Bye, bye Blu-ray: Sonys Disc-Aus und seine Folgen

Die Disc-Aus-Ankündigung von Sony PlayStation war für viele ein Schock. IGM skizziert die Entwicklungen seit unserem letzten Report zu diesem Thema und untersucht die Auswirkungen des bevorstehenden Paradigmenwechsels auf physische Game-Releases, die bis dahin noch erscheinen. Welche Reaktionen sind von Sammlern zu erwarten? Kommt noch einmal der große Run auf PlayStation-5-Discs? Oder ebbt alles einfach nach und nach ab?
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Gehört zur letzten Welle physischer PS5-exklusiver Titel: „God of War Laufey“

Seit Sonys Ankündigung des Disc-Aus am 1. Juli 2026 sind schon einige Wochen vergangen. Eines ist in der Zwischenzeit besonders deutlich geworden: Der japanische Konsolengigant ist weiterhin nicht bereit, von seinem Standpunkt abzuweichen. Im Gegenteil: Um sich auch rechtlich bestmöglich für das bevorstehende Szenario abzusichern, weisen seit Kurzem mehrsprachige Sticker auf der Verpackung neuer PlayStation-5-Konsolen auf den bevorstehenden Paradigmenwechsel hin. „Wichtiger Hinweis: Ab Januar 2028 werden neu veröffentlichte Spiele auf PlayStation im PlayStation Store und im Einzelhandel nur noch im digitalen Format zum Kauf erhältlich sein. Discs für Spiele, die vor Januar 2028 veröffentlicht wurden, können weiterhin auf dieser Konsole gespielt werden“, so der Wortlaut.

Kurz nachdem Fotos dieses Stickers die Runde machten, begruben viele PlayStation-Fans ihre Hoffnungen auf eine Kehrtwende seitens Sony endgültig. Auch die „Save Physical Games“-Petition auf change.org hat in der Zwischenzeit an Fahrt verloren. Während wir im letzten Heft noch knapp 357.000 Teilnehmer nannten, ist diese Zahl nicht etwa exponentiell gewachsen, sondern lediglich auf über 368.000 gestiegen. Kurz gesagt: Der Widerstand scheint zu bröckeln, während Sony unbeeindruckt seinen Kurs beibehält.

 

Der Widerstand scheint zu bröckeln

 

In der Zwischenzeit erhielten die Japaner Schützenhilfe von zahlreichen großen Games-Publishern. Vor dem Hintergrund der laufenden Diskussion teilten diese Zahlen dazu, zu welchem Grad sie Spiele bereits digital verkaufen. Besonders extrem sind die Werte bei Take-Two, dem Mutterhaus des „GTA VI“-Entwicklers Rockstar Games. Hier wird der Digitalanteil für das am 31. März 2026 beendete Geschäftsjahr 2025/2026 mit 97 Prozent angegeben. Dicht dahinter folgt Capcom. „Ungefähr 90 Prozent unserer Verkäufe in Stückzahlen erfolgen digital. Wir erwarten keine erheblichen Auswirkungen“, heißt es im jüngsten Finanzbericht des seit 47 Jahren in der Branche tätigen Unternehmens. Mit Blick auf das gesamte Geschäftsjahr 2026/2027 werden bei Capcom sogar 95,4 Prozent digitale Verkäufe erwartet. Bei 65 Millionen prognostizierten Spieleverkäufen ergäben sich somit lediglich knapp drei Millionen physische Verkäufe.

In eine ähnliche Kerbe schlagen die neuesten Zahlen von Square Enix. Der japanische Publisher verkaufte zwischen dem 1. April und dem 30. Juni 2026 insgesamt 7,38 Millionen Spiele, davon 6,65 Millionen digital, was einem Anteil von 90,11 Prozent entspricht. Nur die verbleibenden 730.000 Einheiten wurden physisch verkauft. Der zuletzt strauchelnde französische Third-Party-Riese Ubisoft weist für das bereits abgeschlossene Geschäftsjahr 2025/2026 hingegen einen Digital-only-Anteil von 87,3 Prozent aus, Electronic Arts von 81 Prozent. Nintendo gibt für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2026 lediglich 59,3 Prozent Digitalverkäufe an. Das heißt im Umkehrschluss: Bei Switch- beziehungsweise Switch-2-Besitzern ist der Wunsch nach physischen Versionen weiterhin besonders hoch.

Kritiker weisen allerdings darauf hin, dass die Statistiken einige Faktoren nur unzulänglich berücksichtigen. Laut dem Marktforschungsunternehmen Ampere liegt der Disc-Anteil von Capcoms „Resident Evil Requiem“ in den USA z.B. bei 22 Prozent, in Frankreich sogar bei 55 Prozent. Diese je nach Region schwankenden Unterschiede müssen die Publisher im Zuge der Transformation also unbedingt im Auge behalten.

GameStop hat längst umdisponiert
Auch Ryan Cohen, der Chef von GameStop, hat sich inzwischen zur Thematik geäußert. Er blickt jedoch mit großer Gelassenheit in die Zukunft. Seiner Aussage nach hat das Disc-Aus für GameStop keine nennenswerten Folgen: „Das spielt überhaupt keine Rolle. Es ist völlig, völlig irrelevant“, gab er in einem Interview mit Bloomberg zu verstehen. Bei genauerer Betrachtung wird seine Aussage verständlich, denn seit dem Meme-Aktien-Hype im Jahr 2021 hat CEO Cohen das Geschäftsmodell des kurz davor tief in der Krise steckenden Games-Händlers rigoros umgebaut. Unrentable Läden wurden geschlossen und man zog sich aus großen, internationalen Märkten wie Deutschland oder Frankreich komplett zurück.

Gleichzeitig erkannte Cohen früh, dass sich der Schwerpunkt des Games-Markts immer mehr in Richtung „digital only“ verlagert. Daraufhin passte er das GameStop-Sortiment konsequent an. Der Fokus liegt nun auf Merchandise-Artikeln, Figuren, Retro-Gaming, Sammler-Editionen sowie dem Verkauf von Sammelkarten zu Themen wie „Pokémon“ und „Magic: The Gathering“. Aber auch für Trading Cards zu Sportarten wie Baseball, Basketball, American Football und Fußball ist GameStop mittlerweile eine verlässliche Anlaufstelle mit ständig wachsendem Sortiment. Ein Blick auf die aktuellen Geschäftszahlen des Unternehmens zeigt, dass Cohen mit seiner Umstellung richtig lag. Gerade einmal 18 Prozent des Gesamtumsatzes entfallen noch auf den Bereich Software.

Deutsche Konsolenspieler lieben Datenträger
Im Hinblick auf die Gesamtdiskussion sind darüber hinaus Zahlen aus dem Jahresreport der deutschen Games-Branche 2026 spannend, den der game-Verband Mitte August 2026 unter jahresreport.game.de veröffentlichte. Demnach wurden im Jahr 2025 in Deutschland 99 Prozent der PC-Spiele als Download verkauft. Im Konsolensektor zeichnet sich jedoch ein gänzlich anderes Bild ab. Hier liegt der Anteil für den deutschen Markt lediglich bei 42 Prozent, nachdem er im Vorjahreszeitraum (2024) noch bei 44 Prozent lag. „Damit wird der Großteil (58 Prozent) der Spiele für Konsole auf Datenträgern erworben.“ Eine Zahl, die den Herstellern zu denken geben sollte – nicht zuletzt, weil der Report des Verbands auch bestätigt, dass mittlerweile 22,1 Millionen Menschen in Deutschland auf der Konsole spielen, was mehr als ein Viertel der Gesamtbevölkerung entspricht. Allerdings zeigt der Report ganz klar, dass die Präferenzen je nach Altersgruppe stark schwanken. Insbesondere die Gruppe der 20- bis 29-jährigen Spielenden kauft Spiele zu 82 Prozent digital. In der Gruppe der 30- bis 39-Jährigen sind es 66 Prozent und in der Gruppe der 40- bis 49-Jährigen 60 Prozent.

 

Eine Zahl, die den Herstellern zu denken geben sollte

 

Prognose: Was passiert bis Ende 2027?
Doch wie wirken sich diese Erkenntnisse und Sonys scheinbar unumstößliche Entscheidung in den verbleibenden 15 Monaten auf den Markt aus? Betrachtet man die Kommentare in den sozialen Medien, lässt sich zunächst festhalten, dass derzeit ein Umdenken bei den Spiele-Fans stattfindet. Der bereits erfolgte Schock hat viele für die zuletzt zunehmend in Vergessenheit geratenen Vorteile des Mediums Disc (Weiterverkauf auf dem Gebrauchtmarkt, unkompliziertes Verleihen, Verschenken etc.) sensibilisiert. Diese Erkenntnis könnte dazu führen, dass die letzte Welle physisch veröffentlichter PlayStation-5-Spiele einen Sonderstatus erhält und die physischen Verkäufe in nächster Zeit noch einmal spürbar in die Höhe schnellen. Speziell bei PS5-exklusiven Titeln wie „Marvel‘s Wolverine“ (15.09.2026) oder „God of War Laufey“ (16.02.2027) dürfte sich dieser Effekt gut beobachten lassen. Wir würden uns auch nicht wundern, wenn besonders engagierte Sammler in diesen Fällen sogar doppelt zuschlagen und ein Exemplar zum Zweck der Wertsteigerung ungeöffnet im Regal stehen lassen.

Stichwort Sammler: Diese dürften sich zudem sehr für kommende Veröffentlichungen wie „Tomb Raider: Legacy of Atlantis“ (12.02.2027) von den Amazon Game Studios, „Final Fantasy VII Revelation“ (Frühjahr 2027) von Square Enix, „Resident Evil Code: Veronica“ (2027) von Capcom sowie das PS5-exklusive „Until Dawn 2“ (Herbst 2027) von Sony interessieren. Bis auf das Remake-Abenteuer von Lara Croft ist jedoch noch nicht einmal klar, ob die vier letztgenannten Spiele dann auch wirklich physisch erscheinen.

Traditionell sind zudem Collector‘s Editionen unter Sammlern heiß begehrt. Aktuell deuten viele Faktoren darauf hin, dass diese Titel in Zukunft auf der PS5 besonders schnell vergriffen sein werden – speziell, wenn sie das entsprechende Spiel tatsächlich als physische Version enthalten. Ein Paradebeispiel für diesen Spezialfall ist „Mortal Shell II: Revered Edition”. Ob bei mediamarkt.de oder amazon.co.uk: Das gefeierte Double-A-Soulslike des kleinen Entwicklerstudios Cold Symmetry war in der physischen Version bereits vor dem Release vergriffen. Auch der Publisher Playstack gab mittlerweile zu, dass die Nachfrage nach der Disc-Fassung die Absatzerwartungen stark übertroffen hat. Sammlern, die leer ausgehen, bleibt dann meist nur der Weg über Portale wie Ebay, wo Anbieter für solche Titel erwartungsgemäß horrende Preise aufrufen. Im Falle der „Mortal Shell II: Revered Edition“, die auf MediaMarkt.de 70 Euro kostete, wurden auf eBay.de am Tag vor der Veröffentlichung inklusive Versand bis zu 136 Euro fällig. Limitiert verfügbare PS5-Sammlereditionen inklusive Discs könnten damit schon bald in eine ähnliche Nische wie Schallplatten vordringen – weitere Preisexplosionen inklusive.

 

Eine ähnliche Nische wie Schallplatten

 

Es bleibt abzuwarten, wie es sich mit PS5-Sammlereditionen verhält, die nach dem Disc-Aus erscheinen und neben einigen physischen Goodies lediglich einen Download-Code des Spiels enthalten, der im schlimmsten Fall sogar einer zeitlichen Einlöse-Begrenzung unterworfen ist. Mit diesem Szenario müssen sich in diesem Jahr allerdings nur Käufer der japanischen Boxed-Version von „GTA VI“ herumärgern. Der darin enthaltene Download-Code für die Vollversion ist nämlich nur 170 Tage lang gültig. Hintergrund sind gesetzliche Bestimmungen in Japan (Payment Service Act), die Rockstar Games durch die Befristung der Einlöse-Zeit umgehen kann. Dass solche Gängeleien auch hierzulande kommen, ist nach aktuellem Kenntnisstand unwahrscheinlich, jedoch für die Zukunft nicht gänzlich ausgeschlossen. 

Neben Ryan Cohen von GameStop hat sich inzwischen auch Shuhei Yoshida, der von 2008 bis 2019 Präsident von Sony Worldwide Studios war, zu Wort gemeldet. „Für Sammler, die physische Verpackungen und Sondereditionen mögen, denke ich, dass sie diese physischen Verpackungen auch weiterhin kaufen können“, gab Yoshida in einem Interview mit GamerBraves zu verstehen. Gleichzeitig gab er zu, dass er selbst ein komplett digitaler Konsument sei und sich nicht mit Discs herumärgern wolle. „Selbst bei physischen Spielen auf Disc aktualisieren die Entwickler die Spieldaten heutzutage in den meisten Fällen ständig und fügen neue Inhalte hinzu. Wer sich für eine physische Version entscheidet, muss ohnehin neue Patches, DLCs oder Updates herunterladen. Deshalb verstehe ich nicht, warum es ein so großes Problem sein sollte, wenn keine Disc mehr enthalten ist.“ 

Der langjährige Sony-Veteran erkennt hingegen an, dass vielen PS5-Spielern in Zukunft der Gebrauchtspielemarkt wegbricht, und hofft, dass die Publisher mit regelmäßigen Rabattaktionen gegensteuern. „Ich denke, Publisher und Plattformen werden auch weiterhin solche Möglichkeiten anbieten, damit Menschen, die sich den vollen Preis zum Verkaufsstart nicht leisten können, die Spiele günstiger erwerben können.“ Hoffen wir, dass Yoshida mit seiner Prognose recht behält und Sony seine bevorstehende Monopolstellung im PlayStation-Sektor nicht ausnutzt. (soe/bpf)

IGM 09/26
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