IGM: Herr Turgut, warum ist Konsolenwelt von der Kantstraße in die Kameruner Straße 56 nach Wedding umgezogen? Die Kantstraße liegt ja deutlich zentraler als diese Defcon-Filiale hier.
Ugur Turgut: Unsere Filiale in der Kantstraße hatten wir seit 2010. Wir haben sie aber Ende 2024 aufgegeben, weil der Vermieter die Miete verdreifacht hatte – das war für uns nicht mehr tragbar. Wir waren dort ohnehin schon am Kämpfen. Der Zustand der Kantstraße als Einkaufsstraße hatte sich in den Jahren davor extrem verschlechtert. Es gab keine Parkplätze mehr, nur noch Pop-up-Spuren für Fahrräder. Wir haben ja sehr viel Kundschaft wegen unserer Konsolenreparaturen. Da kommen viele Leute von außerhalb – aus Potsdam, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, sogar aus Hannover. Viele Kunden halten nur kurz an, geben ihre Konsole ab und fahren dann weiter. Das war in der Kantstraße nicht mehr möglich. Wir wären gerne dort geblieben, aber jetzt sind wir mit Konsolenwelt erst mal vorübergehend hier in der Defcon-Filiale. Wir haben den Reparaturbereich auf 30 Prozent der ursprünglichen Fläche reduziert. Momentan schauen wir uns nach einem neuen Standort für Konsolenwelt um. Der sollte auch wieder zentraler sein.
IGM: Diese Defcon-Filiale hier in Wedding gibt es ja bereits seit 1996.
Turgut: Genau, das war unsere erste Filiale. Die zweite Filiale haben wir 2001 in Spandau eröffnet, vor vier Jahren aber wieder zugemacht. Da gab es Personalprobleme und Personalmangel, das funktionierte nicht. Nachdem wir 2010 die dritte Filiale in der Kantstraße eröffnet hatten, kam die Kooperation mit dem Reparaturanbieter Konsolenwelt hinzu. Deren Gründer haben sich aber mittlerweile zurückgezogen, wir haben das Geschäft komplett übernommen. In den letzten zehn Jahren haben wir in diesem Bereich sehr viel Erfahrung gesammelt. Wir bieten Reparaturen für ganz Deutschland, hauptsächlich für Konsolen und MacBooks.
Das war für uns nicht mehr tragbar
IGM: Wie groß ist die Nachfrage speziell nach Konsolenreparaturen?
Turgut: Sehr groß. Zu uns kommen Leute, denen bei anderen Reparaturdiensten gesagt wurde: „Die Konsole ist kaputt, Sie müssen eine neue kaufen.“ Sony bietet für die PS5 ohnehin keine Reparaturen mehr an. Die bieten im Austausch eine generalüberholte oder eine Austauschkonsole, die Kunden müssen dafür aber noch bis zu 370 Euro zusätzlich bezahlen. Ursprünglich hat Sony beim Konsolenkauf auch immer ein Jahr Garantie gegeben. Mittlerweile sind es sechs Monate Garantie und sechs Monate Gewährleistung. Das heißt, in den zweiten sechs Monaten muss man als Kunde erst einmal beweisen, dass ein Reparaturanspruch besteht, weil man den Schaden nicht fahrlässig verursacht hat.
IGM: Generell steigen ja die Konsolenpreise ...
Turgut: Das wird jetzt wahrscheinlich noch schlimmer werden. Der Preis für die PS5 ist jetzt nochmal wirklich hochgeschossen. Eine PS5 mit Laufwerk hat bis vor zwei Monaten noch 499 Euro gekostet – jetzt sind wir bei 650 Euro.
IGM: Wie man hier in der Werkstatt sieht, besteht einiges an Reparaturbedarf. Berlin dürfte ein ergiebiges Geschäftsfeld sein ...
Turgut: Das Problem ist: Hier in Berlin haben wir kaum Zulauf, was Reparaturen betrifft. Die Konkurrenz ist hier einfach enorm – wobei die Konkurrenz keine Konsolen-Fachleute sind. Hier in Berlin bietet mittlerweile jeder Handy-Shop und jeder PC-Laden auch Konsolenreparaturen an. Die Kunden legen leider oft nicht viel Wert auf gute Facharbeit. Diese Läden bieten dann beispielsweise an, die HDMI-Buchse der PS5 für 40 Euro zu reparieren. Das ist aber ein enormer Aufwand! Wir bieten solche Reparaturen für 89 Euro an – und sind damit natürlich lokal nicht konkurrenzfähig. Das ist für uns aber auch nicht so wichtig, weil es uns um Qualität geht. Dafür haben wir aber auch einen riesigen Zulauf von außerhalb. Konsolenwelt hat auf Google eine Durchschnittsbewertung von 4,9 von 5 Punkten. Bei der einen Negativbewertung hat sich später herausgestellt, dass sie von der Konkurrenz kam. Bei den Handy-Läden zahlen die Kunden auch oft viel Geld nur dafür, dass die Konsole untersucht wird – selbst wenn sich dann herausstellt, dass diese nicht repariert werden kann.
Sehr viel Erfahrung gesammelt
IGM: Und bei Ihnen?
Turgut: Wenn sich bei unserer Diagnose herausstellt, dass die Konsole irreparable Schäden hat, zahlen die Kunden garantiert nur die 20 Euro an Diagnosekosten. Unsere Kunden sind sehr zufrieden, wir arbeiten mit Original-Ersatzteilen, wir arbeiten schnell – und wir können sehr oft Konsolen retten, wo andere gesagt hätten: „Wegschmeißen, neue kaufen.“ Wir haben auch Exklusivverträge, zum Beispiel mit Kaputt.de, einer Vermittlungsplattform für Reparaturen. Auch PR-Technics und iRepair schicken ihre Anfragen exklusiv zu uns. Generell ist das Reparaturgeschäft für uns immer wichtiger geworden. Seit die Konsolen im Preis steigen, werden die Leute immer verzweifelter – speziell dann, wenn sie keinen fachgerechten Reparaturdienst finden. Ein Neukauf kommt für viele nicht in Frage. Wenn wir das Problem für 89 Euro lösen können, sind sie überglücklich.
IGM: 2024 lief sogar bei RTL ein Beitrag mit Defcon Konsolenwelt ...
Turgut: Genau, das war ein Beitrag bei RTL „Life“, der an einem Samstagabend zur Prime Time lief – darüber waren wir natürlich sehr glücklich! Es ging darum, dass Berlin 2024 einen Reparatur-Bonus für Elektrogeräte gewährte. „Life“ hat getestet, ob sie den Rechnungsbetrag vom Land zurückbekommen, wenn sie die Konsole bei uns reparieren lassen. Das hat dann auch problemlos geklappt.
IGM: Sprechen wir über Ihr Games-Angebot. Wo liegen da die Schwerpunkte?
Turgut: In dieser Filiale hier waren wir schon immer sehr stark auf Retro-Games spezialisiert. Mein Bruder Dogan – alle nennen ihn „Dox“ – versucht alles mit reinzunehmen, was es im Retro-Bereich gibt. Wir haben aber nicht nur Retro-Games da, sondern alle Generationen – Switch, PS5, Xbox One, Xbox Series X und so weiter. Also auch Titel, die neu rauskommen, zum Beispiel Marvel‘s Wolverine. Das Verhältnis liegt geschätzt bei 35 Prozent Neuware zu 65 Prozent älterer beziehungsweise gebrauchter Ware. Für die Games der aktuellen Konsolengeneration braucht man nicht so viel Platz, da kommt ja mittlerweile vieles nur digital heraus. Das, was auf Disc herauskommt, haben wir da – weil wir wissen, was unsere Kunden wollen. Gleichzeitig nimmt das Interesse an Retro-Games immer mehr zu.
Das, was auf Disc herauskommt, haben wir da
IGM: Wie sieht Ihre Kundenstruktur aus?
Turgut: Neben den Käufern von neuen Spielen sind das auch viele Sammler, ob gewerblich oder privat. Die kommen dann gerne mal bei uns vorbei. Wir verlangen für die Retro-Games auch wirklich keine übertriebenen Preise und spekulieren nicht darauf, dass irgendein Kunde irgendwann einen hohen Preis für ein Sammlerstück zahlt. Nein, wir schauen, was die Leute im Netz – im Schnitt – für ein bestimmtes Spiel verlangen, und gehen dann teils sogar noch unter diese Preise. Wenn jemand im Netz also 80 Euro für ein Spiel verlangt, verkauft es Dox für 69 Euro. Der Kunde bekommt das Spiel hier direkt in die Hand, kann es direkt überprüfen und hat kein Risiko wie bei einem Online-Kauf, wo das Spiel vielleicht zerkratzt ankommt. Das macht die Kunden glücklich – und nur so funktioniert das Geschäft.
IGM: Was sagen Sie zum Disc-Aus von Sony, auch im Hinblick auf die PS6?
Turgut: Das ist natürlich ein Riesenkatastrophe, auch für die Kundschaft. Momentan gibt es da ja einen gewaltigen Shitstorm. Ich vermute, dass Sony ein Stück weit zurückrudern wird, weil der Gegenwind so stark ist. Das erinnert mich an damals, als Microsoft die Xbox One rausbrachte und noch vor dem Release verkündete, dass die Konsole eine Online-Pflicht hat und die Kamera immer angeschlossen sein muss, dass gebrauchte Spiele nicht mehr abgespielt werden können und so weiter. Das hat damals auch einen riesigen Shitstorm entfacht und Microsoft ist komplett zurückgerudert. Allerdings hat Sony heute fast schon ein Monopol und auch die nötige Arroganz, um sich das zu erlauben. Aber wahrscheinlich werden die merken, dass das so nicht funktioniert. Das Problem ist doch: Viele Konsolennutzer stehen noch nicht voll im Arbeitsleben und können sich 80 Euro für jedes digitale Spiel leisten. Sie wollen das auch nicht, weil sie nur eine Nutzungslizenz erwerben, die Sony ihnen jederzeit wieder entziehen kann. Das ist überhaupt keine gute Basis! Eine Disc kauft man – und sie gehört einem für immer. Du kannst sie weiterverkaufen, verschenken, neu installieren. Aber wenn dir das Spiel nach einem Digitalkauf nicht gefällt, dann ist es vorbei.
IGM: Wie könnte ein Kompromiss aussehen?
Turgut: Naja, entweder müssen digital die Preise gesenkt werden, was Sony aber nicht machen wird. Oder es wird auch künftig die Möglichkeit geben, ein Laufwerk separat dazuzukaufen – so wie jetzt bei der PS Slim. Die wenigsten Leute werden 1.000 Euro oder mehr für eine Konsole ausgeben, auf der sie nur digital spielen können. Wenn Sony das durchsetzt, werden viele Leute künftig nur noch die wirklich großen Titel kaufen, also EA Sports FC oder Call of Duty. Bei den anderen AAA-Titeln wird der Umsatz einfach einbrechen, deswegen sind die Thirt-Partys jetzt so unglücklich. Nächstes Jahr bringt Sony mit God of War Laufey wieder eines seiner Exklusivspiele raus – und die kosten ja meistens noch zehn Euro mehr. Ich möchte die Leute sehen, die jedes Mal 80 oder 90 Euro für solche Spiele zahlen. Wir leben in einer Zeit, in der alles teurer wird, in der die Gehälter aber nicht mitziehen. Das Geld in den Portemonnaies wird immer knapper, die Leute können nicht mal eben mehrere hundert Euro für Spiele hinlegen. Außerdem möchten sie nach wie vor die Titel spielen, die sie bereits auf Disc haben.
Das Geld in den Portemonnaies wird immer knapper
IGM: Also für PS4 und PS5.
Turgut: Genau. Allein für die PS4 sind knapp 10.000 Titel erschienen – und die laufen fast alle auch auf der PS5. Es gibt auf der PS4 auch einige Top-Titel, die nie für die PS5 umgesetzt wurden – zum Beispiel RDR 2, Dragon Age oder Mass Effect. Das sind aber alles Titel, die die Kunden nach wie vor spielen! Wir sehen das, wenn wir die PS5-Konsolen nach der Reparatur testen: Auf den Festplatten sind ungefähr gleich viele PS5- wie PS4-Spiele installiert. Für die PS5 sind in den letzten Jahren auch noch ein paar tausend Spiele hinzugekommen, viele davon auf Disc. Die könnten dann ja auch nicht mehr gespielt werden.
IGM: Die fehlende Kaufkraft könnte tatsächlich ein Problem werden.
Turgut: Wir sind ja seit 30 Jahren im Geschäft und wissen, wie sich die finanzielle Situation der Leute entwickelt hat. Sie kommen mit einem Stapel Gebrauchtspiele zu uns, um sich davon neue Titel kaufen zu können. Viele können schon jetzt nicht mehr die volle Summe für ein neues Spiel zahlen, wenn sie das nicht mit Gebrauchtspielen gegenfinanzieren. Ich möchte sehen, wie die künftig jedes Mal 80 Euro zahlen. Sony denkt offenbar, dass ihre Kunden alles Gutverdiener sind. Aber das wird ins Auge gehen.
IGM: Kunden geben ihre Spiele hier im Laden in Zahlung. Ist Defcon auch im Online-Handel aktiv?
Turgut: Wir haben nie Online-Handel betrieben. Da ist die Konkurrenz so brutal, dass wir daran wirklich nichts verdienen würden. Viele machen den Online-Handel quasi aus dem Schlafzimmer heraus und können ganz andere Preise aufrufen. Außerdem gibt es die großen Ketten wie MediaMarkt und Amazon, die sich gegenseitig mit Tiefpreisen bekriegen. Die hauen manchmal Sachen raus, die unter unserem Einkaufspreis liegen. Wir haben nicht diese Einkaufsmöglichkeiten und Kapazitäten und bekommen auch diese Preise nicht. Oft fallen die Preise auch recht schnell, weil MediaMarkt sagt: „Das, was bei Amazon gilt, gilt bei uns auch.“ Und umgekehrt.
IGM: Wie wichtig ist für Defcon das Geschäft mit Merchandise?
Turgut: Merch ist so eine Sache. Wenn wir in Merch einsteigen würden, müssten wir dafür einen eigenen Laden aufmachen. In der Kantstraße waren gegenüber von uns der J-Store und andere Läden, die komplett auf Merch setzen. Da müsste man dann auch wirklich alles anbieten, die ganzen Figuren und Anime, und in der Materie voll drin sein. Genauso ist es mit den Trading Cards. Ganz früher, in den 90er Jahren, hatten wir noch unsere Pokémon- und Yu-Gi-Oh!-Trading-Cards auf dem Tresen liegen, aber heute ist das eine komplett eigene Welt. Da reicht es nicht mehr, ein paar Karten anzubieten. Wenn unsere Kunden danach fragen, schicken wir sie zu Anbietern, die auf Merch spezialisiert sind.
IGM: Wie können stationäre Händler wie Sie auch künftig überleben?
Turgut: Wir sind zu Überlebenskünstlern geworden. Wir haben schlimme Zeiten erlebt, in denen das Geschäft einbrach. Nicht nur in der Corona-Pandemie, sondern zum Beispiel auch während der Finanzkrise, als die Leute bei Games gespart haben. Oder auch, als die Videotheken mit dem Spieleverleih begannen, was uns wirklich sehr hart traf. Aber wie gesagt: Wir sind Überlebenskünstler, haben 30 Jahre Erfahrung und wissen, was die Kunden wollen. Ich würde niemandem empfehlen, heute noch im Spielehandel zu starten – das ist vorbei, damit wird keiner überleben, der jetzt anfängt. Aber wir können überleben, vor allem dank des sehr erfolgreichen Reparaturbereichs und des Retro-Geschäfts. Und weil wir uns über die Zeit hinweg einfach einen Namen gemacht haben. (Achim Fehrenbach)