PlayStation 5 und Xbox Series X: Aufs richtige Pferd gesetzt?

Hardware, Spiele, Preispunkt, Kommunikation, Strategie: Wenige Tage vor dem Deutschland-Start von PlayStation 5 und Xbox Series X hat IGM die Meinungen von Chefredakteuren und Journalisten der größten Games-Magazine des Landes eingeholt. Wie werten die Experten?
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Die Frage, ob und welche Konsole man sich als Spiele-Fan unter den Weihnachtsbaum legt, ist bislang eine eher theoretische: Denn die vorbestellbare Menge von PlayStation 5 und Xbox Series X war binnen weniger Stunden, oft binnen weniger Minuten vergriffen. Die IT-Systeme aller führenden Versender gingen in die Knie – zuweilen wurden mehr Bestellungen angenommen, als Ware vorlag. Die Folge: Stornierungen in vielen tausend Fällen und große Enttäuschung beim Publikum. Doch ein solches Zu-viel-Nachfrage-zu-wenig-Ware-Dilemma ist nichts Neues zum Start einer neuen Konsolen-Ära, die üblicherweise sechs bis sieben Jahre währt. Viel relevanter: Ist das Gerät zum Start richtig positioniert? Kommt zeitnah genügend Games-Nachschub? Stimmt der Preis? Werden die richtigen Botschaften ausgesandt? Genau das haben wir die Chefredakteure und Leitenden Redakteure der führenden Games-Websites des Landes gefragt – also dort, wo sich die so wichtigen Multiplikatoren informieren und austauschen: Eurogamer, Golem, Gameswelt, Gamepro, PC Games und Gamersglobal.

Aus den Fehlern der Xbox-One-Kommunikation gelernt
Beginnen wir mit der Marketing- und PR-Strategie. Zumindest mit Blick auf Vorverkaufs-Termine und -Mengen wurde die Endverbraucher-Kommunikation phasenweise komplett an den Handel ausgelagert. Parallel setzen Microsoft und Sony notgedrungen voll auf ihre eigenen Online- und Social-Media-Kanäle und verfolgen einen globalen Ansatz: Schließlich entfällt corona-bedingt die Möglichkeit, mit lokalen Messen, Events und POS-Aktionen Akzente zu setzen. Mal rückt Microsoft die Abwärtskompatibilität in den Fokus, mal lässt Sony eine PlayStation 5 in alle Einzelteile zerlegen: Am Ende des Videos sitzt ein Ingenieur vor einem Haufen Platinen, Plastikteilen und Kabeln – jedes dieser Videos generiert Millionen von Abrufen. "Offensichtlich hat die Sache mit dem Aufbau von ‚Haben wollen' – also Hype – bei beiden Konsolen auch ohne die Messen geklappt", stellt Golem-Journalist Peter Steinlechner fest. Bemerkenswert findet er, "dass Microsoft die Xbox zusammen mit Windows 10, dem Xbox Game Pass plus Spielestreaming nachdrücklich als Ökosystem positioniert." Sony hingegen habe "ganz cool den Marktführer gegeben" und sich weder vom Wettbewerber noch von der Community irgendwo hintreiben lassen. Aus seiner Sicht hat alles ineinandergegriffen.

Sony hat ganz cool den Marktführer gegeben

Nach wie vor nicht nachvollziehen kann Gamersglobal-Chef Jörg Langer die Benennung der Microsoft-Konsolen: So sei Xbox Series X im Vergleich zur Xbox One X schlicht nicht als neueres Modell zu erkennen. "Als kleinen sportlichen Zusatzmalus beschloss man dann auch noch, das schwächere Modell ‚Series S' zu nennen." Dabei stünde "S" gerade bei Videospielern für "das Beste". "Microsoft scheint dieses Problem gar nicht bewusst zu sein oder plant eh, nur innerhalb der Kernzielgruppe zu verkaufen. Darauf ist auch die Kommunikation ‚Die stärkste Xbox aller Zeiten'" sowie ‚Die kleinste Xbox aller Zeiten' ausgelegt", hat Langer beobachtet. "Außerdem kommuniziert man die Vielzahl eigener Studios und die daraus sich ableitenden Exklusivtitel – die aber fast alle erst lange nach dem Launch zur Verfügung stehen werden." Anders bei Sony: "Dass auf Playstation 4 die Playstation 5 folgt, versteht jeder, der zumindest bis 5 zählen kann. Hier ist auch die Modell-Unterscheidung klarer: Statt über ‚X' und ‚S' zu rätseln, hat man eine teure Variante mit und eine günstigere Variante ohne Laufwerk."

Komplett gegensätzlich sieht dies GamePro-Chefredakteurin Rae Grimm: "Ich war vor allem beeindruckt von der weitestgehend sehr klaren und deutlichen Kommunikationsstrategie, die Microsoft in dieser Konsolen-Generation an den Tag gelegt hat. Hier war sehr deutlich, dass sie aus den Fehlern der Xbox One-Kommunikation gelernt haben und diese nicht noch einmal begehen wollten." Sony habe hingegen in vielen Punkten "zu sehr hinter dem Berg gehalten". Informationen zur PS5 seien nur schleppend und sporadisch gekommen, die Ungeduld auf Seiten der Fans war groß. "Woran beide bei der Endverbraucher-Kommunikation gescheitert sind, war das lange Warten auf Preis und Release-Termin. Sicher, Vieles mag der aktuellen Situation geschuldet sein. Irgendwann schien es allerdings nur noch so, als würde man abwarten, dass der jeweils andere den ersten Schritt macht, um dann darauf reagieren zu können", sagt Grimm.

Nicht mit Ruhm bekleckert
Auch PC-Games-Chefin Maria Beyer-Fistrich findet, dass sich beide Firmen in puncto Endverbraucher-Kommunikation "nicht mit Ruhm bekleckert" haben. "Erst den Fans versprechen, dass die Pre-Order mit genügend Vorlauf starten, um dann genau das nicht zu tun." Die Digital-Events habe Sony aus ihrer Sicht viel besser gemeistert – so wurde beispielsweise Ratchet & Clank-Gameplay gezeigt, das die Bezeichnung Next Gen verdient.

Auch Eurogamer-Chefredakteur Martin Woger vermisst Spiele, die den technischen Sprung sofort sichtbar machen: "Assassin's Creed: Valhalla sieht gut aus, aber eben nicht viel besser als der Vorgänger Odyssey. Zudem wird es auf PS4 und Xbox One ohne Einschränkungen laufen. Rennspiele, FIFA oder Shooter sehen auf der alten Hardware ausgezeichnet aus – und aktuell gibt es noch keine Spiele, die das Niveau der Unreal-Demo erreichen würden, um den Technik-Vorteil ausreichend eindrucksvoll zu verdeutlichen. Selbst Cyberpunk 2077 wird sein echtes Next-Gen-Update erst 2021 bekommen." Beide Hersteller müssten dem Kunden also die Zukunft verkaufen, ohne wirklich zeigen zu können, wie diese aussieht.

Ebenso wie Woger verfolgt Gameswelt-Chef Matthias Grimm aufmerksam die Microsoft-Strategie, die weniger die Hardware in den Vordergrund stellt als vielmehr ein ganzes Ökosystem. Sein Befund: "Zu wenig Gameplay, zu wenige AAA-Spiele, zu wenige Launchtitel: Trotz milliardenschwerer Zukäufe an Entwicklerstudios verschleppt die Xbox ihre Versäumnisse der letzten Generation in die Startphase der nächsten. Die Verlagerung von Microsofts Geschäftsmodell hin zum Game Pass als "Netflix für Spiele", Cloud-Gaming und Spielen auf jeder Plattform kann beim Endverbraucher die Notwendigkeit und Vorteile einer neuen Konsole nicht ausreichend vermitteln."

Zu wenig Gameplay, zu wenige AAA-Spiele, zu wenige Launchtitel

Einigkeit beim Preis
Der "richtige" Preispunkt einer neuen Konsole zum Launch war in der Vergangenheit mehr als einmal kriegsentscheidend – wer hier Fehler machte, brauchte oft Jahre, um sich davon zu erholen. In diesem Jahr sind sich unsere Experten einig: Das passt. "Die 499 Euro für beide ‚großen' Next-Gen-Konsolen sind richtig gesetzt – man bekommt sehr viel Leistung für nicht wenig Geld, und die Verfügbarkeiten sind sowieso erst mal begrenzt", analysiert Jörg Langer. "Besonders interessant finde ich aber die 399 Euro für die laufwerkslose PS5: Statt mich zu fragen, ob ich bei der Xbox Series S zwar 200 Euro sparen kann, aber vielleicht bald nicht mehr die nötige Leistung für alle Spiele besitze, weiß ich bei der kleinen PS5, woran ich bin: Habe ich eine gute Internetverbindung, kann ich 100 Euro weniger ausgeben."

Auch Langers Kollegen halten die Sony-Preisgestaltung für ausgewogen und nachvollziehbar. Sehr viel mehr Dissens gibt es bei der Rolle der "kleinen" Xbox Series S: kein Laufwerk, weniger Leistung, dafür ein Schnäppchenpreis von 299 Euro. "Das dürfte der günstigste Einstieg auf eine neue Konsole in den letzten paar Generationenwechseln sein – und bislang wird die S ja sogar als lieferbar zum Startzeitpunkt im Handel gelistet", meint Golem-Redakteur Steinlechner. Ähnlich sieht es Verlags-Kollegin Maria Beyer-Fistrich: "Wer erstmalig ins Gaming einsteigt, ist mit Xbox Series S und Game Pass sicherlich besser beraten. Allerdings auch nur, wenn man kein Problem mit dem geringen Speicherplatz hat – eine externe Speichererweiterung ist für die Xbox recht teuer." Eurogamer-Chef Martin Woger spekuliert: "Wenn die Xbox Series S kein Erfolg wird, dann dürfte es nicht am günstigen Preis gelegen haben, sondern daran, dass der Markt einfach nicht auf dieses Produkt gewartet hat."

Sony setzt weiterhin auf Exklusivtitel
Schauen wir uns beide Mitbewerber separat an: Wo liegen die Stärken, wo die Schwächen? "Sony geht voll und ganz den traditionell-konservativen Weg als Fortführung der Strategie, mit der sie bereits in der letzten Generation erfolgreich waren: State-of-the-Art-Grafik und Flaggschiff-AAA-Spieleproduktionen wie Horizon 2, God of War 2 und Ratchet & Clank – also insbesondere aus dem Open-World-Genre, die gezielt die Vorteile der neuen Hardware demonstrieren, vor allem die schnellen Ladezeiten der SSD", sagt Gameswelt-Macher Matthias Grimm. Überhaupt ziehen sich die Themen "Exklusivspiele" und "AAA" wie ein roter Faden durch die Einschätzungen der Fachleute. Zudem würde Sony weiterhin davon profitieren, dass der Name PlayStation "fast schon synonym für Konsolen-Gaming in Deutschland" steht, wie beispielsweise Eurogamer-Journalist Martin Woger feststellt.

Und wo hakt es? "Achillesferse sind die Lieferschwierigkeiten", glaubt Gamersglobal-Gründer Jörg Langer. Auch vermissen die Experten ein Sony-Konzept mit Blick auf eine Gaming-Flatrate, wie sie Microsoft mit dem Xbox Game Pass verfolgt. "Im Vergleich zu Xbox wirkt die Strategie von PS5 bisher fast schon konservativ", sagt Gamepro-Chefredakteurin Rae Grimm. "Hier muss Sony aufpassen, dass sie nicht den Anschluss verlieren und die Spieler*innen – auch abseits hervorragender Exklusivspiele – im Fokus behalten." Noch nicht abschließend beurteilen lassen sich die Segnungen des neuartigen DualSense-Controllers, der im Unterschied zum DualShock-Gamepad ein ungleich intensiveres Spielgefühl verspricht – ein Feature, das bislang mangels Mustern noch nicht überprüfbar ist.

Microsoft punktet mit Xbox Games Pass
Mit dem Xbox Game Pass Ultimate gibt es ein All-inclusive-Angebot, das aktuelle Top-Spiele, einen üppigen Backcatalogue inklusive Electronic-Arts-Titeln, Multiplayer-Funktionalität und Cloud-Gaming vereint – alles aus einem Guss, zu einem schmalen Tarif. Die Xbox Series X/S bildet lediglich ein "kleines Puzzlestück innerhalb einer deutlich weitreichenderen Strategie", findet Gameswelt-Chef Matthias Grimm. Es ginge gar nicht mehr so sehr um die Vermarktung einer bestimmten Plattform, sondern im Gegenteil gerade um die Loslösung davon – "um die Verfügbarmachung von Spielen auf jeder Hardware, egal ob PC, Smartphone oder direkt auf dem Fernseher, egal auf welche Weise, per Download, Stream, Retail oder Abo."

Auch Martin Woger hält den Game Pass für das stärkste Microsoft-Pfund: "Damit fällt ein großer Kostenfaktor beim Konsolenkauf zwar nicht weg, aber wird deutlich gemildert: Wer eine PS5 kauft, muss Spiele wie Ratchet & Clank, Horizon 2 oder Spider-Man dazukaufen – wer eine Xbox hat, muss nur 10 Euro im Monat ausgeben, um erst einmal versorgt zu sein. Das dürfte vor allem für den Mainstream-Gamer spannend sein, aber auch Core-Gamer, die die Konsole in erster Linie für die starke Hardware kaufen, finden hier sicher viel, was sie interessieren könnte." Jörg Langer pflichtet bei: "Der vordergründige Haupttrumpf ist die stärkere Leistung, der wahre Trumpf aber Xbox Game Pass – nirgendwo sonst gibt es so viele und so viele gute Spiele zum Abopreis, und das auch noch plattformübergreifend mit Windows-PCs."

Trotz Bethesda-Zukauf bleibt das Thema Exklusivtitel auf der Tagesordnung: Hier sehen die Redakteure weiterhin einen massiven Nachteil gegenüber Sony – gerade im Launch-Zeitraum, zumal der vermeintliche Top-Titel Halo Infinite weit ins Jahr 2021 hinein verschoben wurde. Microsoft ist also mehr denn je auf Zulieferer wie Ubisoft, Activision Blizzard, Take Two, Electronic Arts oder CD Projekt Red angewiesen, um die Leistungsfähigkeit der Konsole angemessen demonstrieren zu können.

Sony mit besserer Ausgangsposition
Bleibt die Frage: Welcher der beiden Konsolenhersteller ist aus Sicht der Fachleute für den Verkaufsstart im November am besten positioniert und vorbereitet? "Sowohl Sony als auch Microsoft sind gut gewappnet für den November und die kommenden Monate", bilanziert GamePro-Chefin Rae Grimm. "Aktuell würde ich mein Geld noch auf Sony setzen, einfach weil sie mit der PS4 eine starke Fanbasis haben, von denen ihnen viele treu bleiben werden. Allerdings glaube ich auch, dass Microsoft unter anderem dank Game Pass sehr schnell aufholen wird und dann wird es richtig spannend."

Sony versteht es besser als Microsoft, Fans für Spiele zu begeistern

Auch Beyer-Fistrich aus dem Hause Computec ist klar pro Sony: "Der Hype für die PS5 ist immens – zudem versteht es Sony besser als Microsoft, Fans für Spiele zu begeistern. Das Launch-Line-up ist bei der PS5 interessanter, auch wenn sich manche Titel nicht so richtig nach Next Gen anfühlen, weil sie ebenfalls für die PS4 entwickelt worden sind. Der Flaschenhals bleibt die Verfügbarkeit der Geräte." Auf die Lieferschwierigkeiten verweist auch Jörg Langer, "doch auf lange Sicht könnte sich die Game-Pass-Strategie von Microsoft durchsetzen." Außerdem werde die Playstation nach Langers Einschätzung keinen so klaren Exklusivspiele-Vorteil mehr haben wie noch in der aktuellen Konsolengeneration.

Deutschlands Spiele-Journalisten scheinen sich also einig: Sony geht zunächst mit besserem Sortiment und klarer positionierter Hardware ins Rennen – doch die Xbox-Fraktion inklusive Hightech-Konsole, einem All-inclusive-Paket und einem günstigen Einstiegsmodell dürfe nicht unterschätzt werden. Oder wie es Golem-Journalist Peter Steinlechner formuliert: "Möglicherweise hat Microsoft mit der weiter lieferfähigen Xbox Series S einen ungewöhnlichen Vorteil – das Ding kann man sich dank des relativ günstigen Preises ja auch als Notlösung unter den Weihnachtsbaum stellen, wenn man keine andere neue Konsole bekommen hat." (Petra Fröhlich)

IGM 14/20
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