatisch, da Disc-in-a-Box-Versionen voraussichtlich nur noch in deutlich geringerer Stückzahl und bei ausgewählten Titeln produziert werden. Einmal eingelöste Codes sind an den dazugehörigen PSN-Account gebunden und lassen sich – anders als physische Datenträger – nicht weiterverkaufen. Einen Verleih- und Gebrauchtspielemarkt für PlayStation-Spiele, die ab Januar 2028 erscheinen, wird es dann nicht mehr geben. Gleiches gilt für Titel, die auf Sonys derzeit in Entwicklung befindlicher PlayStation-6-Konsole erscheinen, die mit etwas Glück 2028 debütiert. Stichwort PS6: Wenn Spiele nur noch digital oder als Download-Code verkauft werden, braucht die neue Konsolengeneration natürlich auch kein optisches Laufwerk mehr. Das spart bei der Hardware-Produktion ebenfalls massiv Kosten ein.
Volle Kontrolle über das zukünftige Angebot
Des Weiteren sichert sich Sony die volle Kontrolle über sein zukünftiges Angebot. So kann das Unternehmen problematische Digital-Titel – etwa, wenn Musik-, Fahrzeug- oder Markenlizenzen auslaufen – aus dem PlayStation Store entfernen. Schließlich wurde den Kunden ohnehin nur eine begrenzte Nutzungslizenz eingeräumt.
Dass Sony am längeren Hebel sitzt, werden zahlreiche PSN-Nutzer in Europa und Großbritannien am 1. September 2026 im großen Stil erleben. Dann entfernt das Unternehmen 551 Film- und Serienproduktionen aus den PSN-Bibliotheken all jener, die Werke wie „Terminator 2“, „Rambo“, „Paddington“ oder „Die Tribute von Panem“ bereits digital erworben haben. Grund sind auslaufende Lizenzvereinbarungen mit dem französischen Filmproduktions-, Verleih- und Vertriebsunternehmen Studiocanal. Das Fatale aus Verbrauchersicht: Betroffene erhalten weder Store-Guthaben noch eine andere monetäre Entschädigung von Sony. Aber auch im Games-Sektor könnte Sony – falls lizenzrechtlich notwendig – so vorgehen, ohne dabei Gesetze zu brechen. Denn derzeit sehen die PSN-AGB in solchen Fällen kein Recht auf Erstattung oder Schadensersatz vor. Zwar arbeitet die EU-Kommission gerade an einem Digital Fairness Act, der die Verbraucherrechte beim Verlust digitaler Spiele stärken könnte, doch letztendlich ist diesbezüglich noch nichts in Stein gemeißelt.
Und im PlayStation-Sektor kommt noch ein weiteres Problem hinzu: Anders als etwa auf dem PC, wo verschiedene Download-Stores wie Steam, der Epic Games Store, GOG.com und der Microsoft Store miteinander konkurrieren und für einen dynamischen Preiswettbewerb sorgen, gibt es diesen innerhalb des PlayStation-Ökosystems für Spiele, die ab Januar 2028 nur noch digital erscheinen, de facto nicht mehr. Während Sony die Preise diktiert, Umsatzbeteiligungen vorgibt und Neukäufe von Spielen forciert, kann das Unternehmen obendrein noch detaillierter als zuvor Daten zum Konsumverhalten seiner Kunden sammeln.
Die Gamer gehen auf die Barrikaden
Angesichts dieser Tatsachen ist es nicht überraschend, dass sich innerhalb kürzester Zeit massiver Widerstand gegen Sonys „Disc-Aus“ formierte, der bis heute nicht nachzulassen scheint. Besonders deutlich wird dies auf praktisch allen Social-Media-Kanälen des PlayStation-Konzerns. Egal, ob auf X (ehemals Twitter), YouTube, Instagram, TikTok, Facebook oder dem PlayStation Blog: Die Kommentarfunktionen von Sonys Social-Media-Auftritten werden von Beiträgen aufgebrachter Nutzer geflutet, die vehement eine Umkehr der Entscheidung fordern und teils auch damit drohen, die PS6 komplett zu boykottieren. Viele lassen ihren Kommentaren auch Taten folgen und veröffentlichen Screenshots von gerade gekündigten PS-Plus-Abos. Sony wiederum kontert laut zahlreichen Nutzeraussagen mit Rückhol-Rabatten von bis zu 50 Prozent.
Konkrete Angaben zur Zahl der bereits erfolgten Kündigungen gibt es nicht. Dr. Serkan Toto, Geschäftsführer der renommierten, in Japan ansässigen Games-Consulting-Firma Kantan Games, ist jedoch der Meinung, dass schon Millionen mitmachen müssten, damit die Aktion ernsthaft Wirkung zeigt. „Rund 50 Millionen Menschen haben PlayStation Plus abonniert. Sagen wir als Gedankenexperiment, dass 500.000 aus Protest kündigen – das wäre gerade einmal ein Prozent dieses Geschäftsbereichs. Natürlich nicht genug, um Sony zum Umdenken zu bewegen. Digital ist einfach zu lukrativ“, so Toto.
Digital ist einfach zu lukrativ
Die ungewollten Leidtragenden der anhaltenden Nutzerproteste sind mittlerweile leider oft auch kleinere Entwickler, die sich über Kommentar-Hijacking beschweren. So veröffentlichte das in Neuseeland beheimatete Indie-Studio Eat Pant Games am 16. Juli 2026 einen Trailer zu seinem neuen Titel „Teeto“ auf dem offiziellen PlayStation-YouTube-Kanal. Doch statt über das neue Spiel zu diskutieren, sind in der Mehrzahl der über 820 Kommentare fast ausschließlich Meinungen zum Disc-Aus zu lesen. Ein Phänomen, das sich derzeit bei praktisch allen neuen Trailern auf Sonys YouTube-Kanal beobachten lässt. Wie aufgebracht Teile der Gaming-Community über Sonys Entscheidung sind, zeigt auch ein Blick auf Change.org. Dort hat eine Petition mit dem Titel „Save Physical Games” (short-url.cc/1AfsR) knapp vier Wochen nach Sonys Bekanntgabe bereits knapp 356.000 Unterschriften gesammelt.
Die sich anbahnende Monopolstellung von Sony im PlayStation-Segment ruft derzeit auch zunehmend Regierungsvertreter auf den Plan. In Mexiko etwa leiteten die Abgeordnete Iraís Reyes und der Senator Luis Donaldo Colosio eine Beschwerde an die nationale Wettbewerbskommission weiter. Darin skizzieren sie ihre Bedenken, dass Sony den freien Markt ausschalten und den klassischen Handel umgehen möchte. Gleichzeitig wird argumentiert, dass Regionen in Mexiko ohne Breitband-Internet durch ein Digital-only-Modell kategorisch vom Markt ausgeschlossen würden.
In eine ganz ähnliche Kerbe schlägt eine Sammelklage der niederländischen Verbraucherschutzorganisation Stichting Massaschade & Consument. Auch sie sind der Meinung, dass das Aushebeln des freien Handels und des Gebrauchtmarkts durch das Disc-Aus dazu führt, dass Sony im PlayStation-Ökosystem keine Wettbewerber mehr hat und zum Monopolisten aufsteigt. Sollten die Kläger recht behalten, würde dies den Klägern weiterer, bereits laufender Monopolklagen gegen Sony in den USA und Großbritannien Rückenwind verschaffen.
Die Reaktion des Riesen: Aussitzen
Sony wiederum scheint mit einem solchen heftigen Aufschrei im Vorfeld gerechnet zu haben und will die derzeit rollende Protestwelle aussitzen. Dies deckt sich mit Aussagen von Alanah Pearce, einer ehemaligen Angestellten von Sony Santa Monica: „Mitarbeiter der PlayStation-First-Party-Studios erzählten mir, dass Sony für diesen speziellen Fall die strengsten Social-Media-Richtlinien herausgegeben habe, die sie je gesehen hätten.“
Mikrolinsen statt Blu-rays
Parallel dazu baut Sony bereits Disc-Produktionsstätten um, um sie fit zu machen für neue Herausforderungen, und schafft damit weitere Fakten. In einer von der Sony DADC Europe GmbH betriebenen Disc-Fabrik im österreichischen Thalgau, eine halbe Stunde von Salzburg entfernt, sollen in naher Zukunft statt Blu-rays Mikrolinsen gefertigt werden. Diese sind vor allem für KI-Rechenzentren wichtige Bauteile, die hohe Umsätze versprechen. Da alle Verträge bereits unterzeichnet sind, knapp 30 Millionen Euro in die Umstellung investiert wurden und man Mitarbeiter schon umschult, ist es eher unwahrscheinlich, dass Sony hier noch einmal zurückrudert. Wichtige Randnotiz: PlayStation-Datenträger werden exklusiv von Sony hergestellt. Das zwingt letztendlich alle anderen Publisher, auf dieser Plattform mitzuziehen und auf Digital-only beziehungsweise Code-in-a-Box umzusatteln.
Und wie handhaben Microsoft und Nintendo diese Thematik? Wird man sich auch bei der Konkurrenz bald von physischen Medien verabschieden? Im Falle von Nintendo mittelfristig noch nicht. Allerdings haben die Japaner mit der Software-Schlüsselkarte für die Switch 2 bereits eine interessante Lösung eingeführt. Diese ermöglicht sowohl das Verleihen als auch den Weiterverkauf und verursacht weit weniger Kosten, da sich das Spiel selbst nicht mehr auf der Karte befindet. Um einen solchen Titel spielen zu können, muss sich lediglich die Software-Schlüsselkarte im Modulschacht der Konsole befinden – alle Daten werden dann per Download auf die Konsole geladen. Einige Branchenkenner sehen in der Software-Schlüsselkarte jedoch eher ein Übergangsmedium, mit dem auch Nintendo langfristig den Weg für eine Zukunft ohne Datenträger ebnet.
Microsoft hat seine Vertriebsinfrastruktur hingegen schon seit dem Start der Xbox Series S für den Digital-only-Markt optimiert. Das Unternehmen setzt bereits seit Längerem verstärkt auf Guthabenkarten und hat die Präsenz von physischen Boxen mit Spielediscs im Einzelhandel sichtbar zurückgefahren. Gleichzeitig hat man bereits mehrfach mit Code-in-a-Box-Versionen experimentiert, zuletzt unter anderem bei den Rollenspielen „Avowed“ und „The Outer Worlds 2“ sowie der Deluxe Edition des Actionspiels „Ninja Gaiden 4“. Um sich bei der nächsten Gerätegeneration mit dem Codenamen „Project Helix“ ebenfalls die Kosten für ein Blu-ray-Laufwerk zu sparen, wäre es nur logisch, wenn die Redmonder früher oder später in Sonys Fußstapfen treten würden.
Lichtblicke auf dem Weg zum Unvermeidlichen
Allerdings mehren sich derzeit die Hinweise, dass Microsoft sein Image aufpolieren möchte und an einer Disc-to-Digital-Funktion arbeitet. Das Feature mit dem Codenamen „Project Positron” soll es Spielern ermöglichen, physische Xbox-One- und Xbox-Series-X-Discs in eine Konsole einzulegen und sie in eine digitale Lizenz für das eigene Xbox-Konto umzuwandeln. Sollte Project Helix ohne Laufwerk erscheinen – wovon derzeit auszugehen ist –, hätten Xbox-Fans auf diesem Weg eine offizielle Möglichkeit, ihre Spiele-Discs von der Xbox One und der Xbox Series X zu digitalisieren und dann auf die neue Konsole mitzunehmen. Wenn jemand eine Disc weiterverkauft und der Käufer sie in seine Konsole einlegt, soll die Lizenz an diese Person übergehen. Möglich macht dies eine sogenannte Disc-ID, die für jede Xbox-One- beziehungsweise Xbox-Series-X-Disc einzigartig ist. Das klingt im Kern prima und kundenorientiert, ändert aber letztendlich nichts daran, dass es spätestens mit dem Start von Project Helix vermutlich komplett digital weitergeht.
Unvermeidliche Realität
Auch „God of War“-Schöpfer David Jaffe glaubt, dass Digital-only die letztendlich unvermeidliche Realität wird. Seiner Meinung nach sind es vor allem die massiv gestiegenen Kosten für die Spieleentwicklung sowie der Zwang, ein Unternehmen wirtschaftlich betreiben zu müssen, die Sony zu diesem Schritt zwingen. Jaffe sagt dazu: „Es ist einfach die brutale, unvermeidbare finanzielle Realität einer Branche, die versucht zu überleben.“ Ob sich Sonys Entscheidung auszahlt oder nach hinten losgeht, dürfte sich spätestens zum Start der PlayStation 6 zeigen. (soe/bpf)